Träume und ihre Schäume

Letzten Mittwoch feierte die t’eig Theatergruppe mit ihrer neuen Produktion “Schönste Zeit” Premiere. Unterstützung holte sie sich diesmal von Siebtklässlern des BORG Dreierschützengasse. Die Schüler spielten ihr eigenes gegenwärtiges und zukünftiges Ich sowie das vergangene ihrer Eltern, die zurückkehren an den Ort des Geschehens, das Brauhaus Puntigam, wo vor 30 Jahren der Maturaball stattfand. Sie erzählen von Lebenswegen und Statistiken, eingeschlagenen und verlassenen Wege, Individualität und sich doch überall ähnlich wiederholender Zukunft.

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(c) Heldentheater: t’eig Theater „Schönste Zeit“ mit Schülern des BORG Dreierschützengasse Graz

 

Das t’eig Theater hat diese Thematik kurzerhand in ein Stück verpackt, in dem 17-jährige Schüler sich einer bereits vergangenen Zukunft bedienen. Im Rahmen eines fingierten 30-jährigen Klassentreffens reflektieren sie anhand der Leben ihrer Eltern über ihre eigene Zukunft. Der Bogen ist gespannt: Die, die am Anfang des ‚Ernst des Lebens‘ stehen korrespondieren mit jenen, die diesen schon ein Stück weit gemeistert haben. Das heißt, die 80er Jahre sind präsent, die Handys der heute 17-Jährigen am Tisch vor dem Publikum jedoch noch präsenter. Da piept und leuchtet die Gegenwart lautlos vor sich hin, während ihre Besitzer zu “Road to Nowhere” in Endlosschleife im Leben ihrer Eltern herumtanzen und springen, schlurfen und sich voran schleppen. Die einen auf der Überholspur, die anderen hinten nach, lebend oder bloß vegetierend, mitunter Rollen tauschend, gestoppt wird auf Autobahn oder Landstraße gleichermaßen, wenn auch nur wegen der im Abstand von 10 Jahren stattfindenden Klassentreffen. Mehr oder minder sind alle bedacht auf den schönen Schein, die Fassade, teilen sich um der Anerkennung für das Erreichte willen mit oder versuchen verzweifelt, sich gut zu präsentieren, um das Versagen, das scheinbar ausweglose Unglück ihrer Situation zu vertuschen. Unisono werden sie geistig wieder zu Schülern, als die, der Klasse ehemals vorstehende, Magistra auftritt und autoritär-grantelnd zur Ruhe mahnt.

Der vermeintlich so individuelle Weg jedes Einzelnen erscheint schließlich doch nicht so einzigartig und man muss feststellen, dass sich alles irgendwie wiederholt. „Nach den Leggings ist vor den Leggings” – Die Kinder der Achtziger haben nun selbst Kinder, die meisten beschäftigen dieselben Sorgen und kleinen Freuden, alle sind gezeichnet vom Leben und sehen in ihren Kindern dieselben Träume und Hoffnungen, die sie selbst einmal hatten. Fest steht die Vergangenheit, die Gegenwart ist nur ein kurzer Moment und die Zukunft ungewiss. Wie wahr, wie wahr. Blöd nur, dass Wege selten beschildert sind, sondern erst wenn man sie bereits beschritten hat, offenbaren, ob sie Irrungen oder bloß Wirrungen bereithalten. Und überhaupt, wo ist bei dieser Straße eigentlich die Selbstbestimmtheit, einen neuen Weg zu gehen oder umzukehren? Besser gesagt, die viel wichtigere Frage, die sich aufdrängt, ist: Wo ist die notwendige Kraft geblieben, diese Weg-Änderung vorzunehmen?

Thomas Sobotka und sein Team inszenieren die Zeit, ihr Vergehen und die unermüdliche Schleife des Lebens in der „Road to Nowhere“ der Talking Heads – Der Theaterabend bietet viel Wahrheit, Mut zur Wiederholung und lange Zeit für eine Status-Quo-Reflexion über das eigene Leben. Er wirft auch die Frage auf, ob der schöne Ansatz – Jung lernt von Alt – auch 2016 noch praktikabel ist. Die zugrundeliegende Moral könnte allerdings schöner nicht sein: Die schönste Zeit liegt immer vor uns. Im hinzugefügten “Hoffentlich” liegt die ungeschönte Wahrheit.

