Tartuffe begeistert Grazer Premierenpublikum

Markus Bothes Inszenierung von Molières Skandal-Komödie im Schauspielhaus Graz zeigt verblüffende Nuancen: Ein Ensemble, das an beziehungsweise auf seiner Bühne hängt, perfekt getimte Slapstick-Einlagen und Theater, das nicht nur vor, sondern auch im Publikum stattfindet.

Graz, 07. Dezember 2017

Das großartige Ensemble zieht die Zuschauer von der ersten Sekunde an in seinen Bann. Franz Solar wechselt für dieses Stück kurzerhand sein Geschlecht und brilliert gleich zu Beginn in Stilettos mit Charme und Stimmkraft als Madame Pernelle. Das sonst eher verhaltene Premierenpublikum pfiff doch tatsächlich auf die übliche Theater-Knigge und würdigte seine Performance zurecht mit einem Zwischenapplaus. „Das gab es noch nie“, so ein sichtlich verzückter Herr auf den vorderen Plätzen.
Überhaupt ist es ein Abend der starken und spannenden Darsteller. Niemand lockt und verführt auf der Bühne so schön und emanzipiert zugleich wie Henriette Blumenau. Julia Gräfner überzeugt als trotzige Zofe mit perfekt getimten Slapstick-Einlagen. Der heuchlerische Tartuffe wird von Pascal Goffin verkörpert, dessen „Robert Palmer“-Outfit einen Kontrastpunkt zu den goldenen Pailletten-Kostümen des restlichen Ensembles bildet. Mathias Lodd als Familienoberhaupt Orgon und Simon Käser als dessen Sohn Damis ließen gekonnt die Grenze zwischen Bühne und Publikum verschwimmen und sorgten für amüsante Verstörung und Entzückung. Die spürbare Dynamik und Wechselwirkung zwischen Ensemble und Publikum gehörte sicherlich zu den Höhepunkten des Premierenabends.

Molières bitterböse Komödie über den betrügerischen Tartuffe sorgte zum Zeitpunkt ihres Erscheinens für großen Unmut beim Klerus. Die Empörung darüber entlarvte, wie auch im Roman, die gesellschaftliche Doppelmoral. Im Zentrum der Handlung steht das ambivalente Verhältnis der Familie Orgons zu Hausgast Tartuffe. Während dieser von Orgon glorifiziert und dessen Mutter verteidigt wird, verhält sich der Rest der Familie ihm gegenüber eher misstrauisch und verunsichert. Schon bald wird dem Betrüger seine Schwäche für Elmire, Orgons Frau, zum Verhängnis und so verrät er sich letztendlich selbst. Geblendet von ihren Eitelkeiten und gehemmt durch ihre eigenen Unsicherheiten wird von der Familie zu spät erkannt, was sich hinter der attraktiven und geschulten Fassade verbirgt.

„Man handelt zunächst und denkt dann“, so Tartuffe. In der Beschreibung werden Parallelen zu Donald Trump gezogen, einem Tartuffe der Neuzeit und aktuellem Sinnbild für narzisstische Politik. Bothe gelingt der kritische Blick auf die Gesellschaft, untermalt wird diese Kritik durch ein Ensemble in Höchstform, ansprechende Optik und Sprachwitz. Zum Abschluss der diesjährigen Saison beeindruckt diese Inszenierung auf jeden Fall mit ihrem hohen Niveau und bietet tiefgehende schwarze Unterhaltung. Vom Publikum gab’s zurecht tosenden Applaus und stehende Ovation.

Meine Damen und Herren, lassen Sie sich tartuffisieren!

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Wortgefechte am Grazer Schlossberg

Furchtlos den Degen schwingend und mit tiefsinniger Sprachakrobatik in petto, erntet „Cyrano de Bergerac“ unter der Regie von Markus Bothe Standing Ovations auf der Kasemattenbühne. 

Am Schlachtfeld ist Cyrano (Andri Schenardi) regelmäßig der Held der Stunde und auch verbal ist er stets treffsicher. Nur seine lange Nase raubt dem sonst so selbstbewussten Soldaten jeden Mut und hindert ihn daran, der schönen Cousine Roxane (Henriette Blumenau) die großen Gefühle zu gestehen. Doch der Geliebten wird ohnehin von anderen Männern der Hof gemacht – vor allem der einfältige Christian von Neuvillette (Benedikt Greiner), ebenfalls Soldat, möchte sein Glück versuchen.

Wird man durch einen Kuss zum Diebe?

Für denn Fall, dass ihm die Worte fehlen – er ist eher die stille Schönheit – leiht ihm der bereits resignierende Cyrano als Ghostwriter seine poetische Stimme. Wider jeglicher Erwartungen schenkt Roxane den liebestollen Zeilen ihr Herz und heiratet Christian, der bis auf sein Aussehen nicht viel für die Verbindung getan hat. Graf von Guiche (Pascal Goffin), der Dritte im Bunde und der Kommandeur der Truppe, ist ebenfalls der jungen Frau verfallen und schickt den frisch verheirateten Christian sowie Cyrano an die Front, denn der Krieg klopft nicht nur in den Belangen der Liebe an die Tür…

 

