Schubert im düsteren Blickwinkel

Die letzte SOAP dieser Saison widmete die Styriarte den trostlosen Abschnitten im Leben von Franz Schubert. Mit verschiedenen kammermusikalischen Konstellationen und gelesenen Berichten wurden die ernsten und oft auch heiklen Seiten aus Schuberts Leben transparent durchleuchtet.

Julius Feldmeier ; (c) Werner Kmetitsch

Julius Feldmeier ; (c) Werner Kmetitsch

So populär Schubert heute auch ist, im Wien seiner Zeit konnte man als Komponist kaum überleben. Mehrere Schicksalsschläge musste der große Musiker in seinem kurzen Leben erleben: die finanziell bedingte Trennung von seiner Jugendliebe, die Verhaftung eines liberalen Freundes und letztendlich seine Krankheitsanfälle. Diese und andere Zeugnisse las Julius Feldmeier, der aus dem Grazer Schauspielhaus bekannt ist und zurzeit am Volkstheater in Wien ein Engagement hat. Das Seriöse in den gewählten Texten stellte er in den Mittelpunkt seiner Darstellung, sodass die Hoffnungslosigkeit der Thematik nur in den Worten, nicht aber in der Sprache transportiert wurde. Die Schlüsse verschiedener Abschnitte pflegte er offen zu beenden, was auf Dauer allerdings ein schwer nachvollziehbares Stocken erzeugte.
Die musikalische Komponente lag in den sicheren Händen altbekannter Styriartegäste. Stefan Gottfried am Hammerflügel begleitete als Konstante die verschiedenen Werke Schuberts. Zusammen mit Christophe Coin spielten sie Schuberts berühmte Sonate in a in der Originalfassung für Klavier und Arpeggione. Dieses heute kaum noch gesehene Instrument (es erinnert an eine Kombination aus Gitarre und Cello) gab dem bekannten Stück eine rauen Klang und gleichzeitig eine besondere Klarheit durch das Spiel mit vorhandenen Bundstäben. Im Adagio kreierte Coin ein umhüllendes Kontinuum über die pulsierenden Klavierschläge; im tanzenden Rondothemas des Allegrettos überschätzte er im Tempo etwas die Schnelligkeit seiner linken Hand.

Markus Schäfer ; (c) Werner Kmetitsch

Markus Schäfer ; (c) Werner Kmetitsch

Maria Bader-Kubizek an der Violine half im 1. Satz vom Klaviertrio in B trotz der Größe der Helmut List Halle die Stimmung von Hausmusik zu erzeugen. Zart, schwungvoll und belebt war auch der Ton im Lied Auf den Sieg der Deutschen, in dem das Trio noch durch Ursula Kortschak ergänzt wurde. Den Zauber von Schuberts Musik, diesen immer durscheinenden Funken von Licht, beschwor der Tenor Markus Schäfer mit seiner Stimme. Seine gereifte Tiefe und facettenreiche Höhe machten jede seiner Interpretationen zu einer Geschichte, die mehr über Schuberts Leben preis zu geben schienen als die gelesenen Beiträge. Einen Höhepunkt brachte der deutsche Sänger im selten zu hörenden Lied Einsamkeit D620. Diese Schilderung eines Lebens nach einem Gedicht des Freundes Johann Baptist Mayrhofer bezeichnete Schubert selbst damals als „sein Bestes“. In fast 20 Minuten Dauer spiegelte Schäfer hier durch forcierte Artikulation, Dynamik und Mimik die verschiedensten Gemütszustände: von Seligkeit, Geselligkeit bis zurück zur „Weihe der Einsamkeit“. Eine andere Anschauung auf den Romantiker Schubert, die Lust auf mehr Enthüllungen dieser Art macht.

Das Konzert kann am 16. August um 10:05 auf Ö1 nachgehört werden.

Weitere Informationen zum Programm und weiteren Vorstellungen der Styriarte unter:

http://styriarte.com/events/schubert-soap/?realm=styriarte&sti=20847

Musikverein Graz: Ode an die Schönheit des Lebens

Von Erfolg gekrönter Liederabend „frauen.leben.liebe“ mit Elisabeth Kulman und Eduard Kutrowatz

Der Musikverein Graz brachte nun zwei internationale gefragte österreichische Künstler – Mezzosopranistin Elisabeth Kulman und ihr Klavierpartner Eduard Kutrowatz – mit einem äußerst gelungenen Repertoire (Schubert, Schumann, Liszt, Wagner) auf und über die Bühne.

Das vielseitige Programm stand ganz im Zeichen von Kulmans unglaublich facettenreicher Mezzosopran- bzw. Altstimme. Zu Beginn der ersten Hälfte des Abends schöpfte sie zunächst ihr tieferes, ernstes und dunkles Register aus (z.B. im Wesendoncklied „Schmerzen“ von Wagner) und überließ der zum Teil virtuosen Klavierpartie den Vortritt. Alsbald kam aber mit Liszts kurzen Liebesliedern („Was Liebe ist“, „Ich liebe dich“, „Einst“) ihr Mezzosopran in leichter, sanfter Fassung stärker zur Geltung. Hier nahm sich Kutrowatz gekonnt zurück und bewies damit von Beginn an die Kongenialität der beiden Künstler.

