Ein alter Mann erinnert sich

Ernst M. Binder bringt Peter Handkes autobiographisch angehauchte Erzählung „Kindergeschichte“ auf die Bühne und lädt zu einem Abend gefüllt mit schonungsloser Offenheit.

Ein außergewöhnlicher Anblick: Der sonst als Regisseur bekannte Heinz Trenczak betritt barfuß die Bühne und nimmt die Position des Erzählers ein. Auf einer Parkbank sitzend und sein Butterbrot essend, wird er dem Publikum für die nächsten 65 Minuten eine Geschichte anvertrauen – Peter Handkes „Kindergeschichte“.

Es geht um einen Vater und sein namenloses Kind, dessen ersten zehn Lebensjahre sie miteinander verbringen. Ohne Mutter, dafür in einem anderen Land, sieht der Vater dem Kind beim Aufwachsen zu und wächst dabei, Stück für Stück, ein wenig mit. Unbeschönigt schildert er einen Lebensabschnitt, der von Krisen und Wutausbrüchen, aber auch von Zuneigung und bedingungsloser Liebe geprägt ist. Auch die schmerzhafte Gespaltenheit, die eine Kindheit in einem fremden Sprachraum mit sich bringt, wird hierbei nicht ausgespart.

Wir sehen einen alten Mann, der sich erinnert. Er erzählt nicht nur eine Geschichte vom Kindsein, sondern auch eine Geschichte über das Mensch-Werden. (Ernst M. Binder)

Alles in allem erwartet die Zuschauerschaft eine eindringliche Bühnenumsetzung, was nicht zuletzt an Heinz Trenczak liegt, der verstanden hat, wie man einen Raum mit bloßen Worten füllt. Die Inszenierung kommt ohne großem Schnickschnack aus und überzeugt durch eine geradlinige, aber dennoch bedeutungsschwere Ausdrucksweise. „Kindergeschichte“ ist ein auffallend ehrlicher Text, der sich mit einer tiefgehenden Thematik beschäftigt und einen stellenweise zurückwirft, um über die eigene Kindheit zu reflektieren. Einfach, schlicht sehr persönlich!

© 2015 Christoph Trummer

© 2015 Christoph Trummer

„Kindergeschichte“ von Peter Handke mit Heinz Trenczak als Erzähler, gibt es noch bis Ende November im „dramagraz“ zu sehen. Weitere Informationen finden Sie unter: http://dramagraz.mur.at/dramagraz/index.php?menue=start

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Immer noch Sturm

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© Lupi Spuma

Im Vorwort zur „Braut von Messina“ schreibt Schiller, es gäbe in der Kunst „keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken.“ Ein Theaterstück müsse den Kern des Problems auf den Punkt treffen, und in der Tat: Obgleich der „Don Carlos“ zu den umfangreichsten Dramen der deutschsprachigen Literatur gehört, entbehrt er jeglichen Bedarfs, um nur ein einziges Wort gekürzt zu werden.

Wir reden hier über Handke, nicht Schiller, und es ist mit Sicherheit kein Akt der Gerechtigkeit, welchen Schriftsteller auch immer gegen ein Genie auszuspielen. Dennoch: Wer drei Stunden Spielzeit bietet, muss drei Stunden etwas zu sagen haben.

Wenn sich aber die Botschaft eines Stückes über weite Strecke auf wieder- und wiederkehrende Muster und Motive stützt, und es sich zudem um Muster und Motive autobiographisch-historischer Natur handelt, muss es erlaubt sein, die schüchterne Frage zu stellen: Für wen ist dieses Stück geschrieben?

Die Qualität von Literatur begründet sich nicht zuletzt in ihrer Doppelbödigkeit, und gerade diese lässt Handke in seinem 2010 veröffentlichten Stück „Immer noch Sturm“ vermissen. Aktuelle Bezüge (kulminierend in dem Ausspruch „We don’t speak Yugoslavian! This is Austria!“) kommen zu kurz. Ist es Aufgabe der Literatur, als Geschichtsvermittlung zu fungieren? Mitnichten. Und dennoch wäre es falsch, zu behaupten, Handke bewege sich ausschließlich innerhalb der Grenzen einer ortsgeschichtlichen Problematik. Was Handke sucht, ist (wie bereits in voraus gegangenen Stücken) der Dialog mit der Vergangenheit, allen voran die Aufarbeitung des Konflikts zwischen den Generationen. Und gerade an diesem Punkt versteht es Regisseur und Bühnenbildner Michael Simon glänzend, das Familienproblem Handke zur Allgemeinheit zu erheben, indem er sich des Verfremdungseffektes bedient, die agierenden Figuren ihrer identitätsstiftenden Gesichter zu entledigen und zu maskierten Puppengestalten zu transformieren. Eindrucksvoll gelingt es Simon – durch musikalische Einlagen (die bereits vor Beginn der Vorstellung für Atmosphäre sorgen), eine hervorragende schauspielerische Besetzung, als auch die Einbeziehung gebürtiger SlowenInnen in der zweiten Hälfte – die ZuschauerInnen in ein zwiespältiges Ambiente vergangener Tage zu entführen. Doch eben weil sie vergangen sind, fragt sich, ob sie genug Brisanz besitzen, heute noch zu bewegen. In Anbetracht einer bemühten, aber zu umfangreichen Vorstellung samt verlassenen Plätzen nach viertelstündiger Pause, neige ich dazu, diese Frage – in Bezug auf Peter Handke – zu verneinen.

Weitere Informationen auf der Homepage des Schauspielhauses Graz: http://www.schauspielhaus-graz.com/schauspielhaus/stuecke/stuecke_genau.php?id=17817

Immer noch Sturm

Handkes persönlichstes Stück im Schauspielhaus Graz

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© Lupi Spuma

Peter Handkes teilweise autobiographisch angelehntes Werk „Immer noch Sturm“ wurde vor kurzem am Grazer Schauspielhaus, unter der Regie von Michael Simon, uraufgeführt. Wir waren exklusiv für euch bei der Vorstellung am 26.Februar mit dabei.

Zunächst wurde dem Publikum vor Vorstellungsbeginn eine Einführung zum Stück von Chefdramaturgin Heike Müller-Merten als Hilfestellung angeboten, welche vom Großteil des Publikums auch in Anspruch genommen wurde. Bei „Immer noch Sturm“ handelt es sich um ein Epos in Lesetextform über Handkes Familie mütterlicherseits, die zur  slowenischsprachigen Volksgruppe Kärntens angehörte. Handke verwendet für seine Charaktere wahrheitsgetreue Elemente aus seiner Familiengeschichte und vermischt diese mit fiktiven Komponenten. Das Stück spielt während des Zweiten Weltkriegs und der Schauplatz ist das Jaunfeld auf dem sich der Bauernhof der Familie befindet. Dort leben Handkes Großeltern mit ihren fünf Kindern: Handkes Mutter sowie ihrer Schwester Ursula und ihren drei Brüdern. Während zwei Brüder an der Front fallen, schließen sich Ursula und Georg den Partisanen an, einer slowenischen Widerstandsbewegung gegen die Nationalsozialisten. Sowohl im echten Leben, als auch im Stück bekommt Peter Handkes Mutter ein uneheliches Kind von einem Deutschen – Handke selbst, den Bastard des Feindes.

Gespielt von Christoph Rothenbuchner, trägt das Alter Ego des jungen Peter Handke blondes Haar und Brille und schlüpft abwechselnd in die Rolle des Ich-Erzählers und des Kommentators des Geschehens.  Das „Ich“ lässt sich unter einem Apfelbaum, der als wiederkehrendes Motiv und Paradiessymbol in der Geschichte auftaucht, die Vergangenheit aus der Perspektive seiner Vorfahren erzählen.

Die dreistündige Aufführung wurde in 5 Akte geteilt, in denen chronologisch die Geschichte von der Vorkriegszeit bis zur Befreiung beschrieben wird. Wie zu erwarten wurde von Regisseur Simon, der auch Bühnenbildner ist, ein beeindruckendes Set für das Schauspiel geschaffen. Begonnen wird mit einer musikalischen Einlage auf der Rampe, die fast komplett mit Requisiten eingedeckt wurde. Später wird der Vorhang gelüftet und eine Wand, die plakativ mit deutschen und slowenischen Wörtern bemalt wurde, kommt zum Vorschein. Im weiteren Laufe der Geschichte wird das Bühnenbild öfter umgebaut und auf mannigfaltigste Art eingesetzt – sogar als Massengrab. Des Öfteren wird auch mit Lichteffekten gespielt, die je nach Bedarf den Charakter in den Mittelpunkt stellen oder lediglich seinen Schatten sichtbar machen.

Abgesehen von den professionellen Schauspielern wurden auch Laien als Statisten eingesetzt. Diese werden wie Marionetten von den Schauspielern gesteuert und lassen sich stumm führen. Selbst ihre Gesichter werden teilweise durch überdimensionale Puppenköpfe verdeckt. Leider wirkt dieser Verfremdungseffekt nicht nur skurril, sondern es fällt den Zuschauern schwer eine emotionale Verbindung zum Charakter aufzubauen. Eventuell wäre eine andere Art die Statisten aktiv im Stück zu integrieren vorteilhafter gewesen.

Trotz des Einsatzes von musikalischer Untermalung, aufwändigen Bühnenbildwechseln und kurioser Requisiten, zog sich die Darstellung stellenweise aufgrund der langwierigen Dialoge, die zum Teil etwas affektiert und hölzern wirkten. Vor allem die Inszenierung der Statisten wirkt eher störend, als dass sie das Stück bereichern würde. Alles in allem, konnte „Immer noch Sturm“ jedoch durch viele eindrucksvolle Darstellungen und eine imposante Kulisse bestechen.