Zwischen Kurkuma-Latte und kollektiven Sprachvorgaben

„Erinnya“ im Haus Zwei des Schauspielhauses beeindruckt mit umfassenden Sinneseindrücken und überspitzter Modernität. Clemens Setz‘ Auftragswerk amüsiert das Publikum, indem es die großen Fragen dieses Jahrtausends serviert, aber keine konkreten Antworten auftischt.

Zu diesen großen Fragen zählt dann eben: Willst du noch ein Heidelbeer-Joghurt? Und wie kann irgendjemand einen Kurkuma-Latte trinken wollen?
Solche Absurditäten jagen einander in diesem Stück, in dem der mythische Stoff der Erinnyen beinahe zur Unkenntlichkeit verflüssigt wird. Denn das „Erinnya“ ist hier ein digitales Netzwerk, das dem Protagonisten Matthias (genial verkörpert durch Alex Deutinger) mithilfe eines Headsets Sätze vorgibt. Dass diese so gut wie nie in den Kontext passen, erzeugt zahllose Lacher im Publikum, bei Matthias‘ potenziellem Schwiegervater (wie immer überzeugend: Nico Link) allerdings verachtendes Unverständnis. Die Tochter (glaubwürdig besorgt dargestellt von Susanne Konstanze Weber) relativiert: Es sei immer noch Matthias, das „Erinnya“ generiere auf hochtechnische Weise nur die Sätze, die er sowieso auch sagen würde. Nein, es hören nicht Massen an Menschen zu, während sie sprechen. Und immerhin gehe es Matthias nun so viel besser – schließlich hat er seit einem Jahr keinen Suizidversuch mehr begangen und sich neulich sogar ganz alleine sein Joghurt aus dem Kühlschrank geholt! Ihre Mutter (herrlich schrill: Martina Zinner) findet Matthias dagegen hochamüsant, spricht seine Anekdoten nach und wirft die tatsächlich gehaltvolle Frage auf, was denn eigentlich dagegenspreche, von Zeit zu Zeit kollektiven Stimmen nachzusprechen – denn so funktioniere ja auch der Beruf des Schauspielers.
So bewusst sinnfrei und unzusammenhängend die Sprache des Protagonisten Matthias, so deutlich ist die inszenierte Inkohärenz der präsentierten Welt: Figuren, die stets aneinander vorbeireden, die lachen, um den Schein zu wahren, die der Souffleuse nachsprechen, sich das Kostüm ausziehen und sich ins Publikum setzen. Das alles mit Kleidung aus großmütterlich rosengeblümtem Stoff über den futuristischen Schulterpolstern, dazu rosa, fliederfarbene und gelbliche Perücken.
Eine klare Botschaft fehlt dem Stück, doch die kurzweilige, amüsante und kreative Inszenierung von Claudia Bossard begeistert und ist definitiv sehenswert.

Nähere Infos zum Stück finden Sie hier.

 

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Der Fisch, der nach seinem Wasser suchte

„Der thermale Widerstand“ von Ferdinand Schmalz flutet am 30. Juni 2018 das Schauspielhaus Graz. Das Publikum scheint mitgerissen. Ob das Stück langfristig Wellen schlägt? Es bleibt zu hoffen.

Vier Kurgäste liegen auf ihren weißen Plastikliegen umwabert von Dampf. Im Hintergrund blubbert und gluckst das Thermalwasser. Das raspelnde Geräusch der kratzenden, von Hornhaut überzogenen Zehen ist unnatürlich laut. „Fußdesinfektion! Fußdesinfektion!“, lautet die erregte Sorge. Denn schließlich gefährde man nicht nur sich selbst, wenn man gegen die basalen Regeln der Hygiene verstoße. Doch nun noch rasch ins Badewasser, bevor das größte Übel – die Tagesgäste! – alles an sich reißen. Nur, dass das tatsächliche Schwimmen doch lieber auf später verschoben wird. Schließlich müsse man ja noch Aufwärmübungen machen und ein Schwimmen direkt nach dem Essen sei ja eine viel zu große Selbstgefährdung!
Der Bademeister Hannes (Nico Link) träumt dagegen von einer Welt ohne zwei (Bade-)Klassengesellschaft, ohne endloser Effizienzsteigerung, ohne Ausbeutung der natürlichen Quellen und ohne globaler Konkurrenz. Kurverwalterin Roswitha (Anna Szandtner) hält nichts von derartigem Gedankengut. Die Kündigung ist rasch ausgesprochen. Noch schneller verriegelt Hannes die Thermentüren und geht „in den Untergrund“. Die lösungsorientierte, rationale Entscheidung Roswithas, vollzogen von ihrem willigen Gehilfen Walter (Fredrik Jan Hofmann): die Therme fluten.

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Köhler, Szandtner, Muff, Veit (c) Lupi Spuma

 

„Der thermale Widerstand“ ist ein selten aufrührendes Stück, dem es weder an spannender Handlung noch an lebeneinhauchenden Details mangelt und das dabei die Zuschauenden regelmäßig zum Lachen bringt. Getragen wird die stets vorhandene Komik nicht nur vom punktgenauen Spiel mit den Geräuschen, sondern auch vom grenzenlosen Sprachspiel des Autors Ferdinand Schmalz. Die Sprache ist übervoll mit Wasser-Metaphern und trieft sozusagen vor Zweideutigkeit: Wenn von nationalen Strömungen, Effizienzsteigerung, Wiederaufbau des menschlichen Körpers, damit dieser bis zum nächsten Zusammenbruch durchhält, die Rede ist, dann ist auch dem letzten Eskapisten klar, dass das Thema dieses Stückes nicht die Therme, sondern die heutige Gesellschaft ist. – Die „Wohlfühl-Gesellschaft“, um es mit den Worten des Bademeisters Hannes zu sagen. András Dömötör (Regie), Tamás Matkó (Musik) und Elisabeth Geyer (Dramaturgie) schaffen gemeinsam mit Monika Annabel Zimmer (Bühne und Kostüme) ein in sich geschlossenes und unterhaltsames Theatererlebnis, bei dem die gesellschaftsverändernde Botschaft dem Publikum klar vor Augen tritt.
„Der Revolutionär muss sich in den Volksmassen bewegen wie ein Fisch im Wasser“, soll Mao einmal gesagt haben. Ferdinand Schmalz zitiert diese Worte am Stückende. Doch wie schwimmt es sich in einer wasserscheuen Gesellschaft aus regelverliebten Kurgästen, denen nichts fremder ist als „sein eigener Bademeister“ zu sein? Die Antwort erscheint offensichtlich, doch schockiert das Ende deshalb nicht weniger.

