(c) Clemens Nestroy

Wer gewinnt im Weltraum-Labyrinth?

Das Planetenparty Prinzip, Theater am Ortweinplatz und Regisseur Simon Windisch haben mit „Das Space Maze Game“ ein Mammutprojekt erschaffen, das seinesgleichen sucht. Das ultimative Mitmachtheater – und kein bisschen schrecklich!

Alles, was hier im Titel steckt, stimmt tatsächlich: Das Publikum betritt das TaO! und damit ein Raumschiff. Die Menschen auf diesem Generationenschiff sind verschwunden, menschenähnliche Klone sollen einen neuen Planeten bald bevölkern – es sind Fragen nach dem Bewahren und Verwerfen, nach Werten und Kulturtechniken, die man sich hier stellen muss.

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Foto: (c) Clemens Nestroy (2)

 

So bekommt jede*r Zuschauer*in – oder besser gesagt: jeder Klon – eine Nummer und einen Datenstecker zugewiesen. Die fünf Teamleiter*innen (Victoria Fux, Nora Winkler, Moritz Ostanek, Alexander Benke, Carmen Schabler) führen in das riesige Space-Labyrinth – wobei wir bei „Maze“ wären. Nicht nur die Bühne des TaO!, sondern das gesamte Haus hat Bühnenbildnerin Leonie Bramberger zu einem kunterbunten futuristischen Paralleluniversum gemacht.

Videospiel im Theaterkostüm

Und dann wird gespielt. Es ist ja immerhin ein „Game“: Punkte können sich die Klone mit verschiedenen Aufgaben verdienen. Wer das pinke kuschelige Viech spazieren führt oder mit der muskulösen Fitnesstrainerin eine Runde joggt, erhält 100 Daten. Manchmal muss man sich durch drei, vier verworrene Stationen kämpfen, um eine Aufgabe zu erfüllen.

Das Unglaubliche daran ist, dass das Space Maze Game tatsächlich funktioniert. Die Software, die dafür von Christina Pagger entwickelt wurde, zählt den Punktestand mit und überträgt ihn auf eine Besten-Liste an der Kontrollbrücke. Die schiere Dimension des Space Maze, die detaillierten Kostüme und Räume, die ausgearbeiteten Rollen der einzelnen Charaktere mit bunten Gesichtern – all das hinterlässt mächtig Eindruck. Bei über drei Stunden Spielzeit keine Langeweile aufkommen zu lassen und gleichzeitig zu fragen, wie eine Gesellschaft entsteht und was von heute bleiben wird – eine Leistung, die ihresgleichen sucht.

Weitere Infos und Tickets hier.

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Es ist aufgerüstet!

Die Apokalypse naht, auf jeden Fall wenn es nach dem Planetenparty Prinzip unter der Regie von Simon Windisch geht. In ihrer Performance „Aufrüsten“, die in Graz für zwei Vorstellungen wiederaufgenommen wurde, zeigen sie einen Streifzug durch die Sonderheiten der SchwarzmalerInnen und Aluhut-TrägerInnen.

Die eigene Verteidigung sei geübt! Und die drei jungen Frauen Nora Köhler, Miriam Schmid und Nora Winkler üben nur allzu fleißig. Schießen, Waffen abnehmen, Verletzte bergen – all das geben sie gleich zu Anfang ihrer Performance zum Besten. Bis eine tatsächlich eine schwarze Pistole zückt. Ein Anblick, der in behüteten mitteleuropäischen Augen doch etwas Unbehagen auslöst. Das hat sich allerdings schon zu Anfang breitgemacht hat, als am Eingang des Combinesch Schutzbrillen gereicht und gesagt wurde, man solle zur eigenen Sicherheit ruhig Haube und Schal auflassen. Zum Glück sind die Waffen bloß mit Plastikkugeln gefüllt, wie man sie von Dorf-Kirtagen kennt.

