Inzestuöses Dreiecksverhältnis – Die Enthauptung von Johannes dem Täufer

BILD: Marija-Katarina Jukić (Herodias) © Werner Kmetitsch

Ein Astronom stellt die Konstellation des Universums und damit auch die Macht dreier Figuren in Frage. Wohin ihn seine Kritik führt, ist bekannt: Sie kostet ihm seinen Kopf. Antonio Bononcini kreierte mit seinem Werk „Die Enthauptung von Johannes dem Täufer“ eine Sonderform des Oratoriums, bei dem eine biblische Geschichte in einem liturgischen Rahmen aufgeführt wird. Die Grazer Oper präsentiert diesen italienischen Oper-„Kurzgenuss“ in einer besonderen Umgebung!

Drei machtvolle Figuren stehen auf der Bühne, deren Konstellation von Johannes (hier ein Astronom – gespielt von Feride Buyukdenktas) in Frage gestellt wird. Wie stehen die Planeten zueinander? Herodias, hier Mutter Erde (Marija-Katarina Jukić) ist machtversessen und fühlt sich durch Johannes‘ Kritik bedroht. Durch ihre Marionette, ihre Tochter Salomé (Saba Hasanoğlu), will sie die Enthauptung des Astronoms erreichen. Sie schickt das Mädchen zu Herodes, dem Sonnenkönig und gleichzeitig Salomés Stiefvater, um die  Hinrichtung des Johannes zu erwünschen. Der König (gespielt von Wilfried Zelinka) ist sich seiner Macht nicht bewusst und ist ein Fähnchen im Wind. Er liebäugelt mit seiner Stieftochter und ist bereit, ihr ihren Wunsch zu  erfüllen, um ihr näher zu  kommen. Johannes wird von seinem Assistenten Angelo (Justina Vaitkute) mehrmals gewarnt, jedoch vergeblich und so naht das bittere Ende.

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Wilfried Zelinka (Herodes)
© Werner Kmetitsch

Die Grazer Oper verlegt ihre Bühne für dieses besondere Stück in die Unterkirche der Herz-Jesu-Kirche und bietet dem Publikum damit ein einzigartiges Opern-Erlebnis. Der längliche Raum des neugotischen Baus wird zur Bühne umfunktioniert, wenn die Kirchbänke in der Mitte die drei Poteste tragen. Diese drei Mini-Bühnen sind jeweils mit kabellosen Leuchtstoffröhren umzäunt, die in verschiedenen Farben erleuchten. Das Publikum versammelt sich rund um die Bühne.

Alles beginnt mit dem Einmarsch der musikalischen Unterstützung, die sich ebenfalls rund um die Bühne platziert. Der ersten Ton erklingt und hallt in den Steinmauern wider. Gesang und Musik (unter der musikalischen Leitung von Susanne Scholz) erklingen in diesem Gebäude sehr eindrucksvoll und verbreiten Gänsehaut. Ausgesprochen gut ist Wilfried Zelinka als Herodes, dessen tiefe Stimme im Gewölbe eindrucksvoll widerhallt und die Figur sehr gut darstellt. Nicht nur akustisch, sondern auch visuell beeindruckt das Stück, denn die Kostüme sind aufwendig, detailreich und filigran.  Unter dem vollen Körpereinsatz der Darsteller leidet zwar das ein oder andere Kostüm, jedoch ist es den Einsatz auf jeden Fall wert! Außergewöhnlich ist auch die Nähe zu den Künstlern, die nur wenige Meter vom Publikum entfernt agieren und es durch ihren Blickkontakt wahrlich mit in die Geschichte ziehen.

Eine wunderbare Inszenierung von Juana Ines Cano Restrepo, die auf jeden Fall sehenswert ist! Noch bis Ende Mai zu sehen. Tickets: hier.

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(c) Werner Kmetitsch

Goldschatz wiederentdeckt

Ein Bühnenerlebnis von seltener Intensität und tiefer Berührungskraft ist Regisseur Holger Müller-​Brandes und Dirigent Roland Kluttig an der Oper Graz mit „König Roger“ von Karol Szymanowski gelungen. Das sollte man nicht verpassen – auch, weil die polnische Oper viel zu selten gespielt wird.

