Show Me! – Musical-Gala

BILD: Dionne Wudu, Bettina Mönch und Katja Berg © Oliver Wolf

Die Saison geht zu Ende und bevor alle in den wohlverdienten Sommerurlaub starten, gaben die Musical-SängerInnen der Grazer Oper bei der Musical Gala „Show Me!“ nochmal alles. Der Saal tobte und es riss alle von den Stühlen. Es wurde gesungen, getanzt und gejubelt. Da lässt sich nur sagen: „Show me!“ again!

Am 22. und 23. Juni fand an der Oper Graz die große Musical-Gala statt und begeisterte das Publikum voll und ganz. Eine Reise durch die Nachtclubs von Chicago und über die Dächer von New York begann und wurde begleitet von Liedern wie „One Night Only“ aus „Dreamgirls“! Die Lieblingsstars aus „Evita“, „Funny Girl“, „Chess“, „Ragtime“ und „Kiss me Kate“ (Monika Staszak/Dionne Wudu/Bettina Mönch/Alvin Le-Bass/Nikolaj Alexander Brucker/Frederike Haas/Katja Berg) sangen ihre besten Songs und wurden von den Grazer Philharmonikern unter der Leitung von Tom Bitterlich hervorragend begleitet. Die Musical-Reise ging weiter bis über die Regenbögen. Als man wieder in der  Oper angekommen war, suchte man gespannt nach dem Phantom der Grazer Oper im Saal. Anschließend folgten einige Lieder, bei denen sich keiner mehr auf den Stühlen halten konnte und es wurde getanzt und mitgesungen.

Nach dieser wunderbaren Show war klar: „There Is No Business Like Showbusiness“.

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Cactus Land – Über Krieg und Liebe

Wo immer zwei Menschen aufeinander treffen, bricht Krieg aus. (Cactus Land)

„Cactus Land“: Inszeniert von Regisseurin Lily Sykes, wurde am 24.10.2015 im Schauspielhaus in Graz uraufgeführt. Der Protagonist heißt Alex Lewis und wird von Jan Brunnehoeber in der Rolle des seelischen verwundeten Kriegsfotografen verkörpert, dessen Geschichte an das Buch „My War Gone By, I Miss It So“ von Anthony Lloyd angelehnt ist. „Cactus Land“ spielt vermutlich in den 1990er Jahren im Rahmen der Jugoslawienkriege.

Die Besetzung setzt sich aus dem Protagonisten Alex Lewis, seiner Mutter Valerie, seiner Schwester Natascha und seiner emanzipierten Kollegin Martha zusammen. Die Zutaten für dieses gelungene Stück heißen Liebe, Krieg und Vaterprobleme.Die Handlungsmotive lassen an Tolstois „Krieg und Frieden“ denken.

Drei zentrale Konflikte ziehen sich durch die Handlung wie ein roter Faden: Der unverarbeitete Konflikt mit seinem Vater, nach dessen Anerkennung er sich sehnt, die entwicklungspsychologische Ursachen hat. Eine Vaterbeziehung ist immer identitätsstiftend, doch verweigert ihm sein Vater vor dessen Tod die Versöhnung. Alex leidet an der Zurückweisung seines Vaters. Was zurück bleibt, ist ein hasserfülltes Fax seines Vaters. Liebe, oder zumindest das Loslassen der erotischen Liebe bereit Alex offensichtliche Probleme – dies ist gekennzeichnet durch einen Luftballon, den er gegen Ende des Stücks festhält, es aber nicht über´s Herz bringt, ihn los zu lassen…. Als dritten Konflikt ist seine Sehnsucht nach Kriegsabenteuern deutlich zu erkennen, die den Protagonisten aus seinem scheinbar leeren und sinnlosen Leben befreien sollen, das durch das wiederholte Vorlesen des Schriftzugs „Wash&Go!“ auf seinem Duschgel gekennzeichnet ist.

Der Dramaturg arbeitet im Bühnenbild mit ziemlich einfachen Mitteln: Während der ganzen Vorstellung steht ein großes Doppelbett mittig auf der Bühne, das Schauplatz im Hotel „Cactus Land“ ist. Das Bett verliert seine ursprüngliche Funktion ein Bett zu sein, da sich alle Darsteller unmittelbar abwechselnd oder gleichzeitig in der Nähe des Bettes befinden. Das Bühnenbild ist nahezu dunkel, nur hin und wieder flackert eine Lampe auf, die das Bild in ein gedämpftes Licht taucht. Für die Musikuntermalung sorgt ein anmutig wirkender Frauenchor in der Trauerfarbe Schwarz, der in einer Szene seine Großmutter (seine Kindheitserinnerung) darstellt.

Schauspieler Jan Brunhoeber (in der Rolle des Alex Lewis) hat die Begabung, von Null auf 100 aus der Haut fahren zu können und beweist auf der Bühne ein großartiges Stimmvolumen, das den Zuschauer für den Moment seines inszenierten Wutanfalls in ein Schaudern versetzt. Das Zimmermädchen ist auffallend reizvoll gekleidet, das den Zuschauer in dem Glauben lässt, dass sich zwischen Alex und ihr eine Liebesbeziehung anbahnen wird – das ist jedoch nicht der Fall; so bleibt die reizvolle Kostümierung des Zimmermädchens ein Rätsel.

