Ich packe meinen Koffer

Seit mehr als zehn Jahren begeistert das Festival Cirque Noël das Grazer Publikum mit zeitgenössischem Zirkus. Pünktlich zur Weihnachtszeit 2019 bringt Intendant Werner Schrempf die kanadische Compagnie The 7 Fingers in das Theater in der Stadthalle. Mit der Bühnenproduktion Passagers feierte die international begehrte KünstlerInnengruppe am 21. Dezember 2019 Premiere am neuen Spielort.

Im modernen Zirkus verschmilzt Akrobatik mit zeitgenössischem Tanz, Theater mit bildender Kunst und bei Passagers auch die Darstellenden mit ihrem Publikum. Passagiere sind dabei alle, Insassen im selben Raum, Reisende auf demselben Planeten. Metapher ist der Zug – weniger als Transportmittel, vielmehr als Vehikel für Traum und Sehnsucht, Wanderlust und Nostalgie. Sich fremde Menschen teilen in versonnenen Monologen ihre Gedankenwelt, singen von Abfahren und Ankommen und begeistern mit herausragenden akrobatischen Fähigkeiten.

Mit Poesie und Nostalgie sind es
die Menschen in all ihrer Vielfalt,
ihren Widersprüchen und Exzessen,
die im Mittelpunkt dieser Show stehen.
[Le Devoir, Canada]

Ist es im Plot die Diversität des Individuums, stehen auf der Bühne die acht Künstlerinnen und Künstler Sereno Aguilar, Louis Joyal, Maude Parent, Samuel Renaud, Brin Schoellkopf, Sabine Van Rensburg, Conor Wild und Chloé Wall im Zentrum. Mit zeitgenössischem Tanz und Schauspiel, modern inszenierter Jonglage und Äquilibristik, perfektionierten Körperschwüngen in Hula-Hoops und akrobatischen Glanzleistungen in schwindelerregender Höhe lässt die Gruppe Atem stocken und Herzen höherschlagen. Mitreißende Musik, lebhafte Projektionen, abwechslungsreiche Beleuchtung und minimalistische Szenografie lenken die Augen auf das Wesentliche und lassen mitunter einen Traum im Publikum erwachen: The 7 Fingers folgen, wohin auch immer ihr Weg führen mag, und noch ganz viele wunderbare Produktionen wie Passagers erleben.

Ich packe jedenfalls direkt meinen Koffer und nehme mit: acht bemerkenswert talentierte Artistinnen und Artisten, eine wunderbar gelungene Inszenierung, melancholisch stimmende Poesie, nostalgisch anmutende Kostüme und ein stehend applaudierendes Premierenpublikum. Wer diesen zeitgenössischen Zirkusgenuss auch erleben und den Koffer mit bezaubernden Impressionen weiterpacken will, mache das bis 2. Jänner im Theater in der Stadthalle, bevor The 7 Fingers ihre wirkliche Reise antreten und Graz – auf hoffentlich absehbare Zeit – adieu sagen.

blog4tickets_03_Cirque-Noel_7-Fingers_Passagers-1_c_Alexandre Galliez© Alexandre Galliez

Weitere Informationen zum Cirque Noël finden Sie hier.

Hüpfende Katzen und gackernde Hühner

Hier werden Kinderherzen zum Lachen gebracht: Das Theater Feuerblau zeigt ab sofort „Findus zieht um“.

Man kennt sie, die lustigen Geschichten rund um Pettersson und seinen kleinen Kater Findus. Die beiden verbindet eine familiäre Freundschaft. Doch auch in einer solcher, kann es ab und an zu Konflikten kommen. Der Kater Findus liebt es, morgens um vier Uhr auf seinem Bett herumzuhüpfen, denn „Kater brauchen ihre Morgengymnastik“. Pettersson hingegen liebt es auszuschlafen und hält das Gequietsche des Bettes nur sehr schwer aus.

Eine Lösung ist schnell gefunden: Das alte Klo im Garten bietet sich perfekt an, um daraus ein eigenes Haus für die Katze zu bauen. Problem gelöst, oder? Nicht ganz. Denn Pettersson merkt schnell, dass sein Haus ohne den quirligen Kater ganz schön leer ist. Auch die Katze muss bald erkennen, dass ihm sein eigenes zu Hause zwar viel Freiraum bietet, es jedoch allein in der Nacht ganz schön gruselig sein kann…

(c) Clemens Nestroy

Liebevoll inszeniert das Theater Feuerblau die Geschichte für alle Kinder ab vier Jahren. Dass die Themen rund um eigenen Freiraum und Zusammenhalt die jungen Gäste bewegen, ist an den Publikumsreaktionen nicht zu verkennen. Mitgerissen rufen die Kinder den beiden Darstellern zu und wollen den Protagonisten die Lösungen für ihre Probleme vorsagen. Der liebevolle Umgang mit dem aufgeregten Publikum durch Klaus Seewald und Monika Zöhrer ist nur einer von vielen Gründen, der dieses Stück zu einer empfehlenswerten Erfahrung für die ganze Familie macht. Hier ist wirklich Platz für Kinder – vor und zwischendurch gegebenenfalls auch auf der Bühne.

Auch schauspielerisch ist der Nachmittag im FRida und freD Knopftheater ein richtiger Hingucker: Klaus Seewald sorgt für herzhaftes Kinderlachen, wenn er mit den Stoffhühnern über die Bühne flitzt und Monika Zöhrer ist als frecher Findus offenbar geschaffen für die Rolle des aufgeweckten Katers.

Zusätzlich sorgen märchenhaftes Schattenspiel und Slapstick-Momente für ein buntes Theatererlebnis. Familientheater, das für viele Lacher sorgt, aber auch Themen anspricht die Kinder und Eltern bewegen. Große Empfehlung.

