Ein runder Abschluss ohne Dis- aber mit -Tanz

Der Tanzabend im Ersatzprogramm der Oper Graz brachte unter (Dis)Tanz einen bunten Reigen aus Vergangenem und Zukünftigem.

Enrique Sáez Martínez (c) Werner Kmetitsch

Der Zauber eines Abends in der Grazer Oper erstrahlt nach drei Monaten des Verzichts in noch hellerem Glanz. Denn auch wenn man in den vergangenen Wochen viele schöne Aufführungen gemütlich aus dem Wohnzimmer verfolgen konnte – das Live-Erlebnis ist nicht ersetzbar. Zwar öffneten sich die Pforten immer nur für eine kleine Zahl an Zuschauern, die Geste an sich hat aber mit Sicherheit noch viele weitere Herzen berührt. Auch das Ballett der Oper gestaltete unter der Leitung von Beate Vollack ein Programm voll stimmiger Rück- und Ausblicke.
Nach einem kurzen Entrée aus Roméo et Juliette, bekam das Publikum einen Rückblick auf drei Produktionen der Ära Vollack. Die getanzte Version von E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“ nach einer Choreographie von Andreas Heise konnte auch in dieser reduzierten Version sofort die fesselnde Stimmung dieser Produktion wieder heraufbeschwören. Der geniale Enrique Sáez Martínez verkörperte erneut die geplagte Seele Nathanel, die verzweifelt ihre Freiheit aus dem scheinbar von außen auferlegten Wahn sucht. Seine Bewegungen sind geprägt von höchster Verdichtung gepaart mit einer ganz natürlichen Anmut. Als Zuschauer ist man dabei von Kopf bis Fuß gebannt, und so mancher Fan des spanischen Tänzers ist schon jetzt ganz nostalgisch ob seines Verlassens des hiesigen Ensembles. Auch mit Paulio Sóvári wurde der nächste Charaktertänzer auf der Bühne präsentiert. Mit seinen Längen und bedächtigen Bewegungen erinnerte Sóvári als „Sandmann“ an eine Spinne, der ihr Opfer faszinierend und verängstigend ins Netz lockt.

Frederico und Miki Oliveira (c) Werner Kmetitsch

Als folgende Produktion wurden die „Jahreszeiten“ von Beate Vollack zur Musik Joseph Haydns dargestellt. Auch wenn die Unmittelbarkeit des Erlebnisses durch Live-Musik wohl noch gesteigert hätte werden können, wurde die Lage unter den gegebenen Umständen bravourös genutzt. Hier bezauberte vor allem Miki Oliveira als feenhafter Winter mit weicher Anmut. Als amüsanter Kontrast gestaltete sich der Herbst mit Bacchus und seinen Bacchanten, die frisch und fröhlich (und das bei gebührendem Babyelefantenabstand!) eine beschwipste Einlage lieferten. Auch mit Cinderella folgte eine Choreographie von Beate Vollack, die hier auch selbst die böse Schwiegermutter verkörperte. Die Reminiszenz an die unterhaltsame aber wenig originelle Produktion begann mit einer Anfangsszene aus der Ballettschule und konzentrierte sich dann auf die Geschichte zwischen Aschenputtel und dem Prinzen. Nach den Solos der beiden Figuren (Ann-Kathrin Adam und Philipp Imbach) durften Lucie Horná und Christoph Schaller, die glücklicherweise im selben Haushalt wohnen, auch die Paarszene der Liebenden auf die Bühne bringen. Trotz dem Aufmerksamkeitsüberhanges zugunsten des weiblichen Parts, überzeugt diese Szene doch durch die Vertrautheit des Paares und die fließende Gestaltung.
Nach einem zu kurzen aber sehr intensiven Intermezzo aus „Zum Sterben zu schön“ mit der grazilen Martina Consoli als Muse, folgte ein Ausblick auf die kommende Produktion „Happy (No) End“. Die Idee von Sascha Pieper übersetzt die akzentreiche Musik Benjamin Brittens in Bewegungen voll Anziehung und Abstoßung, Sprünge und Kanten. Miki und Frederico Oliveira, teilweise im Trio mit Bálint Hajdu, bewiesen dabei beeindruckende Synchronizität in einem spannenden und dynamischen Hin und Her.
Ein bunter Tanzabend nach einer langen Durststrecke mit umso energiegeladeneren Tänzern – was kann man sich da mehr wünschen?

