Über dramaturgische Abziehbildchen

Das Schauspiel-Duo Rupert Lehofer (Theater im Bahnhof) und Manfred Weissensteiner (Theater am Ortweinplatz) steht mit dem dritten Teil ihrer Kooperationsreihe auf der Bühne. „Rette deine letzte Katze“ – ein actionreiches Sammelsurium an Eindrücken und Kritik an den Regeln des Erzählens.

Alles was man über das Drehbuchschreiben wissen muss, hat Blake Synder vor mehr als 10 Jahren auf 195 Seiten komprimiert und somit einen Bestseller (Save the Cat!) in die Welt gesetzt, der Filmschaffenden gewinnbringenden Erfolg verspricht. Hauptsache ist, die Hauptfigur tut etwas, das ihn als guten Menschen charakterisiert – beispielsweise eine Katze retten. Film um Film ergießt sich seitdem lawinenartig über den Köpfen der Zuschauer. Vielfach für ihre vermeintliche Kreativität gelobt, doch im Grunde folgen etliche Streifen dem gleichen Konzept, welches rasch vorahnen lässt, was in den kommenden Minuten passiert. Darüber, dass es abseits der genormten Filmindustrie auch andere Arten gibt, Geschichten zu erzählen, und die nächste Kopie der Kopie nicht nötig ist, machen sich Rupert Lehofer und Manfred Weissensteiner in ihrer neusten Inszenierung Gedanken.

Das ist unsere Struktur. Wunderschön. Anfang, Mitte, Ende. Weil es gar nicht anders geht. Anders kann das Gehirn nicht denken. 1. Akt, 2. Akt, 3. Akt. 1. Akt, 2. Akt, 3. Akt. Gewohnte Welt. (Rupert Lehofer)

Eingekleidet wie das Cop-Duo Mel Gibson und Danny Glover sowie mit Sequenzen aus deren Film „Lethal Weapon“, werkelt das Traumpaar der Grazer Theaterwelt mal laut mal leise, nebeneinander, gegeneinander und am Ende doch gemeinsam. Nicht nur im Gefecht beweisen sie Treffsicherheit – Anekdoten über den persönlichen Werdegang treffen im Wechselspiel aufeinander – dazwischen positioniert sich gewitzte Kritik über dramaturgische Richtlinien. „Härteste Mittelstandsaction“, wie sie selber sagen, garantiert.

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Ab sofort in den Räumlichkeiten des Theater am Ortweinplatzes. Mehr Informationen gibt es hier: http://www.tao-graz.at/webpages/57d6c08404141543200000b1

Theater am Ortweinplatz: „Zementgarten“

Das Theater am Ortweinplatz (TaO) inszenierte diese Spielzeit ,,Zementgarten“ aus der Feder von Ian McEwan – ein Stück, welches aufgrund seines düsteren Charakters dem Autor den Spitznamen „Ian Macabre“ einbrachte…

Die Handlung ist simple, der Inhalt jedoch nicht leicht zu verkraften: Der Vater ist schon lange tot, von ihm geblieben ist nur das unvollendete Projekt den Garten mit Zement zu versiegeln. Die Mutter ist gerade gestorben. Die vier verbliebenen Kinder Julie, Sue, Jack und Tom haben nun Angst davor nach dem Tod beider Eltern getrennt zu werden, also beschließen sie den Tod der Mutter zu verheimlichen und betonieren die Leiche im Keller ein. Nun versuchen alle, auf ihre Art und Weise, mit dieser Situation umzugehen. Die Illusion einer intakten Familie soll aufrecht erhalten werden, welche es so jedoch nie gegeben hat.

Die Charaktere der vier Kinder unterscheiden sich durch ihre besonderen Persönlichkeiten. Eines hält die Kinder jedoch zusammen, das Band der Familie. Nicht zur Familie gehört der Freund von Julie – Derek. Er zeigt uns, dass eigentlich auch eine „normale“ Welt, außerhalb, existiert. Jedoch dominieren die Regeln und Vorstellungen der kleinen Welt im Haus der Geschwister, denn als Derek das inzestuöse Verhältnis der beiden Geschwister Julie und Jack aufzeigt, wird kein Skandal daraus gemacht, sondern das Verhalten als etwas ganz Normales aufgefasst.

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(c) Nestroy

Die Charaktere, gespielt von Valentin Marsoner, Sebastian Schmid, Anna Weber, Gabriel Zinganel, Erna Zuhric – sind fesselnd und lassen den Zuseher die Düsternis der Situation und die Hilflosigkeit der Jugendlichen authentisch spüren. Im Zentrum der Bühne steht ein Sofa, verkleidet mit Plastik, welches den Eindruck einer Baustelle vermittelt. Das Rascheln der Folie begleitet die Handlung, sowie eine Leinwand auf der Seite, welche die Geschehnisse und Vergangenes aus der Perspektive der Videoaufnahmen von Sue zeigt. Durch die Rückblicke und Erzählungen, welche in die Handlung einfließen, sind die Geschehnisse und Beziehungen zueinander klar. Nur der skandalöse Inzest bleibt etwas außen vor und wird nicht tiefer dargestellt, so bleibt die Frage offen ob es sich nun um puren Sex zwischen zwei Geschwistern handelt, oder um einen Art besondere Fürsorge, welche sich in körperliche Nähe äußert.

