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Nestroy für die Gegenwart

Am 20.06. brachte das Schauspielhaus unter der Regie von Dominique Schnizer Johann Nestroys Der Talisman zur Aufführung. Durch pointensicheres Spiel und mithilfe der gstanzlten Stücke von Ferdinand Schmalz (Text) und Bernhard Neumaier (Musik) gelang es der Inszenierung, den bissigen Geist Nestroys in die Gegenwart zu retten.

Von Thees Schagon

I. Die Handlung

Der Barbier Titus (Clemens Maria Riegler) hat rotes Haar, ebenso die Gänsehirtin Salome (Sarah Sophia Meyer) – eigentlich kein Problem. Auf dem Gut der Frau von Cypressenburg (Christiane Roßbach) ist es das allerdings schon. Dort finden sich die beiden wieder und in dieser engstirnigen Gesellschaft gelten rote Haare als Signum einer üblen, hinterlistigen Persönlichkeit. Als Titus aber einen selbsternannten Marquis (herrlich komödiantisch: Franz Solar) vor einem Unfall rettet, schenkt dieser ihm einen Talisman: Eine schwarze Perücke, mittels derer der wortgewandte und Wörter verdrehende Mann schnell zum Gartenaufseher, später zum Jäger und schließlich zum Sekretär aufsteigt, bis der Trug – wie könnte es anders sein – auf- und Titus mit Schimpf und Schande aus dem Hause fliegt. Als mit Titus Vetter (sehr schrullig: Franz Xaver Zach) aber gleichsam eine unverhoffte Erbschaftsaussicht in dem Dorf ankommt, beginnt erneut das Zerren um die Gunst des Rotschopfs. Inzwischen hat der jedoch gemerkt, dass die einzige ihm wirklich zugetane Verehrerin die ebenfalls rothaarige Salome war, die er endlich zur Frau nimmt.

II. Inszenierung und Aufführung

Was soll man sagen über die Inszenierung des Talisman, außer: rich-tig geil!? Hier ist es gelungen, Politik und Unterhaltung erfolgreich zu vermählen. Diesen Verdienst sollte man zuvorderst den Couplets von Ferdinand Schmalz und der dazugehörigen Musik von Bernhard Neumaier anrechnen. Diese spannten sich thematisch von Welt- bis hin zu Lokalpolitik, von Donald Trump bis zum Murkraftwerk. Doch auch ohne diese punktaktuellen Lieder fiel es schwer, die Inszenierung nicht auch als politisch zu begreifen. Das in dem Stück die gesellschaftliche Ächtung aufgrund einer roten Haarpracht erfolgt, mag als fungibles Moment betrachtet werden. Pfiffig wurden ebenfalls die Szenenwechsel arrangiert – möglich gemacht durch die Drehbühne und den Bühnenaufbau in einzelne Zimmersegmente, entworfen von Christin Treunert. Bemerkenswert auch die Spielfreude von Clemens Maria Riegler oder Werner Strenger als Putzerkern, die beide bravourös ihr komödiantisches Situationsgefühl unter Beweis stellten. Hingewiesen sei außerdem auf das Spiel mit dem Dialekt – etwa im Weanerisch der hochnäsigen Kammerfrau Constanze wiederzufinden oder wenn der vermeintlich nobel französisch näselnde Marquis im Moment der Gefährdung plötzlich in tiefstes Steirisch verfällt. Die zweieinhalbstündige Aufführung wurde mit johlendem Applaus quittiert. Eine Anmerkung sei gestattet: Liebe Schüler: Hoit’s anfach mal die Gosch’n. Es fehlt nix, wenn ihr (das heißt wir) für zwei Stunden der digitalen Welt fehlen.

III. Lobhudelei

Es wurd‘ erzählt von einer Welt, in der man Ehre verwechselt – mit Geld; in die Politik-Kritik Einzug erhält, durch clevere Couplets mitsamt Sujets von Basti Kurz bis Donald Trump, gelegt auf langsame und schnelle Lieder von der Dorfkapelle. Großartig mimte das Ensemble die profanen Charaktere; ließ nicht alt das betagte Stück, groß auch inszeniert, zum Glück. Der Talisman – sieh ihn dir an!

Weitere Infos hier

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Deine Geschichte auf der Schauspielhaus-Bühne

Das Schauspielhaus Graz bittet für das neue Projekt „Bürger*innenbühne“ ExpertInnen des Alltags zu Wort. Es werden Menschen gesucht, die bereit sind, ihre Geschichten in eine der drei Produktionen einfließen zu lassen – und selbst mitzuspielen!

Du wolltest schon immer einmal Bühnenluft schnuppern, bei einem professionellen Probenprozess dabei sein und deine Ideen einbringen? Das Schauspielhaus will mit der „Bürger*innenbühne“ einen Raum der Begegnung und des Diskurses schaffen, in dem jede/r willkommen ist. Gesellschaftliche Gräben sollen durch Zusammenarbeit zugeschaufelt werden: Egal ob Jung oder Alt, Studi oder Vorstandsvorstand, Österreicher*innen oder Migrant*innen, in Graz und der ganzen Steiermark – alle arbeiten an der gemeinsamen Vision einer „Schönen neuen Welt“.

