(c) Photowerk/Styriarte

Ein alter Meister in jungen Händen

Antonio Vivaldi (1678-1741) gilt nach wie vor als Meister des italienischen Barock. Eine Auswahl seiner Concerti unter dem Titel „Vivaldi pur“ präsentierte das recreationBAROCK-Ensemble im Minoritensaal.

Großer Auftritt für Konzertmeisterin und Solistin Mónica Waisman (Bild): Auf der Violine leitet die junge Frau das Orchester von recreationBAROCK mit viel Liebe und Feingefühl durch das anspruchsvolle Konzert. Ihre schwierigen Soli meistert sie eines nach dem anderen mit Bravour. Im Concerto in a für zwei Violinen dürfen sie und Solist Martin Harald Winkler das Spotlight genießen, das sie furios ausnutzen, ohne aber in ein allzu kreatives Verzieren zu verfallen. Ihr gefühlvolles Zusammenspiel erfüllt den Minoritensaal und leitet die Gruppe an, die im Tutti so richtig Gas gibt.

Dramatischer und schneller wird es im Concerto in g für zwei Celli, in dem die beiden Cellistinnen Ruth Winkler und Andrea Molnar ihren großen Auftritt haben. Ihre klangliche Resonanz wird erst im Largo richtig bewusst, in dem sie oft nur von Eva Maria Pollerus am Cembalo begleitet werden.

Einen großen Teil des Abends widmet das Ensemble der lautmalerischen Programmmusik von Vivaldi. Eröffnet wird mir dem Concerto in D für vier Violinen und Cello aus „L’estro armonico“, in dem sich das schöngeistige Allegro ins tragische Largo auflöst. Im Concerto in D aus „Il Gardellio“ kommt zum einzigen Mal an diesem Abend Heide Wartha mit ihrer Traversflöte zum Einsatz.

Betitelt man einen Abend mit „Vivaldi pur“, darf natürlich auch ein Auszug aus den berühmten „Vier Jahreszeiten“ nicht fehlen. Als Einstimmung auf die kommende Jahreszeit wählt recreationBAROCK den belebten „Sommer“ aus. Dieser kommt zuerst zart und unaufgeregt daher, doch dann setzten die wuchtigen Violinen-Gewitter ein und entfalten ihre immense Kraft. Waisman brilliert abermals als Solistin. Das zeigt nicht nur ihr Können, sondern auch, wie sehr Barockmusik heute noch zum Genießen und Träumen einlädt – für Kenner genauso wie für Laien. Eine würdige Interpretation, die wie das gesamte Konzert mit gebührendem Applaus belohnt wird.

Weitere Infos hier.

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Hoch zu Ross – „La Margarita“

Eine barocke Pasticcio-Oper mit Pferdeballett bildete im harmonischen Freiluftambiente bei Schloss Schielleiten das Highlight der diesjährigen Styriarte.

Die Hesperiden (c) Werner Kemtitsch

Die Hesperiden (c) Werner Kemtitsch

 

Eigentlich ist es ja nur eine Generalprobe, bei der das teilweise weit angereiste Styriarte-Publikum als Zuschauer geduldet wird. Denn die eigentliche Hochzeit von Kaiser Leopold I. und seiner Margarita findet erst statt und das bereitet dem Oberhofmeister Wenzel Eusebius Lobkowics so manches Kopfzerbrechen. Dieser übernimmt, gemimt von Dramaturg und Regisseur Thomas Höft höchstpersönlich, die amüsante Leitung durch die nicht ganz unverzwickte Geschichte des Abends. Denn wenn zwei Liebesgeschichten, ein Raub und ein Zweikampf ineinandergreifen und dazu noch ein Musikerkonsorte und eine Pferdekompanie mit von der Partie sind, ist ein Vermittler zum Publikum doch sehr hilfreich.
Auf zwei Tribünen sind die Zuschauer platziert, zwischen Ihnen die „Bühne“ für die Pferde mit den ReiterInnen, stirnseitig finden sich die Musiker vor der Kulisse des Schlosses. Das Bild ist von floralen 2D-Mustern eingerahmt, der barocke Prunk wird durch die effektvollen und aufwendigen Kostüme von Bettina Dreissger vermittelt. Die Kopfbedeckungen reichen von goldenen Discokugeln über Löwenköpfe bis hin zu Irokesenschnitten, man kann sich an den zahlreichen Details in den Gewändern kaum satt sehen.

