Wunderlich aus drei Perspektiven

Mit drei verschiedenen Choreographien näherten sich die TänzerInnen der Oper Graz dem Phänomen „Wunderlich!“. Auch wenn der Fritz meist ausblieb, geschah auf der Bühne doch so manch Wunderliches.

(c) Leszek Januszewski


Vier ganz unterschiedliche Charaktere verkörperten die „Sabotage“ von João Pedro de Paula, der selbst auch als Tänzer an der Oper aktiv ist. Seine Idee war es durch die Interaktion auf der Bühne soziale Beziehungen in der heutigen Gesellschaft darstellen. Während man der Selbstdarstellung frönt, schien dies einerseits als Verhüllung andererseits als Entblößung gedeutet zu werden. Die Bewegungen der Tänzer und ihr Agieren miteinander konnte das Bewusstsein schärfen und neue Erkenntnisse erlauben. So bedurfte die vermumte Figur auf der Bühne beispielsweise des Mutes eines anderen, um endlich sein Wahres Gesicht zu zeigen. Musikalisch noch am ehesten dem Konzept des Abends entsprechend wählte de Paula eine Arie aus der „Matthäus-Passion“ sowie einen Ausschnitt aus Mahlers „Das Lied von der Erde“ in denen die unsterbliche Stimme Fritz Wunderlichs zum Anklang kam.
Auch der „Path“ von Ballettmeisterin Jaione Zabala beginnt mit den süßen Tönen Wunderlichs: „Im wunderschönen Monat Mai…“. Noch bevor die Musik erklingt, streckt sich der talentierte Chris Wang mit geschmeidigen Zügen dem Licht entgegen. Dieses Konzept der Stille und des Leuchtens generierte einen eindrucksvollen Beginn und die Stimme Wunderlichs schien diese Ruhe in der Folge nicht zu stören, sondern auf sanfte Weise den Weg weiterzuführen. Schlicht und schön in schwarz und weiß traten die Sänger nun in Paaren auf, kosteten spielerisch ihre wechselwirkenden Bewegungen aus und doch schien in der Ferne eine Gefahr zu lauern. Mit einer effektvoll verlangsamten Videoprojektion wurde die Reise ohne Hektik fortgesetzt, man fühlte sich durch die Entschleunigung in ein Schweben versetzt. Mit dem Lied „Lili Marlen“ von Marlene Dietrich tanzten sich Daniel Myers und Simon Van Heddegem in den Höhepunkt des Abends. Zart und spielerisch, mit Leidenschaft und Vertrauen vollführten die zwei Männer einen Liebestanz, dessen Bann man sich nicht entziehen konnte.

Daniel Myers und Simon Van Heddegem (c) Leszek Januszewski

Die letzte Chroeographie stammte von Helge Letonja und wurde mit dem Titel „Untitled – a step for a dancer… a breath for a tenor“ geziert. Das Eröffnungsstück schien Dreieckbeziehungen verkörperlichen zu wollen, in denen man sich mit dem eigenen Agieren immer auch im anderen zu spiegeln scheint. Die Musik hierzu kam von Joby Talbot, der sich mit seiner an Steve Reich erinnernden Repetition einzelner Elemente allerdings zu sehr in die Länge zog. Auch die weitere Auswahl der Tonträger wollte sich in dieser letzten Choreographie in Summe nicht zu einem schlüssigen Ganzen fügen, wie das im Vorfeld gelungen war. Dennoch waren die Tänze von Letonja von einem anregend offensiven und ausfallenden Charakter, der nicht nur den Eindruck von Kampf, sondern auch von Versöhnung vermitteln konnte. Das Lichtdesign von Sebastian Alphons spielte effektvoll mit einfachen Mitteln und nutzte die Intimität der Studiobühne. Die Kostüme wurden von Silke Fischer kreiert und überraschten vor allem bei „Untitled“ durch geschickte Unformen, die auch durch die Vielfältigkeit in der wechselnden Beleuchtung faszinieren konnten. Das Finale lehnte der Choreograph an einen Brauch der Inuit an. In der Hoffnung auf die Wiederkehr eines Verschollenen hängten die Inuit die Stiefel des Verschollenen auf, die vom Wind wie im Schritt bewegt wurden. Diese bewegten Stiefel deutet Helge Letonja als „den Weg, den der Künstler bereits gegangen, und/oder noch vor sich hat“.
Es tanzten:
Marina Schmied, Fabio Toraldo, Simon Van Heddegem, Chris Wang, Enrique Sáez Martínez, Clara Pascual Martí, Bárbara Flora, Kana Imagawa, Astrid Julen, Daniel Myers, João Pedro de Paula

Weitere Informationen zur Aufführung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/wunderlichein-phanomen-drei-choreographien
Ein Trailer zur Show (die Musik ist wenig aussagekräftig für den Abend):

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