Potential zum Aufwühlen

Ein kleines Mädchen verliert die eigenen Eltern, ein Paar bereitet sich auf einen Racheakt vor und ein Jugendlicher gerät in gefährliche Abhängigkeiten. Im Rahmen der Diagonale ´18 wurden im Kurzspielfilmprogramm 2 die Filme Sekundenschlaf, Generalprobe und Bester Mann gezeigt.

Das Beeindruckende an Kurzspielfilmen ist mitunter, dass sie eine Geschichte erzählen, in der wenigen Zeit, die vorhanden ist, und trotzdem nicht wie unvollständige Spielfilme scheinen. Gerade die Prägnanz, mit der geschildert wird und aufgrund derer viel weggelassen wird, kreiert Spannung. Mitten hinein geworden wird man in die Handlung und ist gefordert, sich rasch zu orientieren.

Sekundenschlaf erzählt von Ida, einem kleinen Mädchen, das aufgrund eines Autounfalles nach einem Urlaub am Meer auf einmal ohne Eltern zurückbleibt. Familienangehörige nehmen sich ihrer an, Informationen über das Geschehene und vor allem über die Zukunft scheint ihr niemand zu geben. Sie schwebt im Ungewissen, denn ob sie von nun an ohne Eltern weiterleben muss oder ob diese wiederkommen werden und die Situation nur temporärer Art ist, weiß sie nicht. Die Momentaufnahmen, in denen die Zuschauenden die Welt aus Idas Perspektive sehen, sind nicht geprägt von Trauer. In den filmischen Fragmenten begegnet das Mädchen ihrer neuen Welt mit kritischem Blick, die Augen fokussieren ernst die Umgebung. Gefühlsregungen sind kaum zu erkennen. „Geh´ weg.” Als die Mutter dann plötzlich auftaucht, verwundert die Reaktion der Tochter kaum. Denn woher das Vertrauen und die Sicherheit nehmen, dass die engsten Bezugspersonen nicht wieder spurlos verschwinden werden, man nicht wieder ohne jegliche Vorwarnung alleingelassen werden wird?

Die letzte Probe vor der geplanten Tat eskaliert im Kurzspielfilm Generalprobe. Ein Paar übt dafür in einer verlassenen alten Hütte im Wald. Wofür, erfährt man erst am Ende des Filmes.  Aus dem Rollenspiel wird blitzschnell Ernst, die Seele tief erschütternde Gefühle kommen zutage. Die junge Frau verlor ihr ungeborenes Baby, als sie von einem Auto angefahren wurde. Nun wollen die beiden Rache üben.

Während des Filmes Bester Mann, der den begehrten Max-Ophüls-Preis 2018 gewann,
kann es geschehen, dass das Publikum ein Schaudern nach dem anderen durchfährt. Der Jugendliche Kevin ist einsam und sehnt sich nach Wertschätzung und Zugehörigkeit.
Vom Talentescout Benny, der abgeschieden im Wald lebt, ist er von Beginn an beeindruckt.
Doch dieser hat andere Absichten als die von Kevin gewünschte Freundschaft. Immer tiefer manövriert er sich in ein Verhältnis, aus dem auszukommen unmöglich scheint. Mehrere Grenzüberschreitungen passieren, unter anderem während eines Fotoshootings, gegen Ende spitzt sich die Situation weiter zu. Als eines Nachts nach viel konsumiertem Alkohol Benny ihn um einen Gefallen bittet, der lautet, mit einem seiner Kunden zu schlafen, da er meint, diesen ansonsten zu verlieren, gerät Kevin in einen Loyalitätskonflikt. Nein, will man schreien. Renn weg, will man ihm zurufen. Doch es ist eindeutig, Ausweg gibt es keinen mehr. Zu spät scheint es dafür, zu groß sind Kevins Treue zu Benny und das schlechte Gewissen, das ihm auf geschickte Weise eingeimpft wurde. Mit der Vergewaltigung am Ende des Filmes wird auf schockierende Weise gezeigt, wie leicht es gehen kann, in Abhängigkeitsverhältnisse hineinzukommen, innerhalb derer eine Dynamik ins Rollen kommt, die fast unmöglich zu stoppen scheint.

Obwohl jede der drei fatalen Problemsituationen, in denen die Protagonist*innen der drei Kurzfilme gefangen sind, völlig unterschiedlicher Art ist, haben sie doch den aufwühlenden Charakter und die Unruhe, die sich durch alle Szenen zieht, und das baldige Kippen der Situation erwarten lässt, gemeinsam. Damit fügt sich das Kurzspielfilmprogramm 2 stimmig in die Diagonale 2018 ein, die auch dieses Jahr ein spannendes, vielfältiges Programm geboten hat.

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