spleen*graz, Tag eins: Zwischen Aluhut und Holzkoloss

Der erste Tag des spleen*graz verspricht ein Festival voller Höhepunkte. Am Mittwoch wurde das Publikum im Labor untersucht, trat in einen Dialog mit 100 jungen GrazerInnen und durfte einen choreographisch ausgeklügelten Kampf gegen einen Holzblock mitansehen.

Walter F. ist ganz normal. Von Chemtrails und Co. hält er wenig. Doch plötzlich scheinen sich die Aluhüte auf den Köpfen seiner Mitmenschen zu verdichten. Und Walter F. kommt nicht umhin sich zu fragen: Was kann man eigentlich noch glauben? Die Nachwuchsschiene des Festivals spleen*trieb hat für ihre Performance „kennstdudiewahrheit/hieristdiewahrheit.at“ im Theater im Bahnhof beschlossen: Ein kleines bisschen Walter F. könnte in allen von uns stecken. Um jene zu finden, die in besagte Risikogruppe fallen, werden die ZuschauerInnen zu Probanden und müssen einen Test nach dem anderen über sich ergehen lassen.

So interaktiv war Performance nie! Nachdem die anfängliche Schüchternheit überwunden ist, kann man sich dem Bann der jungen DarstellerInnen (die wären: Sarah Frank, Nicolas Galani, Christina Grasser, Nikolas Hansbauer, Dora Hirtler, Linus Nwokeke, Jennifer Zirngast unter der Leitung von Alexander Benke und Antonia Orendi) in ihren Hemden und Schürzen kaum noch entziehen. Einzig die Uhr haben sie wohl übersehen: Mit 40 Minuten mehr Spielzeit als im Programm angekündigt sollte besser kein wichtiger Termin anstehen. Die meisten Probanden werden schlussendlich mit gutem Gewissen wieder in die Welt entlassen, auf die Risikogruppe wartet noch eine horrende Überraschung im Keller.

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spleen*trieb säubert Graz vor Verschwörungstheoretikern

 

Theater soll die Generationen verbinden

Bereits zum siebten Mal seit 2006 wurde das spleen*graz-Festival im Next Liberty feierlich eröffnet. KünstlerInnen aus aller Welt versammeln sich in der Murmetropole, um einen Begegnungsort für Jung und Alt zu schaffen. Die Themen seien jedoch „keine Kinderportionen“, wie Organisator Manfred „Ossi“ Weissensteiner betont. spleen nimmt Jugendtheater ernst und sucht einen Kommunikationskanal zwischen den Generationen. Die Frage „Wie wollen wir alle zusammenleben?“ steht für Organisatorin Hanni Westphal im Fokus.

Doch wie ticken die Kinder und Jugendlichen in Graz eigentlich? Wo wohnen sie, hatten sie schon ihren ersten Kuss, woher kommen sie, wohin gehen sie? Antworten auf diese Fragen illustrieren 100 NachwuchsgrazerInnen in einer 12,2-minütigen Eröffnungsperformance, einem Dialog zwischen dem „Festival“ und ihnen. Und das Publikum liebt’s.

Multitalente gegen den Holzkoloss

Nach der Eröffnung eroberte das französische Quartett Compagnie Arcosm mit ihrer Performance „Bounce!“ die Bühne im Next Liberty. Die Multitalente aus Lyon können nicht nur tanzen, sondern auch singen, schauspielern und musizieren, manchmal sogar alles zur gleichen Zeit. Die Harmonie in ihrem Proberaum wird von einem gigantischen Holzblock zerstört. Sie versuchen alles, um die Quader zu bezwingen – schlagen auf ihn ein, schieben ihn weg, streicheln ihn, bezirzen ihn. Bis sie schließlich gemeinsam über ihn triumphieren.

Quelen Lamouroux, Cloé Vaurillon, Sylvain Robine und Aurélien le Glaunec zeigen in ihrer Performance „Bounce!“ unglaubliche technische Präzision. Da sitzt jeder Tanzschritt, jeder Ton im Gesang sowie auf Violine und Bass, jeder akrobatische Akt. In der Choreographie fließen die Bewegungen auf natürlichste Weise zusammen und integrieren scheinbar mühelose Partnerarbeit und akrobatische Elemente perfekt. Ein Spektakel aus Tanz, Musik und großartig eingesetzten Soundeffekten – und überhaupt ein grandioser Auftakt für das diesjährige spleen-Festival.

Mehr Informationen zu den Stücken sowie Termine finden Sie auf der spleen-Homepage. 

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StückGespräche Runde #3: DU (NORMA)

Die StückGespräche – der Theaterstammtisch im Schauspielhaus Graz in Kooperation mit dem Kulturreferat Graz und Schauspielhaus Aktiv – finden bereits das zweite Semester statt. Dabei besucht die Stammtisch-Gruppe aber nicht nur gemeinsam ein Stück zu ermäßigten Ticketpreisen – als großes Zuckerl gibt’s dazu immer ein Gespräch mit Personen aus der Regie, dem Bühnenbild und/oder dem Ensemble. 

Dieses Mal im Programm: DU (NORMA) von Philipp Löhle.

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StückGespräch zu (DU) NORMA mit dem Ensemble (Clemens Maria Riegler, Sarah Sophia Meyer, Pascal Goffin), moderiert von Timo Staaks (Schauspielhaus Aktiv)

Löhle präsentiert hier seine Prototypenfrau Norma, in deren Leben alles schief geht, was schief gehen kann in einer patriarchalen Weltordnung: Vergewaltigung, Untergrabung der eigenen Identität und Selbstständigkeit und Entmündigung. Schlussendlich wird das ursprünglichste Patriarchatsbild verworfen und umgeschrieben: die Schöpfergeschichte.

