Mit Klappschuhlöffel und Glitzerjackett

 

Knackige 100 Minuten wirbeln Familie Orgon und Tartuffe über die Bühne – ein buntes und lautes Spektakel, das richtig Spaß macht. Modern wird Markus Bothes Inszenierung dabei nicht nur durch Glitzerjäckchen und aktuelle Charts.

Er ist ihm komplett verfallen: Hausherr Orgon schwärmt geradezu für diesen Mann der Moral und Barmherzigkeit. Dem frommen Tartuffe mit Haut und Haar zugetan, will er ihn in seine Familie aufnehmen und plant die Vermählung mit der eigenen Tochter. Dummerweise ist die bereits anderweitig verliebt und so formiert sich der innerfamiliäre Widerstand. Während der Rest der Sippe die Hinterlist unter dem Deckmantel der Frömmigkeit längst entlarvt hat, gibt sich Vater Orgon beratungsresistent und frönt homoerotisch der Begeisterung für Tartuffe.

Das geschieht mit einer rasanten Inszenierung, in der geschrien, verführt, getanzt und vor allem viel gespuckt wird. Die zahlreichen Schulklassen im Publikum erfreuen sich außerdem am Beinahe-Striptease Tartuffes. An einigen Stellen hätte man sich jedoch mehr Subtilität gewünscht – wenn etwa der axtbewaffnete Schlägertyp Damis nach dem Teddy fragt oder Tochter Mariane einen pubertären Tobsuchtsanfall bekommt. Die an vielen anderen Stellen gelungene Komik lässt Momente wie diese aber verzeihen.

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TARTUFFE Haß, Lodd, Gräfner (c) Lupi Spuma

Die fantastische Besetzung tut ihr Übriges – Henriette Blumenau geht als verführerische Elmire auf, Mathias Lodd wirbelt cholerisch geifernd über die Bühne und Julia Gräfner hat als Zofe Dorine ohnehin im Geheimen die Fäden in der Hand. Auch Simon Käser nimmt man den etwas einfach gestrickten Sohnemann Damis mit Aggressionsproblem ab, ebenso wie Maximiliane Haß die Rolle des naiven Töchterchens Mariane. Pascal Goffin verkörpert als Tartuffe den wunderbar schleimig-hinterhältigen Frommen, den Klappschuhlöffel stets dabei. Und Franz Solar als weibliches Familienoberhaupt Madame Pernelle bedarf ohnehin keines weiteren Kommentars.

Damit garantiert Tartuffe einen kurzweiligen Abend mit viel Komik, Tempo und Spielfreude. Auf jeden Fall einen Besuch im Schauspielhaus wert!

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Achtung, Crescendo!

„Achtung, Crescendo!“  –  so dirigiert der alte Karl Böhm voller Inbrunst einen Plattenspieler, in Erinnerung an die einstigen Erfolge des großen Dirigenten. Der Beginn eines klugen Arrangements aus bissigem Humor, bedrückenden NS-Bildern und perfektioniertem Puppenspiel. „Böhm“, das sehenswerte Ergebnis der Zusammenarbeit von Paulus Hochgatterer und Nikolaus Habjan, ist derzeit im Schauspielhaus zu sehen.

Das Licht fängt sich in den Falten des zerbrechlichen Alten; zusammengesunken sitzt er in einem Rollstuhl auf der Bühne. Vom Publikumsmagneten Habjan bespielt, wird die Puppe zum lamentierenden Alten, der mit dem authentischen Habitus eines greisen Grantlers als erste Tat des Abends das Publikum beschimpft. Das nimmt’s nicht übel, sondern freut sich im Gegenteil über den lokalen Bezug – denn Böhms Verbindung zu Graz verdeutlicht Habjan mit dialektaler Raffinesse.

Der Alte betont jedoch, gar nicht Karl Böhm zu sein. Er hat ihn studiert, kennt seine Vorlieben und kann ihn perfekt rezitieren. Ob er es nun ist und er sich bloß als Alter Ego von seiner Vergangenheit distanziert, oder ob doch nur ein Bewunderer Böhms auf der Bühne sitzt, bleibt unklar – die Ambivalenz seiner Identität lässt in jedem Fall Mitgefühl und Identifikation zu.

