Glasklarer Wahnsinn

Salome – der klangvolle Name erzeugt Assoziationen wie Leidenschaft und Rache, orientalische Schönheit und Feme fatale, und ist nicht erst seit der österreichischen Erstaufführung 1906 in Graz mit einem skandalösen Image behaftet. Wie viel Skandal steckt noch in der aktuellen Produktion?

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© Werner Kmetitsch

Ein quälend verlangsamtes dumpfes Pochen, ein Rhythmus, der böse Vorahnungen über den Ausgang des Abends erweckt. Das übergroße Angesicht einer gefiltert schönen jungen Frau, die auf eine unsichtbare Wand schlägt – die Grundzüge der Inszenierung von Richard Strauss‘ Einakter werden in den ersten Momenten konstatiert: modern, technisiert, plakativ und doch tiefblickend.

Sehen und gesehen werden

Die Konzeption der Titelheldin zeigt eine Suchende zwischen Oberflächlichkeit und tiefgehendem Trauma, gefangen in einem regelrechten Zwang zur Selbstinszenierung: Die (nicht recht zur Modernität der Inszenierung passende, da beinahe schon antiquarische) Kamera als ständige Begleiterin weist Salome als Teil der Generation Instagram aus, die eher beobachtet, um sich selbst zu erblicken. Prophet Jochanaan zeigt erwartungsgemäß kein Interesse an diesem Spiel – er scheint mehr mit seinem brutalen Fanatismus und mit irrem Kopfschütteln vorgetragenen Vorausdeutungen beschäftigt als mit Salomes Annäherungsversuchen. Gekränkt benutzt ihn das trotzige Teenie-Girl als Mittel ihrer Emanzipation: Sie lässt sich zum tanzenden Lustobjekt ihres wunderbar schmierig dargestellten Stiefvaters Herodes degradieren, um ihre Besitzansprüche auf den Propheten durchzusetzen.

Dreh- und Angelpunkt des Musikdramas ist gerade der Moment, in welchem dem Publikum der Blick auf das Geschehen verwehrt wird: der berühmte Schleiertanz. Regisseurin Florentine Klepper setzt hier auf eine Reise in Salomes Unterbewusstsein mithilfe von Videoprojektionen – eine Idee mit viel Potenzial, die in der Umsetzung allerdings weniger beeindruckt, da sie einerseits eher als Abriss sündhafter Frauenfiguren in der Kunstgeschichte anmutet und sich letztlich auch ein wenig in die Länge zieht.

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© Werner Kmetitsch

Raffinierter ist da der Schauplatz des biblischen Spektakels: Eine trendige Glasvilla, die nicht nur geschickt die kalte Inszenierung und ihr Konzept der Durchsichtigkeit unterstreicht, sondern auch mit einigen originellen Details für gelungene Momente sorgt – beispielsweise als sich Jochanaans ins Wohnzimmer integrierte Zelle am Ende in ein schauriges Gemälde verwandelt.

Musikalische Topleistungen

Den Besuch lohnend macht vor allem die Musik: Allen voran Johanni van Oostrum, welche Salomes Trotz und Verletzlichkeit stimmlich überaus lebendig interpretiert und sich am Ende gekonnt in Ekstase singt. Überzeugende Interpretationen bieten aber auch Manuel von Senden und Iris Vermillion als Königspaar sowie das Orchester unter der künstlerischen Leitung von Oksana Lyniv, die eine große Spannbreite an Dynamik und Klangfarben herausholen kann.

Wenngleich das Stück in dieser Inszenierung wohl kaum einen Skandal hervorruft, sorgt es dennoch für einen kurzweiligen, packenden Abend – der mit seinem Fokus auf gesellschaftlichen Wahnsinn (wie z.B. Missbrauch in der Familie) doch den ein oder anderen zum Nachdenken anregen mag.

Weitere Informationen zum Stück finden Sie hier

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Salome als flatterhafter Teenager

Die Grazer Oper bringt Richard Strauss‘ lüstern blutige Geschichte auf die Bühne. Johanni von Oostrum singt eine phänomenale Salome in einer mauen Inszenierung.

(c) Werner Kmetitsch

Zugegeben, die Geschichte von Prinzessin Salome ist nicht die am leichtesten zu inszenierende Abendunterhaltung. Moralisch flexible Mutter, lüsterner Vater, abgewiesene Liebe, Flüche und Drohungen finden sich in dem Schauspiel nach Oscar Wilde. Auch das Stück in ein zukünftiges Ambiente zu heben erscheint persönlich nicht widersinnig. Aber die Personen auf flache Stereotypen zu reduzieren, wie etwa Salome als flatterhaften Teenager, nimmt dem Stück doch einiges an seiner Substanz. Die Bühne allgemein verband kantige Strukturen mit verschleiernden Elementen. Diese Unwohnlichkeit unterstrich den Eindruck der Handelnden als bloße Spielfiguren, auch der Einsatz von Projektionen verstärkte dies noch. Dass Salomes Tanz verschleiert wurde und stattdessen durch ein Video die Abgründe ihrer Seele verbildlicht werden sollten, erwies sich als valide Idee, die in der Umsetzung hinkte. Zu undeutlich, zu pseudoreal wirkten die Andeutungen in den Aufnahmen, sodass der durch den Tanz markierte Bruch der Geschichte dabei verwischt erschien. Schade war es auch, dass der Einsatz von Farben und Materialien (Plastikkostüme, ausdruckslose Uniformen, Perlen und Vorhangstoffe minderen Aussehens) so wenig harmonisch gewählt war und doch nicht unharmonisch genug, als dass ein ausgeprägter Eindruck ausgelöst hätte werden können.

