Liebestango oder Fechtduell

Bild: Marc Lamberty (Fred Graham/Petruchio), Katja Berg (Lilli Vanessi/Katharina), Ensemble © Werner Kmetitsch

 

Das Musical „Kiss Me, Kate“ bringt den Broadway nach Graz und verzaubert die BesucherInnen mit Witz, Charme und beeindruckender Performance auf allen Ebenen.

Das im Jahr 1948 in New York uraufgeführte und wohl bekannteste Musical von Cole Porter präsentiert sich in der Grazer Oper als Inszenierung von Lee Blakeley, die bereits im Jahr 2016 am Pariser Theatre du Chatelet große Erfolge verzeichnete.

„Kiss me, Kate“ beeindruckt das Publikum mit einem atemberaubenden und detailreichen Bühnenbild (von Charles Edwards), das eine Bühne auf die Bühne stellt.  Das Musical erzählt, was hinter den Kulissen des amerikanischen Ford-Theaters vorgeht:

Der Regisseur Fred Graham (gespielt von Marc Lamberty) inszeniert Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ und besetzt die Rolle der Kate mit seiner Ex-Frau Lilli (gespielt von Katja Berg). Dies hat jedoch Auswirkungen auf das Stück! Die fast fließenden Übergänge zwischen Schauspiel und Schauspiel im Schauspiel lassen die Welten verschmelzen und nicht nur die ZuschauerInnen sondern auch die SchauspielerInnen verlieren den Überblick über Bühne und Behind-the-Scenes. Die Probleme des ehemaligen Schauspielerehepaars finden so den Weg auf die Bühne und ein Geschlechterkampf beginnt, in dem der Liebestango zum Fechtduell wird. Am Ende hat der Macho Perruchio anscheinend Kate gezähmt, jedoch bleibt offen, ob Lilli zu Fred zurückkehrt.

Die hervorragend gewählten Kostüme (von Brigitte Reiffenstuel) versprühen amerikanischen 50er-Jahre-Flair und harmonieren exzellent mit Musik und Bühnenbild. Besonders die aufwändigen Tanzszenen verbreiten Staunen im Saal und Hattie (Andrea Huber) heizt den Saal so richtig auf, damit es „too damn hot“ wird.

Die Songs waren nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich ein wahrer Genuss und das ein oder andere Lied bleibt sicherlich dem Publikum als Ohrwurm auch nach der Show erhalten.

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Fades Tänzchen durch das ewige Gestern

Das Musical „Kiss me, Kate“ an der Oper Graz katapultiert die Frauenbewegung 100 Jahre zurück und versucht mit schillernden Kostümen darüber hinwegzutäuschen.

Ach, wo sind sie nur, die guten alten Zeiten. Damals, als Petticoats die Silhouetten der Damen zeichneten und man die störrischen Weiber einfach noch geschlagen hat, wenn sie nicht sputen wollten.

Schwelgen im politisch unkorrekten Gestern kann man bei der aus Paris übernommenen Inszenierung von „Kiss me, Kate“. Der bereits verstorbene Regisseur Lee Blakeley hat den Klassiker mit seinen vielen Ohrwürmern als archaisches Zeitzeugnis und den Sexismus des Stoffes unkommentiert belassen.

Die Geschichte beginnt hinter der Bühne: Schauspielerin Lilli Vanessi (Katja Berg) und ihr Ex-Mann Fred Graham (Marc Lamberty) feiern gerade ihren ersten Scheidungstag und streiten sich von Garderobe zu Garderobe. Aus irgendeinem Grund spielen sie die beiden Hauptrollen in Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“, einem der frauenfeindlichsten Stücke der Weltliteratur.

Frauen gehören gezähmt

Darin wird Kate („Kätchen“) von ihrem Vater an Petruchio verheiratet. Den würde man in heutiger Jugendsprache wohl als den ultimativen toxischen Fuckboy beschreiben: Er will eine fette Mitgift abstauben und dann die widerspenstige Kate „zähmen“, was milde ausgedrückt bedeutet, sie ununterbrochen mit seinen psychischen Spielchen zu demütigen und zu misshandeln.

Realität und Spiel beginnen sich auf der Bühne zu vermischen. Der Streit zwischen Lilli als Kate und Fred als Petruchio eskaliert, sie gibt ihm eine mit, er versohlt ihr auf der Bühne den Po. Ihr schmerzendes Hinterteil dient in weiterer Folge immer wieder als Running Gag. So weit, so gewaltverherrlichend. Auch gut: Die Misswahlen-Fleischbeschau, in der Petruchio seiner wilden Vergangenheit nachweint („Where Is The Life That Late I Led?“). Schlussendlich beugt sich Kate ihrem Mann und besingt ihr Joch, gleichzeitig kehrt auch Lilli zu ihrem Ex-Mann zurück.

I am ashamed that women are so simple
To offer war where they should kneel for peace,
Or seek for rule, supremacy, and sway
When they are bound to serve, love and obey. […]

So, wife, hold your temper and meekly put
Your hand ’neath the sole of your husband’s foot

(Kate, „I Am Ashamed That Women Are So Simple“)

Nun könnte man natürlich sagen: Naja, so war das halt im 16. Jahrhundert. Oder auch: Naja, so war das halt 1948. Man könnte aber genauso gut kritisch an den Stoff herangehen. Oder ein anderes Musical übernehmen. Das dürfte im Jahr 2018 ja wohl möglich sein. Da hilft das ganze Gerede von wegen „Genreklassiker“ auch nicht. Traurig, wenn Musical wirklich so veränderungsresistent ist.

