Nicht am Text kleben

Wenn man eine Faust-Inszenierung besucht, lässt sich eine gewisse Erwartungshaltung nicht vermeiden. Auf irgendeine Art und Weise hat jeder eine ganz persönliche Verbindung zu dem berühmten Stoff, sei es durch traumatische Deutschstunden oder den täglichen Sprachgebrauch – wie würden wir uns sonst mitteilen, wenn es um des Pudels Kern geht?

Das eröffnende Bild von Faust im Next Liberty befriedigt diese Erwartungen recht schnell, wenn zwei Engel in fröhlich wabernden Fatsuits zu schönster Goethe‘scher Sprachakrobatik ihre Hüften schwingen. Spätestens bei den bekannten „Da steh ich nun“- Zeilen kann der/die besorgte ZuseherIn endgültig aufatmen, es ist keine Modernisierung bis zur Unkenntlichkeit zu erwarten. Diese Fusion zwischen Alt und Neu setzt sich während des Stücks fort und holt alle mit ins Boot: Der/die literarisch gebildete ZuseherIn wird durch die Bestätigung seines/ihres profunden Fachwissens befriedigt, gleichzeitig ziehen visuelle Anreize auch die jüngere Generation in den Bann der Faust‘schen Leidensgeschichte.

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@ Next Liberty (nextliberty.com)

Unangefochtener Höhepunkt ist dabei die Szene der Walpurgisnacht, wenn im stroboskopischen Lichtgewitter bis zur Ekstase getanzt wird. Neben diesen performativen Szenen verhindern besonders Momente ironischer Selbstreflexion, dass die Inszenierung zu schwer im Magen liegt. So wird extradiegetisch thematisiert, wie man das Jahrhundertwerk überhaupt gekürzt auf die Bühne bringen kann. Sogar das Reclam-Heftchen bekommt seinen Auftritt – im Dekolleté der genialen Marthe (Helmut Pucher). Das Dilemma wird dann mit einem resoluten „nicht am Text kleben“ aufgelöst, was symptomatisch für die gesamte Inszenierung steht. Teilweise wirkt diese Vermischung von traditionellen Szenen und modernen Einlagen jedoch etwas erzwungen und führt zu einem inhomogenen Bild – das Gefühl für Fausts unerträgliche Suche nach dem Sinn des Lebens bleibt dabei auf der Strecke.

Dass das Stück dennoch über die knapp zwei Stunden fesselt, liegt deshalb nicht zuletzt an Nikolaus Habjans Puppenkunst, der mit seinen liebevoll gestalteten Figuren begeistert. Gott, der überragende Mephistopheles (Manuela Linshalm) oder etwa die Hexe treten durch die Puppen mit einer spektakulären Präsenz auf – dabei ist besonders die differenzierte und ausdrucksstarke „Mimik“ beeindruckend, ganz zu schweigen von der koordinativen Leistung, wenn eine Figur von zweien bespielt wird.

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@ Next Liberty (nextliberty.com)

Damit wird Faust zu einem besonderen Schauspiel, das den Stoff für Jugendliche spannend aufbereitet. Ob dabei die Faust’schen Motive wirklich berühren oder nur das fantastische Puppenspiel und andere Highlights begeistern sei dahingestellt – in jedem Fall ist Faust im Next Liberty für Jung und Alt einen Besuch wert.

Inszenierung: Nikolaus Habjan
Bühnenbild: Jakob Brossmann
Kostüme: Denise Heschl
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Ein knallbuntes Spektakel

Seit mehr als 60 Jahren steht Otfried Preußlers Kinderklassiker „Die kleine Hexe“, fast schon obligatorisch, in den Bücherregalen unserer Jüngsten.  Damit die Abenteuer der kleinen Hexe nicht in Vergessenheit geraten, hat die Kompanie Handmaids, eine Mischung aus Schauspiel und Puppentheater auf die Bühne des Grazer Next Liberty gebracht.

Zwar ist der Inhalt Groß und Klein nicht unbekannt, dennoch im Folgenden der Vollständigkeit halber kurz angerissen: Weit abseits, im tiefen Wald, leben die kleine Hexe und ihr Rabe Abraxas in einem windschiefen Häuschen. Sehnsüchtig träumt sie davon, mit den anderen Hexen an Walpurgisnacht auf dem Blocksberg zu tanzen. Als sie versucht, sich heimlich den anderen anzuschließen, wird sie von der Wetterhexe Rumpumpel entlarvt und muss sich den Konsequenzen stellen – Der Startschuss für eine turbulente Geschichte.

