Ein Gewinnerduo

Der Chefdirigent des recreation Orchesters Michael Hofstetter heizte seinen Musikern zum Abschluss der Saison noch einmal mächtig ein. Bernd Glemser ergänzte den Schumann-Abend als genialer Solist in Tschaikowskis erstem Klavierkonzert.

Bernd Glemser (c) Werner Kmetitsch

 

Ein feinfühliger Pianist und ein brückenschlagender Dirigent – das klingt nach einer Gewinnerkombination. Bernd Glemser und Michael Hofstetter bewiesen ausgewogene Führung im Klaviermonument von Tschaikowski. Nicht umsonst ist dieses Konzert so berühmt mit seinen Weiten und Engen, Höhen und Tiefen. Auch der Solist hat zu diesem Werk eine besondere Beziehung, brachte dessen Darbietung ihm in seiner frühen Karriere doch zwei wichtige Preise ein. „Tschaikowski kann und will das „Russische“ in seiner Musik nicht leugnen. Und gerade das gefällt mir so an ihm“, erklärte der deutsche Tastenkünstler in der Einführung zum Konzert. Ernsthaft und innig ist Glemsers Ausdruck beim Spiel; weder seine technischen Fertigkeiten noch sein Versinken in der Musik muss er dabei großartig zur Schau stellen. Eine lange Pause nach dem ersten Satz brach den Spannungsbogen, schon der Beginn des „Andantino semplice“ machte das aber wett. Wenn nach der zarten Flöteneinleitung das Klavier mit den Streichern so unendlich harmonisch einsetzt, was kann man sich da noch wünschen? Den bewusst zarten Anweisungen im langsamen Satz stellte Hofstetter im Finale eine kräftige Lautstärke gegenüber. Während das Orchester sich vergnügt im Walzertakt wiegte, tänzelte das Klavier zwischen dem wiegenden Rhytmen ganz frei umher. Stürmischer Applaus folgte, der dem Solisten dann doch noch eine Zugabe abrang. Ganz bei sich, ganz schlicht bewies der Meister mit ganz Wenig doch wieder ganz Viel.

Michael Hofstetter (c) Werner Kmetitsch

 

Eingerahmt wurde das Klavierkonzert von zwei Werken Schumanns. Mit der Manfred-Ouvertüre op. 115 wurde eröffnet. Diese ist das Vorspiel zu Schumanns Vertonung eines Heldenepos nach Lord Byron. Das Werk schien stellenweise so unentschlossen wie sein Zuhörer und endete in einem Ungleichgewicht, das vielleicht nur durch die Fortsetzung der Musik nach der Ouvertüre aufgelöst hätte werden können. Nach der Pause wurde die 4. Symphonie gespielt, wohl eines von Schumanns „männlichsten“ Werken. Das ohnehin rasche Tempo Hofstetters wurde durch die starke Linie der Bassinstrumente noch getrieben und gab dem Ganzen eine fundamentierte Kraft. Konzertmeisterin Maria Bader-Kubizek bewies ungekünstelte Leitfähigkeit und bettete ihr Solo im zweiten Satz mit schwärmerischem Ausdruck in den Orchesterklang. Grandios spielten auch die Blechbläser an diesem Abend, die in den anmutigen wie lebhaften Passagen keine Wünsche offen ließen. Im Finale wollte der Dirigent Schumanns eigenwillige, beinahe nach Aufmerksam heischenden Einfälle offenbar ganz ausloten und das Publikum bis zum Ende noch ein wenig auf die Folter spannen.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
http://styriarte.com/events/erstes-klavierkonzert/?realm=recreation&sti=24368

Von feurigen Vögeln und Tänzen

Christian Muthspiel brachte im letzten Orchesterkonzert von recreation Musik voll „Körperlichkeit“ nach Graz. Einen eigens komponierten „Little Big Guitar Dance“ kombinierte er mit Tanzmusik von Leonard Bernstein und Igor Strawinsky.

Wolfgang Muthspiel (c) Joanne Bell

 

Wenn man die Gebrüder Muthspiel mit ihrem leichtfüßigen Gang auf die Bühne gehen sieht, ist ihre Ungezwungenheit sofort offenkundig. Erfrischend ist dieser Zugang, der nichts mit veralteten Etiketten, aber ganz viel mit Musik zu tun hat. Tanz war das Thema, das sich durch den ganzen Abend zog, und wie Christian Muthspiel erklärte, durch die „Körperlichkeit“ in der Musik zu spüren war. Begonnen wurde mit den „Symphonic Dances“ aus dem Musical „West Side Story“. Die ganze Wucht eines voll besetzten GROSSEN ORCHESTERS GRAZ entlud sich hier in vertrackten Mambo-Rhythmen und schwelgerischen Traumvorstellungen („Somewhere“). Den großen Orchesterszenen setzte Christian Muthspiel improvisierte Gitarrenklänge seines Bruders Wolfgang gegenüber, die zwar in künstlich geschaffenen Pausen erklungen, sich aber harmonisch in das Gesamtkonzept einbetteten. Dies ist der Einfühlung und Kreativität Wolfgang Muthspiels zu verdanken. Mit seinen sechs Saiten griff er ganz selbstverständlich die Gedanken aus Bernsteins Partitur auf, machte sie sich zu Eigen und gab sie schließlich wieder frei. Sowohl solistisch (zuletzt auch mit unverstärkter Konzertgitarre) als auch mit Schlagwerk-Combo vermochten die Improvisationen nicht nur die „Pausen zu füllen“ sondern gaben einen zusätzlichen, freien Akzent.

