Salome als flatterhafter Teenager

Die Grazer Oper bringt Richard Strauss‘ lüstern blutige Geschichte auf die Bühne. Johanni von Oostrum singt eine phänomenale Salome in einer mauen Inszenierung.

(c) Werner Kmetitsch

Zugegeben, die Geschichte von Prinzessin Salome ist nicht die am leichtesten zu inszenierende Abendunterhaltung. Moralisch flexible Mutter, lüsterner Vater, abgewiesene Liebe, Flüche und Drohungen finden sich in dem Schauspiel nach Oscar Wilde. Auch das Stück in ein zukünftiges Ambiente zu heben erscheint persönlich nicht widersinnig. Aber die Personen auf flache Stereotypen zu reduzieren, wie etwa Salome als flatterhaften Teenager, nimmt dem Stück doch einiges an seiner Substanz. Die Bühne allgemein verband kantige Strukturen mit verschleiernden Elementen. Diese Unwohnlichkeit unterstrich den Eindruck der Handelnden als bloße Spielfiguren, auch der Einsatz von Projektionen verstärkte dies noch. Dass Salomes Tanz verschleiert wurde und stattdessen durch ein Video die Abgründe ihrer Seele verbildlicht werden sollten, erwies sich als valide Idee, die in der Umsetzung hinkte. Zu undeutlich, zu pseudoreal wirkten die Andeutungen in den Aufnahmen, sodass der durch den Tanz markierte Bruch der Geschichte dabei verwischt erschien. Schade war es auch, dass der Einsatz von Farben und Materialien (Plastikkostüme, ausdruckslose Uniformen, Perlen und Vorhangstoffe minderen Aussehens) so wenig harmonisch gewählt war und doch nicht unharmonisch genug, als dass ein ausgeprägter Eindruck ausgelöst hätte werden können.

(c) Werner Kmetitsch

Musikalisch weiß die Produktion voll aufzufahren. Geführt von Oksana Lyniv am Pult beleuchtete das Grazer Philharmonische Orchester die verschiedenen Schattierungen der Partitur mit viel Plastizität. Im Gegensatz zur Setzung der Geschichte war der Bogen in der Musik klar geführt, sodass die Spannung nie abfiel. Auch die Dynamik war wohl gewählt, was die Sänger trotz des dichten Orchesterklangs klar hervortreten ließ. Johanni von Oostrum meisterte die großen Anforderungen der Salomepartie bravourös. Sie wusste ihre Stimme sinnlich, düster und exaltierend einzusetzen, was die Zerrissenheit von Salomes Charakter eindringlich verdeutlichte. Als Jochanaan sang an diesem Abend Thomas Ghazeli, der die wütende Erregung in seinem ganzen Auftreten verkörperte. Als Elternpaar der Salome waren Manuel van Senden als schleimiger, dümmlicher Gönner und Iris Vermillion als extravagante Trinkerin zu erleben. Letztere sicherte mit kehligen Einsätzen und einvernehmender Gestik ihren Status als die Meinungen spaltendes Unikum, Manuel van Senden glänzte mit klarer, heller Stimme im glänzend gewählten, türkisen Anzug. Auch Pavel Petrov bewährte seinen Tenor als schmachtender Narraboth, ebenso wie seine jungen Kollegen im Religionsstreit. Ein Lob an die Musik!

Weitere Informationen zum Stück finden Sie unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/salome

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Salome

Man könnte es sich natürlich einfach machen und die wirklich gute vorangegangene Rezension zitieren. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Irgendwie ist sie doch sehr nüchtern formuliert. Was die Handlung anbelangt wurde bereits alles Notwendige erwähnt. Die Inszenierung wirkt jedoch wie abgesprochen als Übergang zur neuen Intendanz, die im Programmbuch mit dem Zitat „Die mit schwachen Nerven mögen den Saal verlassen“ aus dem Struwwelpeter eingeleitet wird.

