Ein Garten ohne Ertrag

Bei Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ am Schauspielhaus Graz prallt die Tiefe der Charaktere und ihren Verstrickungen an der Inszenierung von András Dömötör ab. Bühnen- und Kostümbildnerin Sigi Colpe sowie Raphael Muff als großkotziger Privatsekretär Jascha trösten darüber hinweg.

Pelzkrägen, knallige Velvet-Kostüme und Designer-Frisuren – die illustre Reige an altem Adel kehrt nach Jahren in Frankreich zu ihrem russischen Kirschgarten-Gut zurück. Das Geld ist weg. Doch den geliebten, aber ertragslosen Kirschgarten abzuholzen, um ihn mit Ferienhäusern zu bebauen und sich finanziell zu retten, ist keine Option für Gutsherrin Ranjewskaja, gespielt von Evamaria Salcher.

Nicht nur an den massiven gerafften Stoffbahnen, die von der Decke baumeln, prallt die Komik des von Tschchow als „Komödie“ betitelten Stücks ab, sondern auch an den bedrohlich knarrenden Lauten, die den Hintergrund erfüllen.  Ebenso will die Tragik nicht so richtig aufkommen: Ein kurzer emotionaler Zusammenbruch von Salcher, in ihrer Rolle eine Mutter, die ihren siebenjährigen Sohn verloren hat, kratzt an der Oberfläche. Tragik und Komik ersticken einander. Wie hohle Hüllen ihrer selbst wirken die Figuren vor der dichten Kulisse, ironisch schlängeln sie sich durch den Dschungel an gesellschaftlichen Umbrüchen. Aber: Vielleicht ist es genau das, was Tschechow wollte, nämlich die Leere der Charaktere zeigen.

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Franz Solar und Evamaria Salcher im „Kirschgarten“ (c) Lupi Spuma (2)

Mit einigem Unterhaltungswert kann der Schauspielhaus-„Kirschgarten“ jedenfalls aufwarten. Raphael Muff reiht einen großartigen Auftritt an den anderen, seine Grundhaltung ist immer lässig in die Hüfte gelehnt, während er seine Haare nach hinten wirft. Mit Anna Szandtner als Zimmermädchen Dunjascha stellt er irgendetwas zwischen Verführung und handfester Belästigung an, schleckt ihre Füße ab und nennt sie „meine kleine Gurke“. Oder er spaziert nackt einmal quer über die Bühne. Ein arroganter Großkotz, wie er im Buche steht.

Höhepunkt ist eindeutig die letzte Party im Kirschgarten: Zur Techno-Musik (Musik: Tamás Matkó) wippt das Ensemble wie getrieben über die Bühne. Muff zeigt nochmal die hässlichste Seite von Jascha und überschüttet den blutspuckenden alten Diener Firs (Franz Solar) mit Champagner, Buchhalter Jepichodow (Mathias Lodd) dreht völlig durch. Vorbei ist das alles, als Nico Link als Geschäftsmann Lopachin verkündet, er habe das Gut gekauft. Wirklich glücklich ist damit niemand, die Familie wendet sich von dem Aufsteiger-Kapitalisten ab und lässt ihr altes Leben schließlich leichten Herzens zurück. Nach über zwei Stunden ohne Pause trösten einige gute Momente und wunderbare Optik über teils langwierige Inszenierung hinweg.

Weitere Infos und Termine hier.

 

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Alte neue Liebe: Romeo und Julia

Wenn man nur das Bild der schließenden Szene betrachtet, sieht alles nach einem klassischen Shakespeare-Stück aus: Julia liegt in einem weißen Kleid auf ihrem Romeo, umgeben von Rosenblättern. Auch hier keine Überraschung: beide tot. Was allerdings in den knapp drei Stunden davor passiert, ist eine explosive Komposition aus alt und neu, die trotz des vorhersehbaren Endes jeden Moment des Stückes sehenswert macht.

Romeo und Julia läuft derzeit im Schauspielhaus, Regie führt die Britin Lily Sykes. In den Hauptrollen sind Julia Gräfner und Raphael Muff zu sehen, Henriette Blumenau und Nico Link spielen als Mercutio und Benvolio. Auffallend und für den Zuseher eine Freude ist die unbändige Energie und Spiellust, mit der die Schauspieler den 400 Jahre alten Stoff beleben.