(c) Werner Kmetitsch

Musikalisch weiß die Produktion voll aufzufahren. Geführt von Oksana Lyniv am Pult beleuchtete das Grazer Philharmonische Orchester die verschiedenen Schattierungen der Partitur mit viel Plastizität. Im Gegensatz zur Setzung der Geschichte war der Bogen in der Musik klar geführt, sodass die Spannung nie abfiel. Auch die Dynamik war wohl gewählt, was die Sänger trotz des dichten Orchesterklangs klar hervortreten ließ. Johanni von Oostrum meisterte die großen Anforderungen der Salomepartie bravourös. Sie wusste ihre Stimme sinnlich, düster und exaltierend einzusetzen, was die Zerrissenheit von Salomes Charakter eindringlich verdeutlichte. Als Jochanaan sang an diesem Abend Thomas Ghazeli, der die wütende Erregung in seinem ganzen Auftreten verkörperte. Als Elternpaar der Salome waren Manuel van Senden als schleimiger, dümmlicher Gönner und Iris Vermillion als extravagante Trinkerin zu erleben. Letztere sicherte mit kehligen Einsätzen und einvernehmender Gestik ihren Status als die Meinungen spaltendes Unikum, Manuel van Senden glänzte mit klarer, heller Stimme im glänzend gewählten, türkisen Anzug. Auch Pavel Petrov bewährte seinen Tenor als schmachtender Narraboth, ebenso wie seine jungen Kollegen im Religionsstreit. Ein Lob an die Musik!

Weitere Informationen zum Stück finden Sie unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/salome

Ein Unikat in seinem Element

Der Opernfachmann und wendige Pianist Stefan Mikisch beehrte die Oper Graz.

Wer Stefan Mikisch erlebt hat, wird es nicht vergessen. Der gebürtige (und deutlich hörbare) Oberpfälzer hat als klavierbegabter Opernenthusiast seine ideale Nische gefunden: launige, kurzweilige und hochkompetente Operneinführung. Für die Premiere von Richard Strauss‘ Salome am 10. November nahm sich Mikisch dieser blutigen Geschichte an. In der Einleitung setzte der Musiker eindeutig auf das humorvolle Element und berichtete kurz und knapp die Geschichte der Salome. Auch wenn den meisten Zuhörern diese Geschichte nur allzu bekannt war: eine so witzige wie enthusiastische Inhaltsangabe hat man noch in keinem Opernführer gelesen.
So belustigend Mikischs Anekdoten sind, der faszinierende Kern seiner Einführungen ist sein Umgang mit der Musik. Wenn er die Musik Strauss‘ zerlegt, tut er dies nicht neutral oder sachlich, sondern mit Wertung und Hingabe. „Das klingt falsch, gehört aber so. Ich kann auch nichts dafür, dass der Strauss das so komponiert hat!“, wird man öfter des Abends von ihm hören und gleichzeitig entbirgt Mikisch so manche Juwelen aus der Partitur. Die dichte, komplexe Tonsprache von Richard Strauss weiß Mikisch nicht nur eindrucksvoll in den längeren Musikeinlagen zu präsentieren, sondern auch sie aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Die Motive der Protagonistin Salome sind meist liebreizend und voll Anmut. Deren Übergang zum Befehlston und ihre wahnsinnige Forderung sind ihr in der Musik aber ebenso „einkomponiert“, wie Mikisch hörbar zu schildern weiß. Besonders fasziniert scheint der Musiker auch von der Figur des Jochanaan, Johannes des Täufers, zu sein. Breit und sphärisch klingt das Thema von Salomes Objekt größter Begierde an und schnell wird deutlich, dass eine gewisse Mystik einem Mann doch sehr viel Sexappeal verleihen kann.
Wer vermutet hat, an diesem Abend nur mit der Musik von Richard Strauss in Berührung zu kommen, hat Stefan Mikisch falsch eingeschätzt. Gerne verweist der Pianist auf Wagner, dessen Opern ihn schon zu der ein oder anderen grandiosen Einführung inspiriert haben. Vor allem bei der Entschlüsselung der Harmonik des behandelten Werkes greift Mikisch gerne tiefer in die Komponistenschublade. „Hier geht das ganze über in cis-Moll. Cis-Moll, das kennen wir schon…“, setzt er an und schon geht die kühne Strauss’sche Tonsprache über in die klare Handschrift von Johann Sebastian Bach über. Die Wendigkeit und der gleichzeitige Fluss in der Musik scheint sich direkt aus Mikischs Hirn auf seine Hände zu übertragen. Nichts wirkt hier unnatürlich, auch kein fliegender Wechsel von Bach zu Ravel.
Nach knappen zwei Stunden setzt Mikisch einen Schlusspunkt unter das tragische Ende der schönsten aller Prinzessinnen. Das Publikum ist um die eine oder andere Anekdote und einen bunten Klangeindruck reicher. Die Vorfreude auf die Salome ist geschürt!

Weitere Informationen zu Stefan Mikisch in der Oper Graz unter:
https://www.oper-graz.com/ensemble/stefan-alexander-mickisch-1