Evi Kehrstephan, Stefan Suske, Steffi Krautz & Kaspar Locher (c) Lupi Spuma

Evi Kehrstephan, Stefan Suske, Steffi Krautz & Kaspar Locher (c) Lupi Spuma

Denn, das muss erwähnt bleiben, dies ist bei Salome geschehen. Nach der Pause sind eindeutig weniger Zuseherinnen und Zuseher in den Saal zurück gekehrt als ihn zu Beginn der Pause verlassen haben. Wobei gerade das Verlassen des Saales zur Pause einen Fehler darstellen kann. Denn während auf der Bühne umgebaut wird, unterhalten Rudi Widerhofer, Jan-Gerrit Brüggemann und Thomas Frank das Publikum mit Zitaten aus dem aktuellen Diskurs zu religiösem Extremismus. Wie Stammtischparolen wiederholen sie ihre Positionen, ziehen sich nebenbei um (dazu kaut Frank sehenswert eine Banane und spült diese im Anschluss mit Dosenbier herunter). Hier findet sehenswert vor den Augen der nicht-pausierenden Zuseherinnen und Zuseher die Transformation einer biblischen Geschichte auf die aktuelle Zeit statt. Die Uniformen der römischen Gefolgsleute Herodes‘ wandeln sich zu grauen Anzügen, selbst das Gemüt der Gefolgsleute wird kritisch. So werden im zweiten Teil des Stückes nicht mehr alle Befehle des Regenten entgegen genommen.

Bildmächtig ist das Stück. Eingeleitet von der Stimme des Propheten Johannes aus dem Off (bzw. der Zisterne, in die er gesperrt ist), unterstützt von Projektionen und einer großen Videowand und stark überzeichneten Kostümen lässt es die Vorstellungskraft der Zuseherinnen und Zuseher in diese abartige Welt des Statthalters Herodes Antipas geleiten. Die von Evi Kehrstephan gespielte Salome lässt ein wenig an Tim Burtons Alice im Wunderland erinnern. Zuerst unbeschwert wirkend wird sie zu einer Kämpferin, jedoch deutlich radikaler und blutrünstiger. Kaspar Locher ist der Fleisch gewordene religiöse Fanatismus und der einmal mehr großartige Stefan Suske verkörpert im Fatsuit regelrecht die Abartigkeit des Lustmolches Herodes Antipas, der weder von Alkohol, der Frau seines Bruders noch deren Tochter lassen kann.

Nicht verwunderlich also, dass im konservativ geprägten Graz also Menschen das Theater verlassen und nach dem doch sehr abrupten Ende nur verhalten Applaus aufkommt. Älteres, besser situiertes Stammpublikum mag man sogar vergraulen, wenn man diesem dermaßen den Spiegel vorhält. Denn verdorben ist die Gesellschaft seit jeher.

Informationen zu weiteren Stimmen und den Spielterminen gibt es auf den Seiten des Schauspielhauses Graz.

Salome – zwischen biblischem Stoff und aktuellem Diskurs

„Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Abend!“ flüstert Narraboth, der erste Hauptmann des Tetrarchen Herodes Antipas, zu Beginn des Stückes Salome immer wieder, während auf der Bühne nur die Prinzessin selbst – mit ihrem zerzausten Haar und dem zerknitterten, weißen Kleid noch ganz Femme Enfant – gleich doppelt zu sehen ist: überdimensional wird sie auf eine riesige Leinwand projiziert. Was der Hauptmann als Antwort erhält, ist Programm für den weiteren Handlungsverlauf: „Du musst sie nicht ansehen. Du siehst sie zuviel an. Schreckliches kann geschehen.“

SALOME (Evi Kehrstephan) (c) Lupi Spuma

SALOME (Evi Kehrstephan) (c) Lupi Spuma

Seit einer Woche ist im Schauspielhaus Graz Oscar Wildes Bearbeitung des biblischen Stoffes unter der Regie von Michael Simon zu sehen. Die Geschichte ist bekannt: Herodes Antipas, Tetrarch in Galiläa, hält Johannes, den Täufer, in einer Zisterne gefangen, nachdem dieser es gewagt hat, den sündigen Lebenswandel von ihm und seiner Frau Herodias anzuprangern. Herodes Antipas weigert sich jedoch, diesen hinzurichten, sehr zum Ärger seiner Frau. Jedoch schwört er seiner Stieftochter Salome, alles zu tun, was sie will, wenn sie für ihn tanze. Und Salome hat, angestachelt von ihrer Mutter, nur einen Wunsch – den Kopf des Johannes auf einem Silbertablett.

