9 Menschen, ein Schicksal, viele Emotionen

Ob des großen Erfolges zeigt das Schauspielhaus Graz erneut das Theaterstück „Jedem das Seine“ des österreichischen Autorenduos Silke Hassler und Peter Turrini. Regisseur Sandy Lopičić gelingt damit ein Hochgesang auf die vereinigende, von Nationalitäten und Religion unabhängige Kraft des Theaters und der Musik.

Musik, Theater, darstellende Kunst – sie alle entführen den Menschen in eine andere, oft subjektiv „heile“ Welt. Dies ist auch der gemeinsame Nenner der mitunter sehr verschiedenen Figuren im Stück „Jedem das Seine“: Musik und Theater wird für sie zum Mittel, um zu vergessen, um aus der Traurigkeit ihres unbeschreiblichen Schicksals zu flüchten – wenn auch nur für die Dauer eine Arie.

Kein anderer hätte diesen tiefgründigen Stoff emotionsgeladener inszenieren können als Sandy Lopičić, der das Schauspielhaus Graz bereits mit einigen Musiktheaterstücken beglückt hat. Wer etwa sein Grazer Erststück „Trümmerfrauen, Bombenstimmung“ gesehen hat, erkennt seinen Genius in „Jedem das Seine“ sofort wieder.

Wir schreiben das Jahr 1945. Die Russen stehen kurz vor Wien, das Ende des Krieges ist offenbar in Sicht. In einem steirischen Bauernstadl warten neun Gefangene auf den weiteren „Transport“. Bekanntermaßen macht aber gerade die Not erfinderisch; und so wird aus einem – zuerst als Schnapsidee gewerteten – Einfall ein gemeinsames Projekt: Die Aufführung einer Szene aus der Operette „Wiener Blut“. Das Projekt entpuppt sich mit der Zeit als Friedensprojekt, an dem sich alle, ungeachtet ihrer Nationalität, Religion, ihres Alters, Geschlechts oder ihrer politischen Gesinnung beteiligen. Die Aufführung steht kurz vor ihrem Höhepunkt, als die Nachricht eintrifft, Hitler sei tot. „Es ist vorbei“, sagt die Bäuerin. Die imaginäre Welt bricht zusammen, was nun? Sie brauchen nicht mehr zu spielen, sondern können wahrhaftig singen und tanzen – zumindest für ein paar Stunden…

(c) Lupi Spuma

(c) Lupi Spuma

„Jedem das Seine“ – „suum cuique“: Dem Bauer sein Bier, dem Musiker sein Instrument, dem Sänger seine Bühne, der Verliebten ihren Geliebten. Die bittere Doppeldeutigkeit dieses Prinzips, die dem Stück zugrunde liegt, ist ihre missbräuchliche Verwendung im NS-Regime: Den Gefangenen wurden damit klargemacht, sie würden genau das bekommen, was ihnen gebührt – nämlich nichts anderes als den Tod. Wie im Programmheft nachzulesen ist, kam für das Autorenduo Hassler und Turrini daher nur die Tragikomödie als theatralische Darstellungsform in Frage, „um vom Lachen ins Weinen und wieder zurück zu kommen“. Tatsächlich erwischt man sich als ZuhörerIn dabei, über eine komisch-tragische Szene herzhaft zu lachen, während im nächsten Moment aber die Brutalität wieder die Überhand gewinnt. Überhaupt ist ein Blick ins Programmheft zu empfehlen, das die wahren historischen Gegebenheiten beleuchtet: Im weiteren Sinne handelt das Stück von den sog. „Todesmärschen“, die gegen Ende des zweiten Weltkrieges durch ganz Österreich zogen und denen tausende Juden zum Opfer fielen. Graz blieb nicht verschont.

Doch auch der Komödienaspekt der Tragikomödie kommt nicht zu kurz, und so wird die knapp zweistündige Aufführung (ohne Pause) zum kurzweiligen Abend – dem wunderbaren, vielfältigen Ensemble sei Dank: Besonders authentisch sind Margarethe Tiesel als vive Bäuerin Traudl Fasching, die sich auch am Horn gekonnt erprobt, sowie Andri Schenardi als exzentrischer Operettensänger „Lou“ Gandolf. Die gesanglich höchst berührenden Interpretationen, etwa von deelinde als Romafrau, offenbaren nicht zuletzt die kulturell-musikalische Vielfalt auf österreichischem Boden. Von der Wiener Klassik (insbesondere der „Themesong“ Wiener Blut) über jüdische Traditionals und Kletzmer-Musik bis hin zu steirischen und slawischen Volksliedern spannt Lopičić einen breiten musikalischen Bogen über das gesamte Stück. Die teilweisen abrupten Übergänge sind dabei ganz im Stile des Regisseurs und stehen stellvertretend für den Chaos und die Absurdität des Krieges. Ein großes Lob gebührt auch dem schlichten, aber wirkungsvollen Bühnenbild. Dieses gibt der großen Einfühlsamkeit der szenischen Darstellung den nötigen Rahmen – etwa, wenn sich die Gefangenen an einer schlichten Suppe so erfreuen, dass einem das Herz aufgeht…

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(c) Lupi Spuma

Alles in allem ist „Jedem das Seine“ nicht nur ein höchst künstlerisches Werk, sondern auch ein unvergesslicher, wertvoller Beitrag zur historischen Aufarbeitung. Denn das größte Verbrechen ist es, zu vergessen, was passiert ist, und damit zu vergessen, aus der Geschichte zu lernen.

Wer bei den Standing Ovations nach der krönenden, berührenden Gesangszugabe des Ensembles dabei sein möchte, hat noch zweimal Gelegenheit dazu – Infos zu den Terminen –> hier

Pssst! – Studenten aufgepasst: Im Schauspielhaus können Studenten 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Haus Eins & Zwei günstige Restkarten um nur 5 € ergattern! Infos dazu –> hier

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(c) Lupi Spuma

Ein Wohnzimmer voller Gräben

Ayad Akhtars Drama „The Who and the What“ zeigt wie schon zuvor „Geächtet“ die gespaltene Welt von MuslimInnen in den USA. Wie Jan Stephan Schmieding das Stück im Haus zwei inszeniert – so muss Theater sein!

Mahwish (Tamara Semzov) und ihre Schwester Zarina (Henriette Blumenau) sind moderne, amerikanische Frauen: Sie essen gerne Avocados, lesen ihr Horoskop, haben studiert. Doch sie leben in einer zerrissenen Welt: Die Ehre schreibt vor, dass Zarina vor ihrer kleinen Schwester heiraten muss. Damit das schneller passiert, legt ihr konservativer Vater (Stefan Suske) im geheimen ein Profil in einer Dating-Plattform für muslimische Singles an. Durch Zufall verliebt sich Zarina wirklich in einen vom Vater erwählten Kandidaten: Eli (Nico Link) steht als weißer Konvertit einer Moschee vor, ist offen, gebildet und progressiv. Er unterstützt Zarina bei ihrem Buch über Genderrollen im Islam. Darin charakterisiert sie den Propheten Mohammed als Menschen, der wie jeder andere Zweifel und sexuelle Begierden hat.

Währenddessen versucht Zarinas Vater, Eli zu einem ‚richtigen‘ Ehemann zu machen: „Sie hat die Macht“, wirft er ihm vor; „Schwängere sie“ und „Sie wird nur glücklich, wenn du sie brichst“ sind da zu hören. Es sind Momente, in denen einem ob der Rückständigkeit der Aussagen nichts anderes zu tun bleibt, als zu lachen. Doch der bittere Ernst kommt spätestens, als der Vater und Mahwish das Manuskript von „The Who and the What“, Zarinas Buch, entdecken – er vergleicht es mit der tödlichen Krebserkrankung der Mutter und bricht mit der Tochter.

Durch Frank Holldack Bühne, in die von beiden Seiten eingeblickt wird, fühlt man sich kaum wie im Theater, sondern eher wie ein unentdeckter Beobachter im intimen Wohnzimmer der Familie. Jeder Satz des großartig zusammenarbeitenden Ensembles ist genuin ehrlich und legt Gräben zwischen den Kulturen frei – was auf den Tribünen Lacher, kopfschüttelndes Schnaufen und entsetzte Stille auslöst. Knackig kurz, schnell und intensiv zieht das Stück vorbei – es hängt weder ab, noch lässt einen einzigen langweiligen Moment zu. Es bleibt nicht viel zu sagen, außer: So soll Theater sein.