Leopold I, Margarita und Herkules (c) Werner Kemtitsch

Leopold I., Margarita und Herkules (c) Werner Kemtitsch

 

Auch die Musiker sind in das Konzept miteingebunden und werden als grüne Hüpfer getarnt. Der bunte Augenschmaus fügt sich in das Mischmasch-Konzept der Musik. In einem Pasticcio (zu deutsch „Pastete“) wurden Stücke verschiedenster Barockkomponisten gewählt, die die eigens konzipierte Geschichte zusammenleimen. Und wer könnte mit seiner Spielfreude und Neugier an gewagten Projekten besser zu dieser Veranstaltung passen als die Neue Hofkapelle Graz unter der Leitung von Michael Hell und Lucia Froihofer. Unterstützt durch das Trompeten Consort Innsbruck gestalten sie feierliche, einfach gestrickte Musik genauso wie improvisierte Intermezzi mit dem gewissen „Juchaza“, der zeitweise selbst laut die Nacht schallt.
In die Geschichte eingebautes Nachstimmen und eine geschickte Tontechnik sorgen dafür, dass auch im Freien der Klang nicht zu leiden hat. Die Verstärkung erlaubt es den Sängern ihr Volumen zu sparen, was nach vier Abenden im Freien den Stimmen mit Sicherheit zu Gute kam. Daniel Johannsen bleibt der Styriarte auch in diesem Jahr mit seinem Schmelz treu, Jochen Kupfer singt den König Hesperos mit brummendem Bass und steht im Kontrast zum Altus von Flavio Ferri-Benedetti (Herkules), der vor allem auf kultivierten Klang setzt. Als Personifikation der Musik und Titelgeberin Margarita konnte Julla von Landsberg gewonnen werden, die zwischen den barocken Koloraturen noch Platz für weiche Ruhepole findet.

Kulisse mit Schloss Schielleiten (c) Werner Kmetitsch

Kulisse mit Schloss Schielleiten (c) Werner Kmetitsch

 

Mit sechzehn Pferden aus der Spanischen Reitschule Ungarn Epona wurden fünf Rossballette in die Handlung integriert. Die Choreographie von Dorottya Borsó orientiert sich an historischen Vorlagen, ist aber gleichzeitig bemüht klassische Elemente der modernen Reitkunst miteinzubinden. Die verschiedenen Geschmäcker werden mit unterschiedlichen Figuren bedient. Persönlich gefällt es doch am meisten, wenn die Pferde scheinbar natürlich im Kreis reiten. Eine unglaubliche Ästhetik wohnt dieser Kombination inne, in der die Bewegungen der Reiter eins werden mit jenen der Tiere. Dem Zauber der Hesperiden konnte sich also nicht nur Herkules nicht verwehren.
Das Ziel des Großprojektes ist die „Vergegenwärtigung einer vergessenen Kunstform zwischen Fest, Oper und Reitkunst“, erklärt Festivalintendant Mathis Huber im Programmheft. Und dafür scheut die Styriarte auch keine Mühen! Mit unglaublichem logistischen Aufwand wird der Transport und die Unterhaltung der Gäste nicht nur während der Aufführung, sondern auch im Vor- und Nachhinein sichergestellt. Ob mit Wein am Weiher, 3-Gang-Menü, Musik in der Champagner Lounge oder einem Picknick im Schlosspark ist für jeden Geschmack etwas zu haben, sodass man sich gemütlich und genüsslich auf die großen „Hochzeitsfeierlichkeiten“ einstimmen kann. Die Herausforderungen einer Freiluftveranstaltung wurden nicht unterschätzt und so konnte das Spektakel trotz Regengüssen bei den Aufbauarbeiten, Windböen am Samstag und sicher so manchen anderen Unerwartungen für das Publikum ungestört über die Bühne gehen. Denn so groß der Aufwand, so groß ist die Belohnung! Ein Sonnenuntergang am Wasser, rauschende Blätter und Grillenzirpen, ein bunter Abendhimmel und eine klare Sternennacht als „special features“ machen den Abend zu etwas ganz Besonderem. Alt und Jung waren begeistert, so etwas erlebt man doch nicht alle Tage!