Mit „Little Big Guitar Dance“ folgte eine Eigenkomposition Christian Muthspiels, die in Graz ihre österreichische Erstaufführung erlebte. „Little“ für die Anlage des Stücks als Musik für eine Band, „Big“ für die Besetzung durch ein großes Orchester. Die Dynamik des Werkes ergab sich durch Wechsel in der Besetzung und den für die meisten Ohren ungewohnten Zusammenklang von E-Gitarre mit symphonischem Apparat. Leider musste unter einer etwas zu angestrengten Konzentriertheit aller spielender Interpreten auf die Noten die allgemeine Zugänglichkeit des Stückes leiden.

Christian Muthspiel (c) Werner Kmetitsch

Gänzlich firm zeigten sich die Musiker allerdings im abschließenden Werk des Abends: Strawinskys Feuervogel-Suite. Auswendig und mit verinnerlichter Miene ließ Christian Muthspiel das feurige Geschöpf langsam seine Glut entfachen. Der stark rhythmisch geprägte Charakter von Strawinsky wurde von den Musikern als treibender Motor geführt. Subtil hielt der Dirigent die Lautstärke gedeckt, sodass das Forte im „Höllentanz“ mit noch stärkerer Prägnanz erklang. Nach diesem Donner flossen die Klänge im Fagott mit Trauer und Wissen um Vergänglichkeit. Auflösung fand die Schwermut mit der Melodieübernahme des Horns, welches über den ganzen Abend Soli von nuancierter Abgeschlossenheit präsentierte. Auch im Finale gelang ein stetes Anschwellen der Spannung, bis man meinte, die Schwingen des Feuervogels selbst durch die Luft schwirren zu hören.

Weitere Informationen zum Konzert unter:
http://styriarte.com/events/symphonic-dances/?sti=24362

BartolomeyBittmann – Grenzenlos mit Freudenschrei

Das Meerscheinschlössl Graz öffnete an diesem Wochenende seine Tore den Saitenkünstlern BartolomeyBittmann. Mit Violoncello, Violine und Mandola präsentierte das Duo „progressive strings“ – das kann man laut sagen, oder eben auch schreien, wenn einem danach ist.

BartolomeyBittmann ; (c) Max Parovsky

BartolomeyBittmann ; (c) Max Parovsky

Wer ein Publikum über alle Altersklassen, vom Klassikliebhaber bis zum Metal-Fan begeistern kann, der ist ein Musikbrückenbauer. Klemens Bittmann und Matthias Bartolomey kümmern sich nicht um Genregrenzen und Aufführungstraditionen und vereinen stattdessen Unerwartetes zu Unnachahmlichem. Das in Wien lebende Duo findet im Cross-over durch rhythmische Raffinesse, pulsierende Eindringlichkeit und melodischen Einfallsreichtum einen authentischen Stil. Ein Abend von Westen nach Osten, mit „Pädagogik Funk“ und dem Ö1-Hit „Steja“ gab Einblick in die bereits erschienen Aufnahmen „Meridian“ und „Neubau“. Mit Musik, die sowohl nach Innen gehen kann als auch nach Außen drängen will, fordern die beiden Musiker ihre Zuhörer zum stillen Verweilen und aktiven Mitgehen. Dabei machen sie, was ihnen gefällt und erzählen von Dingen wie Samt, dem nichts Beschwerendes anhaftet, und sich um sich selbst drehenden Karussellen. Die augenscheinliche Freude am Miteinander färbt das Zusammenspiel des Duos mit ansteckender Unbändigkeit, die in so manchem Freudenschrei ihre Entladung findet. Die Rhythmuszelle im Stück „Ki“ vollführen beide wie in einem etwas störrischen Tanz, in dem jeder seinen Freiraum sucht und doch herrlich mit dem Partner verbandelt ist. Ein Schlussstück über „die Musik, die Liebe, den Frieden und alles andere“ ließ die Stimmung ein weiteres Mal aufkochen und wurde ergänzt durch die wohl zärtlichste Hommage, die eine Autobahnausfahrt je gehört hat.
Es bleibt sich nur zu wünschen: weitermachen und wiederkommen!

Weitere Informationen zum Konzert unter:
http://styriarte.com/events/neubau/?sti=27083

Eine Hörkostprobe der „progressive strings vienna“: