Unterwerfung

Integration findet nicht nur in politischen Diskursen, sondern auch auf der Theaterbühne ihren Platz. Kann man sich zu viel integrieren? Mit einem eindeutigen „Ja“ antwortet Geächtet von Ayad Akhtar, das im Schauspielhaus unter der Regie von Volker Hesse aufgeführt wird, indirekt auf diese Frage.

Es ist gut nachzuvollziehen, dass Ayad Akhtar für „Geächtet“ (original „Disgraced“) den Pulitzerpreis für Dramatik bekam. Es ist auch gut nachzuvollziehen, dass es von „theater heute“ zum besten ausländischen Stück des Jahres ernannt worden ist. Es ist sehr gut nachzuvollziehen, dass die Schauspieler nach der Aufführung Tränen in den Augen haben. Zu diesen glasigen Augen führen Konflikte zwischen Menschen verschiedener Herkunft und Religionen vermischt mit Vorurteilen und Klischees, welche eine Thematik ergeben, die im Stück mit tiefgreifenden Dialogen und einer hohen Emotionalität aufbereitet wird.

Das junge amerikanische Ehepaar Amir (Benedikt Greiner) und Emily (Evamaria Salcher) befinden sich in einem steten Wechsel von harmonischer Leidenschaft und ausartenden Meinungsverschiedenheiten. Amir, ein ehrgeiziger Anwalt, sieht sich im ständigen Konflikt mit seiner pakistanischen Herkunft und dem Islam, von dem er sich völlig abgewandt hat. Die beiden vertreten zwei entgegengesetzte Positionen bezüglich des Islam. Nichts Positives sieht er in dieser Religion, welche übersetzt „Unterwerfung“ heißt. Emily hingegen sieht beinahe nur Positives und bringt dies auch in ihrer Kunst zum Ausdruck. Der von Emilys orientalischer Kunst begeisterte Galerist Isaac (Florian Köhler) spitzt die Lage noch weiter zu. Bei einem gemeinsamen Pärchen-Abend treffen schließlich vier Menschen unterschiedlicher Ethnien aufeinander. Aufgestaute Gefühle und unterdrückte Gedanken brechen hervor. Jahre lang negierte Klischees erhalten mit einem Schlag einen Funken Wahrheit. Aus einem geplanten gemütlichen Abend wird ein Wortgefecht voller anfeindenden Meinungen, welches mit Elementen des Ausdruckstanzes die gesamte innere Gefühlswelt nach außen trägt. Wie auf einer Hetzjagd springen sie athletisch von Block zu Block auf der Bühne und verfolgen sich gegenseitig und flüchten voreinander.

geaechtet-evamaria-salcher-benedikt-greiner-florian-koehler-mercy-dorcas-otieno-c-lupi-spuma-0er_175-1030x686

© Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Das Stück wird von einer Ernsthaftigkeit geprägt, welche jedoch hin und wieder aufgelockert wird. Durch den ironischen und exzentrischen Isaac, der von Florian Köhler äußerst authentisch verkörpert wird, werden Momente des Schmunzelns erzeugt. Vieles wird einem während der Aufführung vor Augen geführt. Integration kann – wie Amir demonstriert – in eine völlig falsche Richtung umschlagen, indem alle Gefühle unterdrückt werden. Integration sollte nicht heißen, seiner Identität und Kultur gänzlich abzuschwören. Sie ist außerdem eine Aufgabe, die nicht nur einseitig stattfinden kann, sondern die von beiden Seiten der Bevölkerung als Teamarbeit gelöst werden muss.

„Geächtet“ ist eine eindrucksvolle Produktion. Jede der fünf Figuren regt mit ihren vielfältigen Meinungen und Weltbildern an, seine eigenen Vorurteile und Meinungen zu überdenken. Man geht nach dem Theaterbesuch mit einem fleißig arbeitenden Gehirn nachhause, das lange über die Thematik nachdenkt.