Für die letzte Inszenierung der Spielzeit 16.17 des Grazer Schauspielhauses wurde über Wochen ordentlich die Werbetrommel gerührt. Mit hohen Erwartungen darf man also auf den Grazer Hausberg wandern (oder gratis mit der Schlossbergbahn fahren), um der namhaften Geschichte aus der Feder von Edmond Rostand zu frönen. Tragik trifft auf Romantik, ohne dabei in kitschige Platitüde zu verfallen. Daneben kommt der Humor nicht zu kurz und vorrangig an den richtigen Stellen zum Einsatz. Zum Einsatz kommt auch physisch so einiges. Mit Kampfchoreografien von Renata Jocic beweisen sich die Querulanten im Auftrag der Liebe und lassen mehr als einmal den Atem stocken, wenn der Degen um die erhitzten Gemüter pfeift. Aber auch die Open Air Bühne offenbart sich als Blickfang: Wie selbstverständlich wird der Raum sowie das Publikum durch einen Steg geteilt. Auf diesem wird gelaufen, gekämpft, gesprochen und vor allem aus Leibeskräften geliebt. Immer mit der Frage im Hinterkopf, wie weit Gefühle reichen, ob die bedingungslose Selbstaufgabe tatsächlich gegen Oberflächlichkeiten verliert und die wahre Liebe aus reiner Uneigennützigkeit verzichtet.

Mit vollem Körpereinsatz fegen die Darstellenden in alle Richtungen, rütteln an ihren eigenen Grenzen und preschen euphorisch darüber hinaus. Ob ,,Cyrano de Bergerac“ das Stück des Jahres ist sei dahingestellt, dass damit aber die perfekten Voraussetzungen für eine packende Sommernacht geliefert werden, steht außer Frage – der lang anhaltende Applaus des Publikums meldet sich freiwillig, um als Zeuge zu dienen.

Mehr Informationen gibt es hier.

Geächtet

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

Kaum ein Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert wie der Einfluss der Religion auf unsere Gesellschaft. Diesen Satz glauben Sie nicht? Dann stellen Sie sich bitte die Frage weshalb. Denn gerade in der politischen und medialen Debatte wird intensiv, gerade wenn es um die Berichterstattung und Rezeption von Gewalttaten geht der religiöse Hintergrund bewusst hervorgehoben oder verschwiegen. Wobei es hierbei vielmals nur um den Islam geht. In der Berichterstattung wird das Böse gern und häufig in Verbindung mit dem Islam in Verbindung gesetzt. In Deutschland wurde gerade seitens des Generalsekretärs der konervativen CSU wieder gefordert, dass Medien über Herkunft und religiösen Hintergrund der Täter zu berichten haben. Wobei Herr Scheuer sicherlich gerne darüber hinweg sehen wird, wenn bei gefühlt 95 % der Berichten die Angabe „deutscher Christ“ vergessen wird, solange die muslimische Täterschaft erkennbar deklariert wird. Soweit die Mutmaßung.

Deshalb scheint es kaum verwunderlich, dass Amir (Benedikt Greiner), der Protagonist in Ayad Akthars Stück seine religiöse Herkunft möglichst hinter sich lassen möchte. Er hat sogar seinen Nachnamen geändert und gibt als Herkunftsland seiner Familie Indien an, obwohl sein Herkunftsort im heutigen Pakistan liegt. Sein Vater sei jedenfalls noch vor der Neuaufteilung der ehemals britischen Kolonie im damaligen Indien geboren, so seine Argumentation. Er ist der festen Überzeugung, dass all dies notwendig sei um Anerkennung und Erfolg in unserer Gesellschaft zu erlangen. Denn mit muslimischem Hintergrund ist dies nicht so einfach. Der strukturelle Rassismus lässt grüßen. Amir hat dies erkannt und sich angepasst.

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

(c) Lupi Spuma, Schauspielhaus Graz

Zu seinem Unbehagen befasst sich seine Frau Emily jedoch stark mit dem Islam und glorifiziert diesen in seinen Augen durch ihre Kunst. Ihr Kurator ist zudem jüdisch und mit einer ‚Schwarzen‘ verheiratet, die nicht nur zufällig Amirs Arbeitskollegin ist, ihm sogar die erhoffte Teilhaberschaft an der Kanzlei streitig macht. Und so entwickelt sich eine Paarbeziehung, die verstrickter kaum sein kann, bis die Bombe platzt. Eine Information und ein Vorurteil nach dem anderen lassen die Wut in Amir aufsteigen, bis er erkennt, dass all sein Verstellen und Verheimlichen ihm nicht zum erhofften Erfolg führen. Amir wird zu dem Außenseiter, der er nie sein wollte. Er verkörpert den in seinen Augen brutalen Islam bis ins Mark und prügelt seine Frau fast zu Tode, während sein langjähriger Freund Abe sich zunehmend radikalisiert.

Und zum Schluss stellt sich einem die Frage: Wandelt sich Amir derart, weil er Muslim ist? Die Antwort kann nur ein klares und lautes „NEIN!“ sein. Er erlebt den strukturellen Rassismus unserer Gesellschaft. Er erlebt, wie seine Sorgen zudem nicht ernstgenommen werden. Er erlebt zudem, dass seine Frau ihn hintergangen hat. Und letztendlich erlebt er, wie sogar die schwarze Frau eines Juden ihm seinen Traumjob entreisst, obwohl er in seinen Augen viel härter und länger dafür gearbeitet hat. All dies lässt den längst schon brodelnden Vulkan zum Ausbruch bringen. Und dieser Vulkan ist nicht Muslim, dieser Vulkan ist Mensch.

Für das von Ayad Akhtar verfasste Stück erhielt Akhtar 2013 den Pulitzer-Preis für Dramaturgie. Dies in Verbindung mit der rastlosen und abstrahierten Inszenierung Volker Hesses und den großartigen Videoprojektionen ist ein Garant für einen großartigen Theaterabend!

 

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Geächtet läuft seit diesem Monat im Haus EINS des Schauspielhaus Graz. Weitere Informationen zu Stück, Terminen und Tickets erhaltet Ihr unter www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/geaechtet