La Bohème

La Bohème wurde zum Inbegriff des italienischen Verismo, einer Stilrichtung der Oper, die als besonders realitätsnahe gilt. So hört man in der Bohème die an Tuberkulose leidende Mimi husten oder die kokette Musetta einen hysterischen Schrei ausstoßen, als ihr vermeintlich der Schuh drückt. All das hat es bei Verdi noch nicht gegeben, der die ausdrückliche Anweisung gab, dass „seine“ ebenfalls kranke Violetta im Schlussakt der Traviata nicht husten dürfe. Zum Verismo kommt aber noch eines hinzu: Die Alltäglichkeit des Gezeigten. Nicht mehr große historische oder mythologische Stoffe, sondern Szenen aus dem täglichen Leben waren, was Komponisten wie Leoncavallo, Mascagni oder eben Puccini zu ihren Kompositionen anregten. Das ist auch der Grund, weshalb die Bohème nach wie vor zum Ergreifendsten gehört, was die Gattung Oper zu bieten hat.

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La bohème – (c) Werner Kmetitisch

Am Sonntag nahm die Oper Graz eine rund zehn Jahre alte Inszenierung wieder auf, die La Bohème zwar nicht im Pariser Künstlermilieu der 1830er-Jahre zeigt, sich aber dennoch rigide an die Vorlage hält.

Die gesangliche Leistung des Hauptpaares Rodolfo (Pavel Petrov) und Mimi (Polina Pastirchak) war beeindruckend. Besonders im Schlussakt konnten sich beide zu überwältigender Stimmgewalt und Ausdruckskraft aufschwingen. Erst in den letzten Takten, als Rodolfo die berühmten Mimi-Ausrufe sang, gingen die im dramatischen Bombast des die Oper beschließenden Mantel-Motivs (aus der Arietta des Colline) etwas unter. Musetta war ihrer Rolle nicht ganz gewachsen. In ihrem berühmten Walzer im zweiten Akt fehlte es an Schwung und Stimmkraft, erst im dritten Akt konnte sie gemeinsam mit Marcello im eifersüchtigen Parallelduett zu jenem von Rodolfo und Mimi ihre stimmliche Qualität unter Beweis stellen. Vor allem die schauspielerische Leistung aller Sängerinnen und Sänger muss lobend hervorgehoben werden.

Weitere Aufführungstermine der Bohème finden sich unter: http://www.oper-graz.com/production-details/la-boheme

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Il trovatore

Enrico Caruso zufolge braucht es für eine erfolgreiche Troubadour-Aufführung die vier besten Sänger der Welt. Sprechen wir ehrlich: Im Trovatore an der Grazer Oper, der am Samstag seine Premiere feierte, traf Carusos Bedingung nicht zu.

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Il trovatore – (c) Werner Kmetitisch

Wer vor wenigen Wochen den Troubadour in Wien gehört hat, durfte Anna Netrebko in ihrer Paradepartie, der Leonora, erleben. Freilich ist es nicht angemessen, eine der besten Sopranistinnen der Gegenwart mit Sängerinnen kleineren Formats zu vergleichen, doch wurde der Niveauabstand in Anbetracht der relativ zeitgleichen Aufführungen derselben Oper sehr deutlich: So sehr Lana Kos sich bemühte, eine überzeugende Leonora zu geben, scheiterte sie an den großen Herausforderungen, die diese Partie an ihre Interpretin stellt. Während man den falschen Ton in ihrer ersten großen Arie im 1. Akt noch verzeihen konnte, zeigte sich vor allem in der zweiten Szene des 3. Akts sowie dem besonders anspruchsvollen 4. Akt, dass Kos damit zu kämpfen hatte, fließend zwischen den Registern zu wechseln. Auch Stefano Secco als Manrico war – allen voran in der berüchtigten Stretta im berühmten Di quella pira – dem Schweregrad seiner Partie nicht gewachsen. Rodion Pogossov gab einen passablen Luna. Am überzeugendsten aber erwies sich die kanadische Mezzospranistin Nora Sourouzian, die als stimm- und ausdrucksstarke Azucena brillierte.

Die Inszenierung war optisch ästhetisch, doch überzeugte die Verlegung des Troubadour-Stoffes ins Varieté-Milieu des 20. Jahrhunderts nicht vollends.

Weitere Aufführungstermine finden sich unter folgendem Link: http://www.oper-graz.com/production-details/it

WEST SIDE STORY: Die Oper Graz holt den Musical-Klassiker zurück auf die Bühne

Graz, 31. Mai 2017. Leonard Bernsteins Musical „West Side Story“ feierte in einer mitreißenden Wiederaufnahme eine bejubelte Premiere in der ausverkauften Grazer Oper.

Der Stoff ist bekannt und selbst für die wenigen, die erstmalig in den Genuss des Musical-Klassiker kommen, ist schnell klar, dass Bernstein sich an dem sicheren Konzept der berühmtesten Liebestragödie aller Zeiten bedient hat: Romeo und Julia. Auch in „West Side Story“ tobt ein Bandenkrieg – allerdings zwischen den „Jets“ und den puertorikanischen „Sharks“.

(c) Oper Graz | Der Bandenkrieg zwischen den „Jets“ und „Sharks“ tobt und die Bühne bebt.

Mitten drin schmachten, leiden und glänzen eine hinreißende Sieglinde Feldhofer als Maria und Franz Gürtelschmied als liebestrunkener, verzweifelter Tony. Bereits bei der ersten Begegnung der beiden Protagonisten springt der Funke auf das Publikum über. Doch auch Nazide Aylin als feurige Anita, in der filmischen Version verkörpert von der legendären Rita Morena, gibt als Bernardos Geliebte und Marias Gefährtin ihr gesangliches und schauspielerisches Talent zum Besten.

Für einen Hauch „Lower-Class“-Atmosphäre sorgen eine Drehbühne, eine für die New Yorker-Stadtteile typische Ziegelfassade, die obligatorischen Feuerleitern, ein hoher Maschendrahtzaun sowie kecke Kostüme im New Yorker Streetgang-Look. Fantastisch leicht und konsequent bis zum Schluss funktionieren die mitreißenden Tanzszenen und Gesangseinlagen, die dem vielköpfigen Großensembles einiges abverlangen. In verhältnismäßig kurzer Probezeit galt es zu unterschiedlichen Musikstilen wie Jazz, Populärmusik, opernhaften Momenten und schwungvollen Rhythmen perfekt zu singen, tanzen und schauspielern. Eine Herausforderung, die das Ensemble beeindruckend meisterte.

Das geschulte Ohr mag eventuell beim ebenfalls geforderten Orchester unter der Leitung von Marius Burkert hier und da nicht fließende Taktwechsel vernommen haben. Dies tut aber nichts zur Sache – dem Stück fehlte es keine Sekunde an der nötigen Sogwirkung. Einzig allein die Ästhetik der Liebes- und Vergewaltigungsszene wird bei dem einen oder anderen für Überraschung sorgen.

„West Side Story“ garantiert jedenfalls eine mitreißende Inszenierung, bei der die vielen Elemente und Ebenen erstaunlich gut ineinandergreifen.

Nähere Infos
West Side Story