Hier geht’s zum Trailer:

Zerrissene Identitäten und gerötete Augen

„Genial“ ist wohl das einzige Adjektiv, das „Geächtet“ von Ayad Akhtar am Schauspielhaus Graz gerecht wird. Als Stück der Stunde angepriesen und von internationalen Kritiker*innen hoch gelobt, übertrifft es alle Erwartungen.

Ayad Akhtar, selbst Amerikaner mit pakistanischer Abstammung, thematisiert in „Geächtet“ eines der brennendsten Themen des jungen 21. Jahrhunderts – den Islam. 2012 wurde er dafür mit dem Pulitzer-Preis geehrt. Kritische Töne an der Religion verspinnt er mit dem Verhältnis zum Judentum und Rassismus in der Mitte der westlichen Gesellschaft. Was dabei herauskommt, ist eine bewegende Geschichte mit nahezu aristotelischer Katharsis.

Der New Yorker Anwalt Amir Kapoor (Benedikt Greiner) hat pakistanische Wurzeln. Er hat dem Islam abgeschworen, ist amerikanischer Atheist und überzeugt davon, dass diese Religion nichts als grausam sei. Und doch steht er zwischen den Fronten: Die Familie glaubt, er sei auf einem Irrweg; seine Frau, die liberale Künstlerin Emily (Evamaria Salcher), denkt, er verteufle den Islam zu sehr und stülpt ihm für ihre Kunstwerke ein romantisches Image über. Beruflich muss er sich in einer jüdischen Anwaltskanzlei behaupten. Amirs Identität beginnt zu zerreißen.

geaechtet-evamaria-salcher-benedikt-greiner-florian-koehler-mercy-dorcas-otieno-c-lupi-spuma-0er_175-1030x686

Kahle Bühne, großer Ausdruck. (Foto: Lupi Spuma)

Beim Abendessen mit seiner afroamerikanischen Kollegin Jory (Mercy Dorcas Otieno) und deren jüdischen Mann Isaac (Florian Köhler) häufen sich die Anspielungen. Amir mag 600-Dollar-Hemden tragen, doch dazugehören würde er nie, verlautbart Isaac. So kommt es zur Katastrophe: Als Amir erfährt, dass Jory statt ihm befördert wird und Emily eine Affäre mit Isaac hat, entgleitet ihm die Kontrolle. Der Streit wird gespeist vom uralten Konflikt zwischen Juden und Moslems, Israel und Palästina, und steigt rasend schnell von der persönlichen auf eine rassistisch-kulturelle Ebene. Amirs Welt gerät aus den Fugen und stürzt über seinem Kopf ein.

Wochen später ermittelt das FBI gegen seinen Cousin Ape (Pascal Goffin) wegen Terrorverdachts. Geradezu magnetisch anziehend ist der Dialog der beiden über Herkunft, Religion und Identität. Momente der Stille durchschneiden ihre bebenden Stimmen. Ein Ausblick auf eine positive Zukunft? Unmöglich. Den Blick von der Bühne abwenden? Ebenso.

Du hast kein besseres Leben!“ (Ape in Ayad Akhtars „Geächtet“)

Jede*r der fünf kongenialen Schauspieler*innen trägt zur fesselnden Kraft der Szenen bei. Florian Köhler nimmt als Kurator Isaac die gesamte New Yorker Künstlerszene auf die Schippe, schlägt aber genauso schnell in bitteren Ernst um. Benedikt Greiner spielt den Amir nicht nur – man könnte glauben, er ist Amir. Bei der Verbeugung vor tosendem Applaus ist er sichtlich angeschlagen, seine Augen noch immer gerötet, sein Blick verstört.

Trotz der minimalistischen Bühne von Stephan Mannteuffel, die nur aus weißen Blöcken und Videoprojektionen besteht, ist „Geächtet“ beängstigend real. Die Darsteller*innen unter der Regie von Volker Hesse verwandeln Akhtars Werk in ein Theaterstück par exemple. Zum Schluss bebt die Brust vor Erregung, die Augen tränen. Ein Gefühl, das viele Zuschauer*innen noch Stunden danach fesseln wird. Die Katharsis ist eingetreten. Mehr als nur empfehlenswert.

Weitere Infos finden Sie hier.

Der Fluch des Fremdseins

geaechtet-evamaria-salcher-pascal-goffin-benedikt-greiner-c-lupi-spuma-hp_001

An die Wand geschraubte weiße Blöcke. Menschen, die sich von Würfel zu Würfel angeln. Eine Kamera, die dieses Szenario aus der Vogelperspektive erfasst und auf die Leinwand überträgt.

Von oben betrachtet krabbeln die Protagonisten orientierungslos zwischen den Trümmern umher, eingezwängt in einen Käfig. Was hier passiert, ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit Hindernissen, eine düstere Vorahnung auf das, was kommt.

Denn auch in dem Stück von Ayad Akhtar sind die Darsteller letztendlich Gefangene: ihrer Herkunft, ihrer Weltanschauung, eines Systems.

(c) Lupi Spuma

Wo ist dein Platz? Es geht nur entweder oder. Man kann nicht beides sein.

Seine doppelte Identität macht Amir (Benedikt Greiner) schwer zu schaffen. Er ist ein aufstrebender New Yorker Anwalt, der sein Gehalt gern in exklusive Markenhemden investiert und die Existenz seiner pakistanischen Geburtsurkunde verleugnet. Verheiratet ist er mit der liberalen Künstlerin Emily (Evamaria Salcher), die unter dem Deckmantel der Kunst mit Kopftuch und Islam kokettiert: „Der Islam ist ein Teil von dem was wir sind. Aber wir wissen es noch nicht einmal.“ Emily´s Faszination für orientalische Lebensformen stößt bei Amir auf Unverständnis. Er hat sich von seinem Glauben längst abgewandt, bezeichnet den Koran als Hassbrief und den Islam als Wüstenreligion, der sich Muslime bedingungslos unterwerfen. Nur unter großem Widerstreben erklärt er sich dazu bereit, einen zu Unrecht beschuldigten Imam vor Gericht zu vertreten.

An diesem Punkt beginnt die Stimmung zu kippen. Als die Anwaltskanzlei von Amir´s wahrer Idenität erfährt, findet seine Karriere ein jähes Ende. Beim gemeinsamen Abendessen mit einem jüdischen Kurator und seiner afroamerikanischer Ehefrau (Mercy Dorcas Otieno) gesteht diese, ungerechterweise anstelle von Amir befördert worden zu sein.

Dessen Lebenstraum zerplatzt wie eine Seifenblase. Aus der Party entsteht ein Streit, bei dem die vier Lebenswelten miteinander kollidieren und Vorurteile hervorbrechen.
Amir erfährt, dass er nicht nur von seiner Kanzlei sondern auch von Emily betrogen wurde. Er verliert die Kontrolle und wird zum gewalttätigen Ehemann, der er niemals werden wollte.

Indes scheint sich die Behauptung seines Bruders Abe (Pascal Goffin) zu bewahrheiten. Die Welt ist nicht neutral, dazugehören werden sie nie.

„Sie haben uns geächet!“ , schmettert Abe in den Raum. „Und jetzt tun sie so, als würden sie unseren Zorn nicht verstehen.“

Die Stimmung im Saal ist bedrückend, als sich ein Lichtkegel auf Amir richtet, der nun alleine auf einem weißen Würfel in der Mitte des Raumes sitzt und seine Tränen nicht weiter zurückhalten kann.

Vielleicht ist es das Resümee dieser grandiosen Inszenierung: die Unvereinbarkeit zwischen dem Fluch der Fremdheit und dem tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit.

Dieses Stück gibt wenig Hoffnung sondern bohrt sich vielmehr tief in unser Gewissen.
Ein zutiefst bewegendes Meisterwerk.