Verdrängt, vergessen, erinnert.

Das von Claudia Bossard inszeniertes Stück „Bilder von uns“ im Schauspielhaus Graz erzählt die Geschichte vierer Missbrauchsopfer einer Jesuitenschule. Die Einführung in das Geschehen ist die Vorstellung der 4 Darsteller: der Protagonist, Jesko (Nico Link), ein Ehemann und Vater, der aufgrund seiner Berufslaufbahn oft im Fernsehen zu sehen ist. Der im Marketing-tätige Malte (Fredrick Jan Hofmann), der Anwalt Johannes (Mathias Lodd) und Konstantin (Pascal Goffin), der im Bärenkostüm auftritt und dem es angeblich „nicht so gut gehe“.

bilder von uns

© Schauspielhaus Graz

Die Inszenierung zielt vor allem darauf ab, die Sichten der Opfer darzustellen und spricht sich gegen Verallgemeinerung der Opfer aus. Am Anfang des Stücks wird der Zuschauer mit vielen Dialogen zwischen den Männern und auch Monologen konfrontiert. Diese Textlastigkeit fordert viel Aufmerksamkeit, da zu Beginn noch nicht klar ist, worüber die Männer reden. Es wird über alte Zeiten nachgesinnt und auch philosophische Gedanken der einzelnen Darsteller werden mit dem Publikum geteilt, zum Beispiel über Erinnerungen und darüber, ob und inwiefern die Schule mit späterem (Miss-)Erfolg und (Un-)Glück zu tun hat. Die vier Männer sitzen in einem viereckigen Kasten, abgeschirmt vom Publikum, irgendwie zur Schau gestellt, während sie gemeinsam die Geschichte erzählen, wie Jesko ein pornographisches Bild zugeschickt bekam und dabei fast einen Autounfall baute. Es stellt sich nämlich heraus, dass der Junge auf dem Bild niemand anders als Jesko selbst war. Besonders durchdacht scheinen die Dialoge zwischen den Männern zu sein, die zwar nichts direkt ansprechen, aber das Publikum trotzdem sukzessiv immer mehr mit versteckten Informationen füttert. Bis man dann den roten Faden gefunden hat und den Zusammenhang zwischen den Dialogen und der Thematik des Stücks versteht. Die zuvor erwähnte philosophische Frage über Erinnerungen wird nun zum Gegenstand. Aufgrund des Bildes wird Jesko gezwungen seine Erinnerung mit anderen Augen zu sehen. Warum hat Pater Stein sie als Lieblinge ausgesucht? Warum wurden sie nackt fotografiert und wofür brauchte er diese Bilder? All diese Fragen stellt sich Jesko nun und fängt an seine Kindheit zu hinterfragen. Überfordert mit seinen plötzlichen Gedanken und immer wieder aufkehrenden Erinnerungen wendet er sich an die anderen Lieblinge von Pater Stein. Damit löst er dann auch bei Malte und Johannes eine Lawine an verdrängten Kindheitserinnerungen aus. Konstantin ist der Einzige, der scheinbar bereits von seiner Vergangenheit verfolgt wurde und fragt Jesko: „Wie hast du all die Zeit nicht verrückt werden können?“

Bilder von uns 2

© Schauspielhaus Graz

Claudia Bossard inszeniert das Stück so, dass vor allem am Anfang das ernste Tabuthema nie direkt angesprochen wird. Lockere Dialoge, ein paar Witze und Geschichten über alte Zeiten überdecken die wirklichen Gedanken der Männer. Erst als die Welle von medialen Berichterstattungen über den Missbrauch ausbricht, werden auch die Männer dazu gezwungen, ihr Leiden untereinander zu thematisieren, doch jedes Individuum geht mit der Situation anders um. Jesko, der schlussendlich überfordert von seinen Erinnerungen ist, möchte nur Gras über die Sache wachsen lassen, doch die mediale Berichterstattung nimmt den Opfern die Kontrolle aus der Hand. Der Wechsel von den lockeren Dialogen, Witzen und dem spielerischen Ringen auf der Bühne zum tragischen Höhepunkt, wird durch das Abreißen der Wände des viereckigen Kastens, in dem die Männer das gesamte Stück gesessen sind, symbolisiert. Nun treten die Schauspieler aus diesem Kasten aus und werden dazu gezwungen, ihre eigene Geschichte von außen zu betrachten. Doch wie sollen die Männer nun mit dem Thema umgehen, wenn sie plötzlich zu „den Opfern“ werden, zu „den missbrauchten Kindern“, zu einer Gruppe, über die die ganze Welt spricht und in eine gemeinsame Schublade steckt? Hauptaugenmerk scheint vor allem auf dem Umgang mit dem Missbrauch zu liegen. Jesko würde es lieber Verdrängen, denn was soll das Aufarbeiten bringen, was soll reden schon helfen? Malte würde gerne der Held der Geschichte sein. Er streift sich ein Superheldenkostüm über und möchte sich die die Kontrolle zurückholen, die Schuldigen anklagen und der Welt seine Sicht der Dinge berichten. Der Anwalt, Johannes, scheint sich zumindest von außen eher aus der Sache raus zu halten, versucht es rational zu sehen, sich seinen Gefühlen nicht hinzugeben. Der bereits von Anfang an gebrochene Konstantin schweigt die meiste Zeit, bis er seine Erlebnisse schildert und sich schlussendlich umbringt, sodass niemand ihn mehr vergessen könne.

