Der bedrückende Charm der Einöde

Mit „Schwarze Milch“ liefert das Schauspielhaus Graz einen emotionsgeladenen Abend der schwer im Magen liegt.

Da hilft nur Vodka: Die beiden überheblichen Stadtmenschen Schúra (Maximiliane Haas) und Ljòwtschik (Lukas Walcher) sind in der Einöde gestrandet. Am Bahnhof warten sie eine gefühlte Ewigkeit auf den nächsten Zug. Doch hier im Nichts, hält die Eisenbahn nur selten. Die Gier mehr Geld zu machen hat das skurrile Pärchen hierher getrieben: Um ordentlich Moneten einzusacken, verscherbeln sie Toaster an Menschen, die glauben damit den großen Gewinn zu machen.

Trotz des erfolgreichen Geschäfts, wirken die beiden durch und durch unglücklich. Die hochschwangere Schúra giert nach der nächsten Mentolzigarette und Ljòwtschik macht kein Geheimnis daraus, wie sehr er diese Gegend und ihre Menschen verachtet. Auch miteinander scheint das Paar nicht das große Los gezogen zu haben. Kaum ein Gespräch kommt ohne wüste Beschimpfungen und Geschrei aus.

Mit „Schwarze Milch“ bringt Jan Stephan Schmieding Wassilij Sigarews Werk als österreichische Erstaufführung ins Haus Zwei des Grazer Schaupielhaus. Der bösartig durchwachsene Text und die emotionsgeladene Inszenierung schaffen einen zugleich ruhigen und unruhigen Abend. Die Szenen spielen sich fast ausschließlich in der kleinen Bahnhofsbarrake ab, die ein beklemmendes Gefühl entstehen lässt. Vorbeifahrende Züge werden durch harmonische Schattenspiele dargestellt und lassen die Kälte dieses Ortes erahnen.

(c) Lex Karelly

Wirklich bestechend wird der Abend durch die großartige Besetzung der Hauptcharaktere. Maximiliane Haas und Lukas Walcher ziehen als herrlich schreckliches Pärchen in ihren Bann. Detailreich und gefühlsbetont verkörpern sie ein Paar, das es schafft, nur das Schlechteste aus dem jeweils anderen herauszuholen. Ihnen zuzusehen vergnügt und schmerzt zugleich. Durch die sorgfältig ausgewählte Besetzung der Nebenfiguren bietet sich insgesamt ein Bild, dass schon früh auf einen unschönen Ausgang wetten lässt.

„Schwarze Milch“ ist keinesfalls leichte Unterhaltung. Der Abend stellt viele Themen in dem Raum, die schwer im Magen liegen. Von ungesunden Beziehungen, über Hochmut bis hin zu Habgier und ethischen Grundsätzen schwebt alles in der Luft. Eine Inszenierung, die einen die Charaktere des Stücks verachten lässt und es trotzdem schafft, dass man mit ihnen fühlt und leidet.

Alle Infos und Termine: https://www.schauspielhaus-graz.com/play-detail/schwarze-milch/

Die Berge leben noch immer

Schon seit November begeistern Nikolaus Habjan und Neville Tranter mit ihrem Stück The Hills Are Alive im Schauspielhaus. Jetzt wurde auch die englische Version des Puppenspiels uraufgeführt.

Der US-Präsident baut seine Mauer quer durch den Garten von Max und Maria von Trüb. Einst vor dem Naziregime in die USA geflüchtet, wollen die Exilösterreicher nun zurück in ihre alte Heimat. Vor ihnen liegt ein steiniger Weg ins bürokratische Alpenland und der mühsame Wiedereinbürgerungsprozess nimmt kein Ende. So spielt das Ehepaar den letzten Trumpf aus: der Terminator soll’s richten.

Angelehnt an den verkitschten Hollywoodstreifen, der unser Land weltweit bekannt gemacht hat, bedient Autor Neville Tranter jedes österreichische Klischee. Plot, Musik und Namen des Originals sind hierzulande weitgehend unbekannt. Wer doch einmal darüber gestolpert ist, darf in The Hills Are Alive noch ein paarmal öfter schmunzeln. Doch auch für Nichtkenner sind genügend bitterböse Pointen eingebaut und zack, zack, zack – lacht das ganze Publikum.

