„Meine Seele hört im Sehen“ – Tanz als Mittelsmann

Die Grazer Oper präsentiert die erste Tanzproduktion der Saison nach einem Konzept von Jörg Weinöhl mit Vokal- und Instrumentalmusik des Barock.

(c) Laurent Ziegler

Tanzabende mit Barockmusik scheinen in Graz langsam zur Tradition zu werden. Der Ballettdirektor der Oper Jörg Weinöhl sieht in eben jener Epoche viel Potenzial für einen Umgang mit Tanz. „ Die Musik trägt einerseits eine große Ausdrucksintensität in sich, andererseits nimmt sie einem nicht den Atem, wie häufig die Musik der Spätromantik. Sie kennt nicht nur das Einatmen, sondern auch das Ausatmen“, erklärt der Choreograph. Eben dieser durchgehende Zyklus, das Auf und Ab des Atems, wurde in der Musik wie im Tanz fließend umgesetzt.
Das Ballett der Oper Graz zeigte sich in einer eingestimmten Vielfältigkeit. Wechselnd zwischen Ensembles verschiedener Größe lag der Fokus manchmal auf der Bewegung als Einheit, einem Dialog oder der Ablösung des Einzelnen vom Hintergrund. Schien zu Beginn das Verhältnis zwischen der Musik und den Bewegungen der Tänzer noch nicht ganz offensichtlich zu sein, wurde diese Beziehung nach ein paar Stücken schnell symbiotischer. Besonders stimmig gelangen die choreographischen Umsetzungen der Zweierkonstellationen. Chris Wang und Sáez Martínez tanzten ein behutsames Miteinander, Clara Pascual Martí und Simon Van Heddegem überzeugten durch ihren innigen Ausdruck. Zum Titellied des Abends „Meine Seele hört im Sehen“ aus Händels neun deutschen Arien vollführten Bárbara Flora und Arthur Haas als weiteres Duo eine wirbelnde Spielerei.

Bárbara Flora und Arthur Haas (c) Laurent Ziegler

Als ein Kollektiv in Weiß eröffneten die Tänzer den Abend. Mit der Zeit gewann jeder Tänzer an Farbe in seinem Aussehen und damit auch scheinbar an Individualität in seiner Bewegung. Barocke Locken, Reifröcke, bunte Kleider und Jacken mit Motiven aus der Natur gaben Akzente, die sich vor dem schlichten Bühnenbild gut abhoben. Die Szene zeigte die Abbildung eines Stiches der Gartenanlange von Schloss Nymphenburg in München, vier versteckte Türen erlaubten einen fließenden Übergang zwischen den verschiedenen Stücken. Die wenigen Bühnenelemente wurden seitlich platziert und kaum in das Geschehen miteingebunden, sodass sich deren Sinnhaftigkeit nicht vollständig erschloss.
Als musikalischer Leiter war Robin Engelen zu erleben, der das Grazer Philharmonische Orchester feinsinnig durch den barocken Schweizfug leitete. Die Konzeptidee war es, „einen Querschnitt des Unbekannt-Bekannten zu geben“, erläutert der Dirigent, „der rote Faden läuft entlang der instrumentalen Sinfonien aus Bach-Kantaten“. Unter diese mischten sich Werke von Sartori, Händel, Boyce, Haßler, Marais, Perti, Purcell und Erlebach. Vor allem der letztgenannte deutsche Barockkomponist entpuppte sich als hochwertige Überraschung. Intrada II von Hans Leo Haßler erklang etwas dumpf aus Lautsprechern, sodass diese Idee nicht schlüssig wirkte, andere Einfälle wie etwa die dem Sturm trotzende Szene zu „La Tempête“ von Marais gingen dafür voll auf. Die gesangliche Unterstützung aus Ensemblemitgliedern der Oper zeigte sich klangstark und dabei wohlgeformt. Allen voran Lalit Worathepnitinan strahlte mit ihrer jungen Sopranstimme in den barocken Linien.

Ein rundum runder Abend, der die Seele beseelend nachwirkte. Eine Empfehlung!

Weitere Informationen zur Veranstaltung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/meine-seele-hort-im-sehen

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Styriarte: Alles Walzer

Der Pianist Bernd Glemser bestritt einen Soloabend ganz im Zeichen des 3/4-Taktes.

Auf der Tanzfläche konnte man den deutschen Tastenkünstler nicht antreffen, hatte er doch schon bei der Einführung zum letzten Styriarte Konzert auf die Frage nach seinen Tanzkünsten geantwortet: „Ich lasse lieber tanzen!“ Und das ließ er wirklich, nicht zuletzt seine eigenen Finger. Wie so oft bei Meister Glemser perlten die größten akrobatischen Übungen mit einer ernsthaften, aber fließenden Leichtigkeit. Den Koloss des Abends hatte er sich für das Ende aufgespart: eine „Fantasie um Johann Strauß“ des Chopin Enkelschülers Moritz Rosenthal. Der Komponist war selbst für seine phänomenale Technik am Klavier berüchtigt und verlangt dadurch den Interpreten seiner Werke dabei so manches Kunststück ab. Glemser brachte die virtuosen Läufe des Stückes mit höchster Konzentration hervor und setzte wie nebenbei noch einen etwas stockenden Donauwalzer in die fast übersprudelnden Noten. Als Zugabe folgte ein aus dem Ärmel geschüttelter Minutenwalzer, bei dem man mit dem Hören fast nicht nachkam.

