Tanz der Alpträume

Das neuformierte Ballett der Oper Graz präsentierte einen vielschichten „Sandmann“. Choreograph Andreas Heise erzählte E. T. A. Hoffmanns Werk als eindringliche Leidensgeschichte.

(c) Ian Whalen

Schummriges Licht beleuchtet einen kleinen Platz im sonst völlig schwarzen Raum. Ein junger Mann liegt in einem Bett, zwei Gestalten bewachen seinen Schlaf, der alles andere als friedlich zu sein scheint. Tauschen möchte man nicht mit Nathanael: geplagt und besessen von der dunklen Figur des Sandmanns, zerrissen in der Beziehung zu seiner Verlobten Clara gelingt es dem Protagonisten der Handlung kaum je als selbstständiger Akteur aufzutreten. Gleich zu Beginn wird der von Enrique Sáez Martínez verkörperte Nathanael von seinen beiden Schatten, dem Vaters und dem Sandmanns, einer Marionette gleich umhergewirbelt. Martínez fesselt mit seinen Bewegungen, die von Passivität, Verletzlichkeit und Besessenheit dominiert sind. Die fragile Menschlichkeit des jungen Mannes wird umso deutlicher im Kontrast zur Härte der beiden bösen Geister der Geschichte. Der klare Habitus von Paulio Sovari als Sandmann und Bálint Hajdu als Vater steigert durch die Verdopplung noch deren grausame Macht über Nathanael. Wie ein Käfig scheinen sich die beiden zeitweilen lautlos und hinterlistig um ihr Opfer zu schlingen, das seine inneren Kämpfe so auch nach außen projiziert sieht.

(c) Ian Whalen

Als Verlobte Nathanaels brillierte an diesem Abend Jacqueline Lopez. Die Kanadierin erschloss durch ihren Tanz ein vielschichtiges Mosaik ihrer Figur Clara. Ihre Rolle verkörperte sich durch einen geschmeidigen, emotionsgeladenen Tanz, der sich bis in alle Glieder zog, ihre Mimik und Atmung mitbeeinflusste. Ihre Liebe zu Nathanael und die Furcht vor seinen Dämonen wurde in einem Duett mit Martínez eindringlich von Andreas Heise verdeutlicht, man schien die Liebe und Qualen selbst als Zuschauer zu spüren. Diese wechselnde Dynamik steigerte sich noch in der Dreiecksbeziehung mit Claras Bruder (Frederico Alves de Oliveria): flink und kämpferisch umtanzen sich die drei Akteure einig und doch wieder entzweit.
Bewusst scheint die Setzung des Geschehens die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum zu verwischen. Licht und Farben sind schlicht und mit verschleierndem Charakter gewählt, was das Verschwimmen der verschiedenen Ebenen der Geschichte noch unterstrich. Auch die extra in Auftrag gegebene Musik des Stücks passt sich in dieses Schema ein. Der englische Komponist Benjamin Rimmer kreiert mit langen, rauschenden Tönen, weiten Motiven und ohne starke Kontraste eine mystische Stimmung. Nach dreißig Minuten an einen entschleunigten Steve Reich gemahnenden Klängen, dürstet das Ohr dann aber doch nach einem neuen Kolorit.

(c) Ian Whalen

Im Tanz vollzieht sich dieser Bruch in der dritten Szene mit dem Auftritt idealisierter Versionen von Clara. Die puppenartigen Frauen winden sich wie gewünscht in den Armen ihre Presentatoren und Nathanael kann der Faszination nicht widerstehen. Als er die Idealen aber berühren will, verlieren sie plötzlich all ihren oberflächlichen Liebreiz. Genial lässt der Choreograph seine Puppen hier in einem mechanischen Spitzentanz auftreten. Kurz darf man Hoffnung hegen, dass Nathanael sich befreien kann. Er wirkt gelöster und frei, doch seine Selbstständigkeit ist nur vermeintlich. Langsam, schleichend wird sein letzter Tanz mit Clara immer wilder und drängender. Wie von fremder Hand geleitet zieht er sie, die kaum noch Atem schöpfen kann. Im scheinbar letzten Moment reißt sie sich los, gibt ihn frei. Doch welche Freiheit ist der Tod?
Ein intensiver Abend, der eine verkörperte Geschichte eindringlich, schaurig und doch mit Ästhetik zu erzählen weiß!

Weitere Informationen zum Stück finden Sie unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/sandmann

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Wunderlich aus drei Perspektiven

Mit drei verschiedenen Choreographien näherten sich die TänzerInnen der Oper Graz dem Phänomen „Wunderlich!“. Auch wenn der Fritz meist ausblieb, geschah auf der Bühne doch so manch Wunderliches.

