Die Wärter ohne den Werther

Die in Graz uraufgeführte Schmonzette nach goethescher Manier von Nele Stuhler und Jan Koslowski bringt ein Ensemble der Kunstuniversität Graz auf die Bühne, das mit neuen Ansichten den altbekannten Stoff aufarbeitet. Und so entsteht das Stück „Die Leiden der jungen Wärter“, das seit 27. September 2019 im Haus Zwei des Schauspielhauses regelmäßig aufgeführt wird. Auch in der Vorstellung am 12. Dezember überzeugte das Stück mit Humor sowie philosophischen Dia- und Monologen das Publikum.

Der neue Wärter Wilhelm kommt an die Wärter Academy und sucht nach seinem Freund, dem Brieffreund Wärter Werther. Doch statt dem Werther findet er ein paar andere angehende Wärter, die den Werther so schrecklich vermissen, dem Wilhelm Wärter aber nicht sagen können, wo jetzt der verlorene Wärter, der Werther eben, ist. Drum macht der Wilhelm jetzt beim Wärterausbildungsprogramm einfach mit und lässt sich auf die übriggebliebenen, in der Wärterschule verbliebenen und in der Vergangenheit schwelgenden Wärter, ohne den Werther, ein. Gemeinsam wird sauniert, gesportelt und ein bisschen schwadroniert, was dem ganzen Stück einen besonderen Wert auch ohne den berühmt berüchtigten Werther gibt.

Neben den neun Wärtern, gespielt von Patrick Firmin Bimazubute, Romain Clavareau, Paul Enev, Alina Haushammer, Fanny Holzer, Carmen Kirschner, Ioana Nitulescu, Nataya Sam und Mia Wiederstein, die in ihrer eigenen kleinen Wärter-Welt leben, ist auch das gut durchdachte Bühnenbild von Lukas Kesler ein Hingucker. Denn die Bühne dient einerseits als Raumtrenner, der auch als Kästchen für die Wärter genutzt wird und andererseits als Leinwand für die Projektionen, die die Schauspielerinnen und Schauspieler während des Stückes filmen.

Manchmal erinnert das Stück an einen typischen Abend des Rumtreibens: Man trifft Bekannte, die man früher mal geliebt hat, tanzt zu hypnotisierenden Rhythmen, macht ein bisschen Unsinn und am Ende denkt man über das Leben nach und weiß, dass man doch einfach ein „geiles Stück“ ist und im schlimmsten Fall wird natürlich alles noch auf Film festgehalten, damit man sich am nächsten Tag auch noch daran erinnern kann.

Eine sehenswerte Inszenierung, die mit Herz und Kopf auf die Bühne bringt, was wir alle kennen. Ob den Werther oder die Wärter, man findet auf jeden Fall etwas, das zusagt und kann sich daran erquicken.

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Stück für Stück zum Weihnachtsglück

Ein Weihnachtsfest ohne Josef und Maria? Unmöglich – lautet die Devise in der Spielzeit 2019.2020 im Schauspielhaus Graz. Während der Adventszeit und darüber hinaus beleben der einsame Wachmann Josef und die alleingelassene Putzfrau Maria in der Tragikomödie von Peter Turrini die Bühne im Haus Eins.

Ein Bühnenbild voll Weihnachtsglanz und doch von minimalistischer Eleganz begrüßt mit dem Leuchtschriftzug „für unsere Lieben“. Während Marias Lieben jedoch ein Fest ohne sie vorziehen, hat Josef niemanden, mit dem er den Heiligen Abend verbringen könnte. So bessern die beiden nach Ladenschluss im Warenhaus ihre Renten auf und teilen bei ein paar Gläschen nicht nur ihre tiefsten Besorgnisse und geheimen Sehnsüchte. Denn Stück für Stück entledigen sich die beiden auch ihrer Arbeitskleidung und finden am Ende zu ihrem ganz persönlichen Weihnachtsglück.

Erst putzen und weinen, dann tanzen und lachen, letztlich entzücken und verführen – vielseitig ist die Rolle der Maria allemal. Margarethe Tiesel spielt sie unter der Regie von Michael Schilhan authentisch und mit selbstironischem Charme, von dem man sich nur allzu gern hinreißen lässt. Franz Solar, der als Josef ihrem Liebreiz verfällt, präsentiert sich als linker Freidenker und teilt politische Allüren ebenso überzeugend, wie die zaghafte Unsicherheit gegenüber der Damenwelt. Visuell unterstreicht Anne Marie Legenstein die starken Charakterzüge mit passenden Kostümen, die bis hin zu Negligé und Männerstrumpfhaltern detailreich durchdacht sind, und schafft ebenso auf der Bühne ein festliches Ambiente.

