Spielzeit 19.20 am Schauspielhaus: Was kommt

Nach vier reiseintensiven Jahren richtet das Schauspielhaus den Blick unter dem Motto „Heimat“ nach innen – und bleibt dabei open-minded. Auf welche Stücke man sich in der kommenden Saison freuen darf und was man außerdem wissen sollte.

„Heimat, was soll das sein?“ Diese Frage bildet den roten Faden durch ein knallbuntes Programm 2019.2020, das Intendantin Iris Laufenberg und ihr Team gestern präsentierten. Ob es nun darum geht, wie sie schmeckt („Zuhause ist ein Bauchgefühl“), klingt („Vögel“, Familiendrama mit Sandy Lopičić) oder sich anfühlt („Bist du GAK oder Sturm?“): Heimat betrifft uns alle. Zeit, dem politisch überstrapazierten Begriff neue Perspektiven zu verleihen.

Den Saisonauftakt bildet das traditionelle Eröffnungsfest am Samstag, den 14.09.2019, mit Einblicken in  die kommende Saison und anschließender Party auf der Bühne von HAUS EINS. Die erste Produktion  gibt es am 26.09.2019 zu sehen: „Vernon Subutex“, ein als Kriminalgeschichte verpacktes, riesiges Gesellschaftspanorama. Regisseur Alexander Eisenach adaptierte die französische Romantrilogie von Virginie Despentes (die offenbar den Zeitgeist so exakt trifft, dass auch im Schauspielhaus Wien gerade eine Bühnenfassung angelaufen ist) und enthüllte bereits den Vernon: Norbert Wally von der Grazer Band „The Base“, die bei der Eröffnungsparty auftreten wird.

Was gibt es Neues

Der Fokus von Laufenberg liegt ganz klar auf zeitgenössischer Dramatik. Somit trägt sie das Motto der letzten Saison, „Zukunft“, auch in die neue Spielzeit weiter: Von den 19 Premieren sind sechs Uraufführungen, drei Österreichische Erstaufführungen und zwei Stückentwicklungen für die Bürger*innenbühne. Beispielsweise „dritte republik (eine vermessung). teil drei der kronlandsaga“, ein skurriles Projekt des österreichischen Autors Thomas Köck, das sich ausgehend von der Habsburgermonarchie mit Grenzen und Nationalitäten beschäftigt und von Anita Vulesica erstmals in  Österreich inszeniert wird. Spannend wird es mit „Ich, Tatortkommissarinnen“, einer Koproduktion  mit den Rabtaldirndln, Julia Gräfner und Cora Frost, lustig mit „Bookpink“ (plattdeutsch für  „Buchfink“), wo Anja Michaela Wohlfahrt (aktuell „Schöne neue Welt: Träumen Androiden von  elektrischen Schafen?“) schräge Vögel auf die Bühne bringt, und ironisch mit „The Hills are Alive“, das den Kultfilm „The Sound of Music“ ins Heute holt – dabei tritt Nikolaus Habjan (aktuell „Böhm“; der Exportschlager wird wiederaufgenommen) zum ersten Mal gemeinsam mit seinem Mentor Neville Tranter auf.

Klassiker entstaubt

Auch für Klassiker-Fans steht genug am Menüplan, jedoch mit frischer Würze: Regisseurin Claudia Bossard betrachtet Friedrich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ aus einer feministischen Perspektive, Stephan Rottkamp (aktuell „Maria Stuart“) setzt sich mit Shakespeares „Macbeth“ auseinander und Markus Bothe inszeniert „Der König amüsiert sich – Ein Rigoletto-Melodram“ nach dem Drama von Victor Hugo, das 1832 zum Theaterskandal führte und als unbekannte Vorlage für Verdis Oper diente. Daniel Foerster kleidet mit „Jedermann (stirbt)“ eine Bearbeitung des  Hofmannsthal’schen Klassikers von Ferdinand Schmalz neu ein. Als Paradestück der österreichischen Mentalität kommt „Heldenplatz“ auf die Bühne: mehr als 30 Jahre nach der Uraufführung hat das Stück von Thomas Bernhard noch immer Aufregerpotenzial, wie man unlängst am Beispiel Böhmermann sehen konnte, der die Österreicher nach Bernhard’schem Vorbild als acht Millionen Debile bezeichnete und damit eine Empörungswelle lostrat.

Theater für alle

Als Erfolgsmodell aus dem Vorjahr hat sich die Bürger*innenbühne entpuppt. Im neuen Programm sind „Bist du GAK oder Sturm?“, eine von Pia Hierzegger moderierte Fußball-Bürger*innenbühne über Liebe, Stolz und Fan-Sein mit Regisseur Ed.Hauswirth, sowie „Zuhause ist ein Bauchgefühl“. Hier sucht die afrodeutsche Regisseurin Simone Dede Ayivi Familienrezepte, süße Geheimnisse und Geschichten zum Thema Kochen und Zugehörigkeit.