Neben dem archaischen Frauenbild bietet „Kiss me, Kate“ übrigens noch andere Schmankerl: Schlechte Akustik zum Beispiel, wodurch man vor allem am Beginn die Stimmen kaum über dem Orchester hört und die Dialoge schwer versteht. Oder angestaubte Ballett-Choreographien. Oder einen Lamberty in der männlichen Hauptrolle, der stimmlich vor allem mit seinen Kolleginnen nicht mithalten kann.

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Fleischbeschau durch den vormaligen Junggesellen (c) Werner Kmetitsch (2)

 

War ja eh nicht alles schlecht

Aber um fair zu sein: Ein paar von Cole Porters Liedern surren nach der Vorstellung noch einige Zeit lang im Ohr. „Brush up your Shakespeare“ etwa, das vom famosen Ganoven-Duo Martin Fournier und Sven Fliege komödiantisch dargeboten wird. Auch die weiblichen Darstellerinnen leisten musikalisch Großartiges: Katja Berg spielt eine herrlich beleidigte Kate, vor allem in „I Hate Men“, dem besten Lied des Abends. Bettina Mönch gibt eine entzückende Lois/Bianca. Auch Marcus Merkel am Pult der Grazer Philharmoniker leistet ganze Arbeit.

Irgendwo zwischen leichter Muse und gähnender Langeweile steckt „Kiss me, Kate“ trotzdem drei Stunden lang fest. Die musikalischen Highlights und der Pomp der Ausstattung können nicht über den eklatanten Sexismus der Inszenierung hinwegtäuschen. Liebe Oper Graz: Brush up your Frauenbild!

Weitere Infos und Termine hier!

Ein Unikat in seinem Element

Der Opernfachmann und wendige Pianist Stefan Mikisch beehrte die Oper Graz.

Wer Stefan Mikisch erlebt hat, wird es nicht vergessen. Der gebürtige (und deutlich hörbare) Oberpfälzer hat als klavierbegabter Opernenthusiast seine ideale Nische gefunden: launige, kurzweilige und hochkompetente Operneinführung. Für die Premiere von Richard Strauss‘ Salome am 10. November nahm sich Mikisch dieser blutigen Geschichte an. In der Einleitung setzte der Musiker eindeutig auf das humorvolle Element und berichtete kurz und knapp die Geschichte der Salome. Auch wenn den meisten Zuhörern diese Geschichte nur allzu bekannt war: eine so witzige wie enthusiastische Inhaltsangabe hat man noch in keinem Opernführer gelesen.
So belustigend Mikischs Anekdoten sind, der faszinierende Kern seiner Einführungen ist sein Umgang mit der Musik. Wenn er die Musik Strauss‘ zerlegt, tut er dies nicht neutral oder sachlich, sondern mit Wertung und Hingabe. „Das klingt falsch, gehört aber so. Ich kann auch nichts dafür, dass der Strauss das so komponiert hat!“, wird man öfter des Abends von ihm hören und gleichzeitig entbirgt Mikisch so manche Juwelen aus der Partitur. Die dichte, komplexe Tonsprache von Richard Strauss weiß Mikisch nicht nur eindrucksvoll in den längeren Musikeinlagen zu präsentieren, sondern auch sie aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Die Motive der Protagonistin Salome sind meist liebreizend und voll Anmut. Deren Übergang zum Befehlston und ihre wahnsinnige Forderung sind ihr in der Musik aber ebenso „einkomponiert“, wie Mikisch hörbar zu schildern weiß. Besonders fasziniert scheint der Musiker auch von der Figur des Jochanaan, Johannes des Täufers, zu sein. Breit und sphärisch klingt das Thema von Salomes Objekt größter Begierde an und schnell wird deutlich, dass eine gewisse Mystik einem Mann doch sehr viel Sexappeal verleihen kann.
Wer vermutet hat, an diesem Abend nur mit der Musik von Richard Strauss in Berührung zu kommen, hat Stefan Mikisch falsch eingeschätzt. Gerne verweist der Pianist auf Wagner, dessen Opern ihn schon zu der ein oder anderen grandiosen Einführung inspiriert haben. Vor allem bei der Entschlüsselung der Harmonik des behandelten Werkes greift Mikisch gerne tiefer in die Komponistenschublade. „Hier geht das ganze über in cis-Moll. Cis-Moll, das kennen wir schon…“, setzt er an und schon geht die kühne Strauss’sche Tonsprache über in die klare Handschrift von Johann Sebastian Bach über. Die Wendigkeit und der gleichzeitige Fluss in der Musik scheint sich direkt aus Mikischs Hirn auf seine Hände zu übertragen. Nichts wirkt hier unnatürlich, auch kein fliegender Wechsel von Bach zu Ravel.
Nach knappen zwei Stunden setzt Mikisch einen Schlusspunkt unter das tragische Ende der schönsten aller Prinzessinnen. Das Publikum ist um die eine oder andere Anekdote und einen bunten Klangeindruck reicher. Die Vorfreude auf die Salome ist geschürt!

Weitere Informationen zu Stefan Mikisch in der Oper Graz unter:
https://www.oper-graz.com/ensemble/stefan-alexander-mickisch-1