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BÖHM Nikolaus Habjan (c) Lupi Spuma

Dieser Kunstgriff ist nur einer von vielen, mit denen Hochgatterer und Habjan eine platte Zuschreibung zu Gut oder Böse zu verhindern wissen. Vielmehr versuchen sie den Menschen Böhm durch unterschiedliche Facetten zu erfassen: Collagenartig wird die Liebe zum Dirigieren, die pedantisch genaue Arbeitsweise, der Zynismus und Sarkasmus gezeigt. Über all dem steht aber die Anbiederung ans Naziregime, auch als „Mitläufertum“ thematisiert. Eingeblendetes Videomaterial aus NS-Zeiten sorgt dabei für die entsprechend drückende Atmosphäre. Den Böhm jüngerer Tage verkörpert Habjan gleichzeitig mit der gewohnten Perfektion durch wechselnde, detailreich gefertigte Puppen, die er täuschend lebendig über die Bühne führt. Besonders eindrucksvoll dabei sein Spiel mit der Sprache – mühelos wechselt er zwischen der Imitation unterschiedlicher Dialekte, Geschlechter und Generationen.

Damit ist es Hochgatterer mit „Böhm“ gelungen, ein komplexes Thema mit differenziertem Blick aufzuarbeiten. Habjans Puppenkunst tut das Übrige und beeindruckt visuell und akustisch aufs Neue. Das Publikum weiß es mit Standing Ovations zu würdigen.

 

Das bringt die neue Spielzeit am Schauspielhaus

Welche Stücke euch in der neuen Spielzeit 2018/19 am Schauspielhaus Graz erwarten und wie ihr zum Studi-gerechten Preis in ihren Genuss kommt, lest ihr hier.

Intendantin Iris Laufenberg hat das neue Programm des Schauspielhaus Graz vorgestellt. Auch 2018/19 gibt es wieder ein Motto, unter dem die Spielzeit steht: Zukunft. Das bedeutet: 11 der 21 RegisseurInnen sind neu am Schauspielhaus, zudem gibt’s einiges an Science-Fiction, Utopien und Revolutionen. 21 Premieren, davon drei Uraufführungen und sechs österreichische bzw. deutschsprachige Erstaufführungen wird man ab 14. September 2018 zu sehen bekommen.

Eröffnet wird die Saison mit einer Bearbeitung von Ayn Rands „The Fountainhead“ aus 1943 – eine Utopie, die bis heute für Gesprächsstoff sorgt. Jungregisseur Daniel Foerster gibt bei der Premiere am 14. September 2018 sein Debüt am Haus eins. In Kooperation mit dem steirischen herbst steht ab 21. September „Tram 83“ von Fiston Mwanza Mujila auf der Bühne des Haus zwei.

Raum für Begegnung: Die neue Bürger*innenbühne

Der schon aus dem Theater am Ortweinplatz bekannte Simon Windisch wird bei einem neuen Format Regie führen: „Schöne neue Welt: Leonce und Lena suchen einen Ausweg“ ist einer von drei Teilen des Projekts „Bürger*innenbühne Graz“, bei dem Leute aus der ganzen Steiermark dazu eingeladen werden, ihre Gedanken zu teilen und gemeinsam mit dem Team des Schauspielhauses in ein Stück zu verpacken.

Es soll ein Raum für Austausch geschaffen werden, jeder darf seine Geschichten einbringen – beim ersten Termin zu den Themen Burnout und Boreout, beim zweiten über die Gestaltung der Zukunft und beim dritten über „Familie 2.0“ und das Zusammenleben. Ebenfalls auf Dialog zielt die Kooperation mit dem Theater im Bahnhof ab. Pia Hierzegger wird in „Österreich, wir müssen reden…“ verschiedenste Gäste interviewen.

Nestroy und die Jungen

Die ÖsterreicherInnen spielen auch 2018/19 wieder eine große Rolle. In der vorherigen Spielzeit war es Bachmannpreisträger Ferdinand Schmalz, der Couplets zu Nestroys „Der Talisman“ gedichtet hat, diese Rolle wird nun die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel übernehmen – und zwar zu Nestroys „Einen Jux will er sich machen“. Von Schmalz wird „schlammland gewalt“ zu sehen sein; Regisseurin Claudia Bossard inszeniert die Uraufführung von Clemens J. Setz‘ „Erinnya“.

