Schwarze Milch und klarer Wodka

Das Grazer Schauspielhaus zeigt derzeit die österreichische Erstaufführung des Stückes Schwarze Milch von Wassilij Sigarew, Regie führt Jan Stephan Schmieding. Auf der Bühne von Haus Zwei wird geflucht, gehasst, geschimpft und ja, auch geliebt. 

Irgendwo in Russland steht ein gottverlassener Bahnhof – Züge kreuzen den Ort nur sehr selten. Gerade kreuzt ihn ein Pärchen, bestehend aus der hochschwangeren Schúra und ihrem Freund Ljówtschik. Die beiden sind Geschäftsleute und auf der Durchreise. Nachdem sie dem halben Dorf ihren Supersupertoaster verkauft haben, wollen sie schnell weg aus dem Kaff. Was auch tun in einer Gegend, in der Brot mit der Hand gebacken wird und Wodka der einzige Lichtblick ist? Also warten sie am Bahnhof, kauen Kaugummi, treffen die unterschiedlichsten Menschen und werden von ihren Käufern gehasst, denn ihr Supersupertoaster ist ja gar nicht so super. Stattdessen weiß die halbe Kundschaft aus dem bitterarmen Dorf nichts mit dem Gerät anzufangen, während die andere Hälfte gerne ihr Geld zurück hätte. Aber gekauft ist gekauft und Geld sowieso wichtiger als Menschlichkeit. Doch dann setzen bei Schúra die Wehen ein und mit einer Tochter kommt gleichzeitig auch die Frage nach Glück auf. Und wie es denn überhaupt zu finden ist.

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Foto: Lex Karelly

Das Stück spielt in einem weißen, länglichen Komplex aus Spanplatten (Bühne von Rosa Wallbrecher), also einem Wartehäuschen am Bahnhof. Die unaufgeregte Bühne mimt den Zeitgeist: schlicht, einfach, für Komfort kein Geld. Ebenso passt sie zur Fragilität von Schúra und Ljówtschik – die Wände sind genauso dünn wie die Nerven des Pärchens. Und das ist nur einer von vielen Gründen, wieso die beiden grandios die Hoffnungslosigkeit dieser Zeit verkörpern. Maximiliane Haß brilliert als schwangere Schúra, die nicht nur hassen, sondern auch wirklich lieben kann. Hinter dümmlichen Aussagen, derber Sprache und viel Ekel befindet sich der Wunsch nach Nähe und Geborgenheit, der erst am Ende zum Vorschein kommt. Das Mitgefühl anderer erweckt in ihr das Begehren nach Glück und Einfachheit. Nicht ganz so einfach ist Ljówtschik. Lukas Walcher verkörpert grandios einen zerrissenen Mann, der sich scheinbar nur fürs Geschäft interessiert. Die Fassade bröckelt jedoch und hin und wieder kommt eine sanfte Seite zum Vorschein. Traurige russische Lieder, Harmonikaklänge und Schattenspiele runden das Düstere des Stückes ab.

Für Zartbesaitete mag das Stück nichts sein, Schimpfwörter nehmen gefühlt 90% des Textes ein. Trotz unglaublicher Hasstiraden und gewalttätigen Aussagen wünscht man sich eine heile Welt für das gebrochene Paar. Mit Friede, Freude, Eierkuchen kann das Stück jedoch nicht dienen, dafür aber mit einem Einblick in menschliche Abgründe. Und gerade diese Abgründe liefern Wahrheiten, vor denen niemand die Augen verschließen kann. Am Ende findet man Glück nicht im Reichtum oder der Ferne, nicht im Konsum, sonder halt nur da, wo das Herz Heimat findet. Und wenn man dieser Heimat davonläuft, bleibt eben nur verdreckte Milch und tote Wodkasäufer – Prost und langer Applaus!

Mehr Infos und Termine gibt es hier.

Ich packe meinen Koffer

Seit mehr als zehn Jahren begeistert das Festival Cirque Noël das Grazer Publikum mit zeitgenössischem Zirkus. Pünktlich zur Weihnachtszeit 2019 bringt Intendant Werner Schrempf die kanadische Compagnie The 7 Fingers in das Theater in der Stadthalle. Mit der Bühnenproduktion Passagers feierte die international begehrte KünstlerInnengruppe am 21. Dezember 2019 Premiere am neuen Spielort.

Im modernen Zirkus verschmilzt Akrobatik mit zeitgenössischem Tanz, Theater mit bildender Kunst und bei Passagers auch die Darstellenden mit ihrem Publikum. Passagiere sind dabei alle, Insassen im selben Raum, Reisende auf demselben Planeten. Metapher ist der Zug – weniger als Transportmittel, vielmehr als Vehikel für Traum und Sehnsucht, Wanderlust und Nostalgie. Sich fremde Menschen teilen in versonnenen Monologen ihre Gedankenwelt, singen von Abfahren und Ankommen und begeistern mit herausragenden akrobatischen Fähigkeiten.

