Plädoyer zum Sein

Das internationale Theaterfestival spleen*graz, das alle zwei Jahre in Graz stattfindet und ein buntes Programm für junges Publikum bietet, lädt im Spielort Kristallwerk zum Stück Pink for Girls and Blue for Boys ein, bei dem auf humorvolle Weise Geschlechterrollen hinterfragt und schließlich verworfen werden. 

Zimmerpflanze, Wasserkocher, Mikrowelle, Sofa. Zu Beginn wird der Raum ausgestattet mit den anscheinend wesentlichsten Dingen, um in einer WG zu überleben. Vier Menschen ziehen ein. Dann kommt Schwung in den Raum. Die vier bewegen sich, alleine und paarweise. Tanzenderweise finden Kontaktaufnahme, Diskussionen, Streit und Sex statt. Es wird merkbar, dass der Grad zwischen Aggression und Harmonie oft recht schmal zu sein scheint. Mal wird eine abwehrende Haltung eingenommen, dann wird es wieder romantisch. Oder ist das nur Täuschung?

Es sei altbekannt, meint eine der beiden Frauen plötzlich in Richtung Publikum, Mädchen seien schwach. Ja genau, schwach, denn sie hätten keine Muskeln. Mädchen bräuchten immer Hilfe, denn sie schafften einfach nichts alleine. Mädchen seien weder zum Fußball noch zum Basketball spielen fähig. Mädchen könnten eigentlich gar nicht. Das Einzige, in dem sie gut seien, sei weinen. Sie redet sich in Rage und wird immer wütender, bis sie schließlich schreiend alle Mädchen auffordert, den Raum zu verlassen. Das Publikum, konfrontiert mit den Behauptungen, schwankt zwischen Entsetzen und Lachen, so absurd scheint die Szene.

Annäherungsversuche zwischen den beiden Männern oder innige Küsse, die zwischen den beiden Frauen ausgetauscht werden, sorgen anfangs bei den jeweils anderen für Irritation, Gelächter und fassungslose Blicke.

Die Produktion hat ein Thema aufgegriffen, das auch in der heutigen Gesellschaft noch aktuell ist. Dem Geschlecht und damit einhergehenden Vorstellungen, Anforderungen und Spielregeln messen die meisten Menschen nach wie vor große Bedeutung zu. Beispielsweise ist die Frage nach dem Geschlecht des Babys eine der ersten, die Eltern nach der Geburt ihres Kindes (oder sogar schon davor) gestellt wird. In den allermeisten Bekleidungsgeschäften gibt es nach Geschlecht getrennte Abteilungen, egal ob für Kinder oder Erwachsene. Erst kürzlich machten zwei norwegische Frauen in einer Kampagne den Modekonzern H& M darauf aufmerksam, dass es Einfluss auf Kinder ausübe, wenn auf T- Shirts für Mädchen mitgeteilt würde, dass die kleinen Dinge im Leben zählten, während die Kleidung für Jungen dazu motiviere, Future Stars zu werden.

Diesen Umständen zum Trotz stellt sich heraus, dass diese vier Menschen unbeirrbar sind in der Umsetzung ihres Wunsches, so auszusehen, zu handeln und zu sein, wie sie möchten. Alle dürfen herzzerreißend weinen, mit den Hüften schwingen und sich so anziehen, wie sie wollen.

Bald verändert sich das Bühnenbild und aus der gepflegten WG wird eine herrlich chaotische Werkstatt. Es ist schwer zu entscheiden, wohin man zuerst den Blick richten soll. Ständig bilden sich neue Figuren aus gebastelten Kostümen und so ändern sich auch die Szenerien laufend. Eine Strumpfhose ist die perfekte Basis für die zweite Haut, unter die dann Watte repräsentativ für Armmuskeln gestopft wird. Die Yogamatte wird zum Turban umfunktioniert, aus einer Plane ein Kleid geschneidert. Das weckt die Lust, selbst auf die Bühne zu rennen, in den Materialien zu wühlen und sich zu verkleiden!

