Wenn in Geidorf das Tischtennisfieber ausbricht – Geidorf´s Eleven, der etwas andere Blick auf das Konto der Nachbarn

Egal ob zugereister oder echter Grazer, man weiß, Geidorf steht für einen gehobenen Standard. Die alten Villen, grünen Parks, schöne Zinshäuser und noch viel schönere bürgerliche Bewohner sind kennzeichnend für den Bezirk Geidorf, wo die Uhren noch anders ticken. In einer Kooperation zwischen dem Schauspielhaus Graz und dem Theater im Bahnhof wird gezeigt, was sich tatsächlich hinter den hohen Mauern und bröckelnden Fassaden abspielt. 

„Wo anders als in Geidorf könnt ich gar nicht wohnen“, sagt Martina zu Beginn, die jede Woche am Donnerstag ihre fünf Freundinnen zu sich in die Villa zum Spielen einlädt. Möbel gibt es zwar keine mehr, Autos und Wertgegenstände wurden auch schon lange verkauft, aber es funktioniert irgendwie, hat es ja immer und wird es auch immer, denn Martinas Vater war schon aus Geidorf und dessen Vater auch. Und zum Glück gibt es ja noch den Tischtennistisch, der mitten im Wohnzimmer auf dem alten Perserteppich steht und für das Stück zum zentralen Dreh- und Wendepunkt wird.

Die sechs Spielerinnen bringen dem Publikum in charmanter und lustiger Art und Weise ihre Probleme näher und sind dabei stets darauf bedacht sich nicht zu „entschuldigen“, außer wenn der Ball das Netz berührt. Der Feind als Gegner verkleidet – das Finanzamt.

Die sechs Freundinnen sind die Spielsüchtige Pia, die seit 84 Tagen immerhin schon nicht mehr gespielt hat und ihre jüngere Schwester Silvana. Die gutgläubige Gabi, die schon die x-te Lebensversicherung unterschrieben hat. Die forsche Trixi die schon alles in ihrem Leben war und auch wollte, nur nicht nach Hitzendorf zu ziehen mit ihrem Mann und den Kindern und dennoch dort gelandet ist. Die überforderte Schweizerin Vera, die sich am Tag zehn Mal von der Kostümbildnerin umziehen lassen muss. Und die Hausherrin selbst, Martina die zwar kein Geld mehr hat, aber immerhin den „Dings“ von der ÖVP kennt.

Foto: Johannes Gellner

Foto: Johannes Gellner

Dem Zuseher wird ein Match, spannender als das andere geboten. Pia Hierzegger gegen Silvana Veit, gefolgt von Trixi „The Trick“ Brunschko gegen Gabi Hiti und Vera Bommer gegen Martina „The Brain“ Zinner. Die Matches werden untermalt von Gabis selbstgeschriebenen Schuldenliedern und dem mitfiebernden Publikum, dass zu Beginn des Turnieres für die Spende von einem Euro, eine Karte mit dem Abbild seiner Favoritin darauf erwerben konnte. Durch diese Unterstützung hat der Zuseher somit die Chance auf den Gewinn, sollte seine Favoritin siegen. Zusätzlich wird der Zuseher aktiv in das Spiel miteinbezogen. In der entscheidenden letzten Runde wird schließlich verdoppelt, zwei junge Zuseher aus der ersten Reihe sind die Wagemutigen, die bei doppelt oder nichts zuschlagen und nicht nur die Beiden, sondern auch das ganze Publikum fiebert mit, als sich Vera und Trixi ein spannendes Match bis zum Schluss liefern.

Matchball – Vera schlägt auf, Trixi erwidert, die Geschwindigkeit wird schneller und die Schläge fester. Das Publikum starrt gespannt auf die beiden Spielerinnen und bricht in Jubel aus als Vera gewinnt.

