Diese Gemeinschaft ist besonders. Oder nicht? – „Community“ im Schauspielhaus Graz

Alles ist in diesem Stück irgendwie anders. Dieses Stück, das vorgibt gar keines zu sein, aber doch gerade dadurch dazu wird. Yael Ronen und ihr Team ziehen eine Dystopie ihresgleichen auf. Und das Schlimmste ist: wir lachen alle mit.

Graz im Jahre 2018. Eine erneute Bankenkrise lässt das System komplett entgleisen. Das österreichische Theater hat unter diesen Bedingungen längst kapitulieren müssen. Das Schauspielhaus soll zu einem Luxushotel umfunktioniert werden. Die ehemals hier engagierten und nun arbeitslosen Schauspieler Katharina Klar, Birgit Stöger, Sebastian Klein, Kaspar Locher, Michael Ronen und ihr selbsternannter Star Jan Thümer (der für diese Selbstdarstellung Szenenapplaus bekam) haben das Haus besetzt, um hier nun als Kommune zusammen zu leben. Das Publikum wurde an diesem Tag geladen, um Einblicke in die Welt der nun selbstorganisierten Schauspieler zu erlangen. So war es zu Beginn der Vorstellung eingeladen, die Bühne und die angeblich selbsterbaute Selbstversorgungsinfrastruktur (de facto zeigte sich Sylvia Rieger für die Bühne verantwortlich) zu inspizieren. Man kam ins Plaudern, durfte sogar vom der Krise entsprechend miesen Soda-Zitron kosten. Theater einmal anders, aber das durfte eigentlich niemanden nach dem okkupierten Einlass mehr verwundert haben.

Einblicke (c) Lupi Spuma

Einblicke (c) Lupi Spuma

So gab es Sicherheitshinweise wie im Flugzeug und den eindeutigen Hinweis, dass man sich als Zuseher*in als Kollaborateur des Hausfriedensbruchs schuldig machen wird. Generell wurde in einem sehr freundschaftlichen Ton mit dem Publikum umgegangen, es wurde kontinuierlich geduzt und sogar durch die Schauspieler*innen umarmt. Das Gemeinschaftsbild wurde zunehmend erweitert. Nach den Jahren der Krise hat man sich vermisst. Zumindest einseitig wurde auch die Schuld gesucht – hin und wieder ein Publikumsgespräch war wohl nicht genug für gegenseitige Unterstützung in schwierigen Zeiten. Wobei man diesem „Silberwald“ (B. Stöger) wohl eh nichts zugetraut hätte.

Das Ensemble (c) Lupi Spuma

Das Ensemble (c) Lupi Spuma

Diese mit vielen guten und unvorhersehbaren Lachern geäußerte Selbstkritik hatte das Ziel, sich dem Publikum anzubiedern und wurde immer wieder durch Pannen in der Darbietung gestört. Mal explodierte die Toilette, mal wurde der Text durch die Mitstreiter unterbrochen, die die Darbietung nicht für korrekt ausgeleuchtet befanden, etc. So traten die eigentlichen Brüche innerhalb der Community an die Oberfläche, und wenn es nur um die Einhaltung des Putzplanes oder die unterschiedlichen Beziehungsvorstellungen innerhalb der Kommune ging. Denn nachdem man gelernt hatte, ohne Text und nicht nur in Monologen miteinander zu kommunizieren, schien es zuerst gut zu laufen. Aber bekanntlich ist nichts so wie es scheint. Und was ist eigentlich real? So bricht es aus Kaspar Locher heraus. Dieses Stück sei nicht real. Das Theater soll nicht verkauft werden. Und es wurde auch nicht besetzt. Zumindest dieses Theater nicht. Denn 2011 wurde das Teatro Valle in Rom besetzt, das privatisiert werden sollte. Weiter in Lochers Monolog kommt das, was eigentlich nicht hätte ausgesprochen werden müssen: Die aufgezeigten Probleme sind real! Nicht in Graz. Nicht in Österreich. Zumindest noch nicht. Während im südlichen Europa Menschen aufgrund von Finanzmarktspekulationen delogiert und arbeitslos wurden geht es der österreichischen Bevölkerung gut. Noch. Und gerade dieses „noch“ ist es, was den Zuseher*innen hängen bleiben sollte. Ob nun im Jahr 2018, früher oder später. Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, die immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich lassen eben solche Vorstellungen auch für Österreich zu.

So vollzieht Yael Ronen ihre Dystopie bis in den Exzess. Das Theater wird gestürmt. Jegliche Verhandlungsversuche sind gescheitert. 2000 Polizeibeamte stürmen unter Tränengaseinsatz das Theater. Mit Gewalteskalationen ist zu rechnen. Nach etwa einer Stunde ist alles vorbei.

Ein äußerst sehenswertes und der Thematik wegen LEIDER amüsantes Stück hinterlässt lange Gespräche. Aber Yael Ronen versucht uns deutlich mehr mitzugeben: Das Theater ist kein Gebäude. Das Theater ist eine Idee. Und diese wird mit dem System, das alles dem Kapital unterwirft wohl untergehen. Hier wird ein Plädoyer für die Kunst geliefert, die sich diesem System nicht unterwerfen kann. Das Theater ist eine Denkfabrik und muss es bleiben. Yael Ronen und ihr Team haben es wieder einmal geschafft. Ich bin begeistert.