Drei Produktionen zu verschiedenen Bereichen des Themas „Zukunft“ werden in der Spielsaison 2018/19 auf den drei Bühnen zu sehen sein. Den Auftakt macht Regisseur Simon Windisch am Haus 2 mit „Leonce und Lena suchen einen Ausweg“: Der Alltag zwischen Langeweile und Leistungsdruck, zwischen „burnout und boreout“ soll hier verhandelt werden. Davon können Studis nur ein Lied singen, denn die Prüfungen und Seminararbeiten tauchen bekanntlich immer alle auf einmal auf!

Infoveranstaltung: 15. September 2018; Auswahlworkshop: 22./23. September; Probezeit: 16. November – Jänner; Premiere: Jänner 2019; Kontakt: julia.gratzer@schauspielhaus-graz.com

„Träumen Androiden von elektronischen Schafen?“ lautet der wohlklingende Titel der zweiten Produktion mit Regisseurin Anja Michaela Wohlfahrt am Haus 3. Hierfür werden Menschen gesucht, die die Zukunft aktiv mitgestalten, egal ob politisch, technisch oder sozial – es geht um die Welt von morgen und Visionen dieser.

Infoveranstaltung: 12. Jänner 2019; Auswahlworkshop: 19./20. Jänner; Probezeit: 25. Februar bis April; Premiere: April 2019; Kontakt: timo.staaks@schauspielhaus-graz.com

Am großen Haus 1 wird schließlich das Thema „Familie 2.0“ von Regisseurin Uta Plate bearbeitet – ein riesiger Themenblock, der jede/n betrifft. Die Vergangenheit aufarbeiten, die Gegenwart analysieren und die Zukunft gestalten – egal ob als traditionelle Kleinfamilie, alternative Lebensgemeinschaft oder Regenbogenfamilie. Hat der Generationenvertrag noch Gültigkeit? Welche Modelle des Zusammenlebens sind in Zukunft möglich? Welchen Traditionen folgen wir, welche brechen wir? Ein bunter Haufen wird für „Familie 2.0“ gesucht!

Infoveranstaltung: 9. März 2019; Auswahlworkshop: 16./17. März; Probezeit: 1. April bis 28. Juni; Premiere: 29. Juni 2019; Kontakt: viola.novak@schauspielhaus-graz.com

Wie kann ich mitmachen?

Die einzigen Erfahrungen, die zum mitmachen nötig sind, sind jene aus dem eigenen Leben! Einfach zu den angegebenen Daten der Infoveranstaltungen jeweils um 18 Uhr im Foyer des Schauspielhauses anwesend sein und/oder unter den angegebenen E-Mail-Adressen voranmelden. Viel Spaß wünscht das Kulturreferat der ÖH Uni Graz!

Weitere Infos hier!

Mit Klappschuhlöffel und Glitzerjackett

 

Knackige 100 Minuten wirbeln Familie Orgon und Tartuffe über die Bühne – ein buntes und lautes Spektakel, das richtig Spaß macht. Modern wird Markus Bothes Inszenierung dabei nicht nur durch Glitzerjäckchen und aktuelle Charts.

Er ist ihm komplett verfallen: Hausherr Orgon schwärmt geradezu für diesen Mann der Moral und Barmherzigkeit. Dem frommen Tartuffe mit Haut und Haar zugetan, will er ihn in seine Familie aufnehmen und plant die Vermählung mit der eigenen Tochter. Dummerweise ist die bereits anderweitig verliebt und so formiert sich der innerfamiliäre Widerstand. Während der Rest der Sippe die Hinterlist unter dem Deckmantel der Frömmigkeit längst entlarvt hat, gibt sich Vater Orgon beratungsresistent und frönt homoerotisch der Begeisterung für Tartuffe.

Das geschieht mit einer rasanten Inszenierung, in der geschrien, verführt, getanzt und vor allem viel gespuckt wird. Die zahlreichen Schulklassen im Publikum erfreuen sich außerdem am Beinahe-Striptease Tartuffes. An einigen Stellen hätte man sich jedoch mehr Subtilität gewünscht – wenn etwa der axtbewaffnete Schlägertyp Damis nach dem Teddy fragt oder Tochter Mariane einen pubertären Tobsuchtsanfall bekommt. Die an vielen anderen Stellen gelungene Komik lässt Momente wie diese aber verzeihen.

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TARTUFFE Haß, Lodd, Gräfner (c) Lupi Spuma

Die fantastische Besetzung tut ihr Übriges – Henriette Blumenau geht als verführerische Elmire auf, Mathias Lodd wirbelt cholerisch geifernd über die Bühne und Julia Gräfner hat als Zofe Dorine ohnehin im Geheimen die Fäden in der Hand. Auch Simon Käser nimmt man den etwas einfach gestrickten Sohnemann Damis mit Aggressionsproblem ab, ebenso wie Maximiliane Haß die Rolle des naiven Töchterchens Mariane. Pascal Goffin verkörpert als Tartuffe den wunderbar schleimig-hinterhältigen Frommen, den Klappschuhlöffel stets dabei. Und Franz Solar als weibliches Familienoberhaupt Madame Pernelle bedarf ohnehin keines weiteren Kommentars.

Damit garantiert Tartuffe einen kurzweiligen Abend mit viel Komik, Tempo und Spielfreude. Auf jeden Fall einen Besuch im Schauspielhaus wert!