Kollegium Kalksburg auf der Probebühne

Kollegium Kalksburg (c) Lupi Spuma

Kollegium Kalksburg (c) Lupi Spuma

„Kein Einspielen oder so, wir fangen gleich an“ – „Besser wird’s eh nicht!“ So beginnt ein Abend, der immer mit einem Schmäh auf den Lippen und einer Menge Selbstironie die Lachmuskeln noch des Öfteren fordern wird. Wenn die drei Musiker aus Wien, die in dieser Konstellation bereits seit fast 20 Jahren miteinander spielen, zu den Instrumenten greifen, muss man auf so manche Überraschung gefasst sein. Da spielt man keine normalen Gitarren, sondern zweihälsige mit insgesamt 13 Saiten, und auch wenn da mal eine reißen sollte, ist das kein Hindernis. Neben einem Akkordeon werden außerdem eine Säge, ein Kamm und ein Papiersackerl zum Klingen gebracht. Lächerlich? Keineswegs, denn die drei Herren sind von ihren Hüten bis zum nachgeahmten steirischen Dialekt absolut authentisch.

Kollegium Kalksburg (c) Lupi Spuma

Kollegium Kalksburg (c) Lupi Spuma

In einer gemütlich gelösten Atmosphäre präsentierten die Musiker eigene Lieder (oder G’stanzeln, wie sie es nennen) und Coverversionen von Schlagern wie etwa von Georg Danzer oder den Beatles. Letztere ließen vor allem bei den reiferen Zuhörern so manche alte Erinnerung heraufbeschwören. Als Nichtwiener musste man oft ganz genau die Ohren spitzen, um die stadtspezfischen Wendungen und Worte zu verstehen. Auch so manche neue Wortkreation wurde durch die Herren geschöpft, denn wer hat schon einmal von einer Kellerasselschlüsselbundrassel gehört? So konnte man zudem seinen Wortschatz aufbessern.
Neben dem Zusammenleben mit allerlei Insekten singen die drei auch von so mancher (unglücklicher) Liebe und der ein oder anderen „Erfahrung mit der Gastronomie“. Wortträger, Sänger und Kammbläser ist Vinzenz Wizlsperger, der an der Gitarre von Paul Skrepek und an Akkordeon und Säge von Heinz Ditsch begleitet wird. Eine Spur zu lang vielleicht wurde das Publikum unterhalten, doch am Ende war der Applaus nichtsdestotrotz begeistert. Graz hofft auf ein baldiges Wiedersehen!

Als Hörbeispiel hier ein Lied des Abends:

Und eine Live-Aufnahme der Zugabe (wer erkennt die bekannte Kindermelodie?):

Weitere Informationen zur Band unter:
http://www.kollegiumkalksburg.at/

Veranstaltungen im Schauspielhaus unter:
http://www.schauspielhaus-graz.com/

Shakespeare 101: How to tame your partner

Anlässlich seines 450. Geburtstages hat das Schauspielhaus Graz in Zusammenarbeit mit der Kunstuniversität Shakespeares Stück  Der Widerspenstigen Zähmung in neue Kleider gehüllt auf die Probebühne gebracht.

Shakespeares Komödie erzählt die Geschichte der zwei grundverschiedenen Schwestern Katharina (gespielt von Magdalena Wabitsch)  und Bianca (Shana Shophie Brandl). Während sich „Everybody’s Darling“ Bianca vor Verehrern nicht retten kann, hat sie dank ihrer Schwester „der widerspenstigen“ Katharina nicht die Qual der Wahl: Denn Baptista Minola (Virginia V. Hartmann), der Vater der beiden, hat bestimmt, dass sich Bianca erst vermählen darf, wenn auch ihre ältere Schwester einen Ehering an ihrem Finger hat. Und trotz der erheblichen Mitgift hat sich noch niemand gefunden, der sich um Katharina bemühen will. Das liegt, wie Hortensio (Christoph Steiner), einer von Biancas Verehren, anmerkt, daran, „daß sie unerträglich bös und wild, Zänkisch und trotzig über alles Maß,“[1] ist. Doch einen kann ihr Ruf schließlich doch nicht abschrecken: Petruchio (Lukas Gander).

Dieser tritt in der Inszenierung im Schauspielhaus unter der Regie von Holle Münster als Rebell in Cowboymanier auf die Bühne, und steht mit seiner ungehobelten, direkten Art im Gegensatz zum gekünstelten, affektierten Verhalten der Gesellschaft in Padua, das sich wiederum in der Kleidung der Schauspieler*innen spiegelt: Perücken in grellen Farben – alle drei Verehrer Biancas zeichnen sich durch eine feuerrote Haarpracht aus – extravagante, glitzernd-groteske Kleidung – Reifröcke, Lack, breite Halskrausen – High Heels und Plateauschuhe. Kurz: Sie wirken, als wären sie der Rocky Horror Picture Show entlaufen.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Ihre gegensätzlichen Charakterzüge werden den Zuseher*innen bei Bianca und Katharina zusätzlich über ihr Aussehen vermittelt: So tritt Bianca gänzlich in weiß gekleidet und mit langen schwarzen Haaren auf, während die blondhaarige Katharina vollkommen in schwarz gekleidet ist. Und während Bianca den ganzen Tag damit verbringt, ihren Verehren schöne Augen zu machen, kommentiert Katharina das Verhalten ihrer Schwester und der anderen durchaus treffend: in dem sie sich die Seele aus dem Leib kotzt (was zusätzlich auch an dem Verzehr von Unmengen von Chips und hochprozentigem Alkohol liegen könnte).

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Während sich in Shakespeares Fassung Petruchio und Katharina bei ihrer ersten Begegnung mit Worten bewerfen, liefern sie sich in dieser Inszenierung ein wortloses Duell, was auch gut funktioniert, aber die Grenzen der Ekelempflindlichkeit der Zuseher*innen erheblich ausreizt. Zur eigenen Hochzeit erscheint Petruchio, gleich wie im Original, zu spät, und ignoriert auch hier gekonnt die Grenzen des guten Geschmacks, wenn er spärlich bekleidet im Tanga mit Leopardenmuster, die Bühne betritt.

So ist es auch passend, dass Petruchio Katharina nach der Hochzeit die Perücke vom Kopf reißt, da er sie dem gekünstelten Padua geraubt hat. Daheim in seinem Landhaus beraubt er sie aber auch ihrer Würde – würde man Shakespeares Komödie in einen Beziehungsratgeber verwandeln, wäre der Titel wohl: How to tame your partner in 10 steps – step 1: Essensentzug. Was in der Komödie funktioniert, wobei auch offen bleibt, ob das Ganze nicht vielleicht doch nur ein Traum der in der ersten Szene exzessiv feiernden Katharina ist, würde ein solches Verhalten in der Realität wohl eher im Gefängnis als in einer funktionierenden Ehe münden. Trotz ihrer Zähmung und Unterordnung kann Katharina in der Inszenierung auch weiterhin aktiv handeln, zumindest endet das Stück sehr zeitgemäß – dieses zu sehen ist am 28. Mai wieder möglich.

[1] Shakespeare: Der Widerspenstigen Zähmung. Erster Aufzug, Zweiter Auftritt. URL: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-widerspenstigen-zahmung-6793/4 [04/2015]

Wir sind keine Barbaren!

„Bin ich zu Hause vor dem Fernseher?“, fragt man sich unweigerlich zu Beginn von Wir sind keine Barbaren! von Philipp Löhle.

Die erste Szene dreht sich um Barbara und Mario, die neue Nachbarn bekommen: Linda und Paul. Das beschauliche Vorstadtleben wird sanft wie eine Schneekugel durcheinander geschüttelt: Es gibt kein großes Drama, lediglich die typischen Problemchen, Lästereien und Verschiedenheiten, die man aus diversen Vorabendserien (und eventuell sogar dem eigenen Bekanntenkreis) kennt:
Rosé oder Prosecco?
Pilates oder Yoga?
Vegan kochen oder lieber nicht?
Das Ikearegal in weiß oder natur?

Das könnte nun so weiter gehen:
Man hält politisch korrekten Smalltalk,
man trennt den Müll,
man fährt ein Elektroauto.
Alles ein wenig modern, ein wenig vintage – aber keinesfalls radikal.

Natürlich sind diese 4 Menschen keine Barbaren, wer würde je etwas derartiges behaupten?

WIR SIND KEINE BARBAREN_Ensemble (c) Lupi Spuma

WIR SIND KEINE BARBAREN_Ensemble (c) Lupi Spuma

Der Wendepunkt kommt mit dem Auftauchen eines Fremden – oder genauer gesagt sein Nicht-Erscheinen: Nur aus den Dialogen erschließt sich den Zuschauern, das Barbara und Mario einen unbekannten Mann bei sich aufgenommen haben.

Sein Name? – Man ist sich nicht sicher.
Seine Herkunft? – Könnte Asien sein, oder doch Afrika?
Sicher ist nur, dass seine Anwesenheit die Idylle stört, er löst vielfältige Emotionen bei den beiden Pärchen aus.

Ist man verpflichtet, ihm zu helfen? Sind sie gar Mitschuld an seinem vermeintlich schlimmen Schicksal? Ist er gefährlich oder bietet er die Chance für etwas Neues, Aufregendes, Geheimnisvolles?

WIR SIND KEINE BARBAREN_Florian Köhler, Christoph Rohtenbuchner (c) Lupi Spuma

WIR SIND KEINE BARBAREN_Florian Köhler, Christoph Rohtenbuchner (c) Lupi Spuma

Die Stimmung ändert sich abrupt, als Barbara tot im Wald verscharrt gefunden wird, und der Fremde sich plötzlich in Luft aufgelöst hat. Die Emotionen kochen über und die drei Zurückgeblieben übertreffen sich in wilden Vermutungen.

Der Chor zwischen den Szenen ist ein Pars pro toto für die Gedanken der 20-Somethings dieser Generation. Jede innere Angst, jede geheime Befürchtung wird schonungslos ausgesprochen. Er kritisiert die Angepasstheit und Konformität des Durchschnittsmenschen.

„Wir schlagen auch mal über die Stränge. —- aber nur Freitag und Samstag.“

Nach außen hin ist es einfach, sich als tolerant, weltoffen und kosmopolitisch zu präsentieren – aber reicht der Blick weiter als bis zum Gartenzaun?
Nachdenklich verlässt man die Probebühne – hat man nicht auch selbst den Unbekannten automatisch als den Mörder angenommen?

WIR SIND KEINE BARBAREN_Christoph Rothenbuchner, Seyneb Saleh (c) Lupi Spuma

WIR SIND KEINE BARBAREN_Christoph Rothenbuchner, Seyneb Saleh (c) Lupi Spuma

Auch ich selbst, als eigentlich unbeteiligte Zuschauerin, habe mich dabei ertappt, dass ich mich innerlich auf eine Seite gestellt habe, ohne den kompletten Sachverhalt aus allen Perspektiven zu kennen.