Die braunen Schatten am Leben des Karl Böhm

Nikolaus Habjan, der Meister der Puppen, stellt am Haus eins des Schauspielhaus Graz ein beeindruckendes Stück über das Leben des Grazer Dirigenten Karl Böhm auf die Bühne. „Böhm“, geschrieben von Paulus Hochgatterer, erinnert an einen musikalischen Genius, dessen Karriere vom Nazi-Regime begünstigt wurde. Ein wichtiges Stück im Gedenkjahr 2018.

80 Jahre sind vergangen seit Beginn des dunkelsten Kapitels der österreichischen Geschichte. Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben, die vom Grauen nach dem „Anschluss“ 1938 berichten können – und doch fallen nach wie vor Schatten der Vergangenheit auf die Zweite Republik. Denn vieles ist noch immer nicht aufgearbeitet, wie nicht zuletzt ein Blick auf die Homepage der Stadt Graz zeigt.

Dort ist von den vielen Ehrungen und Leistungen zu lesen, die der Generalmusikdirektor Dr. Karl Böhm als stolzer Sohn der Stadt erhielt – nicht jedoch davon, unter welchen Umständen er etwa 1934 zum Direktor der Semperoper Dresden oder 1943 zum Direktor der Wiener Staatsoper wurde. Denn bei diesen Karriereschritten hatte er Unterstützung von Adolf Hitler, der ihn zuletzt auch auf die Liste der „Gottbegnadeten“ setzte. Böhm war vielleicht ein musikalisches Genie, ganz sicher aber ein rücksichtsloser Opportunist.

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Autor Paulus Hochgatterer und Puppenspieler Nikolaus Habjan aber haben einen anderen Zugang zu ihrer Inszenierung „Böhm“ gefunden, als bloß mit dem moralischen Finger auf ihn zu zeigen. Als senilen alten Mann im Rollstuhl mit einem merkwürdigen Uhren-Tick begegnet man dem Dirigenten in seinem Wohnzimmer. Sobald Habjan seine Hand in die Puppe mit den tiefen Falten im Gesicht steckt, scheint dieser zum Leben erweckt. Zuerst ist das vor allem lustig – er wirft im köstlichsten Dialekt, sich ständig wiederholend, mit Fachbegriffen aus der Musik um sich, während er die Melodien aus dem Plattenspieler dirigiert.

Im Dienste der Kunst

Immer wieder scheint es, als hätte der Dirigent nur im Dienste der Musik gehandelt. „Der Musik soll das Politische egal sein. Wenn die Politik sich allerdings für die Musik interessiert…“, sagt er etwa. Das wird von Habjan mit den unzähligen Dirigier-Szenen aus allen Zeitfenstern bekräftigt, die das Ganze nicht langweilig werden lassen – einfach, weil Habjan sein Werk großartig beherrscht und immer neuen Wortwitz, aber nie Lächerlichkeiten nachlegt. Doch dann beginnt Böhm das erste Konzert nach dem „Anschluss“ im Wiener Konzerthaus mit Hitlergruß und Horst-Wessel-Lied. Und dirigiert am 9. November 1938 munter weiter, wohl wissend, dass die Synagogen brennen.

So geht „Böhm“ über eindreiviertel Stunden am Haus eins über die Bühne, ständig wechselnd zwischen Retrospektiven und dem alten Mann im Wohnzimmer, zwischen lustigem Dirigier-Monolog und bitteren Nazi-Momenten. Oft geht dieser Wechsel zu schnell und verliert gleichzeitig in manchen Szenen an Substanz und scharfen Grenzen, vor allem in den Rückblicken. Wer sich nicht einliest, läuft Gefahr, in der Luft hängen gelassen zu werden. Die unglaubliche Leistung von Nikolaus Habjan, sich alleine durch ganze 15 Rollen zu spielen, sowie die sprachliche Präzision von Paulus Hochgatterers Text machen „Böhm“ zu einem beeindruckenden Puppentheater, das den Blick auf die noch immer nicht ganz aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit schärft. Ein außergewöhnliches Stück – nicht verpassen!

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Nicht am Text kleben

Wenn man eine Faust-Inszenierung besucht, lässt sich eine gewisse Erwartungshaltung nicht vermeiden. Auf irgendeine Art und Weise hat jeder eine ganz persönliche Verbindung zu dem berühmten Stoff, sei es durch traumatische Deutschstunden oder den täglichen Sprachgebrauch – wie würden wir uns sonst mitteilen, wenn es um des Pudels Kern geht?

Das eröffnende Bild von Faust im Next Liberty befriedigt diese Erwartungen recht schnell, wenn zwei Engel in fröhlich wabernden Fatsuits zu schönster Goethe‘scher Sprachakrobatik ihre Hüften schwingen. Spätestens bei den bekannten „Da steh ich nun“- Zeilen kann der/die besorgte ZuseherIn endgültig aufatmen, es ist keine Modernisierung bis zur Unkenntlichkeit zu erwarten. Diese Fusion zwischen Alt und Neu setzt sich während des Stücks fort und holt alle mit ins Boot: Der/die literarisch gebildete ZuseherIn wird durch die Bestätigung seines/ihres profunden Fachwissens befriedigt, gleichzeitig ziehen visuelle Anreize auch die jüngere Generation in den Bann der Faust‘schen Leidensgeschichte.

