Lucia di Lammermoor entfachte bei Grazer südländisches Temperament

Ana Durlovski (Lucia), Pavel Petrov (Edgardo di Ravenswood) © Werner Kmetitsch

Die Premiere der italienischen Oper „Lucia die Lammermoor“ entfachte anscheinend bei dem Grazer Publikum südländisches Temperament. Der Saal tobte nach der Vorstellung – aber nicht nur vor Beifall! Den Sängern wurde begeistert applaudiert und „Bravos!“ sowie andere Jubelrufe untermalten die euphorische Stimmung. Dieser wurde jedoch schlagartig ein Ende gesetzt, als die Regisseurin (Verena Stoiber) die Bühne betrat: Jaulen, Klagen und Boo-Rufe erfüllten den Raum. Die hinteren Reihen verließen daraufhin abrupt den Saal. Was war denn da los?

Die Grazer Oper bringt unter der Regie von Verena Stoiber mit dem dramma lirico „Lucia die Lammermoor“ von Gaetano Donizetti die Geschichte einer wahnsinnig unglücklichen Liebe auf die Bühne. Das Stück spielt ursprünglich im 16. Jahrhundert, jedoch wurde für diese Inszenierung eine kleine Zeitreise ins 19. Jahrhundert in ein Operationstheater gemacht. Dies soll jedoch nicht nur die einzige Abweichung vom Original bleiben.

Lucia und Edgardo sind unsterblich ineinander verliebt, jedoch steht dieser Liebe etwas im Wege. Ihre Familien sind verfeindet und billigen diese Beziehung nicht. Als Lucias Bruder Enrico von der Liebesbeziehung erfährt, schwört er Rache. Durch einen gefälschten Brief gelingt es Enrico seine Schwester glauben zu lassen, dass ihr Edgardo untreu ist. Gebrochenen Herzens willigt sie ein, Arturo, den ihr Bruder für sie ausgesucht hat, zu heiraten. Vor der Hochzeit kommt es jedoch noch zu einer Abtreibung, bei der Enrico behilflich ist.

Am Hochzeitstag stürmt Edgardo die Feier und verflucht Lucia an Ort und Stelle für ihre Untreue. Diese folgt unglücklich ihrem neuen Gatten in die Hochzeitsnacht, in der auf  Arturo eine – nein, eigentlich zwei blutige Überraschungen warten. Lucias Rock ist blutdurchtränkt und ein totales Turnoff für den Herrn. Da betritt ein Priester die Bühne und ersticht im Blutrausch den frisch Verheirateten. Anschließend stellt der Pfarrer die hilflose Frau als Täterin dar. Diese scheint wegen der (misslungenen) Abtreibung dem Fieberwahn verfallen zu sein und singt im Wahnsinn bis in ihren Tod.

Edgardo ist zutiefst erschüttert. Sein einziger Ausweg scheint der Tod zu sein und er erschießt sich.

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Ana Durlovski (Lucia)
© Werner Kmetitsch

Einige der Szenen waren irrelevant und irritierten, wie das Gruppenduschen nackter Frauen verschiedenen Alters zu Beginn oder der epileptische Anfall, bei dem sich eine jungen Frau stöhnend, robbend am Boden umherwälzte.

Diese Inszenierung wollte vielleicht dem Publikum den Kopf verdrehen, jedoch führte  sie nur zu einem durchdrehenden Publikum am Ende. Vielleicht war es die Bühne, die ihnen durch ihre ständigen Drehungen einen Drehwurm verpasste. Eine Seite der Bühne stellte (sehr minimalistisch) ein Operationstheater dar und die andere Seite sah aus, als wäre sie noch in Arbeit und einfach nicht sehenswert.

Das Orchester harmonierte fantastisch mit den hervorragenden Sängern und begeisterte das Publikum musikalisch. Ana Durlovski als Lucia verbreitete während der Wahnsinnsarie Gänsehaut und Pavel Petrov sang und spielte Edgardo mit voller Leidenschaft.

Musikalisch begeisterte das Stück die Masse, jedoch ist es inhaltlich und optisch eher gewöhnungsbedürftig.

Lucia di Lammermoor ist noch bis Juni in der Grazer Oper zu sehen.

Tickets: hier.

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Unterhaltsamer Leichtsinn

Lange nicht gesehen: „Martha“ ist nach beinahe vierzig Jahren zurück an der Oper Graz und mit ihr wallende Kostüme und ein traditionell imposantes Bühnenbild. Die Inszenierung selbst unterhält, wird aber zu keinem abgerundeten Ganzen.

