(c) Lupi Spuma

William und die Pubertät

Auch William Shakespeare war einmal ein rebellischer Teenager. Für Next Liberty und Oper Graz machen die Autoren Marc Schubring und Wolfgang Adenberg aus der Geschichte um den frühpubertären Jahrhundertliteraten das farbenfrohe Familienmusical „Wie William Shakespeare wurde“.

Stratford-upon-Avon, 1577: Der kleine Will hat mal wieder die Latein-Deklinationen nicht gelernt. Lieber widmet er sich in seiner Freizeit dem Liebesgedichte-an-seine-Angebetete-Schreiben mit einer überdimensionalen Feder. Dennis Hupka gibt in bunten  Plunderhosen und einer Perücke, die ihn aussehen lässt wie eine animierte Disney-Figur, einen aufgeweckten und stimmlich souveränen William. Als Flamme Juliet (wie soll sie auch sonst heißen?) steht ihm Amelie Bauer zur Seite, eine taffe Teenagerin, die mit ihren feministischen Liedern in Frauen-können-alles-schaffen-Manier ihrer Zeit weit voraus ist.

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William und Juliet (c) Lupi Spuma (2)

 

Der Grundkonflikt ist für jedes Kind verständlich: William will zum Theaterensemble und vor der im wahrsten Sinne des Wortes schillernden Königin Elisabeth I. auftreten – und natürlich schreiben, wobei er vom famosen Therry Chladt als Leiter der Schauspielkompanie unter die Fittiche genommen wird. Zum Konflikt mit dem Vater kommt es auch deshalb, weil ein politischer Widersacher den Handschuh-Familienbetrieb in den finanziellen Ruin treibt – weil der Vater Katholik ist. Ohne dem Publikum ab sieben Jahren fehlendes historisches Wissen unterstellen zu wollen, darf wohl behauptet werden, dass man in diesem Alter nicht am Schirm hat, mit welchen Probleme man als Katholik unter Elisabeth I. konfrontiert war.

Aber das sind bloße Details. Im Endeffekt ist „Wie William Shakespeare wurde“ auf der großen Opernbühne eine Geschichte über die Verwirklichung von Träumen und die Entwicklung der eigenen Kreativität, deren Musik – eine Mischung aus Pop-Elementen und frühneuzeitlichen Lauten-Klängen – gut ins Ohr geht. Eine schöne Produktion.

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Altes Epos, junge Perspektive

Das BORG Kindberg baut zum wiederholten Mal die große Musical-Bühne auf und lädt mit einer Neufassung von Homers „Odyssee“ zur Reise quer durch Europa. Regie führt Georg Schütky.

Der hoffnungslos optimistische Ulisses (Erhard Hochörtler), die rebellische Penny (Anna Hirzberger) und die unscheinbare Helena (Loreen Tröbinger) machen sich zum Roadtrip auf, da ihr Flug nach Ithaka gestrichen wurde. Die Reise der SchicksalsgefährtInnen führt sie im Zug, Truck, auf Motorrädern und mit dem Boot nicht nur näher an ihr Ziel, sondern vor allem zueinander und zu sich selbst. „Odyssee – Das Musical“ verarbeitet Gedanken zu Liebe, Selbstverwirklichung, Vertrauen und Freundschaft, die heute wie auch zu Zeiten Homers bewegen, verzichtet aber nicht darauf, politisch Standpunkt zu beziehen – etwa durch die Begegnung mit Geflüchteten in Belgrad.

Loreen Tröbinger, Erhard Hochörtler, Anna Hirzberger und Stefan Müller. (c) Fotos (3): BORG Kindberg

Auslöser der Reise sind die gelangweilten Göttinnen und Götter auf ihrem Greenscreen-Olymp neben der Bühne. Auf einem weißen Segel inmitten der Bühne finden sich ihre Gesichter dank der Video-Technik wieder – hier trägt die „Odyssee“ Schütkys Handschrift. Auch die Erde kommt ohne viel Requisite aus, mit ein paar grünen Boxen wird so ziemlich alles nachgebaut. Dionysos, der göttliche Dirigent (Archie Hochörtler), liefert mit seinem Orchester den vielseitigen Soundtrack zur Reise: Im LKW des etwas ungepflegten, aber umso stimmgewaltigeren Heinz (Stefan Müller) spielt es ein Schlager-Medley inklusive Helene Fischer, Udo Jürgens und DJ Ötzi; in Budapest wird in Neonfarben zu „Don’t stop till you get enough“ von Michael Jackson gefeiert (Choreographie: Martina Riegler) und bei „Nothing Else Matters“ von Metallica finden Penny, Ulisses und Helena nach einem Streit wieder zueinander.

Gesanglich zeigen die SolistInnen und das Ensemble der „Odyssee“ eine großartige Leistung nach der anderen. Vanessa Krainer verkörpert die gruselige Sektenführerin Kirke mit stechenden Blicken und intensiviert die Stimmung mit ihrer verführerischen Stimme. Anna Hirzberger prescht mit immenser Energie von der ersten bis in die letzte Szene, trifft jede Note, spielt jede Emotion so groß wie nur möglich – ihre persönliche Odyssee führt wohl auf die großen Bühnen der Welt.