(c) Leszek Januszewski


Vier ganz unterschiedliche Charaktere verkörperten die „Sabotage“ von João Pedro de Paula, der selbst auch als Tänzer an der Oper aktiv ist. Seine Idee war es durch die Interaktion auf der Bühne soziale Beziehungen in der heutigen Gesellschaft darstellen. Während man der Selbstdarstellung frönt, schien dies einerseits als Verhüllung andererseits als Entblößung gedeutet zu werden. Die Bewegungen der Tänzer und ihr Agieren miteinander konnte das Bewusstsein schärfen und neue Erkenntnisse erlauben. So bedurfte die vermumte Figur auf der Bühne beispielsweise des Mutes eines anderen, um endlich sein Wahres Gesicht zu zeigen. Musikalisch noch am ehesten dem Konzept des Abends entsprechend wählte de Paula eine Arie aus der „Matthäus-Passion“ sowie einen Ausschnitt aus Mahlers „Das Lied von der Erde“ in denen die unsterbliche Stimme Fritz Wunderlichs zum Anklang kam.
Auch der „Path“ von Ballettmeisterin Jaione Zabala beginnt mit den süßen Tönen Wunderlichs: „Im wunderschönen Monat Mai…“. Noch bevor die Musik erklingt, streckt sich der talentierte Chris Wang mit geschmeidigen Zügen dem Licht entgegen. Dieses Konzept der Stille und des Leuchtens generierte einen eindrucksvollen Beginn und die Stimme Wunderlichs schien diese Ruhe in der Folge nicht zu stören, sondern auf sanfte Weise den Weg weiterzuführen. Schlicht und schön in schwarz und weiß traten die Sänger nun in Paaren auf, kosteten spielerisch ihre wechselwirkenden Bewegungen aus und doch schien in der Ferne eine Gefahr zu lauern. Mit einer effektvoll verlangsamten Videoprojektion wurde die Reise ohne Hektik fortgesetzt, man fühlte sich durch die Entschleunigung in ein Schweben versetzt. Mit dem Lied „Lili Marlen“ von Marlene Dietrich tanzten sich Daniel Myers und Simon Van Heddegem in den Höhepunkt des Abends. Zart und spielerisch, mit Leidenschaft und Vertrauen vollführten die zwei Männer einen Liebestanz, dessen Bann man sich nicht entziehen konnte.

Daniel Myers und Simon Van Heddegem (c) Leszek Januszewski

Die letzte Chroeographie stammte von Helge Letonja und wurde mit dem Titel „Untitled – a step for a dancer… a breath for a tenor“ geziert. Das Eröffnungsstück schien Dreieckbeziehungen verkörperlichen zu wollen, in denen man sich mit dem eigenen Agieren immer auch im anderen zu spiegeln scheint. Die Musik hierzu kam von Joby Talbot, der sich mit seiner an Steve Reich erinnernden Repetition einzelner Elemente allerdings zu sehr in die Länge zog. Auch die weitere Auswahl der Tonträger wollte sich in dieser letzten Choreographie in Summe nicht zu einem schlüssigen Ganzen fügen, wie das im Vorfeld gelungen war. Dennoch waren die Tänze von Letonja von einem anregend offensiven und ausfallenden Charakter, der nicht nur den Eindruck von Kampf, sondern auch von Versöhnung vermitteln konnte. Das Lichtdesign von Sebastian Alphons spielte effektvoll mit einfachen Mitteln und nutzte die Intimität der Studiobühne. Die Kostüme wurden von Silke Fischer kreiert und überraschten vor allem bei „Untitled“ durch geschickte Unformen, die auch durch die Vielfältigkeit in der wechselnden Beleuchtung faszinieren konnten. Das Finale lehnte der Choreograph an einen Brauch der Inuit an. In der Hoffnung auf die Wiederkehr eines Verschollenen hängten die Inuit die Stiefel des Verschollenen auf, die vom Wind wie im Schritt bewegt wurden. Diese bewegten Stiefel deutet Helge Letonja als „den Weg, den der Künstler bereits gegangen, und/oder noch vor sich hat“.
Es tanzten:
Marina Schmied, Fabio Toraldo, Simon Van Heddegem, Chris Wang, Enrique Sáez Martínez, Clara Pascual Martí, Bárbara Flora, Kana Imagawa, Astrid Julen, Daniel Myers, João Pedro de Paula

Weitere Informationen zur Aufführung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/wunderlichein-phanomen-drei-choreographien
Ein Trailer zur Show (die Musik ist wenig aussagekräftig für den Abend):

„Wir wollen eine Geschichte bauen“

Am 17. und 18. November ging im Rahmen des InTakt-Festivals 2017 das Stück „Zwei oder mehr“ über die (Studio-) Bühne der Grazer Oper. Gemeinsam mit dem Landesbildungszentrum Hildesheim entwickelte das deutsche Ensemble „BwieZack“ eine partizipative Theaterinszenierung, welche hörgeschädigten Menschen den Zugang zur Theaterkunst öffnen soll. Dabei lag der Fokus aber weniger auf einer direkten Handlung, sondern auf der Interaktion mit dem Publikum.

Von 9. bis 18. November 2017 öffnete das InTakt-Festival bereits zum zweiten Mal seine Pforten in Graz. Das Ziel: Alle Menschen sollten Kunst und Kultur voll und ganz erfahren können. Niemand sollte sich aufgrund der Herkunft oder körperlichen, sowie geistigen Beeinträchtigungen ausgeschlossen fühlen. Ein Konzept, welches die beiden Leiter, Mag. Dr. Christoph Kreinbucher und Mag. Linda Hölscher M.A. sehr abwechslungs- und erfolgreich in die Tat umsetzten.

Den abgedunkelten Raum der Studiobühne betretend erwartet den Zuschauer eine ungewöhnliche Szenerie – nicht allein weil Stühle, beziehungsweise andere Sitzmöglichkeiten, außer Sichtweite sind. Die Mitte bildet ein kleiner Tisch mit Laptop und damit verbundenen Beamer, daneben zwei pyramidenartige Gebilde aus Kartons (welche sich später- Gott sei Dank- als unsere Sitze entpuppten). Nachdem sich die Besucher leicht verwirrt und anfänglich zurückhaltend in einer Reihe aufgestellt haben, beginnt die Inszenierung. Gleich zu Beginn fallen die ausschlaggebenden Worte „Wir wollen eine Geschichte bauen.“

Die Grundhandlung des Stücks ist anfangs nicht wirklich ersichtlich. Um die Stille und somit auch das Eis zu den Zuschauern zu brechen, beginnen die vier Darstellerinnen reihum aufzuzählen, was sie mögen. Jedes gesprochene Wort in der Vorstellung wird in die Gebärdensprache übersetzt. Mimik und Gestik sind bei allen Vieren äußerst ausdrucksstark und untermalen ihre Aussagen, welche zumal noch aus dem Kontext gerissen scheinen. Im Raum entsteht dennoch eine fühlbare Dynamik, die die den Zuschauer dazu auffordert, mitzuwirken. Nun projiziert der Beamer diverse Aussagen wie „Ich mag Spiderman.“ oder „Ich beobachte gerne andere Menschen.“ auf die schwarze Wand. Das Publikum hat jeweils die Möglichkeit, sich für JA oder NEIN  zu entscheiden, so werden Schlagworte ausgewählt, welche später in einem ähnlichen Rahmen wiederholt werden. Die mit diesen Worten bedruckten Kartons und die Begleitung durch den Beamer dienen als subtile Unterstützung für die hörgeschädigten Gäste, aber auch als Denkstütze für die Hörenden.

Dass die Zuschauer mit der jeweiligen Mehrheit bei den Ja/Nein-Fragen diese Schlagworte bestimmen, ist ein wesentlicher Bestandteil des Stücks, denn neben dem gehörlosen-gerechten Aufzug soll der Besuch dieser Theaterinszenierung besonders (und) einzigartig sein. Da das Publikum zum Verlauf der Handlung beiträgt, ändert sich diese von Aufführung zu Aufführung und die Schauspielerinnen werden angehalten zu improvisieren. Der Höhepunkt wird erreicht, als an der Wand ein projiziertes Bild eines Sitzplans erscheint, welcher die Namen aller Zuschauer zeigt und diese somit in die vorgegebene Sitzordnung „zwingt“. Ein kluger Schachzug, um die Zuschauer untereinander interaktiv werden zu lassen, so ist es nämlich unumgänglich seinen Sitznachbarn kennenzulernen oder diesen wenigstens um seinen Namen zu fragen. Den rote Faden, der sich durch alle Vorstellungen zieht, bildet eine simple Rahmenhandlung von einem kleinen Mädchen namens „Leo“, welches einmal eine Nacht an seinem Lieblingsort, der Bücherei, verbringen möchte. Durch das Zusammenwirken der Zuschauer wird dieser Wunschtraum gegen den Willen der strengen Bücherfrau erfüllt. Die Handlung erscheint auch nach Ende der Vorstellung aber eher zweitrangig und dient wohl eher der Strukturierung des Stücks.  Trotz der kindgerechten Handlung ist der Besuch dieser Theaterinszenierung auch für Erwachsene empfehlenswert, da man regelrecht dazu aufgefordert wird, mitzudenken und an dem Geschehen teilzuhaben.

Der Aufzug der Stücks wurde teilweise relativ modern gestaltet, was stellenweise zu einer grundsätzlichen Unverständlichkeit der Handlung führte. Das zusammenhanglose Einwerfen von Worten oder eine abrupte Verdunkelung des Raumes sorgten für allgemeine Verwirrung aber im weiteren Sinne auch für unentwegte Aufmerksamkeit. Diese war den vier jungen Damen aber aufgrund ihrer mitreißenden und überaus charismatischen Ausstrahlung ohnehin gewährt.

Ein offizielles Imagevideo rund um das Festival an sich finden Sie hier.