Bolero – olé!

Von vertraut wirkenden kubanischen Klängen über die Schöpfungsgeschichte der Maya bis hin zum steten Takt des Bolero. Schon mit den ersten Takten der Cuban OvertureGeorge Gershwins letztem Werk – fesselte das Große Orchester Graz unter der Leitung von Christian Muthspiel das Publikum im ausverkauften Stefaniensaal.

Die Klänge der Cuban Overture erinnern an die goldenen Jahre Hollywoods, wo Gershwin neben dem Broadway in New York erfolgreich tätig war. Die Eingängigkeit dieser Musik zeigte sich auch an den immer wieder entspannt mitwippenden Musikern des Orchesters.

Christian Muthspiel (c) Styriarte

Christian Muthspiel (c) Styriarte

Die Bildsprache des zweiten Werkes des Abends war überwältigend und erschloss sich dem Publikum aufgrund der Moderation von Christian Muthspiel spielend. Popol vuh (La creación del mundo Maya) – die Vertonung der Schöpfungsgeschichte der Maya von Alberto Ginastera – wartete unter anderem mit dem Urknall, Regenklängen und dem Stampfen der Menschen auf, es war ein ständiges Hin und Her zwischen Laut und Leise –  Knall und zarter Musik. Dank Muthspiel waren vor den allerlautesten Sequenzen aber alle gewarnt:

Wenn ich das Stöckchen ganz hoch hebe wird es kurz darauf richtig laut!

Zweifelsohne verlangte die österreichische Uraufführung dieses Werkes intensivste Probenarbeit, die – wie aus dem Applaus des Publikums zu schließen war – von Erfolg gekrönt wurde.

Im zweiten Teil des Abends ging die Reise weiter über das Capriccio espagnol von Nikolai Rimski-Korakow bis hin zu Maurice Ravels Bolero. Dank der begleitenden Worte Muthspiels war das Puplikum wiederum über die genauen Wünsche des Komponisten Maurice Ravel bezüglich der Dauer seiner Komponisation – exakt 17 Minuten und der sich daraus ergebenden Berechnung der Schläge der kleinen Trommel – die ja die tragende Rolle des Stückes inne hat – im Bilde.  Die stete Steigerung der Intensität gipfelte in einer Klangexplosion, stets im Mittelpunkt stand der Musiker an der kleinen Trommel.

Bolero (c) styriarte

Bolero (c) styriarte

Es war ein sehr klangintensiver und gelungener Abend, der aufgrund der Einführung und Moderation durch Christian Muthspiel für das Publikum zusätzlich interessante und durchaus lehrreiche Elemente inne hatte. Trotz oder gerade wegen der intensiven und lauten Sequenzen hatte man nach der Vorstellung das Gefühl, von der Musik erfüllt zu sein, und konnte deren Nachklang noch mit nach Hause nehmen.

Für Interessierte gibt es die Möglichkeit, das Konzert am Sonntag, dem 31. Mai 2015 um 20:04 Uhr auf Radio Steiermark nachzuhören.

Weitere Veranstaltungen der Reihe recreation und der Styriarte findet man unter:

http://styriarte.com/psalm/

Exotisch,südlich,lebensfroh=BO-LE-RO

Ein ungewöhnliches Konzept zeigte die Leitung der recreation-Konzertreihe für das Orchesterkonzert im Mai: feurige Rhythmen komponiert in Amerika, Argentinien, Russland und Frankreich, die von einem steirischen Dirigenten zu einem stimmigen Programm zusammengeführt werden? Dass diese Kombination jedoch beim Publikum großen Anklang findet, zeigten ein voller Saal und stürmischer Applaus.