Die Choreografin Tabea Martin hat gemeinsam mit Tanzhaus Zürich und Krokusfestival Hasselt ein lebendiges Stück geschaffen, das mit der technisch beeindruckenden Tanzperformance dem Publikum eine klare Botschaft vermittelt: wir alle dürfen den Mut fassen, die Erwartungen an uns, wie wir zu sein haben, über Bord zu werfen, um endlich so zu sein, wie es sich für uns selbst richtig anfühlt. Weiterlesen

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Männer…

Was schaut ihr euch heute an? – Männer.

Und was tun die? – Tanzen.

So oder so ähnlich könnte auch die Beschreibung eines Chippendales-Abends lauten… Doch dieses von Ives Thuwis inszenierte Tanztheater versprach weit mehr, als nur tanzende Männer und verschaffte dem durchwegs beeindruckten Publikum einen Theaterabend der besonderen Art!

MÄNNER (c) junges theater basel

MÄNNER (c) junges theater basel

Prinzipiell bin ich – obwohl selbst Tänzerin – bei Tanztheatern eher skeptisch, da diese meist besonders abstrakt und somit für die ZuseherInnen häufig mehr oder weniger schwer zu verstehen sind. Dieser Abend versprach allerdings einen tiefen Einblick in die männliche Psyche und v.a. in männliche (Rollen-)Probleme: Wie wird man ein Mann? Was ist überhaupt ein Mann? Was muss ein Mann tun, um als Mann akeptiert zu werden? Solche und ähnliche Fragen wurden von den sieben Tänzern (junges theater basel) – die, wenn ich die wohl gängige weibliche Meinung des Publikums kundtun darf, durchaus auch als Augenschmaus zu bezeichnen sind – mit vollstem Körpereinsatz dargestellt und hinterfragt. Es wird getanzt, über Kleinigkeiten gestritten, gerauft und aufeinander eingeprügelt, ein wenig Krieg gespielt und mit Narben aus Kindheitstagen so lange geprahlt, bis alle vor lauter Eifer und ohne es wirklich zu realisieren, plötzlich halbnackt auf der Bühne stehen – doch egal. Es wird weitergetanzt, sich gegenseitig schikaniert, dann doch wieder unterstützt und das Ego aufgebaut. Auf einmal steht aber eine neue Frage im Raum: „He, Anton! Hast du ein Problem damit, wenn dir ein Mann sagt, dass du schön bist?“ Somit wäre auch der Bogen zur Homo- und Transsexualität gespannt – meine Hochachtung vor den Tänzern, die sogar mit Mega-High Heels eine beeindruckend gute Figur machen und sich somit bedeutend besser bewegen können, als so manche Frau!

Die Thematik war durchwegs ernst und dennoch schaffte es das Ensemble, eine Unmenge an Witz miteinzubinden und wahre Lachattacken im Publikum auszulösen. Sei es ein halbnackter rülpsender Mann, der sich auf den Boden wirft, um mit seinem Rücken Furzgeräusche zu erzeugen, oder sein Kollege, der als Superman verkleidet von den anderen durch den Raum „geflogen“ wird und dabei ruft: „Ich kann sein, was und wer ich will! … Oder wär ich nur gerne jemand, der ich nicht sein kann? … Kann ich nicht einfach sein, wer ich wirklich bin? … Das bin doch nicht ich…“

Amüsiert und gut gelaunt, aber dennoch nachdenklich gestimmt verlässt man die Probebühne. Der intensive Geruch von Männerschweiß bleibt einem noch in der Nase hängen – vielleicht auch nur deshalb, weil das Engagement und der Enthusiasmus der Tänzer so groß waren, dass man in der ersten Reihe hin und wieder tatsächlichen – meist jedoch ungewollten – Körperkontakt aufbauen konnte/musste/durfte…

Hätte ich die Chance, ich würde es mir noch einmal ansehen – leider war Männer aber nur ein einmaliges Gastspiel am Schauspielhaus Graz.