Weitere Informationen zur Veranstaltung unter:
https://oper-graz.buehnen-graz.com/production-details/distanz

Ich packe meinen Koffer

Seit mehr als zehn Jahren begeistert das Festival Cirque Noël das Grazer Publikum mit zeitgenössischem Zirkus. Pünktlich zur Weihnachtszeit 2019 bringt Intendant Werner Schrempf die kanadische Compagnie The 7 Fingers in das Theater in der Stadthalle. Mit der Bühnenproduktion Passagers feierte die international begehrte KünstlerInnengruppe am 21. Dezember 2019 Premiere am neuen Spielort.

Im modernen Zirkus verschmilzt Akrobatik mit zeitgenössischem Tanz, Theater mit bildender Kunst und bei Passagers auch die Darstellenden mit ihrem Publikum. Passagiere sind dabei alle, Insassen im selben Raum, Reisende auf demselben Planeten. Metapher ist der Zug – weniger als Transportmittel, vielmehr als Vehikel für Traum und Sehnsucht, Wanderlust und Nostalgie. Sich fremde Menschen teilen in versonnenen Monologen ihre Gedankenwelt, singen von Abfahren und Ankommen und begeistern mit herausragenden akrobatischen Fähigkeiten.

Mit Poesie und Nostalgie sind es
die Menschen in all ihrer Vielfalt,
ihren Widersprüchen und Exzessen,
die im Mittelpunkt dieser Show stehen.
[Le Devoir, Canada]

Ist es im Plot die Diversität des Individuums, stehen auf der Bühne die acht Künstlerinnen und Künstler Sereno Aguilar, Louis Joyal, Maude Parent, Samuel Renaud, Brin Schoellkopf, Sabine Van Rensburg, Conor Wild und Chloé Wall im Zentrum. Mit zeitgenössischem Tanz und Schauspiel, modern inszenierter Jonglage und Äquilibristik, perfektionierten Körperschwüngen in Hula-Hoops und akrobatischen Glanzleistungen in schwindelerregender Höhe lässt die Gruppe Atem stocken und Herzen höherschlagen. Mitreißende Musik, lebhafte Projektionen, abwechslungsreiche Beleuchtung und minimalistische Szenografie lenken die Augen auf das Wesentliche und lassen mitunter einen Traum im Publikum erwachen: The 7 Fingers folgen, wohin auch immer ihr Weg führen mag, und noch ganz viele wunderbare Produktionen wie Passagers erleben.

Ich packe jedenfalls direkt meinen Koffer und nehme mit: acht bemerkenswert talentierte Artistinnen und Artisten, eine wunderbar gelungene Inszenierung, melancholisch stimmende Poesie, nostalgisch anmutende Kostüme und ein stehend applaudierendes Premierenpublikum. Wer diesen zeitgenössischen Zirkusgenuss auch erleben und den Koffer mit bezaubernden Impressionen weiterpacken will, mache das bis 2. Jänner im Theater in der Stadthalle, bevor The 7 Fingers ihre wirkliche Reise antreten und Graz – auf hoffentlich absehbare Zeit – adieu sagen.

blog4tickets_03_Cirque-Noel_7-Fingers_Passagers-1_c_Alexandre Galliez© Alexandre Galliez

Weitere Informationen zum Cirque Noël finden Sie hier.

Ein klassischer Märchentraum

Zur Musik von Sergej Prokofjew tanzte das Ballett der Oper Graz die Geschichte von „Cinderella“.

