R.I.P., Maria Stuart!

Foto: Lupi Spuma

Unter der Regie von Stephan Rottkamp fand, am 04. April im Haus eins des Schauspielhauses die letzte Inszenierung von Maria Stuart statt. Ein schlichtes, jedoch imposantes Bühnenbild untermalte den Abschluss dieser ästhetischen Produktion.

Zwei Königinnen, Rivalinnen, Schwestern.
Im Vordergrund dieses Stücks steht der Konflikt zwischen den Königinnen Maria Stuart (Henriette Blumenau) und Elisabeth (Sarah Sophia Meyer). Der Kontrast zwischen Gefangener und Regierender wird durch Kostüm (Heide Kastler) und die bewegliche Ebene der Bühne (Robert Schweer) hervorgehoben. Oben steht, in einer imposanten roten Robe, Elisabeth, die hin- und hergerissen ist. Bereits ihr erster Auftritt im Stück, als sie von der mobilen Bühne empor gehoben wird, beweist ihre Macht und ihre starke Persönlichkeit. Unten steht ihre verurteilte Schwester. Die Bühne wird der gefangen gehaltenen Königin, Maria Stuart, am Ende zum Verhängnis.

Die Bühne als Mordwaffe.
Der historische Hintergrund des Königinnendrama von Friedrich Schiller ist bekannt und wird sehr Text nahe vermittelt. Am Schluss verliert Maria Stuart ihren Kopf. Die sich bewegende Bühne, auf der Maria anfangs fröhlich herumtänzelt, entpuppt sich schlussendlich zu ihrer Todesstätte. Die Bühne fährt, einer Guillotine ähnlich, auf sie herab. Elisabeth hat entschieden. Dieses symbolische Ende ist vor allem imposant, da dies der letzte Termin der Vorstellung war.

Ein kranker Mörder.
Durchgeführt wird der Befehl der Elisabeth vom Graf von Leicester (Florian Köhler). Das Publikum wurde bereits am Anfang der Vorstellung vorgewarnt, dass der Schauspieler Krank war. Nur selten fiel sein Zustand auf und Leicester brachte sowohl seine Zuneigung, als auch seine Trauer um die Ermordete ausgezeichnet rüber. Nur selten vielen seine Hustenanfälle, hinter Bäumen, auf.

Ein glorreiches Ende.
Die letzte Vorstellung von Maria Stuart war eine gelungene. Am Ende gab es vom Grazer Publikum stehende Ovationen. Sowohl die Schauspieler*innen als auch das Produktionsteam, kann auf diese grandiose Inszenierung stolz sein.

Maria Stuart – Videobeitrag

Link zum Schauspielhaus

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(c) Lupi Spuma

Die Macht und Ohnmacht der Königinnen

Maria Stuart und Elisabeth I. – zwei Frauen in einer Welt aus Männlichkeit und Machtintrigen. Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ wird am Schauspielhaus Graz unter der Regie von Stephan Rottkamp mit raffiniert-reduziertem Bühnenbild von Robert Schweer und feiner Besetzung aufgeführt.

Seit 19 Jahren sitzt Maria Stuart, Königin von Schottland, in einem Zimmer in England, unwissend, ob sie der Weg hinaus auf das Schafott oder in die Freiheit führen wird. Ihre größte Rivalin Elisabeth I. von England hält sie gefangen – doch ob sie ihren Kopf tatsächlich abtrennen lassen soll, darüber ist sie sich unsicher.

Klare Meinungen dazu haben die acht Männer mit Brillen, Anzug und abgeschleckten Frisuren, die auf der Erhöhung über Marias Zelle sitzen und sich anfänglich gegenseitig die Schuhe lecken. Sie sind eine einheitliche Front der Macht, die nach noch mehr davon giert. Unter ihnen monologisiert die schöne Maria, der Henriette Blumenau viel Stolz, aber auch Pathos verleiht. Einen Mann nach dem anderen empfängt sie, um ihr Schicksal zu erfahren und dagegen anzukämpfen.

Der Katholik Mortimer, der von Benedikt Greiner großartig als die einzige genuin ehrliche und zugleich verletzliche Figur angelegt wird, liebt Maria und will sie um allen Preis befreien. Pascal Goffin überbringt als übertrieben aufgesetzter Burleigh das Urteil der Richter, das Maria nicht akzeptiert („Es kann der Brite gegen den Schotten nicht gerecht sein“). Sie verlangt ein Treffen mit der Königin – versucht, Gnade zu erflehen, doch zeigt bald ihr wahres, machtversessenes Gesicht. Leicester (ebenso großartig: Florian Köhler), der Liebhaber Elisabeths, soll schließlich die Hinrichtung durchführen – und ist zerrissen zwischen seinem politischen Opportunismus und seiner Liebe zu Maria.

