(c) Werner Kmetitsch

Von der Göttlichkeit der Musik

Ein Klassiker der styriarte erklingt in neuem Glanz: Andrés Orozco-Estrada dirigierte den Arnold-Schoenberg-Chor und Concentus Musicus Wien in der Pfarrkirche Stainz mit geballter Energie durch „Schubert in Stainz“.

Andrés Orozco-Estrada hat bereits letztes Jahr mit den Filarmónica Joven de Colombia bewiesen, wie aufregend neu man europäische Klassiker mit südamerikanischer Leidenschaft beleuchten kann. Nun nimmt sich der kolumbianische Dirigent mit Schuberts As-Dur-Messe dem Erbe des verstorbenen Nikolaus Harnoncourt an und weicht – wie erwartet – vom detailgetreuen Weg seinen Vorgängers ab.

Denn bei Orozco-Estrada zählen Gefühl und Leidenschaft weit mehr als die möglichst originalgetreue Auslegung von Schuberts geistlichen Werken. Dem Schoenberg-Chor und Concentus Musicus – beide sind in Stainz bereits erfahren – impft er sein Feuer problemlos ein und kanalisiert sie zu einem enormen Klangkörper, der Schuberts „Magnificat“ in C (D 486) in den Himmel schreit, dass es einem die Haare aufstellt – und das ist im positivsten aller Sinne gemeint. Sopranistin Anna Lucia Richters helle Stimme hallt in der Pfarrkirche wider wie Engelsgesang, der Chor ergibt sich in voller Festlichkeit.

Vom „Tantum ergo“ in Es (D 962) wird direkt übergegangen in Schuberts Messe in As, eines seiner größten geistlichen Meisterwerke. Wenn im Gloria die Pauken schlagen und jede Kehle aus dem Schoenberg-Chor aktiviert wird, schlagen einem die Tonfronten immer wieder ins Gesicht wie riesige Wellen. Sie bauschen sich auf, schwappen über, bringen Heil statt Zerstörung, nur um sich dann wieder leise und gefühlvoll zurückzuziehen. Die kolumbianische Lebensfreude bedient aber auch die Todesgedanken, etwa im Grave-Satz des Credo, mit voller Wucht, die tiefe Erschütterung ist den Musikern ins Gesicht geschrieben.

Ob es einen Gott gibt, das weis keiner, und überhaupt ist das hier keine theologische Abhandlung (auch wenn es vielleicht so klingt), sondern ein Versuch, das beim Hören dieses Meisterwerks Gefühlte in Worte zu fassen. Unzweifelhaft gibt es göttliche Melodien von Schubert, aus denen Meister Orozco-Estrada und die vielen kleinen Rädchen des Orchesters und Chors ein gewaltiges Monument aufgebaut haben. Und das erschüttert tief, egal ob Katholik oder Atheist.

Weitere Infos zur styriarte

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Kulman in Topform

Elisabeth Kulman beehrte den Steirischen Musikverein für den zweiten Liederabend der Saison. Vom feinen Schubertlied bis zu zeitgenössischen Werken zeigte sie sich mit geschmeidiger Stimme.

Elisabeth Kulman (c) marija kanizaj

Wenn einem der Klang der österreichischen Mezzosopranistin seit Jahren vertraut ist, fällt es schwer, das Einzigartige ihrer Stimme in Worte zu fassen. Es steckt etwas Warmes und faszinierend Raues darin, das im forte wie im piano unter die Haut geht. Mit dem Pianisten Eduard Kutrowatz kombinierte sie im ersten Teil eine Auswahl an Schubert Liedern mit den modernen Werken Herwig Reiters. Letztere sind Vertonung nach Erich Kästner, darunter auch die herrlich satirische „Sachliche Romanze“. Die Tonsprache des österreichischen Komponisten ist nicht einheitlich, vermag aber durchaus zu unterhalten. Im Lied „Die alte Frau auf dem Friedhof“ schafft er beispielsweise mit ganz reduzierten Mitteln in Melodie und Begleitung eine doch bedrückende Stimmung. Die Stützpfeiler zwischen diesen Kanarienvögeln der Liedgattung waren die Werke Schuberts wie etwa „Die Sterne“ und „Wehmut“.

