Daniil Trifonovs Graz-Debüt

Daniil Trifonov gastierte am vergangenen Freitag im Grazer Musikverein. Es war das Graz-Debüt des russischen Klavierstars.

Die Zeiten, in denen Musikwettbewerbe über die Karriere von Musikerinnen und Musikern bestimmt haben, ist zwar nicht endgültig vorbei, aber die Bedeutung, die man Wettbewerben in vergangenen Generationen zugesprochen hat, scheint heute angesichts der Pluralisierung der Musikbranche obsolet. Bei Daniil Trifonov sieht es anders aus. Den Startschuss seiner Karriere verdankt Trifonov den Preisauszeichnungen bei den prestigeträchtigsten Klavierwettbewerben der Welt: dem 3. Preis beim Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau (2010) und schließlich dem ersten Preis beim nicht weniger bedeutenden Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb (2011). Dass es auch andere Pianisten gibt, die ähnliches erreicht haben, von denen man heute aber kaum noch hört, spricht allerdings dafür, dass Trifonov seine Karriere nicht ausschließlich seinen Preisauszeichnungen zu verdanken hat. Trifonov ist eine Ausnahmeerscheinung, die auch sogleich einflussreiche Befürworter gefunden hat. Martha Argerich meinte einmal, Trifonov hätte „alles und noch mehr“.

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Daniil Trifonov – (c) Dario Acosta, Deutsche Grammophon

In Graz stellte Trifonov diese Einschätzung fulminant unter Beweis: Während Trifonov in der ersten Konzerthälfte Beethovens Sturm-Klaviersonate (im übrigen ist diese nächsten Sonntag noch einmal im Musikverein zu erleben, wenn Daniel Barenboim ebenfalls sein Graz-Debüt geben wird) und Schumanns Bunte Blätter-Zyklus sowie zwei lose gebliebene Sätze der beiden Komponisten präsentierte, interpretierte Trifonov in der zweiten Konzerthälfte Prokofjews achte Klaviersonate. Bei aller technischen Brillanz mit der Trifonov Beethoven und Schumann spielte: Man muss ehrlicherweise vielleicht doch sagen, dass es auch einige andere Pianisten gibt, die diese technische Brillanz beherrschen. Doch während die Einzigartigkeit, die man Trifonov gerne anpreist, hier noch etwas gefehlt hat, schien bei Prokofjew plötzlich kein – polemisch ausgedrückt – austauschbares Talent mehr am Werk zu sein, sondern ein hoch-originelles, hoch-individuelles Tastengenie. Der tobende Applaus, der auf den besonders effektvollen Schluss der Sonate einsetzte, war daher absolut gerechtfertigt und wurde hoffentlich von Herrn Trifonov als Ermutigung aufgefasst, uns im Grazer Musikverein noch viele weitere Male zu beehren.

Der Seite der Veranstaltung ist unter folgendem Link abrufbar: http://www.musikverein-graz.at/konzert/1-solistenkonzert-4/

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An der Orgel: Cameron Carpenter – Discoglamour im Konzertsaal

Clark Kent, Peter Parker, Bruce Banner – Alliterationen sind ein essentieller Bestandteil des Superheldendaseins. Sein Name klingt, als sei er einer von ihnen: Cameron Carpenter. Er ist Organist und seine Superkraft ist es vielleicht, Konzertsäle zu füllen. Nicht nur klassische mit Samtbestuhlung, denn er hat eine transportable Orgel erfunden, mit der er sich nicht mehr auf solch ehrwürdige Locations beschränken muss, die eine Orgel an der Stirnwand herumstehen haben. Wie er sich auch nicht auf die ehrwürdigen Kompositionen von Bach, Reger und Co einschränken will. Sowie auch nicht auf den prototypischen Orgelkonzertbesucher.

In Graz hat er sich aber dennoch an die Orgel des Stefaniensaals gesetzt. Mit dem Rücken zum Publikum. Eine – für jemanden, der zum ersten Mal ein Orgelkonzert besucht – erwartbare, aber dennoch ungewohnte Konzertsituation. Doch auch für die Geübteren und Kenner dieses Genres hält der Abend Neues bereit: Etwa den Interpreten, der so ganz anders ist, als man sich einen Organisten vorstellt. Oder dass die Antwort auf die Frage, wie lang er denn bis zur Pause spielen werde, entschuldigend lautet, bei ihm wisse man das nicht, aber geplant seien 45 Minuten, man werde sehen. Oder die zweite Hälfte des Programms, bei der sich manche im Saal nach dessen erstem Teil mit Kompositionen J. S. Bachs und Mozarts zurücksehnen.

Zuerst aber spricht er zur Begrüßung ein kleines Bisschen Deutsch. Carpenter ist 33 Jahre alt, US-Amerikaner und der Popstar unter den Organisten – dass es das geben kann, beweist er. Wenn er sich mit vor dem Mund gefalteten Händen stumm verbeugt, wirkt er mit dem schwachen Lächeln manchmal wie ein Mönch bei der Meditation. Dahinter steckt Konzentration, zwei Stunden Konzert bestreitet er völlig ohne Noten, nur aus dem Gedächtnis – oder Gefühl. Er ist viel ruhiger, als das Glitzern am Saum und Revers seines schwarzen Jacketts vermuten lässt, sein Spiel aber ist aber dafür umso wilder. Denn er spielt anders Orgel, als man es kennt, er spielt nicht nur mit Händen und Füßen, sondern mit Händen, Zehenspitzen, Mittelfuß und Ferse. Er ist auch kein Organist, wie man ihn sich vorstellt, sondern trägt einen schwarzen Irokesen am teilrasierten Schädel. Die Pailletten am Jackett wurden schon erwähnt, der Strassbesatz wird noch erwähnt werden, Discokugel ist eine mögliche Assoziation.

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(c) fluffymarshmallowpuppy

Den Abschluss des offiziellen Programms bilden drei Improvisationen, die er H. R. Giger widmet – dem vergangene Woche verstorbenen schweizer Künstler und Schöpfer des „Alien“-Aliens, bei dem sich Carpenter dafür bedankt, das dargestellt zu haben, was nicht schön ist. Es muss nicht alles schön und harmonsich, manches kann auch schaurig-schön sein – wie Carpenters Spiel, wenn er die gewohnten Töne Bachs und Mozarts, die mit dem Strass an seinen Fersen um die Wette funkeln, verlässt und mit dem Gebläse der Orgel ein unheimliches Dröhnen erzeugt, als näherte sich ein Helikoptergeschwader zum Angriff. Oder etwas kann schräg-schön klingen, wie dann, wenn man meint, in einem Durcheinander von Klang Melodien oder Tonfolgen zu hören, die man kennt – nicht aus der Klassik, sondern aus der Popmusik. Filmmusik sei, meint er, von großer Bedeutung für ihn als Komponisten – man merkt es, er liebt den Effekt, die Geschwindigkeit, die Fülle an Tönen und deren Kontraste zwischen den dröhnenden Tiefen und den klaren, zarten Höhen. Manchmal klingt er, wenn er mit einem Finger zwei Manuale gleichzeitig spielt, wie ein ganzes Orchester. Und nicht zu vergessen mag er eben auch den Schauer. Vielleicht steht ein Teil der Alliteration in seinem Namen ja auch für Figuren wie Donnie Darko…