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Nähere Informationen zum Stück und den kommenden Terminen gibt es auf den Seiten des Schauspielhaus Graz.

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Die Kraft Wiens

Im Stile eines Fußballkommentars startet das Stück aus dem noch anhaltenden Trubel des Grazer Schauspielhauses. Der Saal wird nicht verdunkelt, man wartet lediglich darauf, dass sich die Gäste gesetzt haben und schon läuft die Mannschaft ein.

Die Mannschaft besteht aus Birgit Stöger, Sebastian Klein, Knut Berger, Julius Feldmeier und Michael Ronen, dem Bruder der Regisseurin. Dass er anders ist als die anderen Darstellerinnen und Darsteller wird gekonnt in Szene gesetzt. Anstatt des Trainingsanzuges der anderen Teammitglieder soll er die Gefangenenuniform eines KZ-Häftlings tragen. Seine Geschichte wird hier erzählt, die Geschichte eines Mannes, der nicht in den Kriegswirren Israels leben möchte sondern im ruhigen Wien, der Stadt, aus der sein Großvater in den 1930er Jahren geflohen ist.

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

Redet Ronen über seine Geschichte, dann redet er auf hebräisch, seiner Muttersprache. Eine Übersetzung wird dazu auf das Spielfeld projiziert, das als Bühnenbild dient. An gleicher Stelle werden auch Regieanweisungen in Bezug auf die Position des Bühnenbilds im Stile einer Taktikanweisung bekannt gegeben, die die Schauspieler für die nächste Szene zu befolgen haben. Generell stellt Fußball das Medium der Erzählung dar. Wieso, weshalb und warum erklärt uns der von Sebastian Klein gespielte Ultra Ulf, der von seinem Verein Hannover 96 mit einem fünfjährigen Stadionverbot belegt wurde und den Ronen (dessen Figur in diesem Stück Fröhlich heißt) bei einem Bier trifft. Hakoah Wien war bzw. ist der Name eines jüdischen Fußballvereins, der zu Zeiten der Ersten Republik zu den stärksten Österreichs zählte. Die erste kontinentaleuropäische Mannschaft, die es schaffte, ein Spiel in England zu gewinnen, Meister 1925. Und eben dort spielte auch Michaels Großvater, bei der Kraft Wiens (Hakoah ist hebräisch für Kraft).

Immer wieder wird Michael , der als israelischer Soldat in Wien Vorträge halten soll und desertiert, mit der Vergangenheit seines Großvaters konfrontiert. Insbesondere nachdem er die Psychologin Michaela trifft, deren Großmutter, so stellt es sich heraus, Jüdin und die große Liebe des Großvaters von Michael war. Während Michaela nun damit beginnt sich mit ihrer jüdischen Vergangenheit zu befassen versucht sich Michael aus der Rolle zu lösen, die das Leben in Israel für ihn bedeutet: Kriegsführung für das „Experiment mit dem jüdischen Staat“.

Michaels Blick in die Vergangenheit zu Hakoah Wien (c) Lupi Spuma

Michaels Blick in die Vergangenheit zu Hakoah Wien (c) Lupi Spuma

Genauso wie in Niemandsland positioniert Yael Ronen in diesem Stück viel Kritik: Kritik an Religion und Nation. Warum ist es für Juden wichtig, einen eigenen Staat zu haben? Diese Frage wird durch Michaels Großvater schnell geklärt:

Kein Israeli hat Krieg als Hobby. […] Wir kämpfen nicht, weil wir Krieg lieben. Wir kämpfen, weil wir normal leben wollen, wir ihr.

Somit wird hier ganz klar eine Notwendigkeit dargestellt. Eine Notwendigkeit, einzig und allein aus dem Grund heraus, dass Religion annähernd überall so wichtig für das nationale Verständnis zu sein scheint, sodass man aufgrund dieser Eigenschaft damit beginnt, andere Menschen auszugrenzen, wie es in der Shoah geschehen ist.

All diese Kritik verpackt Yael Ronen in der Parabel des Fußballs. Einer Sportart, die bis in die tiefsten Ecken archaisch tradiert ist und als intolerant gilt. Wo es heute noch vorkommt, dass dunkelhäutige Spieler mit Auffenlauten bedacht werden und wo sich noch kein aktiver Profi zur Homosexualität bekannt hat, dabei wird Fußball im Stück dargestellt als

die größte homoerotische Massenveranstaltung seit dem römischen Dampfbad.

Über das gesamte Stück wird man durch ein gewisses Unbehagen begleitet. Ich habe mich immer wieder dabei ertappt, wie ich dachte: „Scheisse, so ist es wirklich“. Und doch habe ich, was man aus dieser Rezension bisher sicherlich noch nicht entnehmen konnte, selten so viel in einem Drama gelacht. Ich habe herzlich viel gelacht, über tiefen Srakasmus, ja sogar auch Zynismus. Über gute Witze und Situationskomik. Und doch braucht das Stück Zeit, um es zu verarbeiten. Denn im Prinzip teilt Yael Ronen aus, die volle Breitseite gegenüber Gesellschaft und Nationalismus. Ich ziehe meinen imaginären Hut.

Am vierten Juni wird Hakoah Wien zum vorerst letzten Mal im Grazer Schauspielhaus gezeigt, weitere Informationen dazu gibt es auf der Seite des Schauspielhauses.