Mit Poesie und Nostalgie sind es
die Menschen in all ihrer Vielfalt,
ihren Widersprüchen und Exzessen,
die im Mittelpunkt dieser Show stehen.
[Le Devoir, Canada]

Ist es im Plot die Diversität des Individuums, stehen auf der Bühne die acht Künstlerinnen und Künstler Sereno Aguilar, Louis Joyal, Maude Parent, Samuel Renaud, Brin Schoellkopf, Sabine Van Rensburg, Conor Wild und Chloé Wall im Zentrum. Mit zeitgenössischem Tanz und Schauspiel, modern inszenierter Jonglage und Äquilibristik, perfektionierten Körperschwüngen in Hula-Hoops und akrobatischen Glanzleistungen in schwindelerregender Höhe lässt die Gruppe Atem stocken und Herzen höherschlagen. Mitreißende Musik, lebhafte Projektionen, abwechslungsreiche Beleuchtung und minimalistische Szenografie lenken die Augen auf das Wesentliche und lassen mitunter einen Traum im Publikum erwachen: The 7 Fingers folgen, wohin auch immer ihr Weg führen mag, und noch ganz viele wunderbare Produktionen wie Passagers erleben.

Ich packe jedenfalls direkt meinen Koffer und nehme mit: acht bemerkenswert talentierte Artistinnen und Artisten, eine wunderbar gelungene Inszenierung, melancholisch stimmende Poesie, nostalgisch anmutende Kostüme und ein stehend applaudierendes Premierenpublikum. Wer diesen zeitgenössischen Zirkusgenuss auch erleben und den Koffer mit bezaubernden Impressionen weiterpacken will, mache das bis 2. Jänner im Theater in der Stadthalle, bevor The 7 Fingers ihre wirkliche Reise antreten und Graz – auf hoffentlich absehbare Zeit – adieu sagen.

blog4tickets_03_Cirque-Noel_7-Fingers_Passagers-1_c_Alexandre Galliez© Alexandre Galliez

Weitere Informationen zum Cirque Noël finden Sie hier.

Hüpfende Katzen und gackernde Hühner

Hier werden Kinderherzen zum Lachen gebracht: Das Theater Feuerblau zeigt ab sofort „Findus zieht um“.

Man kennt sie, die lustigen Geschichten rund um Pettersson und seinen kleinen Kater Findus. Die beiden verbindet eine familiäre Freundschaft. Doch auch in einer solcher, kann es ab und an zu Konflikten kommen. Der Kater Findus liebt es, morgens um vier Uhr auf seinem Bett herumzuhüpfen, denn „Kater brauchen ihre Morgengymnastik“. Pettersson hingegen liebt es auszuschlafen und hält das Gequietsche des Bettes nur sehr schwer aus.

Eine Lösung ist schnell gefunden: Das alte Klo im Garten bietet sich perfekt an, um daraus ein eigenes Haus für die Katze zu bauen. Problem gelöst, oder? Nicht ganz. Denn Pettersson merkt schnell, dass sein Haus ohne den quirligen Kater ganz schön leer ist. Auch die Katze muss bald erkennen, dass ihm sein eigenes zu Hause zwar viel Freiraum bietet, es jedoch allein in der Nacht ganz schön gruselig sein kann…

(c) Clemens Nestroy

Liebevoll inszeniert das Theater Feuerblau die Geschichte für alle Kinder ab vier Jahren. Dass die Themen rund um eigenen Freiraum und Zusammenhalt die jungen Gäste bewegen, ist an den Publikumsreaktionen nicht zu verkennen. Mitgerissen rufen die Kinder den beiden Darstellern zu und wollen den Protagonisten die Lösungen für ihre Probleme vorsagen. Der liebevolle Umgang mit dem aufgeregten Publikum durch Klaus Seewald und Monika Zöhrer ist nur einer von vielen Gründen, der dieses Stück zu einer empfehlenswerten Erfahrung für die ganze Familie macht. Hier ist wirklich Platz für Kinder – vor und zwischendurch gegebenenfalls auch auf der Bühne.

Auch schauspielerisch ist der Nachmittag im FRida und freD Knopftheater ein richtiger Hingucker: Klaus Seewald sorgt für herzhaftes Kinderlachen, wenn er mit den Stoffhühnern über die Bühne flitzt und Monika Zöhrer ist als frecher Findus offenbar geschaffen für die Rolle des aufgeweckten Katers.

Zusätzlich sorgen märchenhaftes Schattenspiel und Slapstick-Momente für ein buntes Theatererlebnis. Familientheater, das für viele Lacher sorgt, aber auch Themen anspricht die Kinder und Eltern bewegen. Große Empfehlung.

Alle Infos und Termine: http://www.theaterfeuerblau.at/findus-zieht-um/