Christian Muthspiel (c) Werner Kmetitsch

Christian Muthspiel (c) Werner Kmetitsch

Schon als das Orchester die Bühne betritt, weiß man sofort, dass dies kein gewöhnliches Konzert wird: der Dresscode „all in black“ ist für den Abend aufgehoben und so bekennen die MusikerInnen kräftige Farben von Rot bis Blau. Als auch Dirigent Christian Muthspiel sich seinen Weg durch die mehr als volle Bühne gebahnt hat, wird festlich eröffnet mit der Cuban Overture von George Gershwin. Stolze sieben Männer und eine Frau sind hier am Schlagwerk besetzt und sorgen dafür, dass zumindest innerlich alle Zuhörer mit den Zehen mitwackeln müssen. Trotz der animierenden Wirkung kommt keine Schunkelstimmung auf, da der schlichte wie passionierte Muthspiel den durch die Musik gewährten Freiraum nie überstrapaziert. Dass Gershwin sein Leben lang an der Originalität seiner Kompositionen zweifelte, scheint an diesem Abend unverständlich. Als der Amerikaner bei seinem Kollegen Ravel um Unterricht bat, gab dieser zur Antwort: „Sie sind doch schon ein 1. Gershwin, warum wollen Sie ein 2. Ravel werden?“ Der opulenten Ouvertüre folgte als österreichische Erstaufführung das Popol vuh von Alberto Ginastera. Die Vertonung eines Schöpfungsmythos der Maya blieb aufgrund des Todes des Komponisten unvollendet und besteht so aus sieben ineinander übergehenden Stücken. Mit einem tiefen Brummen der Kontrabässe und Fagotte beginnt Die Nacht der Zeiten. Die fast malerischen Stücke erzählen vom Erwachen und Erleben der Natur, dass manchmal ganz sanft, an anderen Stellen heftig und laut ist. Auch von einem großen Regen bleibt man nicht verschont, bei dem sich die undurchsichtige Flut mit lebhaftem Plätschern abwechselt. Das Orchester musizierte die mythische Geschichte mit der nötigen Intensität, sodass man sich beim Ende mit Sonne, Mond und Sternen dem Gänsehautgefühl nicht erwehren konnte.

Maurice Ravel, entnommen von styriarte

Maurice Ravel, entnommen von styriarte

Mit einer kurzen Einleitung eröffnet Christian Muthspiel den zweiten Teil des Konzertes, der Nikolai Rimski-Korsakow und Maurice Ravel gewidmet sein wird. Mit dem russischen Capriccio espagnol zeigt sich wie auch im ersten Teil der Sinn jeder Volksmusik: die Suche nach dem Anderen und dem Ursprünglichen, das jeder Kultur zugrunde liegt. Die durchwegs homogene Interpretation der spanischen Themen lässt erkennen, dass sich auch verschiedene Arten von Leidenschaft miteinander vertragen können. So glimmt zwischen dem Klappern der Kastagnetten immer wieder auch das russisch-romantische Feuer durch. Besonders eindrucksvoll gestalten die Musiker das vorletzte Stück, in dem sich zu vier charakteristischen Kadenzen immer wieder der Wirbel eines anderen Schlaginstrumentes mischt. Für das Finale, Ravels Bolero, wird das Orchester um drei Saxophone erweitert. In der Mitte der Musiker nimmt als Herz des Stückes und des Orchesters die Trommel Platz und schlägt in diszipliniertestem crescendo beharrlich seinen Ostinato-Rhythmus. Abwechselnd ertönen nun die verschiedenen Bläser mit Variationen der weltberühmten Melodie. Vor allem die Töne der Klarinetten, des Fagotts und der Oboe legten sich samtig weich in die starren Konturen der Begleitung. Ausnahmslos alle Solisten kosteten ihre Passagen aus, ohne dabei die Struktur zu zerstören. Lange lässt Ravel die Zuhörer zappeln, bis endlich auch die Geigen in die Melodie miteinstimmen und den Orchesterklang mit ihrem weichen Streichen zu umarmen scheinen. Mit begeisterten Gesichtern endet der Abend in mächtigem Forte und entlässt eine Schar Menschen, die wohl alle noch dieselbe Melodie im Ohr haben. Eine Hörprobe vom Konzert bietet die Styriarte unter: http://styriarte.com/cms/wp-content/uploads/2015/03/bolero_recreation.mp3

Mehr Informationen zum Konzert und recreation unter: http://styriarte.com/events/bolero/?realm=recreation&sti=3173

Intensive Tonmalerei im Musikverein

Unter dem Titel Avantgarde um 1915 präsentierten vier Musiker um den Pianisten Alexander Lonquich ein französisch russisches Programm vom Beginn des letzten Jahrhunderts. Der leider nur mäßig gefüllte Stefaniensaal durfte mit Werken von Debussy, Ravel und Strawinskij ein buntes Spektakel erleben.

