König Roger – Zwischen Wahnsinn und Glauben

BILD: Kay Stiefermann (Roger II.), Andrzej Lampert (Der Hirte) © Werner Kmetitsch

Am Valentinstag feierte die polnische Oper „König Roger“ von Karol Szymanowski in der Grazer Oper Premiere und verbreitete bei den Gästen Gänsehaut auf ganzer Strecke. Ein Stück, das durch musikalische Vielfalt, inhaltliche Tiefe und ein skurriles Bühnenbild die Zuschauer fesselt und beeindruckt. 

Normannenkönig Roger II., Herrscher des mittelalterlichen Siziliens, trifft auf einen jungen Hirten, der die Existenz eines neuen Gottes predigt. Die Gemahlin des Königs ist von dem Jüngling entzückt und folgt diesem ganz zum Missfallen des Königs. Ein Kampf zwischen bisherigem Glauben und der Prophezeiung des Hirten beginnt. Ein sehr spirituelles Stück, das auch die allgegenwärtige Diskussion um das Bedürfnis der Menschen nach Religion aufgreift.

Das Bühnenbild ist schlicht und dennoch beeindruckend. Der Boden ist rückwärts angehoben und bildet im hinteren Bühnenbereich einen Hügel. Inmitten dieser Schräge befindet sich eine goldene Quelle mit Wasser, die ein Taufbecken symbolisiert. Während der Vorstellung erhebt sich der Mittelteil der Bühne und ein beeindruckendes Bild wird den Zuschauern geboten: König Roger sitzend im Taufbecken, umrahmt von Gold und Blut.

Die Kostüme sind ebenfalls schlicht und verbinden Modernes mit zeitloser Eleganz. Schwarze Blazer treffen auf leicht fallende Kleider in Pastell. Die Tänzer verkörpern Chaos und Ekstase durch ihre abnormen Verrenkungen, sodass die Zuschauer nicht ihren Blick von ihnen wenden können.

Musikalisch ist das Stück ein wahres Meisterwerk, das durch seine Vielfalt in Gesang und Musik beeindruckt. Der A-capella-Chor verbreitet Gänsehaut und das Orchester verblüfft durch seine Intensität und Raffinesse.

Ein beeindruckendes Stück, das auf jeden Fall sehenswert ist.

Tickets unter: Oper.at

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Verliebt, Verlobt, … Verrückt – Martha

Bild: Frederico Alves de Oliveira © Werner Kmetitsch

Die romantisch-komische Oper „Martha“ von Friedrich von Flotow hat nach fast 40 Jahren wieder den Weg auf die Bühne der Grazer Oper gefunden und zeigt, dass der Schabernack einer gelangweilten Lady ernsthafte Folgen haben kann. Ein verrücktes Spiel mit den Gefühlen Lyonels beginnt, der nicht nur sein Herz an eine vermeintliche Magd verliert, sondern auch fast seinen Verstand.

Ein weißer, kahler Raum, nur mit dem Nötigsten eingerichtet und von der Außenwelt abgeriegelt. So hausen die Insassen in der Londoner Nervenheilanstalt im Jahr 1748. Das Bühnenbild (von Ulrike Reinhard) beeindruckt durch Tiefe und Details und verkörpert die ausweglose Situation der Menschen. Eine kurze Balletteinlage zu Beginn verstärkt die Wirkung des Wahnsinns, der allgegenwärtig ist. Besonders das Kellerverlies, das sich aus dem Boden auftut, macht das Bühnenbild zu etwas Besonderem. Hervorragend ergänzen Maske und Kostüme (von Daria Kornysheva) die Szenen und verstärken den Effekt des Wahnsinns: Die Insassen mit gerupftem, zerzaustem Haar und abgetragenem weißen Nachtgewand und der Adel mit pompösen, obszönen Ballkleidern und großen, hohen Perücken.

Ja, wahrlich verrückt geht es auf der Bühne zu! Nicht nur in der Nervenheilanstalt mit deren Insassen, sondern auch im Palast, denn dort verzückt ein Affe mit rosa Schleife die Damen in Tüll und Seide. Das Element des Verrückten scheint das zu sein, das die sehr konträren Stände gemeinsam haben.

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Anna Brull (Nancy), Kim-Lillian Strebel (Lady Harriet Durham), Damenchor und Statisterie der Oper Graz
© Werner Kmetitsch

Lady Harriet (gespielt von Kim-Lillian Strebel) ist vom Hofleben gelangweilt und präsentiert sich mit ihrer Vertrauten Nancy (gespielt von Anna Brull) gemeinsam auf dem Gesindemarkt als vermeintliche Mägde. Lyonel und Plumkett sind von den zwei Damen angetan und wollen sie einstellen. Im Scherz verpflichten sich die Ladys für ein Jahr, realisieren jedoch bald, dass dieser Spaß mit Arbeit verbunden ist. Lyonel verliebt sich schlagartig in Lady Harriet, die sich als Martha ausgibt, und Plumkett ist von Julia, die eigentlich Nancy heißt, angetan. Tristan, Harriets Cousin, befreit die zwei Hofdamen in der ersten Nacht, jedoch machen sich Lyonel und Plumkett auf die Suche nach ihren gestohlen Mägden. Als Lyonel Harriet antrifft, fürchtet die Lady ihr Ansehen zu verlieren und erklärt Lyonel für verrückt und lässt ihn verhaften. Als sich herausstellt, dass Lyonel adeliger Abstimmung ist, geht Harriet auf ihn zu, erfährt aber seine Ablehnung. Im letzten Akt erscheinen die beiden Ladies wieder als Mägde verkleidet und Harriet erklärt Lyonel, dass sie wieder gerne seine Magd werde.

Das Stück beeindruckt durch Bühnenbild und Kostüm, jedoch war der eingestreute Witz umgeben von einigen, etwas fadisierenden Momenten. Der Gesang im Gegenteil war durchgehend hervorragend klar und verständlich und wurde solide vom Orchester begleitet.

Vorstellungen noch bis April 2019 in der Grazer Oper.

Tickets: hier.

Glasklarer Wahnsinn

Salome – der klangvolle Name erzeugt Assoziationen wie Leidenschaft und Rache, orientalische Schönheit und Feme fatale, und ist nicht erst seit der österreichischen Erstaufführung 1906 in Graz mit einem skandalösen Image behaftet. Wie viel Skandal steckt noch in der aktuellen Produktion?

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© Werner Kmetitsch

Ein quälend verlangsamtes dumpfes Pochen, ein Rhythmus, der böse Vorahnungen über den Ausgang des Abends erweckt. Das übergroße Angesicht einer gefiltert schönen jungen Frau, die auf eine unsichtbare Wand schlägt – die Grundzüge der Inszenierung von Richard Strauss‘ Einakter werden in den ersten Momenten konstatiert: modern, technisiert, plakativ und doch tiefblickend.

Sehen und gesehen werden

Die Konzeption der Titelheldin zeigt eine Suchende zwischen Oberflächlichkeit und tiefgehendem Trauma, gefangen in einem regelrechten Zwang zur Selbstinszenierung: Die (nicht recht zur Modernität der Inszenierung passende, da beinahe schon antiquarische) Kamera als ständige Begleiterin weist Salome als Teil der Generation Instagram aus, die eher beobachtet, um sich selbst zu erblicken. Prophet Jochanaan zeigt erwartungsgemäß kein Interesse an diesem Spiel – er scheint mehr mit seinem brutalen Fanatismus und mit irrem Kopfschütteln vorgetragenen Vorausdeutungen beschäftigt als mit Salomes Annäherungsversuchen. Gekränkt benutzt ihn das trotzige Teenie-Girl als Mittel ihrer Emanzipation: Sie lässt sich zum tanzenden Lustobjekt ihres wunderbar schmierig dargestellten Stiefvaters Herodes degradieren, um ihre Besitzansprüche auf den Propheten durchzusetzen.

Dreh- und Angelpunkt des Musikdramas ist gerade der Moment, in welchem dem Publikum der Blick auf das Geschehen verwehrt wird: der berühmte Schleiertanz. Regisseurin Florentine Klepper setzt hier auf eine Reise in Salomes Unterbewusstsein mithilfe von Videoprojektionen – eine Idee mit viel Potenzial, die in der Umsetzung allerdings weniger beeindruckt, da sie einerseits eher als Abriss sündhafter Frauenfiguren in der Kunstgeschichte anmutet und sich letztlich auch ein wenig in die Länge zieht.

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© Werner Kmetitsch

Raffinierter ist da der Schauplatz des biblischen Spektakels: Eine trendige Glasvilla, die nicht nur geschickt die kalte Inszenierung und ihr Konzept der Durchsichtigkeit unterstreicht, sondern auch mit einigen originellen Details für gelungene Momente sorgt – beispielsweise als sich Jochanaans ins Wohnzimmer integrierte Zelle am Ende in ein schauriges Gemälde verwandelt.

Musikalische Topleistungen

Den Besuch lohnend macht vor allem die Musik: Allen voran Johanni van Oostrum, welche Salomes Trotz und Verletzlichkeit stimmlich überaus lebendig interpretiert und sich am Ende gekonnt in Ekstase singt. Überzeugende Interpretationen bieten aber auch Manuel von Senden und Iris Vermillion als Königspaar sowie das Orchester unter der künstlerischen Leitung von Oksana Lyniv, die eine große Spannbreite an Dynamik und Klangfarben herausholen kann.

Wenngleich das Stück in dieser Inszenierung wohl kaum einen Skandal hervorruft, sorgt es dennoch für einen kurzweiligen, packenden Abend – der mit seinem Fokus auf gesellschaftlichen Wahnsinn (wie z.B. Missbrauch in der Familie) doch den ein oder anderen zum Nachdenken anregen mag.

Weitere Informationen zum Stück finden Sie hier