Alle Infos und Termine: http://www.theaterfeuerblau.at/findus-zieht-um/

Was im Staub alles zu finden ist

Das Theater am Bahnhof zeigt derzeit die Uraufführung STAUB Eine Reise in die unendlichen Weiten der Immobilien von Barbi Markovic. Regie führt Monika Klengel. Ein Stück, welches darauf hinweisen möchte, dass der Endgegner aller Putzkräfte mehr als nur Dreck ist. Fazit: kluge Ansätze, die sich leider nicht immer entfalten können.

Teil 1

Das Geräusch eines Staubsaugers und eine leere Bühne begrüßen das Publikum. Frau Gabi Jankowski  ist Putzfrau, mit einem Faible für Desinfektionsmittel – während sie auf der Bühne wortwörtlich einen Staubsaugerbeutel seziert, um uns später dessen Inhalt zu präsentieren, erzählt sie von ihrer ersten Begegnung mit dem Staub im Hause ihrer Großeltern. Doch die lästigen Partikeln sind nicht nur schlecht, im Gegensatz: Wir alle sind Staub – Sternenstaub. Mithilfe eines Projektors erzählt sie uns die unterschiedlichsten „Staubgeschichten“: Von Baustellenstaub, in dem sich Stress, Schweiß, Schwarzarbeit, Investment und vieles mehr befindet, bis zu Hygienestaub. Staub erzählt. Und deswegen entwickelte Frau Gabi ein Programm, welches durch die Verwendung von Staub ganze Wohnungen und Häuser rekonstruieren kann. Mithilfe dieses Programms und einer VR- Brille entführt sie Immobilienmaklerin Eva Rein in die Räume ihrer Kindheit, ihres Studenten- und Familienlebens.

Teil 2

Nachdem Eva Rein, vollkommen überzeugt davon, das Programm gekauft hat, möchte sie es nun auch einem Kunden schmackhaft machen: Herr Lorenz Mann. Dieser ist bereit in die Staublosigkeit zu übersiedeln – in eine neue, weiße, perfekte Wohnung, ohne ein Staubkörnchen. In eine Wohnung, die nur Sein ist, keine Spuren von jemand anderem aufweist. Bevor jedoch der Mietvertrag mittels Handschlag besiegelt wird, erklärt Eva Rein vor einer Leinwand, die unzählige Fotos aus Wohnungen zeigt, was Herr Lorenz nun alles hinter sich lassen wird: im Staub liegen verstorbene Verwandte, vergossene Tränen, tote Tiere, abgestorbene Hautschuppen und ganz viele Erinnerungen.

Teil 3

Willkommen in der Staublosigkeit! Herr Lorenz trägt eine VR- Brille und bewegt sich direkt vor einer Leinwand, auf der wir nicht nur seine Bewegungen verfolgen können, sondern auch seine jetzige Wohnung sehen. Er lebt in einer Wohnanlage wie aus dem Bilderbuch oder wie sie auf den Websiten der Immobilienmakler angepriesen wird: es scheint immer die Sonne, alles ist weiß, jeder ist glücklich und jung, nichts ist dreckig, alles ist staubfrei. Vor seiner Wohnung spielen Kinder, die Nachbarn regen sich über streunende Katzen auf, niemand kommuniziert miteinander. Doch du bist trotzdem nicht alleine, ganz nach dem Motto: Deine Decke ist der Boden deiner Nachbarn. Sollte man nicht glücklich sein, wenn man in einer Wohnung wie aus dem Katalog lebt? Wenn immer frische Orangen und Rotwein auf dem Tisch stehen? Doch statt Heimat zu finden, verliert Herr Lorenz seine Identität. Wohnt wirklich er hier? Und warum findet man nichts von ihm? Wieso kann er nicht mit der Frau reden, die auf seiner Terrasse sitzt? Und warum liegt am Tisch eine Vogue, obwohl er die nicht liest? Wieso öffnet sich der Kühlschrank nicht? Kurz vor Ablauf seiner Lebenszeit wünscht er sich den Staub zurück. Und sein altes Leben.

Lorenz Kabas als Herr Lorenz Mann spielt eine erheiternde Figur, die nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken anregt. In bequemer Kleidung, nur mit Socken an den Füßen spielt Kabas leichtfüßig dahin und bringt Schwung in das Stück. Trotz Witz kauft man ihm seine Verzweiflung an der staublosen und öden Wohnsituation ab! Mit Gabriela Hiti als Frau Gabi mimt sie eine realistische Putzfrau mit trockenem Humor – gute  Besetzung. Eva Hofer als Eva Rein weist gute und lustige Momente auf, jedoch kann sie nicht ganz als taffe Immobilienmaklerin überzeugen. Die Verwendung der VR- Brille (die man übrigens als Zuschauer ausprobieren kann), gibt dem Stück eine Dynamik und lässt das Publikum direkt in den Inhalt eintauchen. Passend zum Thema werden zwischen den Teilen Staubsaugergeräusche hörbar und die Bühne wird gewischt – großartige Idee. Trotzdem gehen nicht alle Ideen auf, am Ende bleibt eine gewisse Ratlosigkeit zurück.

STAUB gibt Einblicke in ein blank geputztes Leben und fragt nach dem Sinn hinter dem Wohnen. Es ist eine Kritik an Großbauprojekten der Immobilienbranche und eine Hommage an das individuelle Wohnen, an staubige Zimmer und an Erinnerungen, die gerade erst in solch einer Umgebung entstehen. Daran, dass Lärm keine Belästigung, sondern Leben bedeutet. Ein gut umgesetztes Stück, welches doch einige interessante Momente und Visionen aufweist.

Mehr Informationen und Termine gibt es hier.