(c) Ian Whalen

Wer meint, es würde in Märchen „Cinderella“ um das namensgebende, junge Aschenputtel gehen, konnte sich in der Einführung von Ballettdirektorin Beate Vollack alias die böse Stiefmutter vom Gegenteil überzeugen lassen. Natürlich stehe sie selbst und ihre beiden leiblichen Töchter Ottilie und Eulalie im Zentrum des Geschehens, und nicht das kleine Aschenputtel. In köstlich amüsanter Weise gab „die Stiefmutter“ eine erfrischende und erstaunlich umfassende Einführung zum Ballett Sergej Prokofjews.
Nicht nur die Gestaltung der Einführung und die Rolle der Stiefmutter lag an diesem Abend bei Beate Vollack, auch die ganze Choreographie wurde von ihr gestaltet. Ganz allgemein konzentrierte sich ihr Konzept auf eine klassische Erzählweise der bekannten Geschichte, jedoch mit einem zwinkernden Auge und genug Raum für tänzerische Anekdoten. Neben der Ironie ihrer eigenen Rolle bewiesen vor allem ihre Töchter verkörpert durch Lucie Horná und Jacqueline Lopez eine amüsant überzeichnete Darstellung ihrer Rollen. Im steten Zwist miteinander und allen anderen Konkurrentinnen tanzten sich sich selbstbewusst in den Vordergrund, um dann wieder tollpatschig eine Niederlage einzustecken. Im Kontrast dazu war die Bewegungsführung ihrer Stiefschwester Cinderella von schlichter Grazie geprägt. Ann-Kathrin Adam zeigte mit Bravour die Entwicklung ihrer Rolle, vom stets tanzbegeisterten aber zu Beginn noch ganz schüchternen Mädchen, bis hin zur strahlend sicheren Geliebten des Prinzen. Wie im Märchen ist die Verwandlungsszene, in der Cinderella von freundlichen Helferlein für den Ball eingekleidet wird. Als schöne Idee erwies sich die Darstellung von Aschenputtels Mutter von Miki Oliveira, die wie ein gutmütiger Geist immer wieder über die Bühne schwebte.
Die männlichen Rollen wussten ebenso als wohl durchdachte Gegenparts zu den Frauen zu überzeugen. Als Freunde und Beschützer des Prinzen gegen unliebsame Damenangriffe vollführten Giulio Panzi und Lorenzo Galdeman und wendiges wie witziges Duo. Der Prinz selbst gewann durch die Bewegungen von Christoph Schaller eine unschuldige und doch ehrwührdige Reinheit. Er fesselte sowohl in den meterhohen Sprüngen seines Balztanzes als auch in den wunderbar reduzierten Bewegungen in der ersten vertraulichen Annäherung an Cinderella. Von schlichter Schönheit war diese Szene des Liebespaares geprägt, das nur in seinen Unterkleidern einander zärtlich umstrich. Gerne hätte man sich auch im zweiten Teil des Abends eine Szene solcher Intimität gewünscht, um die glückliche Vereinigung noch deutlicher zu charakterisieren.

(c) Ian Whalen

Auch das übrige Ensemble der Tänzerinnen und Tänzer füllte in seinen verschiedenen Rollen die Szene und Stimmung des Abends auf. Als netter Einfall entpuppte sich auch der Einsatz der Ballettschule der Oper Graz, der eine engagierte Tanzklasse unter Schwiegermutters strenger Schule darstellte.
Der klassische Geist der Choreographie spiegelte sich auch und er Gestaltung der Bühne und Kostüme wider. Im Design von Dieter Eisenmann kamen neben fließenden Stoffen auch Tüll, Glitzer und Reifröcke zum Einsatz, die mit den verspiegelten Wänden und reduzierten Requisiten ein nicht überoriginelles aber stimmiges Bühnenbild bildeten. Die Musik Prokofjews lag unter der Aufsicht Julian Gaudianos, der die Grazer Philharmoniker mit Bedacht auf die Tänzerinnen und Tänzer durch die recht gleichförmige Partitur leitete.
Für alle auch aktiv Tanzbegeisterten gab es im Anschluss an die Aufführung die Einladung zur After-Show-Party auf der Studiobühne gemeinsam mit den Stars und Initiatoren des Balletts. Zwischen zeitlosen Popklassikern, Theaterkostümen und guter Stimmung wurden hier bis spät bis in die Nacht die bisweilen grenzenlosen Freuden des Tanzes zelebriert.

Weitere Informationen zur Vorstellung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/cinderella

Ein Trailer zur Veranstaltung findet sich unter: