Das Ottensamer Erbe

In Memoriam Ernst Ottensamer: Im 3. Kammerkonzert des Musikvereins am 29. Jänner präsentierte Daniel Ottensamer im jungen Trio mit Cello und Klavier eine musikalische Auslese als Hommage an seinen 2017 verstorbenen Vater – Revue eines unerwartet schwermütigen Abends.

Die Ottensamer Klarinettistenfamilie (Ernst, Daniel und Andreas) beehrte in den letzten Jahren regelmäßig den Grazer Musikverein, sei es im gemeinsamen Trio („The Clarinotts“), als Solisten diverser Kammerkonzerte oder als Mitglieder verschiedener Ensembles. In Gedenken an den 2017 verstorbenen Vater Ernst Ottensamer, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker und Professor an der Wiener Musikuniversität, lud der Grazer Musikverein den Familiennachwuchs die jungen Klarinettisten Daniel Ottensamer und Andreas Ottensamer zum 3. Kammerkonzert als musikalische Hommage ein. Ausfallsbedingt wurde Andreas Ottensamer letztlich cellistisch durch Stephan Koncz (Berliner Philharmoniker) ersetzt, wodurch der Abend freilich einen anderen Einschlag bekam als ursprünglich angekündigt. Das junge Trio vervollständigte Christoph Traxler am Klavier. Die drei Musiker verbindet nicht nur eine enge Freundschaft, ihre Zusammenarbeit im Ensemble „The Philharmonix“ und eine angesichts ihres jungen Alters sehr beeindruckende Erfolgsbiographie, sondern auch eine Vorliebe für dramatische Schlusstakte und accelerandi, wie das Publikum insbesondere in der zweiten Programmhälfte feststellen konnte.

Die schwermütige, moll-lastige erste Programmhälfte begann mit einer Auswahl aus dem Oeuvre von Max Bruch und endete mit dem Klarinettentrio in a-Moll von Johannes Brahms (besonders schön: die auflösenden Kadenzen im Adagio). Trotz der vielversprechenden Ankündigungen von Daniel Ottensamer, der sympathisch und spontan durch den Abend führte, erwies sich die Programmatik des Abends aber leider als nicht sehr ausgeglichen. Auch die zweite Programmhälfte blieb bis auf wenige Ausnahmen (etwa „Allegrissimo“ aus einem Trio von Nino Rota) primär dem Schwermütigen und Melancholischen verschrieben; von beschwingter Abwechslung war wenig Spur. Dies konnte auch das hoch romantische Stück „Zwei Schwäne“ (Camille Saint-Saens) in einem gekonnten Arrangement von Stephan Koncz nicht ausgleichen. Das abschließende „Hora II“ (Béla Korény) schenkte dem Klavier und der Virtuosität der drei Musiker sehr viel Raum, wirkte aber stellenweise zu gehetzt. Der Abend war vielleicht ein Beispiel dafür, dass manchmal zu Lasten der Musik selbst die Musiker zu viel im Vordergrund stehen…

Die nächste Chance, die drei jungen Musiker im Musikverein zu erleben, ist im Rahmen des von Daniel Ottensamer gegründeten Ensembles „Philharmonix“, welches im Sommer zur Styriarte nach Graz kommt.

 

Klarinetten-Marathon im Stefaniensaal

In perfekter musikalischer Symbiose zeigte sich das Vater-Söhne-Trio „The Clarinotts“ mit dem Grazer Philharmonischen Orchester, dirigiert von Marcus Merkel, beim 10. Orchesterkonzert des Musikvereins.

Einen „Klarinetten-Marathon“, eine „gute Mischung aus Alt und Neu“ und einen „Überblick darüber, was alles möglich ist“ versprachen die „Clarinotts“ anfänglich dem Grazer Publikum. So viel sei schon einmal verraten: Das Versprechen wurde nicht gebrochen.

Wie modern und lebhaft die Klarinette heute noch sein kann, das verkörpert wohl niemand besser als die Familie Ottensamer alias „The Clarinotts“. Den beiden Söhnen Daniel und Andreas wurde die philharmonische Klangkultur quasi in die Wiege gelegt und durch den Solo-Klarinettisten-Vater Ernst Ottensamer sowie andere hochkarätige Lehrer noch gefestigt und verfeinert. Mit gerade einmal 30 und 28 Jahren sind sie selbst als Solisten bei den Berliner und Wiener Philharmonikern Stars am Klarinetten-Himmel. Getrost überlässt der Vater seinen virtuosen Sprösslingen das Rampenlicht, dessen Schein sie mehr als gerecht werden.

Foto: Andreas Ottensamer/Facebook

Dem Instrument, dem sich die Familie verschrieben hat, wurde im frühen 18. Jahrhundert das Leben geschenkt. Bis zum musikalischen Siegeszug und den ersten eigens komponierten Solo-Stücken dauerte es jedoch noch: Franz Krommer, Zeitgenosse von Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn, war Pionier auf dem Gebiet. Für das 10. Orchesterkonzert holten die Brüder Ottensamer sein Concerto in Es-Dur für zwei Klarinetten und Orchester, op. 35 ins Graz des 21. Jahrhunderts.

Klassik, Romantik, Pop

Mit Felix Mendelssohn Bartholdys Konzertstück für Klarinette, Bassetthorn und Orchester Nr. 1 in f-Moll, op. 113 wählten sie einen langsam-tänzerischen Auftakt aus der deutschen Romantik. Interaktionsreich und perfekt aufeinander abgestimmt warfen die Clarinotts einander spielerisch Töne zu; kommunizieren aber auch mit dem Orchester und Dirigent Marcus Merkel, die die Solisten sicher durch den Abend trugen.

Weiter ging die musikalische Reise ins 20. Jahrhundert: Ein Kontrast aus heiterer Verspieltheit und tiefem Ernst erfüllte den Stefaniensaal während des Tripelkonzerts für drei Klarinetten und Orchester, op. 92 des österreichisch-ungarischen Komponisten Iván Eröd, das die Clarinotts 2015 mit den Wiener Philharmonikern uraufführten. Gegen Schluss hin wendeten sie sich leichtfüßiger Unterhaltungsmusik zu – einer Bearbeitung der Rigoletto-Fantasie von Franz und Karl Doppler.

Der tosende Applaus verpflichtete zu einer Zugabe der besonderen Art: Copacabana von Barry Manilow, bei dessen ansteckendem Rhythmus auch Ernst Ottensamer nicht mehr stillstehen konnte. Den letzten und höchsten aller Töne trällerten sie mit voller Wucht; die Zuhörenden brachen in Begeisterungsstürme aus. Vollkommen verdient!

Weitere Informationen: http://www.musikverein-graz.at/konzert/10-orchesterkonzert-5