Ein weiteres Rätsel ist auch die dramaturgische Umsetzung der riesigen, beleuchteten Kunststoffköpfe auf den Häuptern der Darsteller. Was Kunst ist und was nicht, darüber lässt sich zweifelsohne streiten, jedoch können die Kunststoffköpfe als Verfremdungseffekte, die auf den russischen Formalisten Viktor Sklovskij zurück zu führen ist, interpretiert werden.

Formal gesehen hat „Cactus Land“ avantgardistische Züge, die mit einer Brechung der Illusion, der Entrümpelung der Bühne und mit einem Ausbruch aus darstellenden Konventionen einhergeht.

 

 

Die Götter weinen. Ich sowieso.

Schauspielhaus, Hauptbühne

Auch die anderen Normalsterblichen im Publikum sollten weinen. (Wenn auch nur innerlich.) Ob nun aufgrund des grausamen Verlaufes der Geschichte über einen internationalen Konzern, der sich und alle um sich in Grund und Boden manövriert, über miss-wirtschaftende Umstände in der Realität oder der Inszenierung wegen sei vorerst dahingestellt.

Der Inhalt von Dennis Kellys Stück in seiner kürzesten Fassung wäre wohl mit Wörtern wie Macht, Geld, Intrigen und deren Konsequenzen gespickt. Die Nachricht, die schlussendlich durch die Ausartungen der unterschiedlichen Beziehungen innerhalb des Unternehmens – Vater-Sohn, Chef-Chefin, Affäre-Ehepartner – vermittelt werden soll, ist eine viel sanftere.

(c) Lupi Spuma

Udo Samel (c) Lupi Spuma

Colm, der Firmenchef wird von Udo Samel verkörpert, der schon Shakespears König Lear dargestellt hat, worauf dieses Stück beruht. Er überliefert unter lauten Musikeinschaltungen, dafür leisen Dialogen, zwischen Kunstblut und Ganzkörperschutzanzügen, neben einer toten und einer lebendigen Katze die folgenden Weisheiten: Die Götter (oder wer auch immer) schufen das Universum nicht mit grausamer Absicht und mit der Erwartung, hier können nichts als Grausamkeiten geschehen. Nein, sie weinen aus ungläubigen Augen wenn sie uns beobachten wie wir immer tiefer, immer rasanter in den Morast der Gräueltaten versinken. Und wen trifft die Schuld? Was ist denn nun noch gut und böse in all dem Bösen? So unklar diese Antworten oft sein mögen, im Stück sind es (realitätsnah) alle jene, die machtgierig, profit-jagend Ziele verfolgen und sie ohne Rücksicht auf Verluste jeglicher Art weiterverfolgen und alle jene, die diese Ziele aufrechterhalten, um vom Profitkuchen mit schmausen zu können und um in die Gefälligkeit jener zu fallen, die Macht innehalten.

(c) Lupi Spuma  Birgit Stöger

Birgit Stöger (c) Lupi Spuma

Und darunter noch die zaghaftere Nachricht: alle Mächtigen, alle Machtlosen sind so unbedeutend klein. Wie kommen sie – die Mächtigen – also dazu, sich als große Besitzer dieser Welt hervorzutun? Die Welt ist nicht die ihre und ihre Ziele nur eigennützige Hirngespinste der Gier. So nobel sie sich geben, die eine „gute Tat“ hie und da, so erfolgreich sie auch sind: Mächtig werden bedeutet zum Monster zu werden.

Im Allgemeinen also: true story. Und neben schauspielerischen Schmankerln wie die Performances von Katharina Klar, a.k.a. die heimliche Tochter Colms und Birgit Stöger, a.k.a. die Affäre des offiziellen Sohnes von Colm und einer mutigen und realitätsnahen (wenn auch obskuren) Abbildung einer außer Kontrolle geratenen Gier nach Macht und Geld bleibt eigentlich nur ein kleines „Aber…“: Mich persönlich trifft es nicht dort, wo mich sonst ein Stück mit inhaltlichem Reiz trifft. Ich vermute, dass meine Begeisterungstränen, die ich normalerweise für Stücke wie diese weine, irgendwo in den Trümmern der ballernden Inszenierung begraben liegen. Vielleicht dort, wo die pompöse Inszenierung einen zu großen Kontrast zur unbedeutenden Existenz darstellt. Vielleicht weil so die Kritik an denen, die lauter schreien, mehr bieten, noch lauter schreien nicht mehr so klar als Kritik wirkt, wird es doch wieder als Stilmittel verwendet. Möglicherweise sind meine Augen aber auch nur von den allgemein subtileren, kleiner inszenierten Probebühnenaufführungen getäuscht oder vielleicht ist es auch einfach zu nah dran an der Realität.

Das Theater verlasse ich jedenfalls nachdenkend, aber unbefriedigt. Über die Umstände weine ich ohnehin.

Hier der Trailer zum Stück, welches noch am 5. Novemeber sowie 6. und 30. Dezember auf der Hauptbühne im Schauspielhaus zu sehen sein wird. Weitere Informationen können hier gesucht und gefunden werden.