Gleich zu Beginn lässt Mercutio dem Zuseher mit seiner (oder besser ihrer) unbändigen und wilden Performance keine Wahl, als sich mitreißen zu lassen. Dass hier eine Frau den besten Freund Romeos mimt, sorgt für noch mehr spannungsgeladene Momente, wenn sie gemeinsam mit Benvolio als kämpferisches Paar über die Bühne fegt. Mit ihren expressiven Tänzen, Streits und Liebesspielen fesseln die beiden bis auf die letzten Ränge. Daneben überzeugt auch  Oliver Chomik als Graf Paris, der es schafft, mit seinem penetranten Werben um Julias Zuneigung zugleich Ablehnung und Mitleid zu erwecken. Lady Capulet/Lorenzina und Capulet/Lorenzo sind mit Franz Solar und Babett Arens jeweils als Doppelrolle besetzt und brillieren in der Darstellung der gänzlich konträren Parteien – einerseits als oppressive Eltern, die die Heirat mit Paris forcieren, andererseits als Geistliche, die versuchen, die unerlaubte Liebe zwischen Romeo und Julia zu ermöglichen.

In diese Reihe von gelungen inszenierten Figuren reiht sich Romeo nahtlos ein. Zunächst sprunghaft und schnelllebig, vor allem in Bezug auf sein Liebesleben, geht er in der Anbetung der Julia vollends auf. Man nimmt ihm sowohl den egoistischen Junggesellen als auch den leidenden Liebenden ab, der sich für ein paar gestohlene Minuten mit seiner Julia die Nächte um die Ohren schlägt – selbst wenn er dabei einen Jogginganzug trägt.

Sie alle stehen aber immer ein wenig im Schatten der Julia (Gräfner). Sie verleiht mit ihrer natürlichen Komik der wohl tragischsten Liebesgeschichte aller Zeiten genau die Leichtigkeit, die eine dreistündige Shakespeare-Vorführung auch für weniger hartgesottene Fans des Stoffs zum Genuss macht. Sie schafft mit ihrer Darbietung die Balance zwischen der trotzigen Vierzehnjährigen, die nicht bekommt, was sie möchte, und der bedingungslos Liebenden, die sich für Romeo in den Tod begibt. Man kann nicht umhin mit ihr zu leiden, wenn sie sich am Boden oder in der Badewanne wälzt, die übrigens je nach Szene als Bett oder Balkon fungiert.

Romeo, Mercutio und Julia.

Romeo, Mercutio und Julia. Foto: Lupi Spuma

Weniger eindrucksvoll stellt sich die Figur des Tods dar, die während des Spiels der anderen meist anwesend ist und dennoch nie so richtig Präsenz aufbauen kann –so bleibt sie hinter den anderen überragenden Darbietungen zurück. Ähnlich wirkt auch die Darstellung der Amme, die durch  mehrere Personen gespielt wird (Notburga Jaritz, Susanne Koller, Judith Kunath, Lejla Kurtic, Elisabeth Malek, Karolin Türk). Zwar wirkt das Bild von gleich sechs Ammen in Weiß visuell eindrucksvoll, das gemeinsame Sprechen im Chor erscheint jedoch immer leicht gezwungen und bricht den Handlungsfluss.

Die harmonischen Gesänge der Amme sind der Stimmung allerdings sehr zuträglich, die während des gesamten Stückes mit Musik, Licht und Bühnenbild durchdacht inszeniert ist und starke Kontraste vereint. So wird nicht nur Gesungen, sondern beispielsweise bei einer Party der Capulets zu pulsierenden Beats getanzt, während Glitzerkonfetti und Lichtshow für die entsprechenden visuellen Reize sorgen.

Damit ist ein Hauptkonzept der Inszenierung beschrieben: der Kontrast zwischen alt und neu. Er zeigt sich nicht nur in der Musikgestaltung, sondern auch in den Kostümen, der Sprache, dem Wortwitz und der Bühnengestaltung. Selbst in den Todesarten wird keine der beiden Welten vernachlässigt: Während die meisten Figuren zeitgemäß mit der Waffe samt lauten Soundeffekten und Lichtblitzen ins Jenseits befördert werden, darf sich Romeo noch altmodisch mit Gift verabschieden. Von dem er übrigens, zu Julias Ärger, nichts übrig lässt.

Dieser Spagat, der schnell gekünstelt und erzwungen wirken kann, ist hier mehr als gelungen. Romeo und Julia ist ein energiegeladenes Spektakel, das ästhetisch, witzig, tragisch und vor allem fesselnd ist.  Die großartige schauspielerische Leistung wird mit durchdachter Bühnengestaltung, spannenden Kostümen und eindrucksvollen Sound- und Lichteffekten komplementiert.

 

Merlin hinterlässt ein wüstes Land

Alles neu im Schauspielhaus. Neue Intendanz, neues Design und neues Ensemble. Das Premierenstück unter der Intendanz von Iris Laufenberg tischt dementsprechend groß auf. In einer annähernd vier Stunden langen Darbietung von Tankred Dorsts Interpretation der Artussage begeistert das Team unter Regie von Jan-Christoph Gockel mit einer großartigen Ensembleleistung.