Im Gegensatz zur Bibelversion handelt Salome bei Wildes Fassung völlig autonom: Sie fühlt sich von Johannes zunächst angezogen – „Ich will deinen Mund küssen!“ -, dann durch seine Zurückweisung ihres Begehrens gekränkt, und betont: „Zu meiner eignen Lust will ich den Kopf des Johannes in einer Silberschüssel haben.“ Zu Wildes Lebzeiten war seine Interpretation wegen der Veränderung der Bibelversion und der Darstellung von Salomes Begierde skandalös – was heute nicht mehr nachvollziehbar ist.

SALOME (Steffi Krautz, Kaspar Locher, Stefan Suske) (c) Lupi Spuma

SALOME (Steffi Krautz, Kaspar Locher, Stefan Suske) (c) Lupi Spuma

Herodes (Stefan Suske) kommt als seniler, impotenter Lustmolch auf die Bühne, der nichts (mehr) im Kopf hat als sein eigenes Vergnügen. Vor allem im Vergleich zur Darstellung seiner Frau Herodias (Steffi Krautz) wirkt er noch schwächer und regierungsunfähiger. Salomes (Evi Kehrstephan) Wandlung von der kratzbürstigen Kindsfrau zur Femme Fatale, die ihre Reize bewusst einsetzt, wurde für die Zuseher*innen nachvollziehbar umgesetzt.

Was das Stück aber erst sehenswert macht, ist die Spannung zwischen biblischem Stoff und aktuellem Diskurs, worin die Inszenierung im Schauspielhaus die des 2001 verstorbenen Einar Schleef weiterentwickelte. Der Gegenwartsbezug ist in der ersten Hälfte nur subtil spürbar, vor allem über die Leinwand, die das zeitgenössische Medium Film ins Spiel bringt – etwa, wenn man nur den seine fanatisch religiösen Reden schwingenden Johannes (Kaspar Locher) darauf sieht. Spätestens mit der Pause beginnt der Gegenwartsbezug das Stück aber immer stärker zu durchdringen: Johannes wird im orangen Sträflingsanzug zu seiner Enthauptung geführt, die drei Untertanen wechseln in der Pause nicht nur in zeitgenössische Kleidung, sondern kleiden sich auch in aktuelle Worte.

SALOME (Evi Kehrstephan) (c) Lupi Spuma

SALOME (Evi Kehrstephan) (c) Lupi Spuma

In ihrer Diskussion spiegelt sich der aktuelle Diskurs der Medien rund um Fanatismus, Islamischer Staat und Terror wider. Dabei scheint die zu Vernunft und Maßen mahnende Stimme – gleich der Wirklichkeit(?) – unterlegen. Die vorgebrachten Argumente sind Versatzstücke von Aussagen, die so oder ähnlich real getätigt wurden – sei es von Politiker*innen, Philosoph*innen oder der Frau*dem Mann von der Straße. Durch die Inszenierung auf der Bühne wird erst deutlich, wie bizarr manche Meinungen, wie grotesk die von Ideologien geprägte Diskussion, die sich fortlaufend im Kreis dreht, ist, und welche aktuelle Brisanz in Wildes Stück liegt.

Wenn man schnell tippen kann, ist es deswegen sehr spaßig, im Web über die Suchmaschine der Wahl die Aussagen zu recherchieren, um zu sehen, wer was wann und in welchem Kontext gesagt hat (was manchmal auch leicht zu erraten ist) – eine Statement-Auswahl:

Fundamentalismus ist eine Reaktion – eine falsche, mystifizierende Reaktion natürlich – auf eine wirkliche Schwäche des Liberalismus.

Wer das noch immer nicht kapiert hat, dass der radikale Islamismus hier gefährliche Strukturen aufgebaut hat, ist ein Realitätsverweigerer.

Der ist ein Mittel zur Selbstzerstörung der kollektiven Hirnfunktionen.

Es geht hier gar nicht um den Islam. Der Islam ist vor allem eine Projektionsfläche geworden, er ist in Europa schon lange keine Religion mehr.

Dafür muss der Staat stark sein und liberal. Beides, gleichzeitig.

 

Die weiteren Aufführungstermine finden sich auf der Website des Schauspielhauses.

[*] Oscar Wilde: Salome. http://gutenberg.spiegel.de/buch/salome-1833/1