Gefühle zum Hören

Am 4. Mai ist König Roger zum letzten Mal in der Grazer Erstaufführung zu sehen. Die Oper von Karol Szymanowski lebt von phantastischen Klangsphären, einer ausgezeichneten Besetzung und einigen starken Bildern, welche die Inszenierung von Holger Müller-Brandes zu setzen weiß.

Die Handlung der 1926 uraufgeführten Oper klingt recht banal: Eines Tages kommt ein fremder Hirte an den sizilianischen Hof. König Roger II. lässt ihn entgegen der Forderung seines aufgeregten Volkes nicht hinrichten. Vielmehr erliegt er dem charismatischen, von Liebe predigendem Visionär und folgt ihm, wie schon seine Frau Roxane zuvor, um sich letztlich selbst kennenzulernen. Was die Spielzeit von eindreiviertel Stunden dennoch zu einem Erlebnis macht, ist vor allem die facettenreiche Musik. Zwar strotzt sie nicht unbedingt vor eingängigen Melodien, fesselt den Hörer aber umso mehr durch klanggewordene Gefühle, von drohender Vorahnung bis zu seliger Verzückung. Genial in Bewegung übersetzt wird dies in der Choreographie von Ballettdirektorin Beate Vollack.

Die Inszenierung trägt der kaum fassbaren, mystischen Musik Rechnung: Lediglich ein übermenschengroßes Holzkreuz und ein seltsam glimmendes Wasserbecken konstituieren den Königshof.  Letzteres durchlebt eine Wandlung zu einem imposanten Bildstock, der die christliche Orientierung in den Vordergrund hebt: Die arabischen und dionysischen Elemente bleiben ohne konkrete Symbolik, der intendierte Kulturenschmelztiegel wird kaum ausgestaltet. Auch Rogers Homosexualität kann der Zuschauer nur erahnen – überhaupt hat er einiges an interpretatorischer Eigenleistung zu vollbringen, will er dem Stück einen Sinn geben.

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© Werner Kmetitsch

Einfach genießen kann man die musikalische Darbietung. Andrzej Lampert verführt als Hirte mit weichem, goldenen Tenorsound, Bariton Markus Butter füllt die Hauptrolle sowohl gesanglich als auch darstellerisch voll aus, während Aurelia Florian die Roxane als dezente, aber dennoch starke Königin verkörpert. In Manuel von Senden als Edrisi findet Roger den idealen Begleiter und ruhigen sicheren Berater. Auch der Chor offeriert nicht nur gewohnt kräftige Töne, sondern auch außergewöhnlich zarte und bezaubernde Stellen, noch intensiviert von der Singschul‘. Robin Engelen führt das Orchester akkurat durch die ganze Bandbreite musikalischer Ausdrucksformen.

Manche Regieidee bleibt vielleicht etwas nebulös, dafür gibt die Inszenierung umso mehr Raum für persönliche Annäherungen an Themen wie Unsicherheit, Sehnsucht und Aufbruch. Wer bereit ist, sich auf eine emotionale Reise zu begeben und Szymanowskis differenziertes Klanguniversum auf sich wirken zu lassen, sollte sich die letzte Aufführung dieses selten gespielten Schmankerls nicht entgehen lassen.

Informationen gibt es hier.

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(c) Werner Kmetitsch

Goldschatz wiederentdeckt

Ein Bühnenerlebnis von seltener Intensität und tiefer Berührungskraft ist Regisseur Holger Müller-​Brandes und Dirigent Roland Kluttig an der Oper Graz mit „König Roger“ von Karol Szymanowski gelungen. Das sollte man nicht verpassen – auch, weil die polnische Oper viel zu selten gespielt wird.

Wenn man nach nur eineinhalb Stunden „Król Roger“ die Oper Graz wieder verlässt, scheint momentan nichts stutziger als das Faktum, dass es sich hier, im Jahr 2019, über 90 Jahre nach der Uraufführung, um die zweite (!) österreichische Inszenierung handelt. Ich werde das an dieser Stelle als ein Verbrechen der Kanonisierung bezeichnen. Denn Szymanowskis Oper trägt eine so tiefgehende Tragik, so feine Symbolik und so übermannende Kraft in sich, dass man nur staunen kann.

Dem vorhandenen Material wird man in Graz noch dazu mehr als gerecht. Die Philharmoniker schmettern mit Kraft und gleichermaßen Kontrolle die Musik zwischen Moderne und Spätromantik aus dem Orchestergraben. Durch Dirigent Roland Kluttig entsteht ein von vorne bis hinten durchgängiges Klangkonzept, changierend zwischen Dunkelheit, Ekstase und Zärtlichkeit, das nicht zuletzt den Sänger*innen eine wunderbare Grundlage bietet.

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Der lettische Einspringer Valdis Jansons findet sich als König Roger stimmlich gut zurecht, trägt aber in Sachen Schauspiel oftmals ein wenig zu dick auf. Anders seine Kolleg*innen: Aurelia Florian als Roxane verzaubert mit ihrem vollen, dramatischen Sopran, Andrzej Lampert als Hirte passt nicht nur stimmlich perfekt in die Inszenierung, Manuel von Senden als Berater Endrisi komplettiert das Bild mit ruhigen Ratschlägen.

Großartig wird „König Roger“ aber vor allem durch den starken Chor und die Singschul‘, allesamt monoton in schwarzen, geraden Anzügen und Kutten gekleidet. Wenn sie zu Beginn langsam über den Hügel auf der schrägen Bühne kriechen und schließlich zum ersten Mal singen – ein Gänsehaut-Moment. Das Ballett, als einziges bunt kostümiert in einer sonst von dunkeln Tönen und Goldelementen geprägten Welt, spiegelt die Innenwelt der Charaktere, mal zuckend, mal sich wälzend, mal in der Luft, mal am Boden. Hier ist etwas Großes gelungen.

Details und Termine hier.