Weitere Infos finden Sie hier. 

 

Lessings aufklärerisches Ideendrama

Eines der wichtigsten Stücke der Aufklärung wird im Schauspielhaus Graz unter der Regie von Lily Sykes auf die Bühne gebracht. Dabei handelt es sich um nichts Geringeres als das Ideendrama von Gotthold Ephraim Lessing „Nathan der Weise“.

Vor allem bekannt ist die darin vorkommende Ringparabel, die die Antwort auf die Frage: „Welche der drei Weltreligionen (katholisch, muslimisch oder jüdisch) ist die Wahre?“ geben soll. Diese Frage stellt der muslimische Herrscher Saladin (Nico Link) dem weisen Juden Nathan (Werner Strenger), der ihm wiederrum die Geschichte dreier Brüder erzählt, die alle einen gleichen Ring vom Vater bekommen, doch nur einer soll der magische Ring sein. Der wahrhaftige Ring hat die Eigenschaft, seinen Besitzer vor Gott und den Menschen angenehm zu machen. Wer aber nur besitzt diesen? Die Quintessenz lautet, dass der liebende Vater nicht zwischen seinen Söhnen entscheiden wollte und ihnen daher allen einen Ring anfertigen ließ. Die Söhne sollten nun so leben, als hätten sie alle den wahren Ring. Da die drei Söhne als Metapher für die drei Weltreligionen stehen, ist die Thematik auch 3 Jahrhunderte später noch relevant, denn der Streit um die Religionen hat leider auch heute noch kein Ende gefunden.

Sykes Inszenierung lehnt sich sehr an der klassischen an, Aktuelles lässt sie nicht miteinfließen und das Bühnenbild ist schlicht gestaltet. Viele weiße Säulen stellen die Schauplätze dar, wie z.B. Nathans Haus und Saladins Palast. Die Säulen können zudem hinaufgeklettert werden, sodass Saladin mit seiner Schwester gute Sicht von oben hat, während sie Schach mit lebenden Figuren spielen. Der Schauplatzwechsel wird mit dem Drehen der Bühne durchgeführt und die Darsteller nutzen die Säulen, um sich hie und da hinter ihnen zu verbergen, somit fungiert das Bühnenbild auch als eine Art Labyrinth. Durch die Bühnendrehungen und die  Licht-, Musik- und Nebeleffekte kommt in das ansonsten statische Bühnenbild ein wenig Bewegung hinein.

Nathan der Weise 2

© Schauspielhaus Graz

Lessing ist dafür bekannt, dass seine Stücke viele Dialoge enthalten. Zudem intendierte er, seinen Zuschauern keine vorgefertigte Schablone vorzusetzen, sondern wollte dazu anregen, durch eigenständiges Denken ein eigenständiges Conclusio zu schließen. Ganz nach der aufklärerischen Devise, „habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Kant). Daher ist es nicht verwunderlich, dass das 2,25 Stunden dauernde Stück keine seichte Unterhaltung ist. Dem Publikum wird die Thematik durch die Inszenierung jedoch nicht gerade erleichtert, denn sie arbeitet hauptsächlich mit den Dialogen, wie sie von Lessing witzig-ironisch und hoch-intellektuell geschrieben wurden. Obwohl den Schauspielern Lessings Worte leicht von den Lippen gehen, hätte der Inszenierung mehr Bewegung und Handlung gutgetan, um die genialen Inhalte des textlastigen Stückes besser mitverfolgen zu können.

Schön inszeniert war das abwechselnde Erzählen der Ringparabel von Nathan, der zu Saladin sprach und seiner Tochter Recha (Maximiliane Haß), die die Geschichte zeitgleich dem christlichen Tempelritter erzählte. Besonders schön herausgearbeitet wurden außerdem die Beziehungen zwischen den Charakteren. Der Fokus liegt auf dem anfänglichen Hass zwischen den verschiedenen Religionen und dessen sukzessivem, wenn auch nicht von Anfang an gewollten, Wandel, z.B. durch Saladins Begnadigung des Tempelherren und der Liebe zwischen dem christlichen Tempelherren und der jüdischen Tochter Nathans. Nathans Großzügigkeit und Menschlichkeit kommt auch sehr deutlich im Stück hervor. Vor allem seine liebevolle Beziehung zu seiner Tochter, Recha, stellt ein wichtiges Element dieser Inszenierung dar. Die Einleitung des Stücks zeigt den liebevollen Vater und Recha als Kind beim Fangen spielen und Geschichten erzählen. Aufgrund dieser schönen Darstellungen zwischen den Beziehungen ist diese Inszenierung mit ein wenig mitgebrachten Hintergrundwissen und Vorwissen über die Kernhandlung durchaus sehenswert. Die nächste und letzte Vorstellung findet am 26. Juni 2018 statt.

Nathan der Weise

© Schauspielhaus Graz

Hier findet ihr den Trailer zum Stück!