Er schwebt in höheren Sphären

„blog4tickets“ auf Reisen: In Liechtenstein eröffnete Starpianist Lang Lang das Vaduz Classic Festival – und stellte dabei das Symphonieorchester Liechtenstein in den Schatten.

Es mag das beste Stück für ein Open Air sein: Mozarts 24. Klavierkonzert. Wenn Lang Lang einsetzt, erwärmt der Klang seines Steinways die kühle Vaduzer Nachtluft. Er nimmt sich Zeit, kostet jede Note aus. In den ruhigen, träumerischen Sequenzen des ersten Satzes spricht er ohne Worte mit dem Symphonieorchester Liechtenstein – an Stellen wie diesen gelingt die Kommunikation. Lang Lang gibt Acht auf das Orchester, könnte man sagen. Das Orchester bremst den Pianisten ein aber ebenso. Jedenfalls führen die Finesse und das Gefühl von Lang Lang anschaulich vor, woran es dem Orchester fehlt.

Die schönsten Momente sind jene, in denen Lang Lang die Bühne ganz für sich alleine hat. Danach folgen jene, in denen das Orchester das Geschehen minimal akustisch untermalt. Als hätte man es geahnt, hat die Soundtechnik das Piano absurd viel lauter gedreht als den Rest der Musiker. Das ist oft gut, stört das insgesamte Klangbild dann aber doch.

Und so schnell wie er gekommen ist, ist der Star wieder von der Bühne verschwunden. Nach der Pause muss das Publikum sich mit dem SOL zufriedengeben – was gar nicht so schwerfällt. Hört man bei einigen Passagen in Dvořáks „Slawischen Tänzen“ und in den Soli von Ravels „Boléro“ noch einige Ungereimtheiten, vor allem bei den Streichern, bringt der Klangkörper gegen Ende des historischen Crescendo endlich richtig viel Kraft auf. Und kann davon auch in der Zugabe noch schöpfen, sodass man dann doch mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause spaziert.

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Bolero – olé!

Von vertraut wirkenden kubanischen Klängen über die Schöpfungsgeschichte der Maya bis hin zum steten Takt des Bolero. Schon mit den ersten Takten der Cuban OvertureGeorge Gershwins letztem Werk – fesselte das Große Orchester Graz unter der Leitung von Christian Muthspiel das Publikum im ausverkauften Stefaniensaal.

Die Klänge der Cuban Overture erinnern an die goldenen Jahre Hollywoods, wo Gershwin neben dem Broadway in New York erfolgreich tätig war. Die Eingängigkeit dieser Musik zeigte sich auch an den immer wieder entspannt mitwippenden Musikern des Orchesters.

Christian Muthspiel (c) Styriarte

Christian Muthspiel (c) Styriarte

Die Bildsprache des zweiten Werkes des Abends war überwältigend und erschloss sich dem Publikum aufgrund der Moderation von Christian Muthspiel spielend. Popol vuh (La creación del mundo Maya) – die Vertonung der Schöpfungsgeschichte der Maya von Alberto Ginastera – wartete unter anderem mit dem Urknall, Regenklängen und dem Stampfen der Menschen auf, es war ein ständiges Hin und Her zwischen Laut und Leise –  Knall und zarter Musik. Dank Muthspiel waren vor den allerlautesten Sequenzen aber alle gewarnt:

Wenn ich das Stöckchen ganz hoch hebe wird es kurz darauf richtig laut!

Zweifelsohne verlangte die österreichische Uraufführung dieses Werkes intensivste Probenarbeit, die – wie aus dem Applaus des Publikums zu schließen war – von Erfolg gekrönt wurde.

Im zweiten Teil des Abends ging die Reise weiter über das Capriccio espagnol von Nikolai Rimski-Korakow bis hin zu Maurice Ravels Bolero. Dank der begleitenden Worte Muthspiels war das Puplikum wiederum über die genauen Wünsche des Komponisten Maurice Ravel bezüglich der Dauer seiner Komponisation – exakt 17 Minuten und der sich daraus ergebenden Berechnung der Schläge der kleinen Trommel – die ja die tragende Rolle des Stückes inne hat – im Bilde.  Die stete Steigerung der Intensität gipfelte in einer Klangexplosion, stets im Mittelpunkt stand der Musiker an der kleinen Trommel.

Bolero (c) styriarte

Bolero (c) styriarte

Es war ein sehr klangintensiver und gelungener Abend, der aufgrund der Einführung und Moderation durch Christian Muthspiel für das Publikum zusätzlich interessante und durchaus lehrreiche Elemente inne hatte. Trotz oder gerade wegen der intensiven und lauten Sequenzen hatte man nach der Vorstellung das Gefühl, von der Musik erfüllt zu sein, und konnte deren Nachklang noch mit nach Hause nehmen.

Für Interessierte gibt es die Möglichkeit, das Konzert am Sonntag, dem 31. Mai 2015 um 20:04 Uhr auf Radio Steiermark nachzuhören.