Weitere Infos und Termine hierDu möchtest „The Who and the What“ sehen, bist aber knapp bei Kasse? Hol dir 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn mit deinem Studierendenausweis eine Restkarte um €5!

(c) Lupi Spuma

Die Macht und Ohnmacht der Königinnen

Maria Stuart und Elisabeth I. – zwei Frauen in einer Welt aus Männlichkeit und Machtintrigen. Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ wird am Schauspielhaus Graz unter der Regie von Stephan Rottkamp mit raffiniert-reduziertem Bühnenbild von Robert Schweer und feiner Besetzung aufgeführt.

Seit 19 Jahren sitzt Maria Stuart, Königin von Schottland, in einem Zimmer in England, unwissend, ob sie der Weg hinaus auf das Schafott oder in die Freiheit führen wird. Ihre größte Rivalin Elisabeth I. von England hält sie gefangen – doch ob sie ihren Kopf tatsächlich abtrennen lassen soll, darüber ist sie sich unsicher.

Klare Meinungen dazu haben die acht Männer mit Brillen, Anzug und abgeschleckten Frisuren, die auf der Erhöhung über Marias Zelle sitzen und sich anfänglich gegenseitig die Schuhe lecken. Sie sind eine einheitliche Front der Macht, die nach noch mehr davon giert. Unter ihnen monologisiert die schöne Maria, der Henriette Blumenau viel Stolz, aber auch Pathos verleiht. Einen Mann nach dem anderen empfängt sie, um ihr Schicksal zu erfahren und dagegen anzukämpfen.

Der Katholik Mortimer, der von Benedikt Greiner großartig als die einzige genuin ehrliche und zugleich verletzliche Figur angelegt wird, liebt Maria und will sie um allen Preis befreien. Pascal Goffin überbringt als übertrieben aufgesetzter Burleigh das Urteil der Richter, das Maria nicht akzeptiert („Es kann der Brite gegen den Schotten nicht gerecht sein“). Sie verlangt ein Treffen mit der Königin – versucht, Gnade zu erflehen, doch zeigt bald ihr wahres, machtversessenes Gesicht. Leicester (ebenso großartig: Florian Köhler), der Liebhaber Elisabeths, soll schließlich die Hinrichtung durchführen – und ist zerrissen zwischen seinem politischen Opportunismus und seiner Liebe zu Maria.

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Henriette Blumenau als Maria Stuart (c) Lupi Spuma (2)

„Maria Stuart“ hat viele große Momente: Wenn die magische Bühne von Robert Schweer nach vorne klappt und Elisabeth im prächtigen, weinroten Ballkleid und mit gekröntem Haupt über das Podest tänzelt etwa. Oder wenn nach dem Mordanschlag auf Elisabeth sofort die Jackets zu Schottenröcken umfunktioniert werden. Oder wenn Benedikt Greiner am Beginn des zweiten Aktes aus der Rolle fällt und im Eiltempo den ersten Akt rekapituliert – da ist der Zwischenapplaus garantiert. Aus verzweifelter Liebe nimmt er sich kurz darauf das Leben. Der Höhepunkt: Wenn am Ende die Bühne nur durch Kerzenschein erleuchtet ist und Henriette Blumenau einen letzten Monolog vor der Hinrichtung spricht.

Die beiden Frauen, die in die Geschichte eingingen, sind leere Figuren, größenwahnsinnig, getrieben und zugleich tief verunsichert, die unkontrolliert in einem Meer von männlich dominierten Machtverhältnissen treiben. Rottkamps Inszenierung deckt diese Strukturen gnadenlos auf, macht sie zum Grundgerüst des Dramas und räumt der Schiller’schen Sprache viel Wirkungsraum ein. Bravo!

Mehr Infos und Termine hier.

Du bist knapp bei Kasse und willst trotzdem „Maria Stuart“ sehen? In Haus eins und Haus zwei bekommst Du mit gültigem Studierendenausweis 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn eine Restkarte um nur €5! Mehr dazu hier.