Mit rosa Rüschen, fließenden Stoffen, tief geschnittenen Oberteilen sitzen sie auf langen Canapés vor hohen Fenstern mit Blumenverzierung: die Damen des 18. Jahrhunderts. Es wird gelacht, getrunken, gealbert. Bevor das Lachen verebbt, purzelt ein Affe herein. Das Amüsement ist wiederbelebt. Da kehren Lady Harriet Durham (Kim-Lillian Strebel) und ihre Bedienstete Nancy (schauspielerisch überragend: Anna Brull) von ihrem Ausflug zurück. Denn für die Lady war das Amüsement zur Alltäglichkeit geworden, die Unterhaltung vermodert. Zum Glück wusste Nancy Abhilfe und schlug vor, verkleidet den Gesindemarkt zu besuchen. Ein Heidenspaß – bis sich die beiden für ein Jahr an Lyonel (Ilker Arcayürek) und Plumkett (Peter Kellner) verdingen und diese ihnen Arbeit auftragen. Weiter gekichert wird trotzdem und auch dem Publikum entweichen einige ehrliche Lacher, wenn plötzlich die Männer ihren Mägden, in die sie sich augenblicklich verliebten, das Spinnen lehren müssen. Ernst wird die Lage für die oberflächlichen Frauen nicht, denn schon in der ersten Nacht werden sie vom absurd überzeichneten, plump Harriet umwerbenden Lord Tristan Mickleford (Wilfried Zelinka) gerettet und kehren in das dekadente Schloss zurück, das durch die hervorragende Arbeit der Bühnen- und Kostümbildnerinnen Ulrike Reinhard und Daria Kornysheva vor Lebendigkeit übersprüht. Die visuelle Nähe zum Original aus 1847 brachen Regisseur Peter Lund und Dramaturg Bernd Krispin aber leider bereits mit der ersten Szene, die in der Londoner Nervenheilanstalt Bedlam verortet ist. Die vom Wahnsinn befallenen Insassen werden später zu den Akteuren am Gesindemarkt von Richmond und auch Lyonels spätere Zelle ist Teil der Irrenanstalt. Denn für ihn wurde der Spaß der Damen zum lebensbedrohenden Ernst, als er, nach seinen Mägden suchend, von Lady Harriet verleugnet, inhaftiert und beinahe um den Verstand gebracht wird. Weshalb dem Wahnsinn so viel Platz eingeräumt wird, bleibt offen. Sollte die Verrücktheit zum Koordinatenurspung dieser Inszenierung gemacht werden? Deutlich hervor tritt dieses Konzept aber nicht. So ist die Sozialkritik zum Teil vorhanden, doch inkonsequent und affektiert. Da hätte man sie besser gleich weggelassen und wäre der Grundfunktion des Stückes treu geblieben: das Publikum einen Abend lang unkritisch in der Welt schöner Melodien und spaßiger Figuren schwelgen zu lassen. Trotz dieser nicht geglückten Dramaturgie sei aber allen, die einen unterhaltsamen Opernabend mit gewohnt professioneller Musik und diversen Lachern erleben möchten, „Martha“ in der Oper Graz durchaus empfohlen. Weitere Informationen finden Sie hier.

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Martha © Werner Kmetitsch

(c) Werner Kmetitsch

Goldschatz wiederentdeckt

Ein Bühnenerlebnis von seltener Intensität und tiefer Berührungskraft ist Regisseur Holger Müller-​Brandes und Dirigent Roland Kluttig an der Oper Graz mit „König Roger“ von Karol Szymanowski gelungen. Das sollte man nicht verpassen – auch, weil die polnische Oper viel zu selten gespielt wird.

Wenn man nach nur eineinhalb Stunden „Król Roger“ die Oper Graz wieder verlässt, scheint momentan nichts stutziger als das Faktum, dass es sich hier, im Jahr 2019, über 90 Jahre nach der Uraufführung, um die zweite (!) österreichische Inszenierung handelt. Ich werde das an dieser Stelle als ein Verbrechen der Kanonisierung bezeichnen. Denn Szymanowskis Oper trägt eine so tiefgehende Tragik, so feine Symbolik und so übermannende Kraft in sich, dass man nur staunen kann.

Dem vorhandenen Material wird man in Graz noch dazu mehr als gerecht. Die Philharmoniker schmettern mit Kraft und gleichermaßen Kontrolle die Musik zwischen Moderne und Spätromantik aus dem Orchestergraben. Durch Dirigent Roland Kluttig entsteht ein von vorne bis hinten durchgängiges Klangkonzept, changierend zwischen Dunkelheit, Ekstase und Zärtlichkeit, das nicht zuletzt den Sänger*innen eine wunderbare Grundlage bietet.

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Der lettische Einspringer Valdis Jansons findet sich als König Roger stimmlich gut zurecht, trägt aber in Sachen Schauspiel oftmals ein wenig zu dick auf. Anders seine Kolleg*innen: Aurelia Florian als Roxane verzaubert mit ihrem vollen, dramatischen Sopran, Andrzej Lampert als Hirte passt nicht nur stimmlich perfekt in die Inszenierung, Manuel von Senden als Berater Endrisi komplettiert das Bild mit ruhigen Ratschlägen.

Großartig wird „König Roger“ aber vor allem durch den starken Chor und die Singschul‘, allesamt monoton in schwarzen, geraden Anzügen und Kutten gekleidet. Wenn sie zu Beginn langsam über den Hügel auf der schrägen Bühne kriechen und schließlich zum ersten Mal singen – ein Gänsehaut-Moment. Das Ballett, als einziges bunt kostümiert in einer sonst von dunkeln Tönen und Goldelementen geprägten Welt, spiegelt die Innenwelt der Charaktere, mal zuckend, mal sich wälzend, mal in der Luft, mal am Boden. Hier ist etwas Großes gelungen.

Details und Termine hier.