Weitere Veranstaltungen der Reihe recreation und der Styriarte findet man unter:

http://styriarte.com/psalm/

Exotisch,südlich,lebensfroh=BO-LE-RO

Ein ungewöhnliches Konzept zeigte die Leitung der recreation-Konzertreihe für das Orchesterkonzert im Mai: feurige Rhythmen komponiert in Amerika, Argentinien, Russland und Frankreich, die von einem steirischen Dirigenten zu einem stimmigen Programm zusammengeführt werden? Dass diese Kombination jedoch beim Publikum großen Anklang findet, zeigten ein voller Saal und stürmischer Applaus.

Christian Muthspiel (c) Werner Kmetitsch

Christian Muthspiel (c) Werner Kmetitsch

Schon als das Orchester die Bühne betritt, weiß man sofort, dass dies kein gewöhnliches Konzert wird: der Dresscode „all in black“ ist für den Abend aufgehoben und so bekennen die MusikerInnen kräftige Farben von Rot bis Blau. Als auch Dirigent Christian Muthspiel sich seinen Weg durch die mehr als volle Bühne gebahnt hat, wird festlich eröffnet mit der Cuban Overture von George Gershwin. Stolze sieben Männer und eine Frau sind hier am Schlagwerk besetzt und sorgen dafür, dass zumindest innerlich alle Zuhörer mit den Zehen mitwackeln müssen. Trotz der animierenden Wirkung kommt keine Schunkelstimmung auf, da der schlichte wie passionierte Muthspiel den durch die Musik gewährten Freiraum nie überstrapaziert. Dass Gershwin sein Leben lang an der Originalität seiner Kompositionen zweifelte, scheint an diesem Abend unverständlich. Als der Amerikaner bei seinem Kollegen Ravel um Unterricht bat, gab dieser zur Antwort: „Sie sind doch schon ein 1. Gershwin, warum wollen Sie ein 2. Ravel werden?“ Der opulenten Ouvertüre folgte als österreichische Erstaufführung das Popol vuh von Alberto Ginastera. Die Vertonung eines Schöpfungsmythos der Maya blieb aufgrund des Todes des Komponisten unvollendet und besteht so aus sieben ineinander übergehenden Stücken. Mit einem tiefen Brummen der Kontrabässe und Fagotte beginnt Die Nacht der Zeiten. Die fast malerischen Stücke erzählen vom Erwachen und Erleben der Natur, dass manchmal ganz sanft, an anderen Stellen heftig und laut ist. Auch von einem großen Regen bleibt man nicht verschont, bei dem sich die undurchsichtige Flut mit lebhaftem Plätschern abwechselt. Das Orchester musizierte die mythische Geschichte mit der nötigen Intensität, sodass man sich beim Ende mit Sonne, Mond und Sternen dem Gänsehautgefühl nicht erwehren konnte.

Maurice Ravel, entnommen von styriarte

Maurice Ravel, entnommen von styriarte

Mit einer kurzen Einleitung eröffnet Christian Muthspiel den zweiten Teil des Konzertes, der Nikolai Rimski-Korsakow und Maurice Ravel gewidmet sein wird. Mit dem russischen Capriccio espagnol zeigt sich wie auch im ersten Teil der Sinn jeder Volksmusik: die Suche nach dem Anderen und dem Ursprünglichen, das jeder Kultur zugrunde liegt. Die durchwegs homogene Interpretation der spanischen Themen lässt erkennen, dass sich auch verschiedene Arten von Leidenschaft miteinander vertragen können. So glimmt zwischen dem Klappern der Kastagnetten immer wieder auch das russisch-romantische Feuer durch. Besonders eindrucksvoll gestalten die Musiker das vorletzte Stück, in dem sich zu vier charakteristischen Kadenzen immer wieder der Wirbel eines anderen Schlaginstrumentes mischt. Für das Finale, Ravels Bolero, wird das Orchester um drei Saxophone erweitert. In der Mitte der Musiker nimmt als Herz des Stückes und des Orchesters die Trommel Platz und schlägt in diszipliniertestem crescendo beharrlich seinen Ostinato-Rhythmus. Abwechselnd ertönen nun die verschiedenen Bläser mit Variationen der weltberühmten Melodie. Vor allem die Töne der Klarinetten, des Fagotts und der Oboe legten sich samtig weich in die starren Konturen der Begleitung. Ausnahmslos alle Solisten kosteten ihre Passagen aus, ohne dabei die Struktur zu zerstören. Lange lässt Ravel die Zuhörer zappeln, bis endlich auch die Geigen in die Melodie miteinstimmen und den Orchesterklang mit ihrem weichen Streichen zu umarmen scheinen. Mit begeisterten Gesichtern endet der Abend in mächtigem Forte und entlässt eine Schar Menschen, die wohl alle noch dieselbe Melodie im Ohr haben. Eine Hörprobe vom Konzert bietet die Styriarte unter: http://styriarte.com/cms/wp-content/uploads/2015/03/bolero_recreation.mp3

Mehr Informationen zum Konzert und recreation unter: http://styriarte.com/events/bolero/?realm=recreation&sti=3173