Gestern haben die großen Hexen noch über mich gelacht, aber heute bin ich dran! (Die kleine Hexe)

Im Zentrum der Produktion steht Sabine Mittelhammer, die sich während der gesamten Vorstellung alleine auf der Bühne behauptet. Ihr einziges Hilfsmittel ist die kleine, aber feine Kulisse, die sie mit ihren Puppen gekonnt bespielt. Das bunte Bühnenbild selbst, ist gespickt mit zahlreichen liebevollen Details, die zum zweimal hinschauen einladen. Aber bunt ist nicht nur das Drumherum, sondern auch die Akteurin passt farblich gut ins Bild. Angezogen wie ein buntes Kaubonbon, wirbelt Sabine Mittelhammer mit einer Leichtigkeit über die Bühne, die das überwiegend junge Publikum natürlich ansteckt. Die Kinder kreischen vor Lachen und auch die Erwachsenen können sich das Schmunzeln nicht verkneifen. Zugegeben, die Inszenierung wirkt wie bis auf den letzten Handgriff durchgeplant, aber keineswegs versteift. Eine durchaus beachtliche Leistung , wenn man bedenkt, dass Sabine Mittelhammer nicht nur ihren eigenen schauspielerischen Beitrag bewerkstelligt, sondern parallel dazu noch mit den Puppen und anderen Requisiten hantiert.

Fazit: Hierbei handelt es sich zwar um eine Produktion im kleinen Rahmen, aber dennoch wurde das Maximum aller Möglichkeiten ausgeschöpft. Ein Stück mit viel Witz und kreativer Eigenart – Empfehlenswert für kleine und große Kinder.

Die Spielstätte Next Liberty: 

http://www.nextliberty.com/nextliberty/

Ein vorletztes Mal missverstehen.

Ich bin eine große Freundin von großen Anfängen wie beispielsweise diesem hier. Seien sie auch noch so klein gehalten. So auch der Fall bei Das Missverständnis. Im beinahe völlig finsteren Schauspielhaus steht ein Puppenhaus auf der abgeschrägten Bühne. Darüber zieht Nebel auf und innen gehen Lichter an. Stimmen aus dem Off von Mutter und Tochter geben schon Vorgeschmack auf die Themenkomplexe. Fremd sein und fremd fühlen, Glück und Träume, Wiederkehren, Verbrechen, das Meer sehen. Ein Einstieg, der die Geschwindigkeit und die Tiefe des Stückes vorgibt und die bis zum Ende beibehalten werden.

Nur drei Personen schauspielern und schlüpfen beinahe unbemerkt zwischen den – zugegeben – auch nicht unüberschaubaren 5 Rollen hin und her und spielen mal ohne unterkörperlose Puppen, meistens aber mit. Ein Fakt, dem vielleicht die eine oder andere schon im Vorfeld des Stückes skeptisch gegenübersteht, beispielsweise ich. Zu Unrecht wie sich deutlich zeigt. Mit einem Flair von Schaurigkeit und unglaublich vielen Emotionen, die sich alle aus einem starren Gesichtsausdruck, gefertigt aus wahrscheinlich nicht mehr als einem Pappmaché ähnlichen Stoff, erstaunlicherweise ablesen lassen, bleibt nur mehr die Skepsis gegenüber der Skepsis am Puppenspiel.

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(c) Lupi Spuma

Die Puppen stehen für die Rollen, die die Figuren im Stück einnehmen. Spielen sie ohne – zeigen sie also ihr tatsächliches Gesicht – zeigen sie auch im metaphorischen Sinne ihr wahres Gesicht. Ansonsten sind sie „fremd“, verheimlichen, verstecken. Und trotz der Subtilität, die dieser Metapher zu Grunde liegt und trotz der Absehbarkeit über den Verlauf der Geschichte und wie diese Rollen zueinander finden, verfällt man der Tiefe und der Intensität, die das Stück ohnehin zu vermitteln weiß. Ein letztes Mal missverstehen kann man noch am 12. Juni.

Der Trailer zum Stück: