(c) Lupi Spuma

Ein Wohnzimmer voller Gräben

Ayad Akhtars Drama „The Who and the What“ zeigt wie schon zuvor „Geächtet“ die gespaltene Welt von MuslimInnen in den USA. Wie Jan Stephan Schmieding das Stück im Haus zwei inszeniert – so muss Theater sein!

Mahwish (Tamara Semzov) und ihre Schwester Zarina (Henriette Blumenau) sind moderne, amerikanische Frauen: Sie essen gerne Avocados, lesen ihr Horoskop, haben studiert. Doch sie leben in einer zerrissenen Welt: Die Ehre schreibt vor, dass Zarina vor ihrer kleinen Schwester heiraten muss. Damit das schneller passiert, legt ihr konservativer Vater (Stefan Suske) im geheimen ein Profil in einer Dating-Plattform für muslimische Singles an. Durch Zufall verliebt sich Zarina wirklich in einen vom Vater erwählten Kandidaten: Eli (Nico Link) steht als weißer Konvertit einer Moschee vor, ist offen, gebildet und progressiv. Er unterstützt Zarina bei ihrem Buch über Genderrollen im Islam. Darin charakterisiert sie den Propheten Mohammed als Menschen, der wie jeder andere Zweifel und sexuelle Begierden hat.

Währenddessen versucht Zarinas Vater, Eli zu einem ‚richtigen‘ Ehemann zu machen: „Sie hat die Macht“, wirft er ihm vor; „Schwängere sie“ und „Sie wird nur glücklich, wenn du sie brichst“ sind da zu hören. Es sind Momente, in denen einem ob der Rückständigkeit der Aussagen nichts anderes zu tun bleibt, als zu lachen. Doch der bittere Ernst kommt spätestens, als der Vater und Mahwish das Manuskript von „The Who and the What“, Zarinas Buch, entdecken – er vergleicht es mit der tödlichen Krebserkrankung der Mutter und bricht mit der Tochter.

Durch Frank Holldack Bühne, in die von beiden Seiten eingeblickt wird, fühlt man sich kaum wie im Theater, sondern eher wie ein unentdeckter Beobachter im intimen Wohnzimmer der Familie. Jeder Satz des großartig zusammenarbeitenden Ensembles ist genuin ehrlich und legt Gräben zwischen den Kulturen frei – was auf den Tribünen Lacher, kopfschüttelndes Schnaufen und entsetzte Stille auslöst. Knackig kurz, schnell und intensiv zieht das Stück vorbei – es hängt weder ab, noch lässt einen einzigen langweiligen Moment zu. Es bleibt nicht viel zu sagen, außer: So soll Theater sein.

Weitere Infos und Termine hierDu möchtest „The Who and the What“ sehen, bist aber knapp bei Kasse? Hol dir 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn mit deinem Studierendenausweis eine Restkarte um €5!

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Julia Gräfner als Mose (c) Lupi Spuma

Im Höllentempo durch das Alte Testament

Das Projekt „Altes Testament – Aus dem Tagebuch der Menschheit“ von Volker Hesse beendet die unter dem Themenkreis „Religion“ stehende Spielzeit 2017/18 am Haus eins. Eine Inszenierung, so monumental wie die Epen aus ihrer Textvorlage, aber nicht gerade provokant.

Tiefstapeln ist nichts für das Schauspielhaus und Regisseur Volker Hesse. Als Abschluss für die Spielzeit unter dem Motto „Religion“ haben sie sich nichts Geringerem angenommen als dem wahrscheinlich monumentalsten Text der Menschheitsgeschichte: dem Alten Testament. Auf ihm fußen die Religionen von Abermillionen Menschen und die Kulturgeschichte der halben Weltkugel. Kann man dem überhaupt gerecht werden?

Regisseur Hesse und Dramaturgin Karla Mäder haben sich zwei Jahre lang mit dem Stoff auseinandergesetzt, zwölf Schauspieler in jeweils bis zu fünf Rollen gesteckt, fünf Musiker (Markus Sepperer, Ivan Trenev, Dominic Pessl, Rafał Zalech und Reinhard Zeigerhofer; Komposition und Leitung: Bojan Vuletić) engagiert, eine Videofirma (rocafilm) beauftragt und das Haus eins zum einheitlichen Bühnenraum umgebaut (Bühne und Kostüme: Stephan Mannteuffel), der über drei Stunden lang bespielt wird. Das Rückgrat, auf dem diese Inszenierung lastet, ist das Ensemble: Gerhard Balluch gibt einen genialen Abraham, das dynamische Duo Pascal Goffin/Benedikt Greiner kämpft als Kain und Abel über den Köpfen des Publikums, Florian Köhler erzeugt als Esau mit seinem Mund die wunderlichsten Geräusche und avanciert im zweiten Akt zum Sänger und Gitarristen.

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Bühne und Zuschauerraum verschmelzen zu einem. (c) Lupi Spuma (3)

 

Was dabei herauskommt? Ein Spektakel, das sich anekdotisch mit Höllentempo durch das Alte Testament kämpft. Fast so, als würde man auf einer Autobahn daran vorbeirasen. Die gepolsterten Sessel bleiben dem Publikum diesmal verwehrt – zuerst heißt es stehen, später dienen Papphocker als Sitzgelegenheiten. Belohnt wird man dafür mit atmosphärischen Momenten, in denen eine Zusammenkunft von Spielenden und Bespielten spürbar wird. Zum Beispiel wenn die Drehbühne zur Arche wird und der Sintflut-Regen von oben auf das Publikum prasselt (Entwarnung: Man bleibt trotzdem trocken). Oder am Ende des ersten Aktes, wenn man für die zehrenden mehr als zwei Stunden mit großartiger Musik, Wein oder Wasser und Brot belohnt wird.

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Spektakulär inszeniert, ja, aber schafft es Hesse, das Alte Testament ins Jetzt zu katapultieren? Irgendwo zwischen allzu plakativem Gegenwartsbezug und konservativem Erzählen bleibt die Inszenierung stecken. Nicht selten schellen die Sexismus-Alarmglocken im Kopf: Der „Mensch“ soll der „Herr“ des „Weibes“ sein, unzählige Söhne, aber keine Töchter werden geboren und so weiter. Um diesen Motiven zu entgegnen reicht es leider nicht, Maximiliane Haß zum Isaak, Mercy Dorcas Otieno zum Pharao und Julia Gräfner zum bärtigen, stotternden Mose zu machen. Die körperbetonte Tanzperformance zum Anfang des zweiten Aktes ist zwar schön anzusehen und sprudelt vor Energie – den Zweck der Provokation verfehlt sie aber. So wie die Projektionen auf den weißen Segeln rund um den Bühnenraum, die das Stück mit aktuellen Nahost-Bezügen vollstopfen. Löblich jedoch ist, dass Hesse nicht in die religiös-belehrende Schiene fällt, sondern das Alte Testament als Epensammlung über die Grundprobleme des Menschseins behandelt.

Weitere Termine und Infos

Lessings aufklärerisches Ideendrama

Eines der wichtigsten Stücke der Aufklärung wird im Schauspielhaus Graz unter der Regie von Lily Sykes auf die Bühne gebracht. Dabei handelt es sich um nichts Geringeres als das Ideendrama von Gotthold Ephraim Lessing „Nathan der Weise“.