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@ Next Liberty (nextliberty.com)

Unangefochtener Höhepunkt ist dabei die Szene der Walpurgisnacht, wenn im stroboskopischen Lichtgewitter bis zur Ekstase getanzt wird. Neben diesen performativen Szenen verhindern besonders Momente ironischer Selbstreflexion, dass die Inszenierung zu schwer im Magen liegt. So wird extradiegetisch thematisiert, wie man das Jahrhundertwerk überhaupt gekürzt auf die Bühne bringen kann. Sogar das Reclam-Heftchen bekommt seinen Auftritt – im Dekolleté der genialen Marthe (Helmut Pucher). Das Dilemma wird dann mit einem resoluten „nicht am Text kleben“ aufgelöst, was symptomatisch für die gesamte Inszenierung steht. Teilweise wirkt diese Vermischung von traditionellen Szenen und modernen Einlagen jedoch etwas erzwungen und führt zu einem inhomogenen Bild – das Gefühl für Fausts unerträgliche Suche nach dem Sinn des Lebens bleibt dabei auf der Strecke.

Dass das Stück dennoch über die knapp zwei Stunden fesselt, liegt deshalb nicht zuletzt an Nikolaus Habjans Puppenkunst, der mit seinen liebevoll gestalteten Figuren begeistert. Gott, der überragende Mephistopheles (Manuela Linshalm) oder etwa die Hexe treten durch die Puppen mit einer spektakulären Präsenz auf – dabei ist besonders die differenzierte und ausdrucksstarke „Mimik“ beeindruckend, ganz zu schweigen von der koordinativen Leistung, wenn eine Figur von zweien bespielt wird.

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@ Next Liberty (nextliberty.com)

Damit wird Faust zu einem besonderen Schauspiel, das den Stoff für Jugendliche spannend aufbereitet. Ob dabei die Faust’schen Motive wirklich berühren oder nur das fantastische Puppenspiel und andere Highlights begeistern sei dahingestellt – in jedem Fall ist Faust im Next Liberty für Jung und Alt einen Besuch wert.

Inszenierung: Nikolaus Habjan
Bühnenbild: Jakob Brossmann
Kostüme: Denise Heschl

Ein knallbuntes Spektakel

Seit mehr als 60 Jahren steht Otfried Preußlers Kinderklassiker „Die kleine Hexe“, fast schon obligatorisch, in den Bücherregalen unserer Jüngsten.  Damit die Abenteuer der kleinen Hexe nicht in Vergessenheit geraten, hat die Kompanie Handmaids, eine Mischung aus Schauspiel und Puppentheater auf die Bühne des Grazer Next Liberty gebracht.

Zwar ist der Inhalt Groß und Klein nicht unbekannt, dennoch im Folgenden der Vollständigkeit halber kurz angerissen: Weit abseits, im tiefen Wald, leben die kleine Hexe und ihr Rabe Abraxas in einem windschiefen Häuschen. Sehnsüchtig träumt sie davon, mit den anderen Hexen an Walpurgisnacht auf dem Blocksberg zu tanzen. Als sie versucht, sich heimlich den anderen anzuschließen, wird sie von der Wetterhexe Rumpumpel entlarvt und muss sich den Konsequenzen stellen – Der Startschuss für eine turbulente Geschichte.

Gestern haben die großen Hexen noch über mich gelacht, aber heute bin ich dran! (Die kleine Hexe)

Im Zentrum der Produktion steht Sabine Mittelhammer, die sich während der gesamten Vorstellung alleine auf der Bühne behauptet. Ihr einziges Hilfsmittel ist die kleine, aber feine Kulisse, die sie mit ihren Puppen gekonnt bespielt. Das bunte Bühnenbild selbst, ist gespickt mit zahlreichen liebevollen Details, die zum zweimal hinschauen einladen. Aber bunt ist nicht nur das Drumherum, sondern auch die Akteurin passt farblich gut ins Bild. Angezogen wie ein buntes Kaubonbon, wirbelt Sabine Mittelhammer mit einer Leichtigkeit über die Bühne, die das überwiegend junge Publikum natürlich ansteckt. Die Kinder kreischen vor Lachen und auch die Erwachsenen können sich das Schmunzeln nicht verkneifen. Zugegeben, die Inszenierung wirkt wie bis auf den letzten Handgriff durchgeplant, aber keineswegs versteift. Eine durchaus beachtliche Leistung , wenn man bedenkt, dass Sabine Mittelhammer nicht nur ihren eigenen schauspielerischen Beitrag bewerkstelligt, sondern parallel dazu noch mit den Puppen und anderen Requisiten hantiert.

Fazit: Hierbei handelt es sich zwar um eine Produktion im kleinen Rahmen, aber dennoch wurde das Maximum aller Möglichkeiten ausgeschöpft. Ein Stück mit viel Witz und kreativer Eigenart – Empfehlenswert für kleine und große Kinder.

Die Spielstätte Next Liberty: 

http://www.nextliberty.com/nextliberty/