Von feurigen Vögeln und Tänzen

Christian Muthspiel brachte im letzten Orchesterkonzert von recreation Musik voll „Körperlichkeit“ nach Graz. Einen eigens komponierten „Little Big Guitar Dance“ kombinierte er mit Tanzmusik von Leonard Bernstein und Igor Strawinsky.

Wolfgang Muthspiel (c) Joanne Bell

 

Wenn man die Gebrüder Muthspiel mit ihrem leichtfüßigen Gang auf die Bühne gehen sieht, ist ihre Ungezwungenheit sofort offenkundig. Erfrischend ist dieser Zugang, der nichts mit veralteten Etiketten, aber ganz viel mit Musik zu tun hat. Tanz war das Thema, das sich durch den ganzen Abend zog, und wie Christian Muthspiel erklärte, durch die „Körperlichkeit“ in der Musik zu spüren war. Begonnen wurde mit den „Symphonic Dances“ aus dem Musical „West Side Story“. Die ganze Wucht eines voll besetzten GROSSEN ORCHESTERS GRAZ entlud sich hier in vertrackten Mambo-Rhythmen und schwelgerischen Traumvorstellungen („Somewhere“). Den großen Orchesterszenen setzte Christian Muthspiel improvisierte Gitarrenklänge seines Bruders Wolfgang gegenüber, die zwar in künstlich geschaffenen Pausen erklungen, sich aber harmonisch in das Gesamtkonzept einbetteten. Dies ist der Einfühlung und Kreativität Wolfgang Muthspiels zu verdanken. Mit seinen sechs Saiten griff er ganz selbstverständlich die Gedanken aus Bernsteins Partitur auf, machte sie sich zu Eigen und gab sie schließlich wieder frei. Sowohl solistisch (zuletzt auch mit unverstärkter Konzertgitarre) als auch mit Schlagwerk-Combo vermochten die Improvisationen nicht nur die „Pausen zu füllen“ sondern gaben einen zusätzlichen, freien Akzent.

Mit „Little Big Guitar Dance“ folgte eine Eigenkomposition Christian Muthspiels, die in Graz ihre österreichische Erstaufführung erlebte. „Little“ für die Anlage des Stücks als Musik für eine Band, „Big“ für die Besetzung durch ein großes Orchester. Die Dynamik des Werkes ergab sich durch Wechsel in der Besetzung und den für die meisten Ohren ungewohnten Zusammenklang von E-Gitarre mit symphonischem Apparat. Leider musste unter einer etwas zu angestrengten Konzentriertheit aller spielender Interpreten auf die Noten die allgemeine Zugänglichkeit des Stückes leiden.

Christian Muthspiel (c) Werner Kmetitsch

Gänzlich firm zeigten sich die Musiker allerdings im abschließenden Werk des Abends: Strawinskys Feuervogel-Suite. Auswendig und mit verinnerlichter Miene ließ Christian Muthspiel das feurige Geschöpf langsam seine Glut entfachen. Der stark rhythmisch geprägte Charakter von Strawinsky wurde von den Musikern als treibender Motor geführt. Subtil hielt der Dirigent die Lautstärke gedeckt, sodass das Forte im „Höllentanz“ mit noch stärkerer Prägnanz erklang. Nach diesem Donner flossen die Klänge im Fagott mit Trauer und Wissen um Vergänglichkeit. Auflösung fand die Schwermut mit der Melodieübernahme des Horns, welches über den ganzen Abend Soli von nuancierter Abgeschlossenheit präsentierte. Auch im Finale gelang ein stetes Anschwellen der Spannung, bis man meinte, die Schwingen des Feuervogels selbst durch die Luft schwirren zu hören.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
http://styriarte.com/events/symphonic-dances/?sti=24362

Schlusstakt mit Beethoven

Das letzte Orchesterkonzert der Saison spielte das Grazer Philharmonische Orchester unter seinem Chefdirigenten Dirk Kaftan. Nach Werken von Widmann und Liszt folgte eine feurige Aufführung von Beethovens 7. Symphonie.

