„Ich bin nur ein kleiner Österreicher“

Im Grazer „Next Liberty“ gastiert Nestroy Preisträger Nikolaus Habjan mit seiner Puppenspielfassung des berühmten Monologes „Der Herr Karl“. Im Wiener Beisl-Setting wird die österreichische Seele schonungslos unter die Lupe genommen und so manche Flasche geöffnet, die man lieber unter Verschluss halten sollte…

Ein alteingesessener Trinker lungert mit seinem Weinglas am Tisch, eine aufgetakelte Barfrau mit Hochsteckfrisur lehnt am Tresen und in einer Rauchschwade versteckt flaniert ein stattlicher Kellner umher: Alle drei haben augenscheinlich nur eines gemeinsam, nämlich dass sie als puppenhafte Gestalten am Haken hängen und darauf warten von Kellner Azubi Nikolaus Habjan abwechselnd zum Leben erweckt zu werden. Im Laufe des Spieles offenbart sich jedoch, dass sie alle ein bisschen den Herrn Karl in sich tragen, der in den 1960er Jahren von Helmut Qualtinger und Carl Merz geschaffen und zum Sinnbild des verdorbenen österreichischen Charakters avanciert wurde. Raunzend erzählt die Kunstfigur Herr Karl seine Geschichte – angefangen beim Ende des Ersten Weltkriegs bis hin zur Besatzungszeit in den 1950er Jahren. Mit opportunistischer Boshaftigkeit hat er sich durchgeschlagen – dass dabei die Moral stets auf der Strecke geblieben ist, versteht sich von selbst. Bezahlt hat immer sein Gegenüber und trotzdem war er immer das Opfer, der Herr Karl.

Es war eine furchtbare Zeit… Se können Ihnen ja davon kaan Begriff machen… Se warn a Kind… Was wissen Se, was mir damals alles mitg’macht ham!

Auch in Habjans Fassung, die unter der Regie von Simon Meusburger auf die Bühne gebracht wird, schwebt die verschlagene Attitüde des österreichischen Antiheldens wie ein Damoklesschwert über dem urigen Beisl. Das Trio, allesamt Überbleibsel längst vergangener Zeiten, mimen gemeinsam den Herrn Karl – jeder auf seine eigene Art und Weise. Trotzdem finden sie am Ende zusammen sowie denselben Punkt zum Anknüpfen, denn jeder Beteiligte plaudert aus dem Nähkästchen und befördert so manch verbotenen Gedanken ans Tageslicht.

Der Führer hat geführt. Aber a Persönlichkeit war er… vielleicht a Dämon… aber man hat die Größe gespürt…“

Auch Brücken in die Gegenwart werden geschlagen: Egal ob mit einem Seitenhieb auf Facebook, dem Rauchverbot im Beisl, das mit dem Arbeitnehmerschutz und der EU begründet wird (ob man sich daran zu halten hat ist aber eine andere Sache) oder der fehlenden Beziehung zum Klimawandel, „weils außerhalb des Interessenbereiches liegt.“

 

Fazit: Obwohl Nikolaus Habjan dem scharfsinnigen Faszinosum „Der Herr Karl“ seine eigene und vor allem erfrischende Note verliehen hat, muss das Stück nichts an Originalität einbüßen. Im Gegenteil: Mit Bedacht beschwört er einen Raum herbei, der Platz lässt um längst überfälliges Holz zu hacken. In Zeiten, in denen statt zusammen eher in die braune Richtung gerückt wird, steckt man hiermit einen Rahmen fest, in dem die wohl bekannteste Nachkriegs Satire einen aufhorchen lässt. Zwischen den Donau Auen und dem Gemeindebau liegt also viel im Argen – zumindest wenn man auf das Trio hört. Dieses weiß einiges darüber zu erzählen, obwohl sie keiner danach gefragt hat. Und dennoch: Man möchte den Anekdoten beinahe in Ewigkeit folgen – skizzieren sie doch Vergangenheitsbewältigung in österreichischer Manier, die Unheilvolles erahnen lässt. Trotzdem wird auch hier schlussendlich die letzte Zigarette geraucht und fluchend noch ein Glas Wein geleert – bis sie alle hinfort gespült werden – ans Ende einer durchzechten Nacht.

Mehr Informationen gibt es hier: http://www.nextliberty.com/stueck_detail.php?id=23032

FOTOS: (c) Barbara Pálffy

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Fassungslosigkeit, Scham und Hoffnung – F. Zawrel im Schauspielhaus

Nikolaus Habjan beweist großes Storytelling mit einer bewegenden Geschichte und Handpuppen. Die Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel ist schier unfassbar, lässt einen peinlich berührt ob des gesellschaftlichen Verdrängens und doch voller Hoffnung und Glauben an die Menschheit als solches.

Erbbiologisch und sozial minderwertig. Bumm. Was für eine erniedrigende Diagnose! Doch genau diese erhielt Friedrich Zawrel in der Nervenheilanstalt für Kinder am Wiener Spiegelgrund während der NS-Zeit.

Habjan erzählt die Geschichte von seiner Kindheit an. Unterstützt wird er hierbei von Berichten Friedrich Zawrels, die er mit Hilfe von Handpuppen in den passenden Kontext setzt. Das Bühnenbild ist einfach gehalten, lediglich hin und wieder wird es durch Projektionen unterstützt.

