Der Horror unter dem eigenen Dach

In „Bernarda Albas Haus“ erzählt der spanische Revolutionär Federico García Lorcas (1898-1936) von einem autoritären Regime im Mikrokosmos einer Familie. Regisseur Thomas Schulte-Michels präsentiert die „Frauentragödie in spanischen Dörfern“ mit einem bestens eingespielten Ensemble am Haus Eins des Schauspielhaus Graz.

Bernarda Albas (Christiane Roßbach) zweiter Ehemann ist verstorben. Das bedeutet für sie, ihre fünf Töchter, die Magd und die Großmutter eine acht Jahre lange Trauerzeit in vollkommener häuslicher Isolation. Bernarda beugt sich nicht nur dem katholizistisch-konservativen Machtsystem im Spanien der 30er-Jahre, sondern wird selbst zur größten Erhalterin dessen und erschafft ein Terror-Regime in ihren vier Wänden, indem sie nach außen hin die Verbindungen kappt und innen Zwietracht sät. Unterstützt wird sie dabei von der unterwürfigen Magd La Poncia, in deren Rolle Julia Gräfner einmal mehr begeistert.

Die Opfer dieser Diktatur sind keine geringeren als Bernardas eigene Töchter. Nur Opfer werden diese jedoch nicht bleiben: Jede der jungen Frauen sucht einen individuellen Weg aus dem häuslichen Gefängnis. Der Ältesten, Angustias (Nanette Waidmann), eröffnet ihr beträchtliches Erbe eine Ehe mit Pepe el Romano, einem Mann aus dem Dorf. Das würde für sie den Ausweg bedeuten, doch auch ihre Schwestern Adela (Maximiliane Haß) und Martirio (Henriette Blumenau) hegen Gefühle für ihn. Die Magd kündigt das Unheil frühzeitig an, doch die Mutter hält ihre Augen fest geschlossen. Getrieben von Neid und Kontrollsucht werden die Frauen zu ihren eigenen größten Feindinnen und richten sich schließlich gegenseitig.

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(c) Lupi Spuma (2)

 

Im kargen Raum der schwarzen, runden Bühne (Robert Schweer), gepaart mit dunklen Kostümen und beklemmender Musik, liegt mächtig Spannung in der Luft. Das einzige in diesen kurzweiligen 80 Minuten, das Fragen offen lässt, ist Gerhard Balluch als verstörte Großmutter, die ab und an mal, scheinbar ohne rechten Grund, im alten Brautkleid und mit viel zu viel Rouge auf den Wangen auftaucht. Das Ensemble zeigt auf der Bühne eine einwandfreie Zusammenarbeit, gleichzeitig hat jede Schauspielerin auch große persönliche  Momente. So soll es, wie uns dieses Stück in Zeiten von #metoo und Co. zeigt, nicht bloß auf der Bühne sein: Nur mit gegenseitiger Unterstützung und Solidarität kann ein restriktives System zu Fall gebracht werden. Hingehen, ansehen, dazulernen, genießen!

„Bernarda Albas Haus“ ist noch bis 27. März im Haus Eins des Schauspielhaus Graz zu sehen.

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