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Henriette Blumenau als Maria Stuart (c) Lupi Spuma (2)

„Maria Stuart“ hat viele große Momente: Wenn die magische Bühne von Robert Schweer nach vorne klappt und Elisabeth im prächtigen, weinroten Ballkleid und mit gekröntem Haupt über das Podest tänzelt etwa. Oder wenn nach dem Mordanschlag auf Elisabeth sofort die Jackets zu Schottenröcken umfunktioniert werden. Oder wenn Benedikt Greiner am Beginn des zweiten Aktes aus der Rolle fällt und im Eiltempo den ersten Akt rekapituliert – da ist der Zwischenapplaus garantiert. Aus verzweifelter Liebe nimmt er sich kurz darauf das Leben. Der Höhepunkt: Wenn am Ende die Bühne nur durch Kerzenschein erleuchtet ist und Henriette Blumenau einen letzten Monolog vor der Hinrichtung spricht.

Die beiden Frauen, die in die Geschichte eingingen, sind leere Figuren, größenwahnsinnig, getrieben und zugleich tief verunsichert, die unkontrolliert in einem Meer von männlich dominierten Machtverhältnissen treiben. Rottkamps Inszenierung deckt diese Strukturen gnadenlos auf, macht sie zum Grundgerüst des Dramas und räumt der Schiller’schen Sprache viel Wirkungsraum ein. Bravo!

Mehr Infos und Termine hier.

Du bist knapp bei Kasse und willst trotzdem „Maria Stuart“ sehen? In Haus eins und Haus zwei bekommst Du mit gültigem Studierendenausweis 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn eine Restkarte um nur €5! Mehr dazu hier.

WILHELM TELL

Wilhelm Tell © Oper Graz

Wilhelm Tell © Oper Graz

Wie schon das Titelbild auf der Homepage der Oper Graz verrät, ist der Apfelschuss die zentrale Szene bei Wilhelm Tell.
Man sollte sich aber keinesfalls nur wegen dieses Höhepunktes auf das Stück freuen: die Inszenierung an sich ist großartig, um nicht zu sagen episch angelegt. Man kann sich keiner der drei ineinander verwobenen Geschichten entziehen:

    • Wilhelm Tell, der kämpferischer Rebell und gleichzeitig Familienmensch ist.
    • Die Liebesgeschichte zwischen Arnold Melchtal und der Habsburger Prinzessin Mathilde, die aufgrund ihrer Herkunft nicht zusammen sein können.
    • Die Fremdherrschaft der Habsburger über Uri, Schwyz und Unterwalden sowie die geheime Verschwörung der unterdrückten Bürger der Kantone gegen ihre Besetzer.

Allein über die Bühnentechnik und das Design könnte man mehrere Seiten schreiben. Da wird gedreht, versenkt, aus dem Boden empor gezaubert und sogar ein Graffiti aus Licht „gesprayt“.
An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, wie scheinbar mühelos es der Inszenierung gelingt, das klassische Drama in die Moderne zu portieren. So sind die aufrührerischen Schweizer, die sich gegen die österreichische Fremdherrschaft auflehnen in Kapuzenpullover im charakteristischen Design der Schweizerfahne gekleidet.

Alle Mitwirkenden – sei es auf der Bühne, sei es hinter der Bühne oder im Orchestergraben- arbeiten einzeln und zusammen so perfekt, dass man sich wie mitten im Geschehen fühlt und mit den Schweizern von Anfang bis zum Ende mitfiebert. (Ich persönlich war auch sehr von der „Helvetia“ beeindruckt, die wirklich über Stunden bewegungslos in der Mitte der Bühne ausharrt!)
Sowohl der namengebende Erzählstrang um Wilhelm Tell und seinen Sohn Jemmy zieht in den Bann, wie auch die Liebesgeschichte zwischen Arnold und Mathilde und natürlich der im Geheimen geplante Aufstand der unterdrückten Schweizer gegen den Landvogt Gessler.

"Die Freiheit der Schweiz" ; (c) Werner Kmetitsch

„Die Freiheit der Schweiz“ (c) Werner Kmetitsch

Wilhelm Tell war von Gioachino Rossini als seine letzte Oper geplant – fulminant sollte sie sein, Kritiker und Publikum begeistern. Die Presse war bei der Uraufführung in Paris 1829 beeindruckt – und auch heute noch funktioniert das Stück, wie der endlos scheinende Applaus am Ende beweist.

Arnold und Mathilde ; (c) Werner Kmetitsch

Arnold und Mathilde (c) Werner Kmetitsch

Glücklicherweise geht es zurzeit in Mitteleuropa recht friedlich zu; trotzdem bleibt das Grundthema aktuell: Wie geht man mit Macht um? Inwieweit darf man sich über bestehende Gesetze hinweg setzen? Steht man für seine Ideale ein – und wenn ja, bis zu welcher Grenze?