Das Musical des BORG Kindberg zeigt, wozu junge, talentierte Menschen fähig sind, wenn man ihnen eine Stimme und eine Bühne gibt. Fast zwei Jahre lang haben sich Regisseur Georg Schütky, der zuletzt mit „König Artus“ die Spielsaison am Next Liberty eröffnete, 150 SchülerInnen und viele Lehrkräfte des BORG Kindberg  mit ihrer neuartigen „Odyssee“ auseinandergesetzt. Die Arbeit hat sich ausgezahlt, denn sie haben sie es geschafft, eines der ältesten europäischen Epen ins Heute zu übertragen, als Musical im großen Stil zu arrangieren und dem Ganzen eine authentische junge Perspektive zu verleihen. Mit über 2500 ZuseherInnen in drei Vorführungen ist eines klar: Kultur gehört nicht nur der Landeshauptstadt.

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Versuche einer Überwindung

Bounce!, ein Tanztheaterstück der Compagnie Arcosm aus Frankreich, wurde im Rahmen des diesjährigen spleen*graz, dem internationalen Theaterfestival für junges Publikum, im Next Liberty aufgeführt.

Dem massiven Holzklotz in der Mitte des Raumes wird am Anfang der Tanzprobe nicht mehr Bedeutung zugemessen als einem Möbelstück. Er ist einfach nur da. Das Duo, ein Mann und eine Frau, tanzt sich durch Choreographie und Raum, begleitet von Livemusik. Eine Geigerin und ein Kontrabassist stehen etwas abseits und sind zuständig für die musikalische Untermalung. Doch plötzlich knallt der Tänzer ungebremst gegen den Klotz, die Geigerin fällt um, der Notenständer kracht zu Boden. Und es wird deutlich, dass hier nichts so ist, wie es sein sollte. Die gleiche Stelle wird unablässig wiederholt, die Atmosphäre angespannter, doch die Normalität stellt sich nicht mehr ein.

Im Laufe des Stückes gewinnt das Ungetüm aus Holz an Präsenz, denn stetig steigt das Interesse der vier Probenden am Koloss. Es scheint eine ungeheure Faszination auf sie auszuüben. Diese geheimnisvolle Anziehung treibt unter anderem die Geigerin dazu, stöckelschuhklackernd wie auf einer Umlaufbahn um das Ding herum zu kreisen. Auf der anderen Seite prallen sie daran ab, werden zurückgestoßen, nach hinten geschleudert. Mit vereinten Kräften, dann wieder einzelkämpferisch, arbeiten sich die Künstler*innen am Klotz ab und stoßen dabei an ihre Grenzen. Sie klopfen und schlagen im Takt auf das Holz, werfen sich dagegen, streiten sich darum, wer als Erste*s daran hochklettern darf. Oder doch eher muss?

Stellt der Klotz eine Bedrohung dar, geht möglicherweise eine akute Gefahr von diesem aus? Oder ist er selbst die Grenze, die überwunden werden muss, das einzige Mittel, um aus dem Ganzen hinaus zu kommen?

Gemeinsam wird gesungen, wieder zu den Musikinstrumenten gegriffen und weiter getanzt. Das Gesetz der Gravitation scheint in Anwesenheit dieses Kastens nicht mehr geltend zu sein; der Musiker dreht sich in der Luft um die eigene Achse. Die Geigerin spielt weitgehend unbeeindruckt auch noch weiter, als ihre Füße den Boden verlassen. Weitere Versuche erfolgen, den Klotz zu erklimmen. Zusätzlich zur stressigen Geräuschkulisse leuchtet bedrohlich eine Zeituhr auf, die mit grell blinkenden Ziffern verkündet, wie viel Zeit noch bleibt. Während sie hinunterzählend beschleunigt, fragt sich das Publikum, was zum Zeitpunkt 0 passieren wird. Die Tänzerin schafft es als Erste hinauf. Nach anfänglichem Stolz bleibt sie ernüchtert und alleine zurück. Denn die anderen sind weg und auf einmal ist alles dunkel. In einer Sequenz singen die vier Artist*innen, wieder vereint, gemeinsam ein Lied. Dann plötzlich hören sie etwas und verstummen. Die vernommenen Stimmen und Klänge scheinen aus dem Kasten zu kommen und hören sich exakt so an wie das eben Gesungene. Die Irritation wächst und weitere Fragen tun sich auf: Ist hier jemand, der uns beobachtet, uns nachahmt? Gibt es eine Parallelwelt?  Sind wir am Ende gar nicht so einzigartig wie gedacht?

Die Compagnie Arcosm, die 2001 in Lyon gegründet wurde, hat mit Bounce! ein kraftvolles, rhythmisches Stück geschaffen, in welchem die vier Künstler*innen perfekt aufeinander abgestimmt ihre vielseitigen Fähigkeiten einbringen. Es vereint Schauspiel, Musik und Tanz, auch akrobatische Elemente fließen in die Performance ein. Die chaotische, düstere Stimmung bleibt bis zum Schluss erhalten, so manches erscheint rätselhaft und ist eine Einladung an das Publikum, sich der eigenen Fantasie bedienend, selbst Erklärungen zu basteln. Weiterlesen