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Spielzeitbuch © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Auch die Spielsamstage werden beibehalten: An ausgewählten Terminen können Spielfreudige mit unterschiedlichen Theatermethoden experimentieren und sich mit Themen und Stücken auseinandersetzen (Informationen und Anmeldung: julia.gratzer@schauspielhaus-graz.com). Daneben bieten auch verschiedene Schauspielklubs die Möglichkeit, Theaterspielen zu trainieren, teilweise selbst auf der Bühne zu stehen und gemeinsam Vorstellungen und Nachgespräche zu besuchen (Informationen ab Herbst auf der Website, Fragen an timo.staaks@schauspielhaus-graz.com).

Interessant für Lehrende: Ab heuer gibt es die sogenannten „Premierenklassen“. Pro Stück darf eine Klasse die Produktion begleiten, mit den Künstler*innen sprechen und bei der Premiere dabei sein. Bewerbungen sind ab sofort möglich.

… auch für die mit kleinem Budget

Gewusst wie: Auch in der neuen Saison gibt es wieder viele Möglichkeiten, günstig ins Theater zu kommen. Restkarten um 5€ kann man sich gegen die Vorlage eines Studierendenausweises ab 30 Minuten vor Veranstaltungsbeginn sichern (ausgenommen Premieren). Bei den ÖH Stückgesprächen gibt’s um den gleichen Preis auch noch Einblicke hinter die Kulissen und Gespräche mit den Künstler*innen  (Termine findet ihr laufend auf der Kultref-Seite auf Facebook). Für eine bequeme Anreise sorgt die Kooperation mit der Verbund Linie: Eine Eintrittskarte gilt drei Stunden vor und bis sieben Stunden nach Veranstaltungsbeginn als Öffi-Ticket für die gesamte Steiermark (Genaueres unter http://freiefahrt.buehnen-graz.com/). Und wer gratis ins Theater möchte: Für eine Rezension gibt’s von blog4tickets zwei Freikarten zum Stück eurer Wahl (Informationen unter kultur@oehunigraz.at).

Premierentermine:

26.09.2019: Vernon Subutex (Regie: Alexander Eisenach), HAUS EINS

27.09.2019: Die Leiden der jungen Wärter. Kooperation mit dem Institut für Schauspiel der KUG (Regie: Nele Stuhler & Jan Koslowski), HAUS ZWEI

04.10.2019; Ruhig Blut. Koproduktion mit dem Deutschen Theater  Berlin (Regie: Clara Weyde), HAUS  ZWEI

09.10.2019: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs (Regie: Blanka Rádóczy), Museum für Geschichte

18.10.2019; Die Physiker (Regie: Claudia Bossard), HAUS EINS

14.11.2019: Jedermann (stirbt) (Regie: Daniel Foerster), HAUS  ZWEI

14.11.2019: The Hills are Alive (von und mit Nikolaus Habjan & Neville Tranter), HAUS EINS

29.11.2019: Bookpink (Regie: Anja Michaela Wohlfahrt),  HAUS DREI

05.12.2019: Ich, Tatortkommissarinnen Koproduktion mit den Rabtaldirndln (Regie: Cora Frost),  HAUS  ZWEI

06.12.2019: Josef und Maria (Regie: Michael Schilhan), HAUS EINS

10.01.2020: Heldenplatz (Regie: Franz-Xaver Mayr), HAUS EINS

Jänner 2020; Schwarze Milch (Regie: Jan Stephan Schmieding), HAUS ZWEI

31.01.2020: Vögel (Regie: Sandy Lopičić),  HAUS EINS

28.02.2020: Bist du GAK oder Sturm? (Regie: Ed.Hauswirth), HAUS EINS

27.03.2020: Macbeth (Regie: Stephan Rottkamp), HAUS EINS

April 2020: Zuhause ist ein Bauchgefühl (Regie: Simone Dede Ayivi), HAUS ZWEI

17.04.2020: dritte republik (eine vermessung). teil drei der kronlandsaga (Regie: Anita Vulesica), HAUS EINS

Mai 2020: Frau Ada denkt Unerhörtes (Regie: Lily Sykes), HAUS ZWEI

15.05.2020: Der König amüsiert sich – Ein Rigoletto-Melodram (Regie: Markus Bothe), HAUS EINS

09.-11.06.2020: Young Europe III Festival, HAUS ZWEI  HAUS DREI & EXTERNE SPIELORTE

10.-14.06.2020: DRAMA|TIK|ER|INNEN FEST|IVAL 2020, HAUS EINS, HAUS  ZWEI, HAUS  DREI  & EXTERNE SPIELORTE

11.-14.06.2020: ETC – INTERNATIONAL THEATRE CONFERENCE, SCHAUSPIELHAUS GRAZ

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Menschen mit Problemen und Popcorn und Bier!

Foto: Lupi Spuma

Die dreistündige Inszenierung von Franz-Xaver Mayer, “Menschen mit Problemen, Teile I bis III” im Haus zwei des Schauspielhauses, hält seinem Publikum einen Spiegel vor. Das textlastige Stück geht an die kontemporären Probleme unserer Welt mit Humor ran. Oft ist dieser auch sehr schwarz.

Eine weiße Bühne, eine liebenswerte junge Frau, zwei Männer und ein Eisbär. Der Anfang der Inszenierung beginnt mit einem langen Monolog, der an einen Poetry Slam erinnert. Anprangernd, politisch und irgendwie amüsant. Der Eisbär verprügelt zwischendurch die Männer im Hintergrund. Lara Sienczak eröffnet das Schauspiel, doch man hat keine Ahnung, was noch auf einen zukommen wird.

Drei Frauen und Freundinnen werden in drei verschiedenen Lebensphasen vorgestellt. Von Studentin bis alleinerziehender Mutter ist alles dabei. Nach dem Text von Sibylle Berg stehen neben Sienczak auch Ninja Reichert, Evamaria Salcher, Tamara Semzov, Pascal Goffin und Raphael Muff auf der Bühne. Die Entwicklung der drei Hauptfiguren greift in eine Zukunft vor, die an eine Black Mirror Folge erinnert. Futuristisch, abgestumpft und apokalyptisch. Die Damen wollen auf einen anderen Planeten flüchten, weil sie mit der Welt, in der sie sich befinden nicht zufrieden sind und der Meinung sind nichts daran ändern zu können. Und die Männer sind auch dabei.

Das Stück dauert drei Stunden und in der Pause werden die Zuschauer mit frischem Popcorn und Bier versorgt. Eine erfreuliche Erfrischung für die textlastige Produktion. Dieses Stück ist für jeden der jung, mittelalt und alt ist. Es bietet Einsicht in die heutigen Probleme der Frauenwelt, aber auch in die, der Menschen allgemein. Zum Glück, mit ein bisschen Witz dahinter.

Link zur Veranstaltung und Tickets:
https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/menschen-mit-problemen-teile-i-bis-iii/




Feinstes Burschenschafts-Bashing

„Burschenschaft und Blut“ ist der treffende Titel der ersten Folge der „Lecture Performance“ Tabu La Rasa, tiefschwarz der Humor, feministisch die Kritik. Der zum Teil brutale Sarkasmus unterhält gleichermaßen wie die schier endlose Anzahl der Social-Media-Beispiele aus der Welt der Korporierten schockiert.

Das Haus Drei des Schauspielhauses zeigt sich von der heimelig-österreichischen Seite: Ein paar Pokale stehen an der Wand, eine Wurst hängt von der Decke, die 50er-Jahre-Stehlampe spendet Geborgenheit, die Degen in der Ecke runden das Bild ab. Gemütlich anmutende Stühle stehen an einem runden Tisch. Darauf ein Bloody Mary, den Evamaria Salcher zuvor für Tamara Semzov zubereitet hat. Zu zweit führen sie mit rasanter Feindseligkeit und bitterschwarzem Humor durch das Programm, das an verschiedenste TV- und Literatur-Formate angelehnt ist. Nach dem die Spezie Bursche charakterisiert wird, wird munter „Ein germanisches Märchen“ vorgelesen, ins Gruselkabinett geführt und à la „Wer will mich?“ für drei „Sorgenburschen“ ein Zuhause gesucht. Zur Illustration wird auf die Leinwand daneben ein buntes Potpourri aus Facebook-Postings diverser Burschenschaften, Gemälden des Wartburgfestes, Fotos von Bundesministern projiziert. Eine Bildwelt, die die Logarithmen der Social-Media-Plattformen dem Publikum für gewöhnlich verwehren. Dem gehen die Lacher daher während der 75 Minuten auch nicht aus. Genährt werden sie von den musikalischen Kommentaren von Tamara Semzov am Mini-Keyboard, die über die zum Teil anstrengend schlechte akustische und visuelle Qualität auf der Leinwand hinwegtrösten. Auch wenn die Radikalität der betriebenen feministischen Kritik gegen Ende an Biss verliert, ist die erste Folge von Tabu La Rasa gelungen und unterhält durch die Kreativität von Nadja Pirringer und Jennifer Weiss und die Glaubwürdigkeit der Schauspielerinnen.

Nähere Informationen finden Sie hier.