Die inneren Werte zählen – Die Schöne und das Biest

Bild: Christoph Steiner als das Biest und Simone Leski als Belle © Lex Karelly Photography

In dieser Saison bringt das Next Liberty eine der bekanntesten Liebesgeschichten auf die Bühne und macht Disney damit Konkurrenz. Die Inszenierung des Stückes „Die Schöne und das Biest“ stammt von Natascha Grasser und lässt die französische Erzählung in neuem Glanz und Glitzer erstrahlen.

Nachdem sich Belles Vater (Martin Niederbrunner) im Wald verirrt hat, findet er Unterschlupf im Schloss des Biestes (gespielt von Christoph Steiner). Das Biest, das einst der hübsche Prinz Philipp war, ist dem Mann zunächst postiv gestimmt. Als er jedoch versucht, die Rose zu stehlen, erzürnt das Biest und verlangt die Auslieferung von Belle. Nach einigen holprigen Dinner-Dates schließt die hübsche Belle (Simone Leski) das riesige Fellknäuel ins Herz und ein Happy-End scheint in Sicht.

Zu Weihnachten liegt Belles Vater jedoch krank im Bett und sie muss zu ihm. Bevor sie losgeht, verspricht sie Philipp, wieder zu ihm zurück zu kehren. Nach einiger Zeit zuhause vergisst Belle beinahe ganz auf ihr Versprechen und eilt besorgt zurück zu dem Biest, denn sie fürchtet, dass dieses breits tot ist. Im Schloss trifft sie jedoch nicht mehr auf das Biest, sondern auf Philipp in seiner ursprünglichen Form – den Prinzen.

Der Liebesgeschichte wurde eine niedliche Rahmenhandlung verliehen, in der zwei Feen die Geschichte erzählen. Die Kostüme der Feen sind bunt chaotisch, genau so wie sie selbst. Auch das Kostüm des Biests ist anders als gedacht, denn ein brauner Zottelbär mit goldenem Schnabel macht das Biest zu einer sehr eigenen Gattung Tier. Das Bühnenbild bezaubert durch magische Elemente und besonders die Sandkunstbilder beeindrucken die Zuschauer. Musikalisch vermisst man die bekannten Lieder aus der Disney-Verfilmung sondern bekommt nur das Klagelied einer Fee zu hören.

„Das Schöne und das Biest“ ist ein entzückendes Stück, das die Zuschauer in die französische Welt Belles führt und zeigt, dass die inneren Werte zählen.

Ein Leben als Rückwärts-Krimi

Im Haus Zwei des Schauspielhaus‘ Graz laufen die Uhren bei „Pfeil der Zeit“ rückwärts – das Stück nach dem Roman von Martin Amis erzählt einen biografischen Krimi, dem das dunkelste Kapitel der Geschichte zugrunde liegt. Regisseurin Blanka Rádóczy schafft mit einem Top-Ensemble einen intensiven Abend.

Wer ist dieser Todd Friendly, der sich die Hände abtrocknet, bevor er sie wäscht und Essen in den Supermarkt bringt, um es gegen Bargeld einzutauschen? Ein ganz normaler alter Mann mit starrem Blick, zunächst verkörpert von Franz Solar – und einer inneren Stimme, die in Form von Raphael Muff, Tamara Semzov und Nico Link auf Plastikstühlen im Krankenhaus-Ambiente auf der linken Bühnenseite sitzt.

So wenig man über diesen Mann weiß, so schnell merkt man, dass etwas nicht stimmt mit ihm: Wenn die Szenen wechseln wird es dunkel, die Neonröhren flackern, im Hintergrund schreit ein Baby – zu laut, zu lang sind die Sequenzen.

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Tamara Semzov, Nico Link (li.) und Raphael Muff. Fotos: (c) Lupi Spuma (2)

 

Den Auslöser für die Konsequenz muss man aber abwarten: Todd lebt nämlich von Tod bis Geburt, von hinten nach vorne, spült die Toilette bevor er sie benutzt und steckt im Garten Unkraut in die Erde. Als Arzt pflanzt er Föten in Frauenkörper ein. Das Stück bekommt dadurch Krimi-Struktur: Das Hirn will eben immer wissen, wo die Konsequenz herkommt, um die gegenwärtige Situation zu erklären. Das kann schon mal überfordernd sein, zumal man jede Handlung gedanklich umdrehen muss.

Gar nicht freundlich, dieser Todd

Das dunkle Kapitel von Todd Friendly (oder einer seiner vieler Identitäten) entpuppt sich schließlich als alles andere als freundlich: In Auschwitz hat er Juden aus den Flammen erschaffen, war in den Ghettos und auf Schloss Hartheim. Beklemmend emotionslos erzählt das Ensemble von den Verbrechen – die hier Erschaffung, Wiederbelebung sind.

Wie erzählt man diese Verbrechen, die eigentlich zu schrecklich sind, um erzählt zu werden? Wie meine weise Begleitung es beim Nachgespräch in der Theaterbar so treffend formulierte: „Vielleicht muss es so erzählt werden, damit man es überhaupt erzählen kann. Die Details wären anders herum nicht auszuhalten.“ Regisseurin Blanka Rádóczy und das Ensemble haben mit „Pfeil der Zeit“ jedenfalls eine ziemlich gute Möglichkeit des Erzählens gefunden.

Infos und Karten gibt es hier!

Hoch lebe der Sensationsjournalismus!