Ein spannender Abend mit einem noch spannenderen Ende das zeigt, dass die Fassade trügerisch sein kann doch dahinter alle gleich sind. Probleme gibt es überall – in Geidorf sind sie eben nur spezieller. Jedoch zeigen die sechs Geidorferinnen in einer beeindruckenden Ausdrucksstärke und Leidenschaft für das Tischtennisspiel, dass eine Schuldnerperformace auch Spaß machen kann. „Geidorfs Eleven“ bietet einen Abend voller Unterhaltung, der es dem Zuseher leicht macht seine eigenen Probleme zu vergessen und sich die Frage stellt „Warum spielen meine Freunde und ich noch kein Tischtennis?“.

Witzig, mitreißend und spannend bis zum Schluss. Geidorfs Eleven ist ein Abend voller tragischer Schicksale die pointiert und witzig erzählt werden und obendrein den Wert von Freundschaft und Zusammenhalt verdeutlicht. Sechs Schauspielerinnen die ihm Schlagabtausch brillieren  – Spiel, Satz, Sieg für die  Damen aus Geidorf.

Mehr Infos und weiter Termine: HIER

Improvisieren um Leben und Tod

Immer wieder ladet das Theater im Bahnhof freitagabends zu Jacob Banigans Improsolo Game of Death ein. Mit dabei hat der Kanadier ein Kartenspiel, ein Glöckchen, eine Eieruhr, einen Bassisten und jede Menge Humor.

Der Zuseherraum ist voll, wenn Jacob Banigan den Raum betritt, um das Publikum auf eine ihm noch unbekannte Reise mitzunehmen. Mit zwei kürzeren Aufwärmrunden startet das Programm. Geplant ist dabei nichts, es wird improvisiert – um Leben und Tod. Die Show, die in englischer Sprache stattfindet, unterscheidet sich durch eine Tatsache klar von anderen Improvisationen: Jacob Banigan steht alleine, ohne Schauspielkollegen auf der Bühne und spielt alle seine Charaktere selbst. Durch die Verwendung verschiedener Gestik, Mimik und Akzenten sind diese klar voneinander zu unterscheiden und es macht Riesenspaß dem Kanadier auf der Bühne zuzusehen.

Bei den ersten beiden Runden handelt es sich um kurze Improvisationen, die sich beide durch eine sprachliche Besonderheit auszeichnen: Im ersten Durchgang switcht  Banigan bei ertönen einer Glocke geschickt zwischen Englisch und spanischem Gebrabbel, ohne dabei den roten Faden der Geschichte zu verlieren, der zweite Durchgang wird in Reimform abgehalten. Teils skurrile Reime heben zusammen mit den schrägen Handlungsverläufen der Geschichten die Stimmung im Publikum merklich an. Dem Schauspieler wird immer wieder mit lauten Lachern, Zwischenapplaus und lustigen Zwischenbemerkungen gedankt.

Nachdem alle gut aufgewärmt sind kommt es zum eigentlichen Höhepunkt des Abends: Dem Game of Death. Und so funktioniert‘s: Jacob Banigan bereitet eine Improvisation von ca. 40 Minuten vor. Um Thema und Stimmung für diese festzulegen, dürfen Leute aus dem Publikum drei Wahrsagekarten ziehen. Diese werden gemeinsam interpretiert.  Außerdem wird zusammen mit den Zusehern der Ort des Geschehens festgelegt. Dazu kommen noch zwei Elemente, die dafür sorgen, dass Banigan selbst überrascht werden kann und eine neue Richtung in der Handlung einschlagen muss. Eine Person im Publikum erhält ein Glöckchen. Läutet die Person mit diesem wird eine weitere Karte aufgedeckt und muss ins Spiel mit einbezogen werden. Eine andere Person bekommt den „Eggtimer of Death“, die Eieruhr des Todes, dessen Zeit nach Belieben eingestellt werden darf. Ertönt die Eieruhr muss Banigan unmittelbar eine Person im Stück sterben lassen, egal wo sich die Handlung gerade befindet.