Noch vielmehr als die Handlung begeistern die Puppenspieler. Acht lebensgroße, von Tranter selbst gebaute Klappmaulpuppen kommen zum Einsatz. Bis zu vier Puppen gleichzeitig verlangen rasante Stimmwechsel, die Habjan und Tranter in allen möglichen Stimmlagen meistern. Englisch sprechen, kichern, schreien, gackern, singen und das auch noch mit schrecklich-schönem österreichischen Akzent – für die beiden ein Kinderspiel und für das Publikum die perfekte Untermalung von stereotyper Satire mit schwarzem Humor. Im ausverkauften Haus Eins ernten die beiden dafür Standing Ovations bei kräftigem Applaus.

blog4tickets_06_Schauspielhaus_The-Hills-Are-Alive-2_c_Lex-Karelly© Lex Karelly

Weitere Informationen zum Puppenspiel finden Sie hier.

Schwarze Milch und klarer Wodka

Das Grazer Schauspielhaus zeigt derzeit die österreichische Erstaufführung des Stückes Schwarze Milch von Wassilij Sigarew, Regie führt Jan Stephan Schmieding. Auf der Bühne von Haus Zwei wird geflucht, gehasst, geschimpft und ja, auch geliebt. 

Irgendwo in Russland steht ein gottverlassener Bahnhof – Züge kreuzen den Ort nur sehr selten. Gerade kreuzt ihn ein Pärchen, bestehend aus der hochschwangeren Schúra und ihrem Freund Ljówtschik. Die beiden sind Geschäftsleute und auf der Durchreise. Nachdem sie dem halben Dorf ihren Supersupertoaster verkauft haben, wollen sie schnell weg aus dem Kaff. Was auch tun in einer Gegend, in der Brot mit der Hand gebacken wird und Wodka der einzige Lichtblick ist? Also warten sie am Bahnhof, kauen Kaugummi, treffen die unterschiedlichsten Menschen und werden von ihren Käufern gehasst, denn ihr Supersupertoaster ist ja gar nicht so super. Stattdessen weiß die halbe Kundschaft aus dem bitterarmen Dorf nichts mit dem Gerät anzufangen, während die andere Hälfte gerne ihr Geld zurück hätte. Aber gekauft ist gekauft und Geld sowieso wichtiger als Menschlichkeit. Doch dann setzen bei Schúra die Wehen ein und mit einer Tochter kommt gleichzeitig auch die Frage nach Glück auf. Und wie es denn überhaupt zu finden ist.

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Foto: Lex Karelly

Das Stück spielt in einem weißen, länglichen Komplex aus Spanplatten (Bühne von Rosa Wallbrecher), also einem Wartehäuschen am Bahnhof. Die unaufgeregte Bühne mimt den Zeitgeist: schlicht, einfach, für Komfort kein Geld. Ebenso passt sie zur Fragilität von Schúra und Ljówtschik – die Wände sind genauso dünn wie die Nerven des Pärchens. Und das ist nur einer von vielen Gründen, wieso die beiden grandios die Hoffnungslosigkeit dieser Zeit verkörpern. Maximiliane Haß brilliert als schwangere Schúra, die nicht nur hassen, sondern auch wirklich lieben kann. Hinter dümmlichen Aussagen, derber Sprache und viel Ekel befindet sich der Wunsch nach Nähe und Geborgenheit, der erst am Ende zum Vorschein kommt. Das Mitgefühl anderer erweckt in ihr das Begehren nach Glück und Einfachheit. Nicht ganz so einfach ist Ljówtschik. Lukas Walcher verkörpert grandios einen zerrissenen Mann, der sich scheinbar nur fürs Geschäft interessiert. Die Fassade bröckelt jedoch und hin und wieder kommt eine sanfte Seite zum Vorschein. Traurige russische Lieder, Harmonikaklänge und Schattenspiele runden das Düstere des Stückes ab.

Für Zartbesaitete mag das Stück nichts sein, Schimpfwörter nehmen gefühlt 90% des Textes ein. Trotz unglaublicher Hasstiraden und gewalttätigen Aussagen wünscht man sich eine heile Welt für das gebrochene Paar. Mit Friede, Freude, Eierkuchen kann das Stück jedoch nicht dienen, dafür aber mit einem Einblick in menschliche Abgründe. Und gerade diese Abgründe liefern Wahrheiten, vor denen niemand die Augen verschließen kann. Am Ende findet man Glück nicht im Reichtum oder der Ferne, nicht im Konsum, sonder halt nur da, wo das Herz Heimat findet. Und wenn man dieser Heimat davonläuft, bleibt eben nur verdreckte Milch und tote Wodkasäufer – Prost und langer Applaus!

Mehr Infos und Termine gibt es hier.