„Wenn ich durch Wald und Fluren geh‘, es wird mir dann wo wohl und weh“

singt Kulmann etwa in letzterem Lied und man fragt sich, wie sie einen derart gequälten Ausdruck doch so wohlklingend gestalten kann.
Im zweiten Teil kombinierten die beiden Musiker zwei stimmungsmäßig konträre Blöcke nebeneinander: Liszts „3 Sonetti di Petrarca“ und die „Cabaret Songs“ von Bemjamin Britten. Ganz weich und verträumt klingen die die italienischen Sonette, vor allem wenn eine Elisabeth Kulman ihnen ihre Stimme leiht. Mit unglaublicher Leichtigkeit setzt sie einen Ton an und er ist da, voll und ganz und wird so manchmal von seiner Erzeugerin noch zur vollen Blüte getrieben. Vom Schwelgerischen wechselte die Mezzosopranistin mit Trillerpfeife und keuchendem Atem in das erste Britten-Lied. Es sind kurzweilige Kunststücke die sie hier präsentiert, sei es in Text oder schnell wechselndem Ausdruck. „Tell me the Truth About Love“ ist das titelgebende Stück des Abends, in dem die Sängerin die Wahrheit über die Liebe zu ergründen versucht. So natürlich die Stimmung schon in den Liedern von Liszt wirkte, auch im Kontrastwerk Brittens wussten Kulman und Kutrowatz eine authentische Atmosphäre zu schaffen. Man konnte fast meinen, das Licht der Luster im Stefaniensaal wurde noch schummriger und die Zehen wippten ganz von alleine im entspannten Rhytmus mit.
Drei Zugaben vergönnte das Duo dem fordernden Publikum. Dem schmerzvollen „Mädchen am Spinnrad“ folgte ein charmantes „Portrait einer Chansonette“ (Reiter). Mit Liszts „Es muss was Wunderbares sein“ nach einem Gedicht von Oscar von Redwitz-Schmölz beschloss die Sängerin mit einem ihrer persönlichen Lieblingslieder. Man darf sich auf den nächsten Liederabend im Musikverein freuen!

Weitere Informationen zum Konzert und weiteren Veranstaltungen des Musikvereins unter:
http://www.musikverein-graz.at/konzert/2-liederabend-3/

Schubert im düsteren Blickwinkel

Die letzte SOAP dieser Saison widmete die Styriarte den trostlosen Abschnitten im Leben von Franz Schubert. Mit verschiedenen kammermusikalischen Konstellationen und gelesenen Berichten wurden die ernsten und oft auch heiklen Seiten aus Schuberts Leben transparent durchleuchtet.

Julius Feldmeier ; (c) Werner Kmetitsch

Julius Feldmeier ; (c) Werner Kmetitsch

So populär Schubert heute auch ist, im Wien seiner Zeit konnte man als Komponist kaum überleben. Mehrere Schicksalsschläge musste der große Musiker in seinem kurzen Leben erleben: die finanziell bedingte Trennung von seiner Jugendliebe, die Verhaftung eines liberalen Freundes und letztendlich seine Krankheitsanfälle. Diese und andere Zeugnisse las Julius Feldmeier, der aus dem Grazer Schauspielhaus bekannt ist und zurzeit am Volkstheater in Wien ein Engagement hat. Das Seriöse in den gewählten Texten stellte er in den Mittelpunkt seiner Darstellung, sodass die Hoffnungslosigkeit der Thematik nur in den Worten, nicht aber in der Sprache transportiert wurde. Die Schlüsse verschiedener Abschnitte pflegte er offen zu beenden, was auf Dauer allerdings ein schwer nachvollziehbares Stocken erzeugte.
Die musikalische Komponente lag in den sicheren Händen altbekannter Styriartegäste. Stefan Gottfried am Hammerflügel begleitete als Konstante die verschiedenen Werke Schuberts. Zusammen mit Christophe Coin spielten sie Schuberts berühmte Sonate in a in der Originalfassung für Klavier und Arpeggione. Dieses heute kaum noch gesehene Instrument (es erinnert an eine Kombination aus Gitarre und Cello) gab dem bekannten Stück eine rauen Klang und gleichzeitig eine besondere Klarheit durch das Spiel mit vorhandenen Bundstäben. Im Adagio kreierte Coin ein umhüllendes Kontinuum über die pulsierenden Klavierschläge; im tanzenden Rondothemas des Allegrettos überschätzte er im Tempo etwas die Schnelligkeit seiner linken Hand.

Markus Schäfer ; (c) Werner Kmetitsch

Markus Schäfer ; (c) Werner Kmetitsch

Maria Bader-Kubizek an der Violine half im 1. Satz vom Klaviertrio in B trotz der Größe der Helmut List Halle die Stimmung von Hausmusik zu erzeugen. Zart, schwungvoll und belebt war auch der Ton im Lied Auf den Sieg der Deutschen, in dem das Trio noch durch Ursula Kortschak ergänzt wurde. Den Zauber von Schuberts Musik, diesen immer durscheinenden Funken von Licht, beschwor der Tenor Markus Schäfer mit seiner Stimme. Seine gereifte Tiefe und facettenreiche Höhe machten jede seiner Interpretationen zu einer Geschichte, die mehr über Schuberts Leben preis zu geben schienen als die gelesenen Beiträge. Einen Höhepunkt brachte der deutsche Sänger im selten zu hörenden Lied Einsamkeit D620. Diese Schilderung eines Lebens nach einem Gedicht des Freundes Johann Baptist Mayrhofer bezeichnete Schubert selbst damals als „sein Bestes“. In fast 20 Minuten Dauer spiegelte Schäfer hier durch forcierte Artikulation, Dynamik und Mimik die verschiedensten Gemütszustände: von Seligkeit, Geselligkeit bis zurück zur „Weihe der Einsamkeit“. Eine andere Anschauung auf den Romantiker Schubert, die Lust auf mehr Enthüllungen dieser Art macht.

Das Konzert kann am 16. August um 10:05 auf Ö1 nachgehört werden.

Weitere Informationen zum Programm und weiteren Vorstellungen der Styriarte unter:

http://styriarte.com/events/schubert-soap/?realm=styriarte&sti=20847