Klassiker werden nicht alt

Ohne Klassiker geht’s halt nicht. Und das Schauspielhaus wählt gleich eines der berühmtesten Trauerspiele der deutschen Literatur: „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller ist ab 25. Oktober zu sehen. Einen neuen Twist bekommt u.a. Frank Wedekinds „Lulu“, das die Tiger Lillies unter der Regie von Markus Bothe und der musikalischen Leitung von Sandy Lopičić neu interpretieren, András Dömötör nimmt sich Anton Tschechows „Kirschgarten“ an. Nachdem Jan-Christoph Gockel Büchners „Dantons Tod“ in der Spielzeit 2016/17 bereits erfolgreich behandelt hat, heißt es diesmal „Die Revolution frisst ihre Kinder! Dantons Tod in Burkina Faso“.

…und wie kann man sich das als Studi alles leisten?

Es gibt zum Glück einige Geheimtipps, wie ihr zu verbilligten oder sogar gratis Karten kommt. Theater um 5€ gibt es für jede/n, der eine halbe Stunde vor der Vorstellung mit Studierenden-Ausweis eine Restkarte ergattert (ausgenommen sind Premieren), oder bei den ÖH Stückgesprächen zu ausgewählten Terminen (Kultref-Seite auf Facebook im Blick behalten!), wo ihr im Anschluss mit den KünstlerInnen diskutieren könnt. Ein weiteres Schmankerl: Eine Eintrittskarte gilt ab der neuen Spielzeit auch als Öffi-Karte für die gesamte Steiermark, drei Stunden vor und sieben Stunden nach der Vorstellung. Zwei gratis Karten zum Stück eurer Wahl bekommt ihr als fleißige Schreiberlinge von blog4tickets. Falls ihr Interesse habt, meldet euch einfach unter: kultur@oehunigraz.at!

Diese Premieren erwarten euch:

14. September 2018: The Fountainhead (Regie: Daniel Foerster), Haus eins

15. September 2018: Fake Metal Jacket (Regie: Tom Feichtinger), Haus drei

21. September 2018: Tram 83 (Regie: Dominic Friedel), Haus zwei

5. Oktober 2018: Lulu – eine Mörderballade (Regie: Markus Bothe), Haus eins

12. Oktober 2018: Gespräche mit Astronauten. Kooperation mit der Kunstuni Graz (Regie: Suna Gürler), Haus zwei

25. Oktober 2018: Maria Stuart (Regie: Stephan Rottkamp), Haus eins

27. Oktober 2018: All das Schöne (Regie: Cara-Sophia Pirnat), Haus drei

15. November 2018: Erinnya (Regie: Claudia Bossard)

23. November 2018: Die Revolution frisst ihre Kinder! (Regie: Jan-Christoph Gockel), Haus eins

8. Dezember 2018: Österreich, wir müssen reden. Koproduktion mit dem Theater im Bahnhof (Regie: Helmut Köpping), Haus zwei

14. Dezember 2018: Einen Jux will er sich machen (Regie: Dominique Schnizer), Haus eins

Jänner 2019: Schöne neue Welt: Leonce und Lena suchen einen Ausweg. Bürger*innenbühne (Regie: Simon Windisch), Haus zwei

8. Februar 2019: Der Kirschgarten (Regie: András Dömötör), Haus eins

Februar 2019: Die Mitwisser (Regie: Felicitas Braun), Haus zwei

15. März 2019: Götterspeise (Regie: Jan Stephan Schmieding), Haus eins

März 2019: schlammland gewalt (Regie: Christina Tscharyiski), Haus drei

April 2019: Menschen mit Problemen, Teile I bis III (Regie: Franz-Xaver Mayr), Haus zwei

April 2019: Schöne neue Welt: Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Bürger*innenbühne (Regie: Anja Michaela Wohlfahrt), Haus drei

11. Mai 2019: Vor Sonnenaufgang (Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann), Haus eins

Mai 2019: Pfeil der Zeit (Regie: Blanka Rádóczy), Haus zwei

29. Juni 2019: Schöne neue Welt: Familie 2.0. Bürger*innenbühne (Regie: Uta Plate), Haus eins