Verrückte Liebe (Martha – Premiere)

Bild: Anna Brull (Nancy), Ilker Arcayürek (Lyonel), Peter Kellner (Plumkett), Kim-Lillian Strebel (Lady Harriet Durham) © Werner Kmetitsch

Die romantisch-komische Oper „Martha“ von Friedrich von Flotow hat nach fast 40 Jahren wieder den Weg auf die Bühne der Grazer Oper gefunden und zeigt, dass der Schabernack einer gelangweilten Lady ernsthafte Folgen haben kann. Ein verrücktes Spiel mit den Gefühlen Lyonels beginnt, der nicht nur sein Herz an eine vermeintliche Magd verliert, sondern auch fast seinen Verstand.

Ein weißer, kahler Raum, nur mit dem Nötigsten eingerichtet und von der Außenwelt abgeriegelt. So hausen die Insassen in der Londoner Nervenheilanstalt im Jahr 1748. Das Bühnenbild (von Ulrike Reinhard) beeindruckt durch Tiefe und Details und verkörpert die ausweglose Situation der Menschen. Eine kurze Balletteinlage zu Beginn verstärkt die Wirkung des Wahnsinns, der allgegenwärtig ist. Besonders das Kellerverlies, das sich aus dem Boden auftut, macht das Bühnenbild zu etwas Besonderem. Hervorragend ergänzen Maske und Kostüme (von Daria Kornysheva) die Szenen und verstärken den Effekt des Wahnsinns: Die Insassen mit gerupftem, zerzaustem Haar und abgetragenem weißen Nachtgewand und der Adel mit pompösen, obszönen Ballkleidern und großen, hohen Perücken.

Ja, wahrlich verrückt geht es auf der Bühne zu! Nicht nur in der Nervenheilanstalt mit deren Insassen, sondern auch im Palast, denn dort verzückt ein Affe mit rosa Schleife die Damen in Tüll und Seide. Das Element des Verrückten scheint das zu sein, das die sehr konträren Stände gemeinsam haben.

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Anna Brull (Nancy), Kim-Lillian Strebel (Lady Harriet Durham), Damenchor und Statisterie der Oper Graz
© Werner Kmetitsch

Lady Harriet (gespielt von Kim-Lillian Strebel) ist vom Hofleben gelangweilt und präsentiert sich mit ihrer Vertrauten Nancy (gespielt von Anna Brull) gemeinsam auf dem Gesindemarkt als vermeintliche Mägde. Lyonel und Plumkett sind von den zwei Damen angetan und wollen sie einstellen. Im Scherz verpflichten sich die Ladys für ein Jahr, realisieren jedoch bald, dass dieser Spaß mit Arbeit verbunden ist. Lyonel verliebt sich schlagartig in Lady Harriet, die sich als Martha ausgibt, und Plumkett ist von Julia, die eigentlich Nancy heißt, angetan. Tristan, Harriets Cousin, befreit die zwei Hofdamen in der ersten Nacht, jedoch machen sich Lyonel und Plumkett auf die Suche nach ihren gestohlen Mägden. Als Lyonel Harriet antrifft, fürchtet die Lady ihr Ansehen zu verlieren und erklärt Lyonel für verrückt und lässt ihn verhaften. Als sich herausstellt, dass Lyonel adeliger Abstimmung ist, geht Harriet auf ihn zu, erfährt aber seine Ablehnung. Im letzten Akt erscheinen die beiden Ladies wieder als Mägde verkleidet und Harriet erklärt Lyonel, dass sie wieder gerne seine Magd werde.

Das Stück beeindruckt durch Bühnenbild und Kostüm, jedoch war der eingestreute Witz umgeben von einigen, etwas fadisierenden Momenten. Der Gesang im Gegenteil war durchgehend hervorragend klar und verständlich und wurde solide vom Orchester begleitet.

Vorstellungen noch bis April 2019 in der Grazer Oper.

Tickets: hier.

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Julia Gräfner als Mose (c) Lupi Spuma

Im Höllentempo durch das Alte Testament

Das Projekt „Altes Testament – Aus dem Tagebuch der Menschheit“ von Volker Hesse beendet die unter dem Themenkreis „Religion“ stehende Spielzeit 2017/18 am Haus eins. Eine Inszenierung, so monumental wie die Epen aus ihrer Textvorlage, aber nicht gerade provokant.

Tiefstapeln ist nichts für das Schauspielhaus und Regisseur Volker Hesse. Als Abschluss für die Spielzeit unter dem Motto „Religion“ haben sie sich nichts Geringerem angenommen als dem wahrscheinlich monumentalsten Text der Menschheitsgeschichte: dem Alten Testament. Auf ihm fußen die Religionen von Abermillionen Menschen und die Kulturgeschichte der halben Weltkugel. Kann man dem überhaupt gerecht werden?

Regisseur Hesse und Dramaturgin Karla Mäder haben sich zwei Jahre lang mit dem Stoff auseinandergesetzt, zwölf Schauspieler in jeweils bis zu fünf Rollen gesteckt, fünf Musiker (Markus Sepperer, Ivan Trenev, Dominic Pessl, Rafał Zalech und Reinhard Zeigerhofer; Komposition und Leitung: Bojan Vuletić) engagiert, eine Videofirma (rocafilm) beauftragt und das Haus eins zum einheitlichen Bühnenraum umgebaut (Bühne und Kostüme: Stephan Mannteuffel), der über drei Stunden lang bespielt wird. Das Rückgrat, auf dem diese Inszenierung lastet, ist das Ensemble: Gerhard Balluch gibt einen genialen Abraham, das dynamische Duo Pascal Goffin/Benedikt Greiner kämpft als Kain und Abel über den Köpfen des Publikums, Florian Köhler erzeugt als Esau mit seinem Mund die wunderlichsten Geräusche und avanciert im zweiten Akt zum Sänger und Gitarristen.