Heraus kommt dabei eine lustige Improvisation über Liebe, Mord und das Leben nach dem Tod. Jacob Banigan führt den Zuseher mit einer Menge Humor durch diese Geschichte. Geschickt wechselt er zwischen den verschiedenen Charakteren, ohne den Zuseher damit auch nur einmal zu verwirren. Außerdem reagiert er auch mit einer Portion Selbstironie, wenn er sich beispielsweise den Namen eines Protagonisten nicht merken konnte („My name is …. I don’t remember now either!“).

Das Publikum lässt sich in die Handlung sichtlich hineinziehen und es regnet tonnenweise Applaus, als der Abend schließlich sein Ende findet.

Mit Game of Death schafft Jacob Banigan einen mehr als unterhaltsamen Theaterabend, bei dem es ihm gelingt alleine eine spannende und überraschende spontane Geschichte auf die Bühne zu bringen und bei dem er im wahrsten Sinne um Leben und Tod seiner Protagonisten spielt.  Sehr sehenswert!

Der letzte Termin der aktuellen Spielzeit (23.6.) ist bereits ausverkauft.

Weitere Infos: http://www.theater-im-bahnhof.com/produktionen/produktion/details/83/e39c84ae5d.html

Über dramaturgische Abziehbildchen

Das Schauspiel-Duo Rupert Lehofer (Theater im Bahnhof) und Manfred Weissensteiner (Theater am Ortweinplatz) steht mit dem dritten Teil ihrer Kooperationsreihe auf der Bühne. „Rette deine letzte Katze“ – ein actionreiches Sammelsurium an Eindrücken und Kritik an den Regeln des Erzählens.

Alles was man über das Drehbuchschreiben wissen muss, hat Blake Synder vor mehr als 10 Jahren auf 195 Seiten komprimiert und somit einen Bestseller (Save the Cat!) in die Welt gesetzt, der Filmschaffenden gewinnbringenden Erfolg verspricht. Hauptsache ist, die Hauptfigur tut etwas, das ihn als guten Menschen charakterisiert – beispielsweise eine Katze retten. Film um Film ergießt sich seitdem lawinenartig über den Köpfen der Zuschauer. Vielfach für ihre vermeintliche Kreativität gelobt, doch im Grunde folgen etliche Streifen dem gleichen Konzept, welches rasch vorahnen lässt, was in den kommenden Minuten passiert. Darüber, dass es abseits der genormten Filmindustrie auch andere Arten gibt, Geschichten zu erzählen, und die nächste Kopie der Kopie nicht nötig ist, machen sich Rupert Lehofer und Manfred Weissensteiner in ihrer neusten Inszenierung Gedanken.

Das ist unsere Struktur. Wunderschön. Anfang, Mitte, Ende. Weil es gar nicht anders geht. Anders kann das Gehirn nicht denken. 1. Akt, 2. Akt, 3. Akt. 1. Akt, 2. Akt, 3. Akt. Gewohnte Welt. (Rupert Lehofer)

Eingekleidet wie das Cop-Duo Mel Gibson und Danny Glover sowie mit Sequenzen aus deren Film „Lethal Weapon“, werkelt das Traumpaar der Grazer Theaterwelt mal laut mal leise, nebeneinander, gegeneinander und am Ende doch gemeinsam. Nicht nur im Gefecht beweisen sie Treffsicherheit – Anekdoten über den persönlichen Werdegang treffen im Wechselspiel aufeinander – dazwischen positioniert sich gewitzte Kritik über dramaturgische Richtlinien. „Härteste Mittelstandsaction“, wie sie selber sagen, garantiert.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ab sofort in den Räumlichkeiten des Theater am Ortweinplatzes. Mehr Informationen gibt es hier: http://www.tao-graz.at/webpages/57d6c08404141543200000b1