Dürrenmatts Physiker*Innen

 

Bis Anfang Februar kann man im Schauspielhaus Claudia Bossards Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ besuchen. Ein Muss für jeden der auf bunte Farben, gute Musik und Rollschuhe steht.

Man betritt den Saal und das erste, das einem ins Auge fällt, ist die Leiche der Krankenschwester, reglos auf der Bühne. Noch bevor der Vorhang aufgeht fragt sich jeder, der mit dem Inhalt von „Die Physiker“ etwas vertraut ist, müsste hier nicht eigentlich eine Frau auf dem Boden liegen?

Frauen in traditionellen Männerrollen sind schon lange keine Seltenheit mehr. Weshalb sich die Regisseure dazu entscheiden kann oft mehrere Gründe haben. In diesem Fall wird schnell klar was damit bezweckt werden soll. Frauenrollen, speziell bei klassischen Stücken, fallen immer wieder in die traditionellen Muster. Oftmals haben sie wenig Tiefgang und ihre einzige Charaktereigenschaft ist die hoffnungslose Liebe oder ein ähnlicher Stereotyp. Sie sind Accessoires in schönen Kleidern, meistens in der Unterzahl. Somit fällt es auf, wenn auf einmal fünf laute Frauen zur gleichen Zeit auf der Bühne stehen.

Männer in Frauenrollen sieht man eher weniger und wenn dann meistens überspitzt. Ein weiterer Grund, warum dieses Stück so überzeugt, ist, dass auf pompöse Perücken, übertriebenes Make-up und ausgestopfte BHs verzichtet wurde. Die Herren, allen voran natürlich Andri Schenardi als Doktor Mathilde von Zahnd, geben sich Mühe ihre Figuren nicht ins Lächerliche zu ziehen und das fällt auf.

Genug von de Gesellschaftskritik und zurück zum Stück. Der nächste Blickfang gleich am Beginn ist die in steril weiß und türkis gehaltene Kulisse(Frank Holldack). Mit der Zeit fällt diese Stück für Stück auseinander, die Grenzen zwischen davor und dahinter verschwimmen und das Chaos ist perfekt.

Bei den Kostümen (Elisabeth Weiß) wurde auch eine Interessante Wahl getroffen. Speziell die Uniformen der Schwestern (Matthias Ohner, Frieder Langenberger) und die der Frau Doktor, elegant, androgyn und im Türkis der Sanatoriums Wand gehalten. Die bunten und legeren Jogginganzüge der Insassen des Privatsanatoriums „Les Cerisiers“ stehen hierzu im direkten Kontrast und lassen Freirau für Interpretation.

Die drei Damen überzeugen in den Rollen und in ihren Jogginghosen. Das erste Vergnügen beschert uns Julia Franz Richter als „Newton“. Mit vollem Körpereinsatz und lauter Stimme führt sie uns in die Welt der Sanatoriums Insassen. Bald darauf gibt Einstein (Tamara Semzov) gemeinsam mit dem Fräulein Doktor ein Rollschuhduett zu David Bowies „Heros“ zum Besten. Der Physiker, der am längsten auf sich warten lässt ist Möbius (Sarah Sophia Meyer). Dieser stellt sich erst vor, als seine Exfrau (Oliver Chomik) mit den Kindern zu Besuch ist um sich zu verabschieden. Leider endet das ganze eher unschön. Die drei Physiker  bemühen sich stark die Welt glauben zu lassen sie wären verrückt, sie haben sich nur bei den Krankenschwestern etwas verrechnet…

Die Musikalische Untermalung (Paul Öllinger) spielt in diesem Stück eine sehr große Rolle. Abwechslungsreich und dennoch passend. Auffallend hierbei ist nicht nur, dass die Musiker direkt in das Stück eingebunden werden, sondern auch, dass zwei von drei ebenfalls dem weiblichen Geschlecht angehören (Alice Peterhans, Anna Tropper-Lener).

 

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© Johanna Lamprecht

Unglücklicherer Weise geht durch die ganze Aufregung, der Musik und den Maschinengewehren ein bisschen der Sinn des Ganzen verloren. Die tiefer sitzenden Motive und die Kritik an der Menschheit (und wie sie mit Wissen umgeht) verlieren sich leicht im Pulverdampf. Dennoch, ein sehr empfehlenswertes Stück.

Weitere Informationen zum Stück unter:

Die Physiker

Ein Messias für gescheiterte Existenzen

Alexander Eisenachs Romanadaption „Vernon Subutex“ im Haus Eins des Schauspielhauses lässt in vielfältigen Bildern jene sprechen, denen die politische Korrektheit sonst das Wort verbietet.