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Bühne und Zuschauerraum verschmelzen zu einem. (c) Lupi Spuma (3)

 

Was dabei herauskommt? Ein Spektakel, das sich anekdotisch mit Höllentempo durch das Alte Testament kämpft. Fast so, als würde man auf einer Autobahn daran vorbeirasen. Die gepolsterten Sessel bleiben dem Publikum diesmal verwehrt – zuerst heißt es stehen, später dienen Papphocker als Sitzgelegenheiten. Belohnt wird man dafür mit atmosphärischen Momenten, in denen eine Zusammenkunft von Spielenden und Bespielten spürbar wird. Zum Beispiel wenn die Drehbühne zur Arche wird und der Sintflut-Regen von oben auf das Publikum prasselt (Entwarnung: Man bleibt trotzdem trocken). Oder am Ende des ersten Aktes, wenn man für die zehrenden mehr als zwei Stunden mit großartiger Musik, Wein oder Wasser und Brot belohnt wird.

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Spektakulär inszeniert, ja, aber schafft es Hesse, das Alte Testament ins Jetzt zu katapultieren? Irgendwo zwischen allzu plakativem Gegenwartsbezug und konservativem Erzählen bleibt die Inszenierung stecken. Nicht selten schellen die Sexismus-Alarmglocken im Kopf: Der „Mensch“ soll der „Herr“ des „Weibes“ sein, unzählige Söhne, aber keine Töchter werden geboren und so weiter. Um diesen Motiven zu entgegnen reicht es leider nicht, Maximiliane Haß zum Isaak, Mercy Dorcas Otieno zum Pharao und Julia Gräfner zum bärtigen, stotternden Mose zu machen. Die körperbetonte Tanzperformance zum Anfang des zweiten Aktes ist zwar schön anzusehen und sprudelt vor Energie – den Zweck der Provokation verfehlt sie aber. So wie die Projektionen auf den weißen Segeln rund um den Bühnenraum, die das Stück mit aktuellen Nahost-Bezügen vollstopfen. Löblich jedoch ist, dass Hesse nicht in die religiös-belehrende Schiene fällt, sondern das Alte Testament als Epensammlung über die Grundprobleme des Menschseins behandelt.

Weitere Termine und Infos

© Leszek Januszewski

Ein Traum von einer Sommernacht

Jörg Weinöhls vorerst letzte Ballettproduktion an der Oper Graz, „Sommernacht, geträumt“, ist ein ästhetisches Gesamtkunstwerk, das zum Träumen verführt.

An schönen Kostümen mangelt es nicht an der Oper Graz. Bei „Sommernacht, geträumt“ hat Saskia Rettig sich jedoch selbst übertroffen: Die Kulisse der Bühne findet sich auf den wallenden Röcken der TänzerInnen wieder, große, geraffte Krägen geben Struktur und oft sind es nur hautfarbene Bodysuits, die den Körpern genug Raum lassen, um ihr Übriges zu tun.

Womit man bei der Choreographie angekommen wäre. Eines darf man Weinöhl mit Sicherheit attestieren: Dieser Mann hat verstanden, dass es keine Spitzenschuhe, Tutus und hohe Sprünge braucht, um dem Ballett heute gerecht zu werden. Für sein „Tanzspiel“ hat er einen zeitgenössischen Zugang gefunden, in dem sich Leichtigkeit mit raffinierten Details und fließenden Linien verbindet. Den Fokus legt der scheidende Grazer Ballettchef auf Gruppendynamik und viel Partnerarbeit. Weinöhls TänzerInnen bewegen sich nicht, als hätten sie eine Choreographie einstudiert, sondern so, als wäre ihnen jede Bewegung ein tiefstes, innerstes Bedürfnis.

 

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Das Bedürfnis wird nicht zuletzt ausgelöst durch die Klänge aus dem Orchestergraben. Das Grazer Philharmonische Orchester unter der Leitung von Robin Engelen gibt Mendelssohn, Mozart und Brahms zum Besten, wird von einem Kinderorchester auf der Bühne und dem Damenchor der Oper in den Seitenlogen unterstützt – keine Registerkarte bleibt ungezogen. Die größte Überraschung kommt aber aus den Lautsprechern: Stromaes „Tous les mêmes“ veranlasst zu einer Modenschau auf der Bühne, die zuerst verdutztes Gekicher, dann aber wohlwollende Rufe beim Pausenapplaus auslöst.

„Sommernacht, geträumt“ befriedigt das Bedürfnis nach Ästhetik, bring alle gestalterischen Elemente in Einklang und löst die Handlung des Shakespeare-Klassikers „Ein Sommernachtstraum“ zugunsten träumerischer Motive auf. Das ist gut so – und man sollte es auf keinen Fall verpassen.

Weitere Aufführungen bis zum 24. Juni, Nachklang für Studierende: 20. Juni