Bilder von uns 3

© Schauspielhaus Graz

Die Inszenierung schafft es, die Verallgemeinerung der Opfer zu stoppen, denn es wird gezeigt, wie jedes Individuum auf andere Weise mit ähnlich Erlebtem umgeht. Es zeigt nicht DIE Opfer des Missbrauchs, sondern Jeskos, Konstantins, Maltes und Johannes Kampf zwischen Erinnerungen und Verdrängungen. Vor allem aber zeigt es, wie sie sich fühlen, als alle Welt mit den Fingern auf sie zeigt. Die Schauspieler bringen die innere Zerrissenheit der Protagonisten authentisch auf die Bühne. Sukzessiv steigert sich die Emotionalität im Stück, die zum Schluss echte Gänsehaut verursacht.

Der Trailer zu „Bilder von uns“:

 

Willkommen im Warteraum Zukunft

Ein wirklich beschissener Tag im Leben des Daniel Puttkamer. In diesem Satz steckt die Kurzzusammenfassung des Stücks aus der Feder von Oliver Kluck, welches unter Jan Stephan Schmieding mit Nico Link in der Hauptrolle und Ralph Püttmann in verschiedenen Nebenrollen ins Haus Zwei gebracht wurde.

WARTERAUM ZUKUNFT Ralph Püttmann, Nico Link (c) Lupi Spuma

WARTERAUM ZUKUNFT Ralph Püttmann, Nico Link (c) Lupi Spuma

Und doch, es steckt sehr viel mehr Bekanntes aus dem persönlichen Alltag im Stück, als man zu glauben vermag. Miese Arbeitszeiten und eine grausame Anfahrt zur Arbeit, die durch schlechtes Lokalradio unterhaltsam gemacht werden soll. Überhöhte Ansprüche seitens der Eltern. Als unfähig oder sozial inkompetent empfundene Kollegen. Ein miesepetriger Chef. Monotones Kantinenessen. Kaum Privatleben. Kein Glück in der Liebe. Neid gegenüber Freunden, die die Treppe hochgestolpert sind. Kein Sex. Neid gegenüber gutaussehenden Kolleginnen, da diese beim Chef bevorzugt behandelt werden. Es läuft so einiges falsch in Puttkamers Leben.

Doch dann die Beförderung. Sozialer Aufstieg und Anerkennung! Halt, doch nicht. Die Beförderung entpuppt sich als Versetzung nach Rumänien. Wie beschissen kann dieser Tag noch werden? Vorweg: Sehr beschissen. Wie genau? Das erfährt man am besten selbst in diesem Stück, welches durchaus als eine Widmung an die Generation Y anzusehen ist und sich mitten im Warteraum Zukunft befindet.

Die nächsten Termine finden sich auf der Homepage des Schauspielhauses. Bis dahin ist mit dem Trailer auf Youtube Vorlieb zu nehmen.

Warteraum Zukunft

Eine Rezension zum gleichnamigen Stück, inszeniert von Oliver Kluck unter der Regie von Jan Stephan Schmieding am Schauspielhaus Graz

Wie an einem typischen Montag nicht anders zu erwarten, trauert man einerseits noch dem vergangenen Wochenende nach und blickt andererseits gespannt auf die kommende Woche. Selbiges Dilemma kennt Daniel Putkammer, gespielt von Nico Link, nur zu gut. Stets bestreitet er einen Arbeitstag nach dem anderen und hofft dabei, der nächste Tag möge eine Besserung bringen. Unterstützung bekommt er von seinen Kollegen und diversen anderen Leidensgenossen, die ihr Dasein mittlerweile ebenso verbittert fristen und von Gastschauspieler Ralph Püttmann mannigfaltig, aber durchwegs glaubhaft gemimt werden.

Der Büroalltag, dem der Ingenieur Putkammer vom Kantinenmuff bis hin zu gelangweilten wie skurrilen Kollegen ausgesetzt ist, wird erschreckend realistisch und perspektivenlos in zehn Episoden dargestellt. Der angekündigte Termin beim “Alten” aka Chef lässt Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufkeimen, Putkammer malt sich aus, was eine Beförderung an Besserungen bewirken wird. Als die vermeintliche Beförderung sich dann als Versetzung nach Rumänien entpuppt, stürzt er angesichts der wieder verlängerten Durststrecke und des andauernden Abwartens im “Warteraum Zukunft” in eine depressive Sinn- und Seinskrise. Diese mündet wenig überraschend im Eklat, einer Katastrophe, die ihn aus einem Moment des verzweifelten Kontrollverlusts geboren, fast zu klischeehaft aller Zunkunftsmöglichkeiten beraubt.

Die Figur Putkammers steht stellvertretend für eine gut ausgebildete junge Generation von Akademikern, die sich nach langen Jahren der Ausbildung dem Wahnsinn einer globalisierten Arbeitswelt ausgeliefert sieht, sich allmählich resignierend doch immer weiter abrackert, Praktika absolviert und auf den ersehnten Lohn, die gesicherte Stelle im Unternehmen an Prestige und Bezahlung gemessen, hinarbeitet, bis die Erkenntnis, dass diese wohl nie erreicht werden wird, sie verzweifeln lässt.

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V.l.: Nico Link und Ralph Püttmann (c) Lupi Spuma

Das Schauspielerduo brilliert: Link spielt den Hamster im Hamsterrad des Kapitalismus mit reichlich Theatralik und wird dabei durch unterschiedliche Positionierung auf der Bühne und wechselnder Beleuchtung unterstützt, bis er letzten Endes vor seiner eigenen Niederlage nicht mehr davonlaufen kann und schauspielerisch grandios scheitert. Püttmann überrascht mit erstaunlicher Stimmgewalt und verkörpert sogar die betrunkene Freundin eines Freundes Putkammers überzeugend, ohne ins Gauklerische abzudriften.