Die unbescholtene KATHARINA BLUM – eine MÖRDERIN? Wie konnte es soweit kommen und was hat die ZEITUNG damit zu tun? Im Next Liberty Graz wurde „Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Oder wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ nach einer Erzählung von Heinrich Böll erfolgreich auf die Bühne gebracht. In einer äußerst beklemmenden Inszenierung von Kristo Šagor werden die dunklen Machenschaften der Boulevardpresse aufgedeckt.
Sie schrecken vor nichts zurück…
Sie haben DICH im Visier…
DU bist ihr nächstes Opfer…

© Lupi Spuma

Februar 1974. Katharina Blum wollte doch nur einmal wieder irgendwo ausgelassen tanzen gehen. Dass sie sich dabei ausgerechnet Hals über Kopf in den gesuchten Kriminellen Ludwig Götten verliebt und ihm die Flucht vor der Polizei ermöglicht, ist erst der Beginn eines viertägigen Martyriums. Die ZEITUNG ist schnell – wittert die neue Sensationsstory – und Katharina Blum wird zur Zielscheibe der Printmedien, die der jungen Frau Stück für Stück ihre Ehre nehmen und ihr Leben ruinieren. Alles, was sie sich über die Jahre als selbständige Haushaltshilfe mühsam aufgebaut hatte, wird nun im polizeilichen Verhör gegen sie verwendet. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als ein Journalist der ZEITUNG, Werner Tötges, sich verbotenerweise Zutritt zum Krankenzimmer von Katharina Blums Mutter verschafft, in dem sie nach einer Operation geschwächt liegt. Durch die Aufregung rund um die Meldungen über ihre Tochter stirbt sie und Katharina Blum bekommt auch die Schuld am Tod ihrer Mutter. Aus Rache (war es der Tod ihrer Mutter, ihre verlorene Ehre oder doch beides?) bittet sie Tötges zu einem scheinbaren Exklusiv-Interview in ihre Wohnung – die Katastrophe ist unvermeidlich.

„Warum musste das so enden, warum musste das so kommen?“ (Katharina Blums Mutter)
„So musste es ja kommen, so musste es ja enden.“ (Werner Tötges)

über die kleine „Artikulationshilfe“ der ZEITUNG


Die Inszenierung orientiert sich sehr nah an der Buchfassung Bölls und sämtliche Dialoge werden originalgetreu übernommen. Das vortreffliche Ensemble, meist in einer 5-gegen-1-Konstellation, bietet einen Schlagabtausch in hohem Tempo und perfekt synchrone Sprechchöre. Yvonne Klamant verleiht der Hauptprotagonistin anfänglich Stolz und Würde, bringt aber gekonnt im Laufe des Stückes immer mehr ihre verletzliche und zerbrechliche Seite ein. Helmut Pucher schlüpft geschickt in die Rolle des Journalisten Werner Götges, der äußerst skrupellos mit der Würde und Ehre der Menschen verfährt. Der Kriminelle Ludwig Götten wird von Christoph Steiner (mit Schnurrbart) raffiniert gespielt. In weiteren Rollen fesseln Michael Großschädl in einer Doppelrolle als Staatsanwalt Peter Hach und als berüchtigter „Herrenbesuch“ Alois Sträubleder, sowie das Ehepaar Dr. Hubert und „Die rote Trude“ Blorna, dargestellt von Martin Niederbrunner und Amelie Bauer, die als Arbeitgeber Katharina Blum zwar helfen, jedoch selbst nicht in die Schlagzeilen der ZEITUNG geraten wollen.

Das ohnehin starke Spiel der Schauspieler wird noch zusätzlich durch abrupte Rollenwechsel unterstützt. Durch die Benützung eines Lippenbalsams etwa schlüpfen männliche Darsteller in weibliche Rollen und sorgen damit, wie auch einige herrlich schräge Tanzeinlagen, für Erheiterung beim Publikum. Ansonsten erzeugen spannungsgeladene Klänge eine düstere Stimmung. Neben der Musik (Felix Rösch) beschert auch die wunderbare Ausstattung (Denise Heschl) typisches 70er-Feeling, u.a. werden neben Glockenhosen, Cordhosen und Lederjacken auch schnittige Frisuren gemäß der damaligen Mode präsentiert.

Als Bühnenbild ragen gigantische Holzwände nach oben, die das Polizeipräsidium darstellen, während Katharina Blums Wohnung durch eine Glastüre schnell zu erreichen ist. Obwohl durch die hohen Mauern scheinbar nichts nach außen dringen kann, wird die Brüchigkeit dieser Fassade rasch ersichtlich, als erste vertrauliche Informationen an die ZEITUNG gelangen. Als wichtigstes Requisit dient ein Kopierer, der pikantes Beweismaterial ausspuckt.

Der Stoff ist komplex. Das Publikum gefordert. Doch ist man erst einmal in diese Welt eingetaucht, wird man von der kraftvollen Dynamik der Inszenierung in den Bann gezogen und kann sich ihr so schnell nicht entziehen. WIR wollen es wissen: Ist Katharina Blum das, was sie zu sein scheint? WIR sind nicht nur das Publikum, sondern werden zugleich zu den LESERN der ZEITUNG. „Alles was wir wissen, wissen wir von der ZEITUNG“. Hoch lebe der Sensationsjournalismus! Katharina Blum war nicht sein letztes Opfer. Es wird wieder passieren…

„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ steht zwar zur Zeit nicht mehr auf dem Spielplan, weitere Informationen und Trailer können auf der Homepage des Next Liberty jedoch nach wie vor eingesehen werden unter: http://www.nextliberty.com/stuecke/katharina-blum/