Ein Leben als Rückwärts-Krimi

Im Haus Zwei des Schauspielhaus‘ Graz laufen die Uhren bei „Pfeil der Zeit“ rückwärts – das Stück nach dem Roman von Martin Amis erzählt einen biografischen Krimi, dem das dunkelste Kapitel der Geschichte zugrunde liegt. Regisseurin Blanka Rádóczy schafft mit einem Top-Ensemble einen intensiven Abend.

Wer ist dieser Todd Friendly, der sich die Hände abtrocknet, bevor er sie wäscht und Essen in den Supermarkt bringt, um es gegen Bargeld einzutauschen? Ein ganz normaler alter Mann mit starrem Blick, zunächst verkörpert von Franz Solar – und einer inneren Stimme, die in Form von Raphael Muff, Tamara Semzov und Nico Link auf Plastikstühlen im Krankenhaus-Ambiente auf der linken Bühnenseite sitzt.

So wenig man über diesen Mann weiß, so schnell merkt man, dass etwas nicht stimmt mit ihm: Wenn die Szenen wechseln wird es dunkel, die Neonröhren flackern, im Hintergrund schreit ein Baby – zu laut, zu lang sind die Sequenzen.

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Tamara Semzov, Nico Link (li.) und Raphael Muff. Fotos: (c) Lupi Spuma (2)

 

Den Auslöser für die Konsequenz muss man aber abwarten: Todd lebt nämlich von Tod bis Geburt, von hinten nach vorne, spült die Toilette bevor er sie benutzt und steckt im Garten Unkraut in die Erde. Als Arzt pflanzt er Föten in Frauenkörper ein. Das Stück bekommt dadurch Krimi-Struktur: Das Hirn will eben immer wissen, wo die Konsequenz herkommt, um die gegenwärtige Situation zu erklären. Das kann schon mal überfordernd sein, zumal man jede Handlung gedanklich umdrehen muss.

Gar nicht freundlich, dieser Todd

Das dunkle Kapitel von Todd Friendly (oder einer seiner vieler Identitäten) entpuppt sich schließlich als alles andere als freundlich: In Auschwitz hat er Juden aus den Flammen erschaffen, war in den Ghettos und auf Schloss Hartheim. Beklemmend emotionslos erzählt das Ensemble von den Verbrechen – die hier Erschaffung, Wiederbelebung sind.

Wie erzählt man diese Verbrechen, die eigentlich zu schrecklich sind, um erzählt zu werden? Wie meine weise Begleitung es beim Nachgespräch in der Theaterbar so treffend formulierte: „Vielleicht muss es so erzählt werden, damit man es überhaupt erzählen kann. Die Details wären anders herum nicht auszuhalten.“ Regisseurin Blanka Rádóczy und das Ensemble haben mit „Pfeil der Zeit“ jedenfalls eine ziemlich gute Möglichkeit des Erzählens gefunden.

Infos und Karten gibt es hier!

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