(c) Dirk Kaftan, Musikverein Graz

(c) Dirk Kaftan, Musikverein Graz

„Es freut mich sehr, dass Sie alle schon zum ersten Stück des Abends gekommen sind“, begrüßte Kaftan das Grazer Publikum. Dass zeitgenössische Musik immer noch Probleme hat die Konzertsäle zu füllen, weiß auch der motivierte Deutsche und wählte für die Konzertouvertüre von Jörg Widmann deshalb einen modernen Zugang. Einer kurzen Erläuterung über das Werk (Widmann komponierte es im Auftrag von Mariss Jansons als Vorprogramm zu Beethovens 7. und 8. Symphonie), folgte eine lebhafte Erklärung der verschiedenen Stilelemente mit Hörbeispielen aus dem Orchester. Beethoven darf in dieser Musik immer wieder kurz anklingen, geht aber im Tumult der wilden Komposition schnell wieder unter. „Viele verschiedene Baupläne“ müssen die Musiker beachten und das macht zeitweise nicht nur das Spielen sondern auch das Zuhören etwas mühsam. Ich persönlich empfand den Einbau der Beethoven’schen Analoga in das moderne Konstrukt als nicht stimmig, da die bekannten Klänge fast ins Groteske verzogen wurden.
Einen ganz anderen Ton gab Ingolf Wunder im ersten Klavierkonzert von Franz Liszt an. Der Auftritt des österreichischen Pianisten erinnerte an eine unschuldige Träumerei. Ein zartes Wasserspiel zauberte er im zweiten Satz, das in einen ebenmäßig plätschernden Triller mündete, der auch den geübten Solisten des Philharmonischen Orchesters die Bühne eröffnete. Auch wenn es wild zuging, verlor Wunder nie ganz den träumerischen Ausdruck. Die großen Akkorde des Finales spielte er nicht aufdrängend sondern einladend und nie mit übertriebener Lautstärke. Mit Blick zum Himmel bot er eine dahinfließende Zugabe.
Als Abrundung der Konzertsaison und Einstimmung zum kommenden Beethoven-Marathon bei der Styriarte folgte dessen 7. Symphonie. Kaftan setzte mit dem Elan der dynamischen Auf-und-Ab-Bewegungen von Liszt fort. Das melancholischen Allegretto begannen die Streicher wunderbar leise und schwermütig. Ganz sanft setzten nach und nach die verschiedenen Instrumentengruppen ein und erzeugten somit ein stetiges crescendo ohne je im Tempo zu schwanken. Im Kontrast dazu ging es wild im Allegro con brio zu, bei dem man das Brio wortwörtlich nicht missen musste. Den flotten Ausritt beschloss Kaftan mit einem lautstarken Galopp.

Mehr Informationen zum Konzert unter:
http://www.musikverein-graz.at/konzert/10-orchesterkonzert-3/

6. Orchesterkonzert (Musikverein Graz)

Als Hauptwerk des Abends stand Beethovens fünftes Klavierkonzert am Programm. Im englischsprachigen Raum eingebürgert unter dem Namen Emperor, gilt es als das berühmteste der fünf Orchesterwerke mit Klavier. Das bedeutet nicht, dass frühere Kompositionen weniger originell und einfallsreich gewesen wären. Man denke bloß daran, mit welch rührender Raffinesse Beethoven den Adagio-Dialog seines B-Dur-Klavierkonzerts stilllegt, um somit möglichst effektvoll, ein schalkhaftes, fratziges Rondo folgen zu lassen. Und auch der Dialog zwischen Solist und Orchester im zweiten Satz des G-Dur-Klavierkonzerts wirkt in seiner unbedingten Kontrastivität ausgesprochen spannungsreich und narkotisierend. Dennoch lässt sich feststellen, dass die ersten beiden Klavierkonzerte noch verstärkt einer wiener-klassischen Tradition im Stile Haydns und Mozarts verschrieben waren. Die Zäsur folgt mit Klavierkonzert Nr. 3, das sich in seiner sinfonischen Natur endgültig von bisherigen Konventionen lösen sollte. Doch erst im Es-Dur-Konzert kommt Beethoven späteren Komponisten wie Liszt oder Brahms am nächsten – und zeigt damit, wie sehr er aus heutiger Sicht den weiteren Verlauf der Geschichte des Klavierkonzerts hat beeinflussen sollen.

Patrick-Lange-stehend_copyright-by-Hoffotografen

Dirigent PATRICK LANGE – (c) Hoffotografen

Als Widmungsträger bestimmte Beethoven seinen Freund und Mäzen Erzherzog Rudolph von Österreich, dem er bereits seine berühmten Klaviersonaten op. 81a (Les Adieux) und op. 106 (Hammerklavier-Sonate) gewidmet hatte. Wie Beethovens Eroica steht das Konzert in der Tonart Es-Dur und verweist somit bereits auf seinen pathetischen, heldenhaften Charakter. In dieser Tradition wurde das Konzert am vergangenen Dienstagabend im Grazer Musikverein von Patrick Lange am Pult und Stefan Strossnig am Flügel interpretiert. Besonders die jugendliche Leichtlebigkeit der Kadenz des Kopfsatzes beeindruckte, insofern sie mit der zöglingshaften Erscheinung des 1985 geborenen Solisten korrespondierte. Die Zugabe – Schuberts drittes Impromptus aus D899 – erklang solide und frei von technischem Makel, aber entbehrte jeglichen Charme. Gewiss, das ist kein wissenschaftliches Kriterium, schließlich lässt sich kein Begriff schwerer definieren als dieser. Und doch: Wenn man Schuberts mannigfach interpretiertes Impromptus hört, muss man schweben – und von der scheinbar ewig-fließenden Wundermelodie getragen werden. Großen Pianisten gelingt das. Andere beeindrucken, aber lassen den Hörenden schlussendlich kalt. Stroissnig gehört zu der zweiten Art.

In der zweite Konzerthälfte wurde der Don Juan von Richard Strauss gegeben. Patrick Lange erwies eine konsequent-stringente Führung, die die Struktur der Tondichtung klar und deutlich akzentuierte. Der Rosenkavalier-Walzer trug – obwohl Bestandteil des Hauptprogramms – mehr die Funktion einer flotten, heiteren Zugabe. Mit diesem beschwingten Gefühl wurde man schließlich in die Nacht verabschiedet.

Weitere Konzerttermine des Musikvereins Graz sind unter folgendem Link abrufbar: http://www.musikverein-graz.at/konzerte/