Das Ensemble des Abends, bestehend aus Clemens Maria Riegler, Sarah Sophia Meyer, Pascal Goffin und Benedikt Greiner, gewährte im Anschluss an das Stück Einblicke in den Arbeitsprozess mit Regisseur Dominic Friedel:

„Der Regisseur hat uns hier viel Raum gegeben. Er bringt uns in Szenen, in denen wir sein dürfen, wie wir sind.“ – Pascal Goffin

Das Schauspielen sei in Löhles Stück kein Hineinversetzen in andere Charaktere, sondern das Finden der eigenen Persönlichkeit in der Inszenierung. „Es ist viel von uns allen drin und jeder erzählt dabei etwas anderes, ohne, dass es sich im Weg steht“, so Clemens Maria Riegler. Diese Natürlichkeit macht sich auch auf der Bühne bemerkbar – mal irrsinnig komisch, dann wieder überraschend schockierend, nimmt DU (NORMA) das Publikum mit „auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle“ (so ein Zuseher).

Auch das Thema ‚Victim Shaming‘ wurde besprochen – interessant bei Friedels Inszenierung ist dabei, dass es keine fixen Rollenverteilungen gibt – jeder im Ensemble ist mal Norma, auch die große Puppe.

„Jeder von uns ist ein Opfer, genauso, wie die Puppe Opfer ist.“ – Pascal Goffin

Die Konklusion: Erst, wenn die Thematisierung von Gender und Stücke wie DU (NORMA) nicht mehr notwendig sind, kann man von einer gleichberechtigten Welt sprechen. Bis dahin darf man hoffen, dass diese Thematisierung so passiert wie in Friedels Inszenierung von DU (NORMA).

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Dieses Semester waren bereits FAUST :: MEIN BRUSTKORB :: MEIN HELM sowie AM BODEN im Rahmen der StückGespräche zu sehen, die nächste geplante Vorstellung ist Thomas Manns ZAUBERBERG am 20. Jänner (Anmeldungen bis spätestens 12. Jänner). Mehr Infos zu Anmeldung und Ablauf gibt’s hier.

Die Freiheit, ein Menschenrecht?

Für die Performance „Sicherheit statt Freiheit? Graz und die Menschenrechte 2“ hat Clemens Bechtel ein Rechercheprojekt in den Grazer Justizvollzugsanstalten Jakomini und Karlau umgesetzt.

Stille. An einer Galerie stehen die BesucherInnen aufgereiht und blicken auf die Installation aus Gitterstangen und Plastikfolien hinab, die an ein Gefängnis erinnert. Ein bedrückender und minimalistischer Raum, in dem eine männliche Gestalt entkräftet umherirrt.

Sukzessive wird das Publikum in die Installation geführt. Jede/r bekommt einen kleinen schwarzen Hocker mitten im Bühnenraum zugewiesen. Von der Begleitung wird man getrennt; von den DarstellerInnen mit eiskaltem Blick flankiert. Und wieder, Stille.

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Was passiert mit einem Menschen, wenn er oder sie der Freiheit beraubt wird? (Foto: Lupi Spuma)

Entführung aus dem Alltag

Zurück zum Anfang: Im Bus fahren die ZuschauerInnen vom Schauspielhaus bis zum Schaumbad Graz, einem freien Atelierhaus mitten im Industriegebiet. Mit Kopfhörern lauscht man einer Erzählung von Michel Foucault. Es ist, als würde man in einer kleinen Blase durch die Stadt schweben – die gewohnten Geräusche sind ausgeblendet und durch die Geschichte über eine grausame Hinrichtung ersetzt. Der Anblick der Justizvollzugsanstalt Karlau rückt mit einer Geschichte eines Insassen im Ohr in ein noch bedrohlicheres Licht – bis man schließlich selbst ankommt und in den performativen Käfig hinabsteigt.

Worte – Fragen – Freiheit

Nacheinander lesen die SchauspielerInnen (Oliver Chomik, Gideon Moaz, Patrick Schlegel, Tamara Semzov, Heiko Senst, Silvana Veit) Fragmente aus den Interviews mit Häftlingen und Bediensteten vor. Sie erwecken banale Fragen zum Leben, die man sich in Freiheit nie stellen würde: Was nimmt man eigentlich mit ins Gefängnis? Wie dekoriert man sein Zimmer?

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Tamara Semzov liest Interviews von Häftlingen. (Foto: Lupi Spuma)

Aber auch Ernstere werden gestellt: Wie alt wird mein Kind sein, wenn ich rauskomme? Wer trägt wie viel Schuld? Ist das System restriktiv genug? Ist es überhaupt möglich, wieder in die Freiheit und in ein normales Leben zurückzukehren, nachdem man in diesem Maße entmündigt wurde?

„Er verlor nicht nur die Freiheit, sondern auch die Ehre. Er verlor das Ich.“

Die Worte der DarstellerInnen laufen im Endeffekt auf eine zentrale Frage hinaus: Ist die Freiheit ein Menschenrecht? Ein beeindruckendes Rechercheprojekt, das künstlerisch fein umgesetzt wurde und eine Problematik in den Fokus rückt, die oft beiseitegeschoben wird.

Mehr Informationen gibt es HIER.