Elisabeth Kulman© Marija M. Kanizaj

Bei den vereinzelt schnelleren tempi (etwa in „An die Nachtigall“ von Schubert) machte sich jedoch eine teilweise gehetzte Stimmführung hörbar. Im Übrigen interpretiert Kulman den Liedgesang mit Tiefe und ganz besonderer Ausdruckskraft. Nicht selten wurde es vollkommen still im Stephaniensaal, als sie im pianissimo bis zum letzten Ton sang (insbesondere das „Wiegenlied“ von Schubert).

AUSTRIA/2.2014 / Eduard Kutrowatz-Frauen.Leben.Liebe © Julia Wesely

© Julia Wesely

Als Abschluss konnten „Der Tod und das Mädchen“ (Schubert) und „Mitternacht“ (Schumann) als zwei der wohl bekanntesten Lieder nicht treffender sein. In „frauen.leben.liebe“ war der Name Programm: die malerischen Texte, die von den nahmhaften Komponisten vertont wurden, sind eine Ode an die Schönheit des Lebens in all ihren Facetten, zum Ausdruck gebracht über die Empfindsamkeit der Frau – Leiden, Trauer, Tod, Liebe, Verehrung, Hoffnung.

Doch selbst wenn der musikalische Zenit erreicht zu sein scheint, überraschen Kulman und Kutrowatz aufs Neue: In der dreiteiligen Liszt-Zugabe gaben sie nicht nur theatralische Dramatik („Die drei Zigeuner“), sondern auch klangliche Brillanz in den einzigen nicht deutschsprachigen Liedern („Enfant, si j’étais roi“ und „Go not, happy day“) erneut zum Besten.

Weitere Informationen zur laufenden Saison im Musikverein sind hier zugänglich.

Des Müllers zarte Töne im Musikverein

Der junge Schweizer Mauro Peter gab sein umjubeltes Debüt im Musikverein Graz mit Schuberts Die schöne Müllerin. Am Klavier getragen wurde der Tenor vom großartigen Helmut Deutsch.

Mauro Peter und Helmut Deutsch (c) Schubertiade

Mauro Peter und Helmut Deutsch (c) Schubertiade

Dass auch im Altbekannten noch sehr viel Neues stecken kann, durften all jene erfahren, die den Gang zum letzten Liederabend dieser Saison angetreten sind. Das Duo des Abends durfte mit dem Liederzyklus von Schubert bereits einen großen Erfolg bei der Schubertiade 2012 feiern und zeigt die gefeierte Zusammenarbeit nun auch in Graz.
Mit einem Strahlen im Gesicht betritt Mauro Peter die Bühne und verkörpert mit starker Stimme den (noch) euphorischen Müller mit viel Überzeugung. Doch so naiv der junge Mann auf den ersten Blick vielleicht wirkt, erkennt man schnell, wie gut durchdacht sein Vortrag der einzelnen Lieder ist. Langsam, fast unmerklich schwindet der unbeschwerte Ausdruck aus Gesicht und Stimme, der etwa bei Das Wandern ist des Müllers Lust noch den ganzen Saal erfüllt hat. Schon beim sechsten Lied, Der Neugierige, ist sein Spiel erfüllt von der unsicheren Liebe des Müllers. Wunderbar zart besingt er seinen treuen Gefährten, den Bach, und wird fast noch zarter am Klavier begleitet. In fast jambischer Betonung folgt die Ungeduld. Der leichte und lyrische Klang bleibt noch eine Weile erhalten, bis ein Umschwung im Tränenregen zu spüren ist. Der Stimmungsbruch erfolgt nicht plötzlich, sondern scheint ganz natürlich als einziger Ausgang der Geschichte zu entstehen. Wenn die Mimik des Sängers auch immer starrer wird, verliert seine Stimme doch nie das junge, weiche Schmeicheln, das so gut zu Schuberts paradoxen Totengedanken passt:

Und in den Bach versunken,
der ganze Himmel schien,
Und wollte mich hinunter
In seine Tiefe ziehen.

Mauro Peter (c) Franziska Schrödinger

Mauro Peter (c) Franziska Schrödinger

Immer höchst aufmerksam bringt Helmut Deutsch am Klavier alle Facetten seiner 88 Tasten zum Leuchten. Obwohl er sich nie in den Vordergrund stellt, sind seine Präsenz und deren Wirkung doch allezeit deutlich spürbar. Mit seiner langjährigen Erfahrung ist er für den jungen Sänger nicht allein Begleitung, sondern auch Stütze und Rahmen und verleiht der Musik damit den letzten Schliff.
Ein besonderes Erlebnis sind die letzten drei Lieder des Zyklus. In Trockene Blumen präsentiert das Duo den wunderbar reduzierten Charakter des Stücks durch ein dichtes Piano und sehr sparsam eingesetztes Vibrato. Auch Des Baches Wiegenlied, das vom Tod des Müllers erzählt, könnte wohl kaum sanfter gesungen werden. Wenn der Bach am Ende den liebeskranken Müller empfängt, ist man nicht sicher, ob man um ihn trauern oder seine Leidenschaft bewundern soll.

Eine Aufnahme desselben Konzertes, aufgenommen auf der Wigmore Hall, kann seit kurzem auch käuflich erworben werden. Die CD ist die klassische Empfehlung des Monats (Kulturzeitschrift Bühne), das Hineinhören lohnt sich!

Weitere Informationen zum Konzert unter:
http://www.musikverein-graz.at/konzert/6-liederabend/