Weitere Informationen zu „La Margarita“ unter:
http://styriarte.com/events/la-margarita/?sti=28622

Das Programmheft findet man online unter:
https://issuu.com/styriarte/docs/la_margarita

Einen Einblick in die Probenarbeit gibt es unter:
https://vimeo.com/190214647

Thomas Höft erzählt und erklärt:
https://vimeo.com/192025223

Styriarte 2017: Ein ganzes Orchester tanzt

Andrés Orozco-Estrada und die Filarmónica Joven de Colombia (Colombian Youth Philharmonic) entfesselten in „Le Sacre du Printemps“ die volle musikalische Wucht Südamerikas. Wie die goldenen Schnürsenkel ihrer Converse-Schuhe sollte auch ihre Musik in den nächsten Stunden glitzern und vor Gefühlen gar überkochen.

Der Applaus für den Dirigenten war noch gar nicht recht beendet, da zogen bereits aufbrausende Sturmwinde aus hartem Getrommel und dissonantem Spiel der Streicher auf und leiteten den ersten Teil des Abends ein, der moderner südamerikanischer Musik gewidmet war. „Sogar wenn wir streiten, tanzen wir dabei“, erläuterte Orozco-Estrada den wilden Auftakt mit „Escaramuza“ von Gabriela Lena Frank. Im Orchesterkonzert „America Salvaje“ des Peruaners Jimmy López bekriegten sich drei parallele Melodien und vereinten sich schlussendlich zum gewaltigen Höhepunkt – ein Sinnbild für die Entwicklung Südamerikas durch die Einflüsse aus Europa und Afrika. Getreu dem Styriarte-Motto „Tanz des Lebens“ feierte das Orchester mit einer Suite aus dem Ballett „La Estancia“, op. 8a von Alberto Ginastera die Buntheit ihres Heimatkontinents. Wie soll auf einen so aufregenden, hellen Tanz das tragische „Sacre du Printemps“ folgen?

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Perfekte Zusammenarbeit: Andrés Orozco-Estrada & Colombian Youth Philharmonic (Foto: Werner Kmetitsch)

 

Tanz in den Tod?

Eigentlich konnte man schon ahnen: Nach dem atemberaubenden ersten Teil wird Igor Strawinskys „Frühlingsopfer“ wohl nicht einfach nur gespielt werden. Langsam trugen die Musiker/innen wie bei einem Begräbnis-Umzug ihre Instrumente zu Grabe. Nach und nach erleuchteten die Notenpulte zu einem Sternenhimmel.

Was kein Ballett-Ensemble für Strawinsky jemals erfüllen konnte, nämlich den „Sacre“ zu tanzen, gelang den jungen Kolumbianern/innen mit einer einzigartigen Orchesterchoreographie. Wild in alle Richtungen warfen sich die Schlagzeuger/innen, Streicher/innen und Bläser/innen zeichnen mit ihren Instrumenten in der Luft, hüpften auf ihren Sesseln, bekämpften einander. Die Klangwolke kam nicht aus den Instrumenten, sondern aus ihrem ganzen Körper. Unaufhaltsam führte Andrés Orozco-Estrada das Opfer des russischen Ritus in den Tod – und gab sich dabei selbst, wie sein Orchester, vollkommen hin.

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Feurige musikalische Opferung (Foto: Werner Kmetitsch)

 

Aus, aber noch lange nicht vorbei

Sofort brach das Publikum in tosenden Applaus aus – stehende Ovationen inklusive. Die Zugabe, die neunte Variation (Nimrod) aus den Enigma-Variationen von Edward Elgar, ließ mit gehissten kolumbianischen Fahnen abermals die Gefühle hochkochen. Demütig vor dem Applaus faltete der Dirigent die Hände vor dem Gesicht; die jungen Talente lagen sich weinend in den Armen.

Anstatt aber gleich in die dunkle Grazer Nacht entlassen zu werden, erwartete die Zuschauer/innen im Foyer der List-Halle noch feurige kolumbianische Volksmusik. Spiel, Tanz, aber auch Liebe zur Musik und zum Leben selbst machten sie vor und die Österreicher/innen nach – was die ganze Nacht hätte dauern können. Auf einer Wolke voller Leben, die Melodien surrten noch im Ohr, schwebten wir nach Hause – und beschlossen, einen Flug nach Kolumbien zu buchen.

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Foto: styriarte & Co./Facebook

 

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