Den Anfang machten die „Valses nobles“ und „Valses sentimentales“ von Franz Schubert, bei denen jeder für sich eine eigene kleine Gemütsverfassung zu schildern wusste. Auch wenn man mit Bernd Glemser vor allem Rafinesse und Virtuosität verbindet, so wirkten auch diese „kleinen Walzer“ in seiner Interpretation nicht aufgesetzt. In den folgenden Stücken von Frédéric Chopin war die Stimmung schon innerhalb eines Stückes vielfältiger. Den Walzer Nr. 7 in cis-Moll teilte der Pianist scheinbar auf mehrere Ebenen auf, die übereinander und doch miteinander schweben zu schienen. Mit Liszt und Rachmaninow verließen die Tänze immer mehr das wiegende Konstrukt und doch konnte man mit etwas Geduld immer wieder die schwere, beständige „Eins“ des Walzers vernehmen, die ihn so schlicht und schön macht.
Im Anschluss an das Konzert wurde in unter drei Minuten (!) die Bühne adaptiert und geöffnet, um den dahinter liegenden „Styriarte-Ballroom“ freizugeben. Ganz dem Titel des Abends entsprechend wurde das Publikum nun zu Walzer, Polker und Galopp eingeladen, und durfte sich zu den Klängen des Salonensembles Alt Wien auch an einer Quadrille versuchen. Der große Andrang sprach für sich – ein gelungener Abend voll Tanz.

Eine Aufnahme des Konzerts wird am 14. Juli um 19.30 Uhr auf Ö1 gesendet.

Weitere Informationen zum Konzert und weiteren Veranstaltungen der Styriarte unter:
http://styriarte.com/events/alles-walzer/

Bernd Glemser ; (c) Styriarte

Malambo! – Leidenschaft pur

Kraft, Körperbeherrschung, Ausdruck – all dies vereint der argentinische Tanz Malambo, der aktuell in der Grazer Oper als gleichnamiges Musical zum Besten gegeben wird.

(c) Werner Kmetitsch

(c) Werner Kmetitsch

Beginnend mit dem ersten Tanzstück Tangata (Tango und Fugata), eine Komposition verschiedener Tangostile, wurde die zweieinhalb-stündige Aufführung aufwendig eingeleitet. Mit je einem Stuhl ausgestattet startete die Tanzkompanie nach einer Choreographie von Ricardo Fernando, das Bühnenbild dazu düster und nebelig. Zudem passend gewählt waren die Gewänder, die sich aus schlichten, einheitlichen Anzügen für beide Geschlechter zusammensetzten. Musikalisch untermalt wurde der erste Teil von Werken des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla, bei denen das Bandoneon, ein Handzuginstrument, die Hauptrolle einnahm. Begleitend zu den weichen, unverwechselbaren Klängen bewegten sich die Tänzer zuerst grazil und gesittet, jedoch im Laufe der Zeit entfesselter und leidenschaftlicher. „Ich male den Tango nicht in Pastelltönen. Ich muss die Wahrheit sagen, die unverstellte Wahrheit…“ (Astor Piazzolla)

(c) Werner Kmetitsch

(c) Werner Kmetitsch

Das zweite Tanzstück des Abends, Fado, begeisterte nach der Pause sofort mit der schönen Kulisse, die an eine portugiesische Altstadt erinnerte. Die Atmosphäre eines lauen, frühen Sommerabends breitete sich zunehmend aus. Carla Pires, eine großartige Interpretin, erschien auf der Bühne und erzeugte immer wieder Gänsehaut, als ihre außergewöhnlich warme Stimme die Herzen des Pubikums druchdrang. Ihr Gesang wurde von drei Gitarrenspielern begleitet, die ihr Handwerk perfekt beherrschten. Dazu schien der Fado, choreographiert von Vasco Wellenkamp, sehr fließend und gefühlvoll. Es schien, als tanzten die Künstler um ihr Leben. Mit jeder Regung wurde Dramatik, Passion und ein Hauch von Melancholie in den Raum gelegt. Besonders schön gewählt waren die Kleider der weiblichen Tänzerinnen, die den schwungvollen Tanz unterstrichen.

(c) Werner Kmetitsch

(c) Werner Kmetitsch

Estancia, das dritte und letzte Tanzstück, wurde zurecht als Abschluss gewählt. Was mit einem überdimensionalen Bilderrahmen im Hintergrund und pausenloser Energie begann, verlief zu einer bittersüßen, zarten Choreographie, die von rosaroten, voluminösen Kleidern in Szene gesetzt wurde. Eine Leinwand, die abwechselnd das Meer und einen Sternenhimmel ausstellte, verlieh diesem Teil seinen Glanz. Zusätzlich stießen Elemente der Luftakrobatik auf Begeisterung, die Estancia zu einem fulminanten Ende führten.

Malambo eröffnet klassischen Musical-Liebhabern mit Sicherheit eine Tür zu neuen Welten. Doch auch als Neuling im Bereich des modernen Tanzes findet dieses Werk regen Anklang.