Per Videoprojektion wird ein überdimensionales Bleiglasfenster auf die Bühne des Schauspielhauses gebracht. Bunt spiegeln sich darin die verschiedenen Akteure des Abends, besonders aber der Protagonist Vernon Subutex (Norbert Wally), eine Figur, die während des ganzen Stückes Projektionsfläche bleibt. Es ist beinahe das Ende des Theaterabends im Haus Eins des Schauspielhauses. Gute drei Stunden davor hatten zwei Personen aus der Zukunft in Mikroben-Kostümen amüsant konfus von einer Bewegung erzählt, die sich am Anfang des 21. Jahrhunderts um eben jenen Vernon formiert hatte. Dieser besaß einen Plattenladen bevor das digitale Zeitalter ihn einholte. Sein Freund Alex Bleach (Clemens Maria Riegler) finanzierte ihm einige Zeit seine Wohnung. Doch nach dessen Tod muss er bei diversen Bekannten übernachten. Bis er schließlich obdachlos und zum Messias eben jener wird, in deren Wohnungen er zuvor schlief. Doch diese Geschichte ist nur der Rahmen, in dem die einzelnen Bekannten Vernons das ramponierte Bild der französischen Künstlerszene zeichnen und zugleich diverse gesellschaftliche Problemfelder skizzieren. Zu diesen Figuren zählen eine Porneuse, die ein Kinderbuch schreiben möchte, ein junges Mädchen, das mit dem Dschihadismus sympathisiert, ein rechtsextremer Filmproduzent und ein seine Freundinnen verprügelnder Türsteher. Sie alle eint das Nicht-zurecht-Kommen mit dem gegenwärtigen Zeitgeist und ein brutal-derbes Aussprechen der eigenen Wut.

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Fotos: Lex Karelly

Trotz der von ihnen diskutierten schwierigen Themen erlaubt die Inszenierung dem Publikum diverse Lacher und beeindruckt durch gekonnte Multimedialität, Tanz- und Musikeinlagen. „Vernon Subutex“ beinhaltet daher vieles, was einen hervorragenden Theaterabend ausmachen würde – nicht zuletzt grenzgeniale Monologe, eindringliche, vielfältige Bilder und außergewöhnliche Figuren. Leider überstrapaziert die Länge des Stückes die Aufmerksamkeit des Publikums und schwächt so die Botschaften der einzelnen Figuren. Nichtsdestotrotz ein amüsanter, schockierender und zweifellos sehenswerter Abend.
Weitere Informationen finden Sie hier.

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Gratwanderung mit den Physikern

Das Schauspielhaus Graz brachte Dürrenmatts „Die Physiker“ mit einem großteils jungen und durchwegs hoch motivierten Ensemble auf die Bühne.

(c) Johanna Lamprecht

So manch originelle Idee bringt die Inszenierung von Claudia Bossards und damit frischen Wind in die wohlbekannte, aber mit Sicherheit noch nicht antiquierte „Komödie in zwei Akten“. Denn hinter der unterhaltenden Oberfläche aus Zynismus und Groteske stecken Themen, die auch heute noch große Relevanz besitzen. Der Umgang mit diesen augenscheinlichen Charakteristiken des Stücks gelang in der vorliegenden Produktion bestens. Die Idee, alle weiblichen Rollen mit Männern zu besetzten und vice sersa fügte sich glänzend in die durch die Geschichte beschworene Stimmung, nicht zuletzt dank der genialen Besetzung durch das Ensemble des Hauses. Julia Franz Richter gab den alias Newton geschickt zwischen Unschuld und Wahn und Tamara Semzov färbte den alias Einstein eher spielerisch kindlich. Die Rolle des Möbius verköperte Sarah Sophia Meyer höchst einfühlsam zerissen zwischen Resignation und Verzweiflung. Großartig besetzt war auch die Belegschaft des Privatsanatoriums „Les Cerisiers“ mit Andri Schenardi als das Fräulein Doktor, Matthias Ohner als Oberschwester und Frieder Langenberg als die verliebte Schwester Monika. Gestus und Mimik der drei Männer in den perfekt zugeschnittenen Köstümen (Frank Holldack, Elisabeth Weiß) karikierten und verkörperten die Absurdität ihrer Rollen in anschaulicher Weise.

(c) Johanna Lamprecht

„Ein Drama über die Physiker muss paradox sein“ wird im Stück als Punkt 14 von 21 aus dem Nachwort Dürrenmatts zu den Physikern im Stück zitiert. Das nahm sich die vorliegende Inszenierung auch zu recht zu Herzen. Durch eine musikalische Erweiterung nach einem Konzept von Paul Öllinger wurden Stimmungen vielerorts verstärkt oder auch aus einem neuen Blickwinkel beleuchtet. Zwischen wohl ausgewählten Popsongs, Bossa Nova und Minimal Music formte sich daraus ein stimmungsvolles Konstrukt, das nicht für sich stand sondern auch durch kluge Interaktion der Musiker und Schauspieler zu einem symbiotischen Ganzen wurde.
Im Nachwort heißt es aber auch im Punkt 19 „Im Paradoxen erscheint die Wirklichkeit.“ Denn das wagemutige „Abstauben eines alten Klassikers“ ist oft auch eine Gratwanderung mit dessen Ziehen ins Lächerliche. Bei aller Groteske und Freiheit in der Interpretation muss der im Stück enthaltenen Wirklichkeit, ihrer Entstehung und Offenbarung auch ein gewisser Platz eingeräumt werden. Dies ging, vor allem zum Ende hin, leider nicht ganz auf. Die Enthüllung der wahren Motive Einsteins und Newtons wurde im grellen Actionfilmausschnitt so stark überzeichnet, dass der Ernst des Themas, der immer noch höchst aktuelle, ethisch korrekte Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihren Folgen, unterging. Auch die Offenlegung von Fräulein Doktors wahren Motiven versank in scheinbar inhaltssinnlosen (?), neu eingefügten Monologen und verdeckte dadurch vom Stück selbst aufgeworfene Fragen, die sich ruhig jeder Besucher der Physiker hätte stellen können.

Weitere Informationen zum Stück unter:
https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/die-physiker/