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(c) Lupi Spuma

Zawrel erzählt und erzählt. Man hat das Gefühl, dass er keine Grausamkeit auslassen mag, die ihm widerfahren ist. Und er erzählt die Geschichten nüchtern. Nicht emotionslos, aber nüchtern. Jeder soll erfahren, was ihm wiederfahren ist. Von der Gewalt, die ihm angetan wurde. Speibinjektionen, Fesselungen im Leinentuch und den alltäglichen Demütigungen.

Die größte Demütigung jedoch erfährt Zawrel durch die Republik. Nachdem er den Krieg wider erwarten überlebt hatte wurden die Augen verschlossen. Vor Tätern, Mittätern, Beurteilungen und zweifelhaften Gutachten. Dass er dann, nachdem seine Gutachten und Vorstrafen nie zurück genommen wurden und er, nachdem er aufgrund der Perspektivenlosigkeit auf die schiefe Bahn geriet, erneut von seinem Peiniger vom Spiegelgrund begutachtet werden sollte, ließ ihn jedoch rebellieren. Mit Hilfe eines Journalisten konnte er die grausame Vergangenheit dieses Arztes offen legen. Einerseits eine Genugtuung, andererseits jedoch ernüchternd, da dieser nicht mehr belangt werden konnte. Eine Farce, die nur davon überboten werden kann, dass dies kein Einzelfall in der österreichischen und deutschen Geschichte ist und nach dem Krieg sehr viele Altnazis zu honorigen Größen der Gesellschaft wurden.

Friedrich Zawrels Geschichte wurde letztendlich aufgearbeitet. Er selbst hat sehr viel zur Dokumentation der Geschehnisse am Spiegelgrund beigetragen. Im Jahr 2013 bekam er das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Am 20. Februar dieses Jahres verstarb er in Wien.

Die Art und Weise, wie er mit Habjan sein Leben aufgearbeitet hat, mit notwendigem Ernst und angereichertem Schmäh bleibt einzigartig und wird sich in die Köpfe sämtlicher Zuschauer_innen eingeprägt haben. Die Botschaft, ein solch menschenverachtendes System nicht zu tolerieren, hoffentlich auch.

Das Missverständnis – essentiell und existentiell

Der grundsätzlich erfolgreiche und zufrieden lebende Jan kehrt nach vielen Jahren gemeinsam mit seiner Gattin in seine Heimat zurück, da ihn ein innerer Trieb dazu verleitet, die damals zurückgebliebenen Familienmitglieder aufzusuchen. Entgegen der Intuition seiner Frau, die seinen obskuren Plan letztendlich nicht mitverfolgen will, entschließt sich Jan unerkannt und unter falschem Namen ein Zimmer im Gasthof seiner Mutter und seiner Schwester zu nehmen, um verstehen zu können, welche Bedeutung Vergangenheit und Familie tatsächlich für ihn haben. Aufgrund jenes Identitätsbetrugs kommt es beinahe zwingend zu Missverständnissen und Fehlschlüssen, die endlich in einer großen Tragödie enden. Was Jan nämlich nicht weiß ist, dass Mutter und Schwester inzwischen zu Serienmördern geworden sind, die ihre Gäste töten, um sie ihres Geldes zu berauben…

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Dem von Albert Camus 1943 im besetzten Paris geschriebenen Stück gelingt es vorzüglich, eine recht banale und unterhaltsame Geschichte zu erzählen und in dessen Rahmen grundlegende Fragen zu Ethik und Lebenssinn zu behandeln. Dass zudem in der unter der Regie von Nikolaus Habjan aufgeführten Fassung im Grazer Schauspielhaus eine weitere Komponente geschickt mit den durch das Original gegebenen Rahmenhandlungen eingefügt wird – das amüsante und faszinierende Spiel mit Puppen – bereichert Das Missverständnis zusätzlich. Jede Skepsis bezüglich dieser zunächst vielleicht unnötig wirkenden Darstellungsergänzung verflog nach kurzer Zeit, da das Puppenspiel nichts von der Faszination der Geschichte wegnimmt, dafür aber das Zusehen und Folgen der Geschichte kurzweiliger und interessanter macht.

Das Bühnenbild ist einfach, aber der Geschichte angemessen gestaltet und die Puppen selbst sind alleine schon aufgrund ihres Aussehens und der damit verbundenen Wirkung den Besuch des Stückes wert. Die drei Darsteller, Florian Köhler, Seyneb Saleh und Nikolaus Habjan, die alle Protagonisten spielen, hantieren zudem höchst vergnüglich und mitreißend mit den Puppen, sodass es bereits nach kurzer Betrachtung beinahe unmöglich scheint, die tatsächlichen Schauspieler, die zu jeder Zeit hinter den Puppen stehen, überhaupt noch wahrzunehmen.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Alles in allem gelingt es dem Stück also sehr gut, Handlung und dahinterstehende Überlegungen in einer geschickten Inszenierung zu kombinieren, ohne eine der beiden Seiten überzustrapazieren oder zu sehr zu vernachlässigen. Am Ende applaudiert man mit zwei dominierenden Gefühlen: mit der Begeisterung über das Puppenspiel und die schauspielerische Darbietung – und mit einer gewissen Ergriffenheit hinsichtlich der ethischen Überlegungen, die besonders am Ende immer deutlicher zu Tage treten. Diesbezüglich bin ich sehr dankbar, dass keine zeitgeistig übermoralisierende Sicht der Dinge die Oberhand gewinnt, sondern im Geiste der gewünschten Selbstreflexion jeglicher Wahrheitsanspruch außen vor gelassen wird.

Weitere Termine finden sich unter folgendem Link:

http://www.schauspielhaus-graz.com/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=21141