Seit Monty Python hat man vermutlich keine derart amüsante Herangehensweise an diesen dystopischen Stoff gesehen. Mit einem Hang zum Klamauk lässt sich die eigentliche Misere des Stückes vergessen: Merlins Bestimmung, die Erlösung der Welt zum Bösen scheitert genauso kläglich wie seine Versuche das Gute im Menschen gewinnen zu lassen.

MERLIN Michael Pietsch, Julia Gräfner, Franz Solar (c) Lupi Spuma

MERLIN Michael Pietsch, Julia Gräfner, Franz Solar (c) Lupi Spuma

In drei Teile untergliedert werden die einzelnen Stränge der Sage zusammengeführt. Um vier Stunden Inhalt folgen zu können werden verschiedenste Techniken gewählt die wohl aufeinander abgestimmt sind: Marionettenspiel wird nicht nur als Erzählform des Stückes sondern auch als Erzählform im Stück verwendet. Dazu kommen kleine Magierspiele mit Feuereffekten und eine wahnsinnig intensive musikalische Untermalung, die in ihrer enormen Lautstärke äußerst durchdringend ist. Immer wieder treten die Schauspielerinnen und Schauspieler aus ihren Rollen heraus und erklären Vorgänge auf der Bühne und ihre eigenen Motive. Teilweise verschmelzen die Grenzen zwischen Rolle und Darsteller ganz und gar, dann wird die eigene Person mit in die Rolle genommen. Beispielweise wenn Michael Pietsch gegen Ende als Merlin eine Hasstirade auf die unfähige Menschheit loslässt, die es nicht zu schaffen vermag die Welt zu einem besseren Ort zu gestalten, so bezieht er auch seine persönliche Arbeit in diesen Prozess mit ein, die er allein mit dem Schnitzen der über 20 Puppen und Marionetten verschwendet zu haben scheint.

Generell muss man diese Arbeit in höchsten Tönen loben. Die einzelnen Puppen und Marionetten sind großartig. Insbesondere die Ausarbeitung des Galahad ist entzückend. Mit rollenden Augen und einer herzergreifenden Geschichte von der Verstoßung durch den eigenen Vater Lancelot wird auch die Zeitebene im Stück völlig entankert und die mittelalterliche Sage in die heutige Zeit mit Telefon und Frust-Nutella versetzt. Zwischenzeitlich wird zudem die Tafelrunde in die Zeit der Aufklärung portiert. An dieser Stelle nimmt das Stück dann zusätzlich Bezug zur heutigen Tages- und Flüchtlingspolitik. Es ist ein bitterböser Moment, wenn Mordred das zuvor auf die Bühne in die Tafelrunde eingeladene Publikum zurück ins Meer schickt, weil sie doch nicht erwünscht sind.

MERLIN Michael Pietsch, Franz Solar, Raphael Muff & Benedikt Greiner (c) Lupi Spuma

MERLIN Michael Pietsch, Franz Solar, Raphael Muff & Benedikt Greiner (c) Lupi Spuma

Bleibt noch das Bühnenbild zu erwähnen. Ein riesiger Baum füllt die Bühne nahezu aus. Häufig mit Nebel umhüllt bietet er den perfekten Schauplatz für düstere Szenen und Missverständnisse. Es wird in ihm, an ihm und um ihn herum gespielt. Er bietet das Zuhause für Parzival und seine Mutter (übrigens, ein sehr erheiternder Gender-Switch), um ihn herum wird die Tafelrunde errichtet und letztendlich wird er in seine Einzelteile zerlegt. Derart wie mit Äxten auf ihn eingedroschen wird muss man sich fast Gedanken um die nächste Aufführung machen.

Tankred Dorsts Stück wurde 1981 in Düsseldorf uraufgeführt. Die hier präsentierte Fassung wurde noch einmal modernisiert und für Graz adaptiert. Untermauert wird dies u.a. durch einen steirischen Schreinermeister und insbesondere auch musikalisch durch die Einbindung von Musikstücken wie Billie Jean oder Black Hole Sun, die erst später veröffentlich wurden. Beide übrigens aufgeführt von Rittern der Tafelrunde und allein der Moonwalk im Ritterkostüm mit Glitzerhandschuh (Raphael Muff) verdient den höchsten Respekt.

Sicherlich, vier Stunden sind lang. Aber das, was das Schauspielhaus hier auf die Bühne gebracht hat, lässt vier Stunden sehr kurzweilig erscheinen. Der Applaus zum Abschluss ist sehr frenetisch ausgefallen. Zu Recht.

 

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Weitere Informationen zum Stück und zu den nächsten Terminen entnehmt ihr der Homepage des Schauspielhauses.