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(c) Mike Traussnigg (2)

Bald ist die erste Trainingseinheit vorbei und die drei Kämpferinnen finden sich auf Campinghockern wieder – alles deutet auf ein Survival-Camp hin. Sie essen ganz unschuldig Nussstrudel, fangen aber bald an, über das Überleben im Falle der Apokalypse zu philosophieren. Welche Menschen bleiben auf der Strecke, wen rettet man, wen lässt man (natürlich zur eigenen Sicherheit) verrecken? Wie kommt man am schnellsten aus der Stadt raus? Das und mehr fragt sich Nora Winkler, und zwar auf eine humoristisch-übertriebene Weise, die ihr das Publikum mit viel Lachen dankt. Die verunsicherte Nora Köhler gibt währenddessen eine Kaufempfehlung nach der anderen für ihre Survival-Kits und -Messer ab; Miriam Schmid informiert genauestens über die richtigen Waffen. Unterlegt wird das Ganze mit umgetexteten Songs von Victoria Fux am Keyboard und vielen pointierten Seitenhieben auf jene, die das Gespielte wirklich ernst meinen.

Das furiose Finale: George W. Bush, Hitler und Kim Jong Un müssen auf kleinen Bildchen am Schießstand dran glauben, ein Banner mit der Aufschrift „Chemtrails gehen uns alle was an“ flattert über die Köpfe des Publikums – und Nora Köhler verschwindet mit ihrer Tarnung in der Wand. Ob es nun ein Bürgerkrieg oder ein andersartiger Weltuntergang sein wird – das Planetenparty Prinzip ist (auf)gerüstet und das Publikum prächtig unterhalten.

Über unmögliche Kommunikation und toxische Gespräche

Das Performance-Kollektiv „Das Planetenparty Prinzip“ entlarvt in „Klugscheißer“ eine von Besserwisserei geprägte Gesprächskultur und das Scheitern menschlicher Kommunikation, paradoxerweise eingebettet in einen gemütlichen Rahmen, der genau dazu einlädt.

Medias in res: In der Grazer Pizzeria contra punto wird heiter getratscht, bis das Publikum verstummt und alleinig Alexandra Schmidts Anekdote über einen Rülps-Unfall in der Schule im Raum stehen bleibt. Alle Aufmerksamkeit ist nun auf den zentralen Tisch gerichtet, an dem die vier jungen SchauspielerInnen (neben Schmidt Leonie Bramberger, Moritz Ostanek und David Valentek) mit allerlei alkoholischen Getränken und Cola zusammensitzen.

Wieso aber einen Abend damit verbringen, vier jungen Leuten beim Tratschen über peinliche Jugenderlebnisse, Sandstände und Café Latte zuzuhören? Wäre die Zeit nicht bei einem Treffen mit den eigenen FreundInnen besser investiert? Was in den ersten Minuten als hohles Gespräch anmutet, zeigt bald, dass es weit mehr ist: Eine punktgenaue Performance über das Scheitern von Kommunikation nämlich; über Manipulation und tiefgehende Konflikte, die kreativ herausgearbeitet und von den DarstellerInnen sauber umgesetzt wurde.

Vom Hundertsten ins Tausendste

Wo kann man billiger einkaufen, bei Spar oder Billa? Wer hat die besseren veganen Produkte? Was hat es überhaupt mit dem veganen Essen auf sich? Von Fragen wie diesen bahnt sich der Weg zu jenen des gesunden Menschenverstandes, zur Tradition, zur Intimrasur und zu Germany’s Next Topmodel. Anstatt vernünftig zu diskutieren, wird schnell klar, dass jede/r der Vier auf einer konträren Meinung beharrt. Da werden von allen Seiten Studien zitiert, Fakten auf den Tisch geknallt – nicht umsonst trägt das Stück den Namen „Klugscheißer“.

 „So eine Sendung wie Germany’s Next Topmodel kann ich mir total reflektiert anschauen!“ (Alexandra Schmidt)

Und über Umwege geht es weiter zur amerikanischen Politik:

„Den Trump hätt ich am liebsten schon fünf Mal umgedreht.“ (Leonie Bramberger)

Sobald es jemandem zu viel wird, haut er oder sie einfach kurz ab – entweder nach draußen um eine zu rauchen, oder in die Toilette, denn dort wartet Alexander Benke als Oberkellner verkleidet. Wie er die DarstellerInnen mit Teddybär-Umarmungen oder Kondomen versorgt, wird per Video übertragen.

Mit einem pointierten wie auch komischen Schluss entlassen sie das Publikum in einen (hoffentlich) gesprächigen Abend. Die Performance des Planetenparty Prinzips und Regisseurin Victoria Fux ist es definitiv wert, eine Stunde aufs Tratschen zu verzichten und den Worten der jungen SchaupielerInnen zu lauschen.

Weitere Infos und Termine unter: http://planetenparty.at/produktionen/klugscheisser/