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On the road to nowhere

In der t’eig-Theaterproduktion „Schönste Zeit“ debütierten SchülerInnen des BORG Deierschützengasse in einem Stück über Schule, Erwachsenwerden, Zukunftsperspektiven und Individualität.

Ein „Rudel“ Jugendlicher tummelt sich in der Mitte des Raumes – spielend, lachend, telefonierend. Sie sind umzingelt von einer Tischmauer, an der die ZuseherInnen ihre Plätze einnehmen. Es ist nach 20 Uhr – „spielen“ die SchülerInnen bereits? Ihre Euphorie und Unbeschwertheit scheint das (ältere) Publikum zunächst mit einem entfremdenden Gefühl etwas zu destabilisieren, bis die Eingewöhnungsphase überwunden ist.

In knapp zwei Stunden springen die Jugendlichen der „D-Klasse“ sozusagen „zurück in die Zukunft“ ihrer Eltern, die ihre Schulzeit in den 1980er Jahren verbracht haben, und scheuen sich auch nicht davor, das Publikum mit Enthusiasmus aktiv zu involvieren. Gekonnt gehen Fiktion und Wirklichkeit, Spiel und Ernst ineinander über.

Neben Statistiken beider Generationen („14% wären gerne jung“ vs. „2/3 tragen Hollister“) werfen sie Feststellungen wie „Wir haben keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen, aber wir können eine Gedichtsanalyse schreiben“ treffsicher in den Raum. Was bringt mir der Trochäus für’s Leben, wenn ich meine eigenen Rechte und Pflichten nicht kenne?

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(c) Heldentheater

Daran anschließend defilieren die jungen Frauen und Männer auf einem Catwalk des rückwärtslaufenden Erwachsenwerdens – in der Endlosschleife zu ihrem Soundtrack Road to Nowhere (Talking Heads, 1985):

And we’re not little children

And we know what we want

And the future is certain

Give us time to work it out….

We are on the road to nowhere…

Das Défilé sprüht nur so von Schweißbändern, neonfarbigen Stutzen und Leggings, Röhrenfernsehern und Walkmans – welcome to the 80ies. Die einen schlurfen, die anderen rasen; jeder ist so individuell wie er/sie will, mit den eigenen Besonderheiten und Macken. Bei all dem Farben- und Körperpotpourri droht sich das Gesamtkonzept dennoch zuverlieren.

Was bleibt, ist der letzte gemeinsame Spruch der SchülerInnen: „Die schönste Zeit liegt immer noch vor uns… hoffentlich.“ Denken wir das nicht alle?

Weitere Infos zu „Schönste Zeit“ sind hier erhältlich

Ziel und Punkt.

Anton Tschechows Stück „Drei Schwestern“ wird vom t’eig Theater ins Heute verlegt. Zunehmende Kapitalisierung und sozialer Zerfall korrespondieren in ihrer Aktualität mit unserer heutigen ‚individualisierten’ Gesellschaft. Die Möglichkeiten und Voraussetzungen für ein gutes Leben allein, reichen nicht aus, um tatsächlich auch ein solches zu führen. „3schWESTERN“ beweist: Fehlt die notwendige Handlungsfähigkeit, ist Gegenwartsverneinung oft die Folge.

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(c) Heldentheater

„Zielpunkt“ meint im Stück nicht nur die ehemalige Filiale der Lebensmittelkette als Ort der Inszenierung. Auch nicht allein das wiederkehrende Mantra „nach Moskau“, sondern den Fluchtpunkt der Figuren. Im Jetzt unzufrieden und mangels Tatkraft für Veränderung hängen sie sie in einem apathischen Zustand fest: „Leben ist Leiden und bald wissen wir wofür“.

Die Dialoge führen oft ins Nichts oder werden durch derbe Witze und Zitate, teils passend, teils schmerzhaft, überformt. Das Tschechow’sche Aneinander-vorbei-Reden setzen die Schauspieler um, indem sie nur in Blickrichtung des Publikums und räumlich versetzt zueinander sprechen. Das wirkt zunächst irritierend, vor allem, weil diesmal nicht so klar wie sonst ersichtlich war, wann und wie die Schauspieler ihre Rollen tauschen.

Im Vergleich zu früheren Inszenierungen ist das Stück ebenso gut post-dramatisch durchkomponiert und detailreich ausstaffiert, wirkt aber noch dekonstruierender, zusammenhangloser. Und wird damit umso originalgetreuer.