Mit nachdenklich stimmenden Dialogen, dem ein oder anderen Lacher und Standing Ovations unter begeistertem Applaus entsteht im Schauspielhaus durchaus vorweihnachtliche Freude, der man sich gern hingeben kann.

Josef-und-Maria-2© Karelly Lamprecht

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3 Geister für Scrooge

Grinchige Grüße von Geizhals Scrogge – Charles‘ Dickens A christmas carol, in englischer Sprache von der American Drama Group Europe und dem TNT Theater Britain präsentiert, versprühte heute gleich zwei Mal Weihnachtsstimmung auf der Bühne des Grazer Schauspielhauses. Ein Klassiker, der immer funktioniert. 

Weihnachten gilt als die schönste Zeit des Jahres, jedoch zählt das nicht für Mr. Scrooge. Während sich das London des 19. Jahrhunderts auf die Festtage vorbereitet, weist der geizige Geldverleiher alle Festeinladungen ab und bleibt sogar gegenüber den Armen hartnäckig. Sein gefrorenes Herz kann weder durch Spendensammler noch durch seinen schlecht bezahlten Assistenten Bob Cratchit erwärmt werden. Mit dem Wort „Humbug“ weist er all den Weihnachtsrummel von sich ab.

Doch Scrooge hat die Rechnung ohne seinen ehemaligen, und bereits verstorbenen Partner Marley gemacht. In der Nacht vor dem Weihnachtsmorgen erscheint er ihm als Geist, angekettet wie ein Hund, mit einem Tresor über dem Kopf. Seinen ganzen Tod lang muss Marley für seine Entscheidungen und Sünden büßen. Damit er Scrooge vor dem gleichen Schicksal bewahren kann, mahnt er ihn und schickt ihm Besuch: die Geister der vergangenen, der präsenten und der zukünftigen Weihnacht. Nur mit einem weißen Nachthemd bekleidet, reist Scrooge durch die Zeit: er krabbelt auf dem Boden seines Geburtshauses, trifft seine alte Liebe auf einer Weihnachtsfeier, beobachtet Bob und dessen Familie bei ihrem Weihnachtsessen und sieht seine triste Zukunft, die ihn im schlimmsten Fall erwarten wird. Ebenezer Scrooge muss sich entscheiden und gelangt schlussendlich doch auf den richtigen Weg.

Auf einer Bühne mit wenig Requisiten, die jedoch vielseitig gebraucht werden, entfaltet sich allmählich der Zauber der Weihnacht. Die Gruppe harmoniert, überzeugt in passenden Kostümen und mit viel (teilweise zeitgenössischem) Humor. Selbst der alte Scrooge wirkt sarkastischer und gewiefter als in der ursprünglichen Fassung. Trotz vielen lustigen Momenten wird nicht auf die wichtigen Aussagen im Hinblick auf Ethik, Ideologie und Gesellschaft vergessen. Darf Reich über Arm bestimmen? Sind manche Menschen mehr wert als andere? All das und vieles mehr wird im Laufe des Stücks beantwortet. Somit bildet A christmas carol eine gute Mischung aus Witz und Moral, die vor allem für Schulklassen interessant ist, worauf es in Graz ausgelegt war.

Obwohl die Bühne nicht viel zu bieten hat, schaffen vor allem Gesang und Beleuchtung eine tolle Stimmung. Mit gezielten Lichtspots werden wesentliche Szenen hervorgehoben, das Ensemble als Chor begeistert mit seinen Stimmen, die hin und wieder eine bedrohliche Atmosphäre heraufbeschwören (z.B. als tickende Uhr), und fungiert gleichzeitig als Erzähler. Die Geschichte, die dem klassischen Handlungsstrang folgt, ist trotz englischer Sprache leicht zu verstehen, nur manchmal schreien die Schauspieler zu laut, sodass man es selbst auf Deutsch nicht verstehen würde.

Die Geschichte über den Geist der Weihnacht braucht nicht viel, um zu funktionieren. Eine schöne, zeitlose Performance über die wichtigen Dinge, die selbst den größten Grinch (Mr. Scrooge) in Weihnachtsstimmung versetzt.

Informationen zum Stück gibt es hier.