Wären Debussys Préludes pour piano ein Bild, könnten sie wohl so aussehen:
P1120383 Ein bisschen wirr? Vielleicht, aber wenn man genau hinsieht beziehungsweise hört, erkennt man doch lauter spannende Details. Der große Meister Alexander Lonquich schien alle Geheimnisse dieser Sammlung kurzer Stücke zu kennen. Auswendig präsentierte er die technisch wie musikalisch anspruchsvollen Stücke, als hätte er alle Zeit der Welt. Trotz dieser Leichtigkeit wurde sein Spiel nie einseitig und vermittelte beim ersten wie beim letzten Ton die gleiche Eindringlichkeit.

Dem folgte das berühmte Sacre du Printemps, allerdings nicht in der Orchesterfassung sondern am Klavier zu vier Händen. Unterstützt von Christina Barbuti gelang es Lonquich erneut, eine ganz neue aber nicht minder spannende Atmosphäre zu schaffen. Die vielschichtige Musik des russischen Revoluzzers weiß auch über hundert Jahre nach seiner Uraufführung noch zu verwundern, gab es doch kaum je einen größeren Skandal als jenen dieses Ballets von 1913. Die zum Teil fast aggressive Kraft der Musik ist nur zu leicht auf den Zuhörer übertragbar, es bleibt ihm jedoch selbst überlassen, sie ins Positive oder Negative zu wandeln. Als hätte der Komponist sich beim „Malen“ seines Stückes nicht für eine Farbe entscheiden können, klingt es oft, als würde er Pinselstriche in allen (Farb-)Tönen ziehen. Die Kunst daraus schließlich doch ein Meisterwerk zu machen, liegt wohl im starken Rhythmus, der allem eine Kontur zu verleihen scheint. Die zwei Künstler vermittelten die Kraft des Werkes, ohne selbst je in Hektik zu verfallen. Sie zeigten, wie man sich ein Klavier ohne Einbußen teilen kann, und sich nicht physisch berühren muss, wenn man es auch sphärisch mit der gemeinsam erschaffenen Musik tun kann.

Alexander Lonquich

Alexander Lonquich ; (c) http://www.chigiana.it

Im zweiten Teil war wieder Französisches zu hören: Maurice Ravels Klaviertrio in a-Moll. Es entstand im Jahr 1914, ein Jahr, das neben diesem berührenden Werk noch viele düstere Kapitel schreiben sollte. „Ja, ich arbeite, und mit der Sicherheit und Hellsicht eines Verrückten. Aber währenddessen arbeitet der Trübsinn auch, und plötzlich breche ich über meinen ganzen B-Vorzeichen in Tränen aus!”, schreibt Ravel an einen Freund und erfasst damit die produktive Verzweiflung seiner Musik. Schon mit dem ersten Ton beginnt das Klavier mit einer unglaublichen Intensität, ohne große Lautstärke einsetzen zu müssen. Auch Violine (Carolin Widmann) und Cello (Nicolas Altstaedt) setzen mit derselben Konzentration ein und wechseln sich mit dem Partner an den Tasten in der zarten Melodieführung ab. Im zweiten Satz haben die zwei jungen Musiker die Gelegenheit ihre spielerische Virtuosität auszuleben, bevor im dritten Satz die große Mutlosigkeit ausbricht. Das Finale des Trios hat viel Gehämmertes vom Klavier und viel Trillerndes von den Saiten zu bieten, bis der innere Kampf zu einem etwas lauen Abschluss kommt. Trotzdem, der Geist ist beschwingt und es bleibt, sich für einen mitreißenden Abend zu bedanken.

Informationen zu weiteren Konzerten des Musikvereins unter:
http://musikverein-graz.at