Vor allem bekannt ist die darin vorkommende Ringparabel, die die Antwort auf die Frage: „Welche der drei Weltreligionen (katholisch, muslimisch oder jüdisch) ist die Wahre?“ geben soll. Diese Frage stellt der muslimische Herrscher Saladin (Nico Link) dem weisen Juden Nathan (Werner Strenger), der ihm wiederrum die Geschichte dreier Brüder erzählt, die alle einen gleichen Ring vom Vater bekommen, doch nur einer soll der magische Ring sein. Der wahrhaftige Ring hat die Eigenschaft, seinen Besitzer vor Gott und den Menschen angenehm zu machen. Wer aber nur besitzt diesen? Die Quintessenz lautet, dass der liebende Vater nicht zwischen seinen Söhnen entscheiden wollte und ihnen daher allen einen Ring anfertigen ließ. Die Söhne sollten nun so leben, als hätten sie alle den wahren Ring. Da die drei Söhne als Metapher für die drei Weltreligionen stehen, ist die Thematik auch 3 Jahrhunderte später noch relevant, denn der Streit um die Religionen hat leider auch heute noch kein Ende gefunden.

Sykes Inszenierung lehnt sich sehr an der klassischen an, Aktuelles lässt sie nicht miteinfließen und das Bühnenbild ist schlicht gestaltet. Viele weiße Säulen stellen die Schauplätze dar, wie z.B. Nathans Haus und Saladins Palast. Die Säulen können zudem hinaufgeklettert werden, sodass Saladin mit seiner Schwester gute Sicht von oben hat, während sie Schach mit lebenden Figuren spielen. Der Schauplatzwechsel wird mit dem Drehen der Bühne durchgeführt und die Darsteller nutzen die Säulen, um sich hie und da hinter ihnen zu verbergen, somit fungiert das Bühnenbild auch als eine Art Labyrinth. Durch die Bühnendrehungen und die  Licht-, Musik- und Nebeleffekte kommt in das ansonsten statische Bühnenbild ein wenig Bewegung hinein.

Nathan der Weise 2

© Schauspielhaus Graz

Lessing ist dafür bekannt, dass seine Stücke viele Dialoge enthalten. Zudem intendierte er, seinen Zuschauern keine vorgefertigte Schablone vorzusetzen, sondern wollte dazu anregen, durch eigenständiges Denken ein eigenständiges Conclusio zu schließen. Ganz nach der aufklärerischen Devise, „habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Kant). Daher ist es nicht verwunderlich, dass das 2,25 Stunden dauernde Stück keine seichte Unterhaltung ist. Dem Publikum wird die Thematik durch die Inszenierung jedoch nicht gerade erleichtert, denn sie arbeitet hauptsächlich mit den Dialogen, wie sie von Lessing witzig-ironisch und hoch-intellektuell geschrieben wurden. Obwohl den Schauspielern Lessings Worte leicht von den Lippen gehen, hätte der Inszenierung mehr Bewegung und Handlung gutgetan, um die genialen Inhalte des textlastigen Stückes besser mitverfolgen zu können.

Schön inszeniert war das abwechselnde Erzählen der Ringparabel von Nathan, der zu Saladin sprach und seiner Tochter Recha (Maximiliane Haß), die die Geschichte zeitgleich dem christlichen Tempelritter erzählte. Besonders schön herausgearbeitet wurden außerdem die Beziehungen zwischen den Charakteren. Der Fokus liegt auf dem anfänglichen Hass zwischen den verschiedenen Religionen und dessen sukzessivem, wenn auch nicht von Anfang an gewollten, Wandel, z.B. durch Saladins Begnadigung des Tempelherren und der Liebe zwischen dem christlichen Tempelherren und der jüdischen Tochter Nathans. Nathans Großzügigkeit und Menschlichkeit kommt auch sehr deutlich im Stück hervor. Vor allem seine liebevolle Beziehung zu seiner Tochter, Recha, stellt ein wichtiges Element dieser Inszenierung dar. Die Einleitung des Stücks zeigt den liebevollen Vater und Recha als Kind beim Fangen spielen und Geschichten erzählen. Aufgrund dieser schönen Darstellungen zwischen den Beziehungen ist diese Inszenierung mit ein wenig mitgebrachten Hintergrundwissen und Vorwissen über die Kernhandlung durchaus sehenswert. Die nächste und letzte Vorstellung findet am 26. Juni 2018 statt.

Nathan der Weise

© Schauspielhaus Graz

Hier findet ihr den Trailer zum Stück!