Normalität auf einem klapprigen Gerüst

Ewald Palmetshofers gleichnamige Überschreibung von Gerhart Hauptmanns naturalistischem Sozialdrama „Vor Sonnenaufgang“ offenbart die Pervertiertheit der Normalität und lässt seine Figuren langsam, aber sicher in reißende Tiefen fallen. Regisseur Bernd Mottl deutet das Stück im Schauspielhaus vielmehr auf einer persönlichen als auf einer politischen Ebene.

Alles ist gut verpackt in Plastikfolie, das Innenleben versteckt. Familie Krause baut um. Das erste Enkelkind ist am Weg. Rattanmöbel auf der weitläufigen Terrasse, eine nigelnagelneue Einbauküche mit schwarz glänzender Nespresso-Maschine. Kurzum: Er ist die Mittelstands-Hölle. Doch das Fundament (Bühne: Friedrich Eggert), auf dem diese Welt gebaut ist, ist hohl: Ein kahles Gerüst, durch das das Licht scheint. Es betont die Leere darunter, nicht das Leben darauf.

In Anwesenheit von Thomas‘ (Fredrik Jan Hofmann) Freund aus Studienzeiten Alfred (Mathias Lodd) beginnt die Oberfläche aufzureißen. Ihre Beziehung ist die Fläche, auf der Palmetshofer das gesellschaftliche Auseinanderdriften in warnendem Ton illustriert. Alfred, der sensible linke Journalist, ringt mit vielen Worten um die Annäherung an den alten Freund, der nach zwölf Jahren ein anderer Mensch geworden ist, auch politisch. Regisseur Mottl legt jedoch den Fokus auf körperliche Grenzüberschreitung und eine angedeutete Liebesbeziehung, das hämische Lachen und Diskreditieren seitens Thomas und weniger auf die politische Botschaft dahinter.

Starke Frauen(rollen)

Kleine Gesten und großes Schauspiel machen Susanne Konstanze Weber als Stiefmutter Annemarie zur schillerndsten Figur des Abends. Sie zerreißt sich für den mütterlichem Perfektionismus, dem sie doch nie genügen wird, egal, wie viel Essen sie in Tupperdosen packt.

Mit Maximiliane Haß als Helene und Sarah Sophia Meyer als Martha steht außerdem ein großartiges Schwesternpaar auf der Bühne: Erstere die Ausreißerin, die ihr Glück selbst suchen wollte und sich geschlagen geben muss. Lange bleibt sie stumm und unauffällig, nimmt kaum Raum ein. Zweitere die werdende Mutter, die an den gesellschaftlichen Erwartungen zu zerbersten droht, und ihre Abwehrhaltung wie ein Schild vor sich trägt.

Erst ihr Untergang wird die Figuren menschlich machen. Aus ihrer Haut können sie allesamt nicht raus, und so muss am Ende die Katastrophe stehen. Die Sonne geht beißend grell auf. Obwohl die Inszenierung es verabsäumt, einen klaren Fokus zu setzen und dem Stück so viel an Spannung nimmt, sorgt das Ensemble für starke Momente.

Infos und Termine

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte…

(c) Lupi Spuma

Die One-Man-Show von Matthias Ohner sorgte am 16. April im Haus zwei des Schauspielhauses für viel Begeisterung beim Publikum. Unter der Regie von Ed. Hauswirth kletterte und kroch der Schauspieler insektenähnlich über die Bühne.

„Was ist mit mir geschehen?“
Die Produktion von Ed. Hauswirth ist simpel und sehr textnahe gehalten. Gregor (Matthias Ohner) ist Erzähler, Hauptfigur und Nebenfiguren in einem. Nur ein veralteter Kassettenrecorder und ein Overheadprojektor unterstützen ihn dabei, die Handlung zu vermitteln.

Die schwere Verwundung Gregors…
Voller Elan und Überzeugung steht Matthias Ohner vor seinem Publikum und nutzt Rasierschaum und Plastikfolie, um die Misere der Kakerlake zu veranschaulichen. Er springt und kraxelt auf der Bühne herum, die sehr minimalistisch aus einem Tisch und einem Stuhl besteht. Immer wieder werden kleinere Requisiten genutzt, die auf eine amüsante Art zum Stück beitragen.

Als sie bald den wahren Sachverhalt erkannte…

Trotz einiger Kürzungen des Originaltexts sind die wesentlichsten Elemente Kafkas Klassikers vorhanden. Ohner verfällt immer mehr in die Rolle des Insekts und auch der Tod Samsas endet in einer schabenhaften Pose.

Die Verwandlung…
ist eine gelungene Produktion, die für Kafka-Begeisterte auf jeden Fall sehenswert ist. Haus zwei ist wie immer klein, aber fein!

Link zur Veranstaltung / Schauspielhaus

Mahlzeit!

mahlzeit
Foto: Lupi Spuma

Ein Projekt von Bürger*innen für Bürger*innen im Schauspielhaus Graz. Das Stück „Schöne neue Welt: Leonce und Lena suchen einen Ausweg“ schöpft aus den Erfahrungen und Erlebnissen der Mitwirkenden und überzeugt mit Keksen, Klischees und einer Neigung zum Absurden das Publikum im Haus zwei.

Unter der Regie von Simon Windisch stehen neun sportliche Menschen auf der Bühne, die eigentlich keine Schauspieler sind. Sie sind Mitspieler*innen des Projekts Bürger*innenbühne des Schauspielhauses und verpacken die alltäglichen Themen ihres Berufsleben in ein humorvolles Stück, das zum Nachdenken anregt.  

Ob es das ewige Sitzen am Computer, der Klatsch und Tratsch beim Kaffee in der Pause oder die ermüdende Routine eines 40 Stunden Jobs ist, jeder Berufstätige und jede Berufstätige kennt es. Highlights wie die neueste Version der Tetris-App oder ein kreatives Teambuilding-Projekt werden thematisiert. Doch für Leonce und Lena gibt es keinen Platz auf der Bühne.

Ein Stück im Stück:
Ob Leonce und Lena den Ausweg aus dem Burn- und Boreout finden, ist bis zum Schluss unklar. Fakt ist, dass Büchners Stück nur ein kleiner Teil des Stücks ist. Der Text dient als Vorlage für die Mitarbeiter der Abteilung, die das Lustspiel für besseren Zusammenhalt inszenieren und aufführen sollen. Das Publikum ist live dabei. Allerdings kommt es zu den klassischen Diskussionen im Team und letztendlich wird das Projekt abgebrochen.

Doch auch ohne Büchners berühmte Worte sind die Spieler*innen aussagekräftig. Gundula Biermann, Magdalena Hanetseder, Julia Katholnig, Kenan Kokic, Caroline Oswald-Fleck, Leo Rögner, Hannes Schauer, Ute Stampfer-Jungreithmaier und Donata Trinkl tippseln und tappseln aktiv über die Bühne. Nicht nur die schauspielerische, sondern auch die sportliche Leistung ist bemerkenswert, da das Bühnenbild von Rosa Wallbrecher einem kleinen Klettergarten gleicht. Die übertrieben breitschultrigen Anzüge sind dabei nicht selten im Weg. Alles ist grau in grau und am Ende ergraut auch der einzige Lichtblick: ein schmaler Streifen blauen Himmels.


Ein gelungenes Stück, das seinen Platz auf der Bühne durch vollen Körpereinsatz aller verdient hat. Und auch die Kekse, die zu Beginn ausgeteilt werden, sind zu empfehlen!

Link zum Reinschauen: https://www.youtube.com/watch?v=lqYmNMl0Ch4&feature=youtu.be