Wenn man nach nur eineinhalb Stunden „Król Roger“ die Oper Graz wieder verlässt, scheint momentan nichts stutziger als das Faktum, dass es sich hier, im Jahr 2019, über 90 Jahre nach der Uraufführung, um die zweite (!) österreichische Inszenierung handelt. Ich werde das an dieser Stelle als ein Verbrechen der Kanonisierung bezeichnen. Denn Szymanowskis Oper trägt eine so tiefgehende Tragik, so feine Symbolik und so übermannende Kraft in sich, dass man nur staunen kann.

Dem vorhandenen Material wird man in Graz noch dazu mehr als gerecht. Die Philharmoniker schmettern mit Kraft und gleichermaßen Kontrolle die Musik zwischen Moderne und Spätromantik aus dem Orchestergraben. Durch Dirigent Roland Kluttig entsteht ein von vorne bis hinten durchgängiges Klangkonzept, changierend zwischen Dunkelheit, Ekstase und Zärtlichkeit, das nicht zuletzt den Sänger*innen eine wunderbare Grundlage bietet.

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Der lettische Einspringer Valdis Jansons findet sich als König Roger stimmlich gut zurecht, trägt aber in Sachen Schauspiel oftmals ein wenig zu dick auf. Anders seine Kolleg*innen: Aurelia Florian als Roxane verzaubert mit ihrem vollen, dramatischen Sopran, Andrzej Lampert als Hirte passt nicht nur stimmlich perfekt in die Inszenierung, Manuel von Senden als Berater Endrisi komplettiert das Bild mit ruhigen Ratschlägen.

Großartig wird „König Roger“ aber vor allem durch den starken Chor und die Singschul‘, allesamt monoton in schwarzen, geraden Anzügen und Kutten gekleidet. Wenn sie zu Beginn langsam über den Hügel auf der schrägen Bühne kriechen und schließlich zum ersten Mal singen – ein Gänsehaut-Moment. Das Ballett, als einziges bunt kostümiert in einer sonst von dunkeln Tönen und Goldelementen geprägten Welt, spiegelt die Innenwelt der Charaktere, mal zuckend, mal sich wälzend, mal in der Luft, mal am Boden. Hier ist etwas Großes gelungen.

Details und Termine hier.

König Roger – Zwischen Wahnsinn und Glauben

BILD: Kay Stiefermann (Roger II.), Andrzej Lampert (Der Hirte) © Werner Kmetitsch

Am Valentinstag feierte die polnische Oper „König Roger“ von Karol Szymanowski in der Grazer Oper Premiere und verbreitete bei den Gästen Gänsehaut auf ganzer Strecke. Ein Stück, das durch musikalische Vielfalt, inhaltliche Tiefe und ein skurriles Bühnenbild die Zuschauer fesselt und beeindruckt. 

Normannenkönig Roger II., Herrscher des mittelalterlichen Siziliens, trifft auf einen jungen Hirten, der die Existenz eines neuen Gottes predigt. Die Gemahlin des Königs ist von dem Jüngling entzückt und folgt diesem ganz zum Missfallen des Königs. Ein Kampf zwischen bisherigem Glauben und der Prophezeiung des Hirten beginnt. Ein sehr spirituelles Stück, das auch die allgegenwärtige Diskussion um das Bedürfnis der Menschen nach Religion aufgreift.

Das Bühnenbild ist schlicht und dennoch beeindruckend. Der Boden ist rückwärts angehoben und bildet im hinteren Bühnenbereich einen Hügel. Inmitten dieser Schräge befindet sich eine goldene Quelle mit Wasser, die ein Taufbecken symbolisiert. Während der Vorstellung erhebt sich der Mittelteil der Bühne und ein beeindruckendes Bild wird den Zuschauern geboten: König Roger sitzend im Taufbecken, umrahmt von Gold und Blut.

Die Kostüme sind ebenfalls schlicht und verbinden Modernes mit zeitloser Eleganz. Schwarze Blazer treffen auf leicht fallende Kleider in Pastell. Die Tänzer verkörpern Chaos und Ekstase durch ihre abnormen Verrenkungen, sodass die Zuschauer nicht ihren Blick von ihnen wenden können.

Musikalisch ist das Stück ein wahres Meisterwerk, das durch seine Vielfalt in Gesang und Musik beeindruckt. Der A-capella-Chor verbreitet Gänsehaut und das Orchester verblüfft durch seine Intensität und Raffinesse.

Ein beeindruckendes Stück, das auf jeden Fall sehenswert ist.

Tickets unter: Oper.at