Gewiss ist aber: Wenn man als Zuschauer die kleine Welt verlässt und zurück in die Realität geht, bleibt das Gefühl des Staunens über die unglaublich gute Performance dieser jungen Darsteller noch lange hängen.

Mehr Informationen: http://www.tao-graz.at/webpages/57d6ba6a0414151ea0000120

Das ist echt. Das ist die Realität. Komm damit klar.

Ein Spiel, bei dem das Schicksal ordentlich zuschlägt gepaart mit den facettenreichen Bürden des Erwachsenwerdens, gibt es unter dem Titel „Zementgarten“ basierend auf dem gleichnamigen Roman von Ian McEwan noch bis zum 28. April im Theater am Ortweinplatz zu sehen.

Aus sechs mach vier: Vor geraumer Zeit der Vater, dann die Mutter – Als kurz nacheinander die Eltern sterben, sind die verbleibenden Kinder der Familie auf sich allein gestellt. Aus Angst gegen Windmühlen kämpfen zu müssen und voneinander getrennt zu werden, beschließt das Vierergespann (gespielt von Valentin Marsoner, Anna Weber, Gabriel Zinganel, Erna Zuhric) das plötzliche Ableben zu verheimlichen und siehe da: Das Verschwinden der Mutter fällt kaum auf und dass ihr toter Körper kurzerhand im Keller einzementiert wurde noch viel weniger. Doch was bleibt sind vier Jugendliche, von denen keiner so recht weiß, wie man mit dem Verlust eines geliebten Menschen umgeht. Julie versucht die schützende Hand über ihre Geschwister zu legen, während Jack zuschlägt, wenn ihm die Worte fehlen. Sue dokumentiert den Alltag akribisch mit der Videokamera und Tom, der Jüngste, fängt an sich in Frauenkleider zu hüllen. Lachen-streiten- irgendwie klarkommen wird zum Alltag der Vier und beginnt seltsame Blüten zu tragen, denn nicht nur der junge Tom probiert sich aus – Auch Jack und Julia kommen sich immer näher. Als die Grenzen bis zum Geht-nicht-mehr ausgelotet werden schaltet sich jedoch Julies Freund Derek (gespielt von Sebastian Schmid) ein, der nicht nur das Verhalten der Geschwister sonderbar findet, sondern auch den Geruch, der aus dem Keller strömt.

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C. Nestroy. ©

 

„Zementgarten“ – Eine Inszenierung unter der Regie von Helmut Köpping, die sich dem Spielzeit-Motto des Theater am Ortweinplatzes angepasst hat und sich als Schlagabtausch der Extremen  in die Sammlung der vergangenen Produktionen einreiht. Bis zum Äußersten zu gehen ist das oberste Credo – ein Vorhaben, das hier geglückt ist. Mit dem Roman von Ian McEwan im Gepäck füllt die Vorstellung einen Abend, der sich als vermeintlich betrübt mit humoristischer Komponente vorstellt, sich jedoch später als skurrile Erscheinung entpuppt. Denn: Wie eine Wolke schwebt der Tod der Mutter anfangs noch über den Köpfen der Protagonisten, doch im Laufe der Zeit bleibt die Leiche im Keller nicht mehr, als eine bloße Tatsache. Vielmehr ist es das Handeln der Hinterbliebenen, das aufrüttelt. Sich selbst überlassen läuft das Miteinander der Geschwister aus dem Ruder und als Zuschauer darf man den Tabus beim Brechen zuhören. Die transsexuelle Neigung des Jüngsten und die inzestuösen Gefühle zwischen zwei der Protagonisten ergeben den Gipfel der Eskalation. Fragwürdig, ob man diese Details mit dem Fehlen der elterlichen Autorität in Verbindung bringen darf, aber ob das Dargestellte schlussendlich nett anzusehen und leicht zu ertragen ist, sei ohnedies dahingestellt. Was jedoch erwähnt werden darf, ist die Leistung der jungen AkteurInnen: Mal schreiend, mal schweigend, mal was dazwischen bespielen sie die Bühne und geben dem Stoff aus Ian McEwans Feder ein Gesicht, das einem auch nach Ende der Vorstellung noch in Erinnerung bleibt und auf Grund der behandelten Themen allemal diskussionswürdig ist.

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C. Nestroy. ©

 

Mehr Informationen gibt es hier:

http://www.tao-graz.at/webpages/57d6ba6a0414151ea0000120