Hoch lebe der Sensationsjournalismus!

Die unbescholtene KATHARINA BLUM – eine MÖRDERIN? Wie konnte es soweit kommen und was hat die ZEITUNG damit zu tun? Im Next Liberty Graz wurde „Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Oder wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ nach einer Erzählung von Heinrich Böll erfolgreich auf die Bühne gebracht. In einer äußerst beklemmenden Inszenierung von Kristo Šagor werden die dunklen Machenschaften der Boulevardpresse aufgedeckt.
Sie schrecken vor nichts zurück…
Sie haben DICH im Visier…
DU bist ihr nächstes Opfer…

© Lupi Spuma

Februar 1974. Katharina Blum wollte doch nur einmal wieder irgendwo ausgelassen tanzen gehen. Dass sie sich dabei ausgerechnet Hals über Kopf in den gesuchten Kriminellen Ludwig Götten verliebt und ihm die Flucht vor der Polizei ermöglicht, ist erst der Beginn eines viertägigen Martyriums. Die ZEITUNG ist schnell – wittert die neue Sensationsstory – und Katharina Blum wird zur Zielscheibe der Printmedien, die der jungen Frau Stück für Stück ihre Ehre nehmen und ihr Leben ruinieren. Alles, was sie sich über die Jahre als selbständige Haushaltshilfe mühsam aufgebaut hatte, wird nun im polizeilichen Verhör gegen sie verwendet. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als ein Journalist der ZEITUNG, Werner Tötges, sich verbotenerweise Zutritt zum Krankenzimmer von Katharina Blums Mutter verschafft, in dem sie nach einer Operation geschwächt liegt. Durch die Aufregung rund um die Meldungen über ihre Tochter stirbt sie und Katharina Blum bekommt auch die Schuld am Tod ihrer Mutter. Aus Rache (war es der Tod ihrer Mutter, ihre verlorene Ehre oder doch beides?) bittet sie Tötges zu einem scheinbaren Exklusiv-Interview in ihre Wohnung – die Katastrophe ist unvermeidlich.

„Warum musste das so enden, warum musste das so kommen?“ (Katharina Blums Mutter)
„So musste es ja kommen, so musste es ja enden.“ (Werner Tötges)

über die kleine „Artikulationshilfe“ der ZEITUNG


Die Inszenierung orientiert sich sehr nah an der Buchfassung Bölls und sämtliche Dialoge werden originalgetreu übernommen. Das vortreffliche Ensemble, meist in einer 5-gegen-1-Konstellation, bietet einen Schlagabtausch in hohem Tempo und perfekt synchrone Sprechchöre. Yvonne Klamant verleiht der Hauptprotagonistin anfänglich Stolz und Würde, bringt aber gekonnt im Laufe des Stückes immer mehr ihre verletzliche und zerbrechliche Seite ein. Helmut Pucher schlüpft geschickt in die Rolle des Journalisten Werner Götges, der äußerst skrupellos mit der Würde und Ehre der Menschen verfährt. Der Kriminelle Ludwig Götten wird von Christoph Steiner (mit Schnurrbart) raffiniert gespielt. In weiteren Rollen fesseln Michael Großschädl in einer Doppelrolle als Staatsanwalt Peter Hach und als berüchtigter „Herrenbesuch“ Alois Sträubleder, sowie das Ehepaar Dr. Hubert und „Die rote Trude“ Blorna, dargestellt von Martin Niederbrunner und Amelie Bauer, die als Arbeitgeber Katharina Blum zwar helfen, jedoch selbst nicht in die Schlagzeilen der ZEITUNG geraten wollen.

Das ohnehin starke Spiel der Schauspieler wird noch zusätzlich durch abrupte Rollenwechsel unterstützt. Durch die Benützung eines Lippenbalsams etwa schlüpfen männliche Darsteller in weibliche Rollen und sorgen damit, wie auch einige herrlich schräge Tanzeinlagen, für Erheiterung beim Publikum. Ansonsten erzeugen spannungsgeladene Klänge eine düstere Stimmung. Neben der Musik (Felix Rösch) beschert auch die wunderbare Ausstattung (Denise Heschl) typisches 70er-Feeling, u.a. werden neben Glockenhosen, Cordhosen und Lederjacken auch schnittige Frisuren gemäß der damaligen Mode präsentiert.

Als Bühnenbild ragen gigantische Holzwände nach oben, die das Polizeipräsidium darstellen, während Katharina Blums Wohnung durch eine Glastüre schnell zu erreichen ist. Obwohl durch die hohen Mauern scheinbar nichts nach außen dringen kann, wird die Brüchigkeit dieser Fassade rasch ersichtlich, als erste vertrauliche Informationen an die ZEITUNG gelangen. Als wichtigstes Requisit dient ein Kopierer, der pikantes Beweismaterial ausspuckt.

Der Stoff ist komplex. Das Publikum gefordert. Doch ist man erst einmal in diese Welt eingetaucht, wird man von der kraftvollen Dynamik der Inszenierung in den Bann gezogen und kann sich ihr so schnell nicht entziehen. WIR wollen es wissen: Ist Katharina Blum das, was sie zu sein scheint? WIR sind nicht nur das Publikum, sondern werden zugleich zu den LESERN der ZEITUNG. „Alles was wir wissen, wissen wir von der ZEITUNG“. Hoch lebe der Sensationsjournalismus! Katharina Blum war nicht sein letztes Opfer. Es wird wieder passieren…

„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ steht zwar zur Zeit nicht mehr auf dem Spielplan, weitere Informationen und Trailer können auf der Homepage des Next Liberty jedoch nach wie vor eingesehen werden unter: http://www.nextliberty.com/stuecke/katharina-blum/

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Die Klein(en)verbrecher – Die Rote Zora

BILD: Die rote Zora: Amelie Bauer, Duro: Christoph Steiner, Pavle: David Valentek, Nicola: Thilo Langer, © Lupi Spuma

Die Rote Zora nimmt das Publikum des Next Liberty mit auf eine fesselnde Abenteuerreise, in der man gemeinsam mit ihrer Bande, den Uskoken, um eine bessere Zukunft kämpft. In der Inszenierung von Georg Schütky wird die Fantasie der ZuschauerInnen zur Hochleistung gepuscht und entfacht damit deren innere Uskoken. 

Kurt Kläber veröffentlichte seinen Roman „Die Rote Zora“ 1941 unter dem Synonym Kurt Held und feierte damit großen Erfolg. Die Geschichte des Mädchens mit den feuerroten Haaren ist nicht nur eine Abenteuergeschichte, sondern ein Plädoyer für Gerechtigkeit und Freundschaft.

Alles beginnt in der kleinen Hafenstadt Senj. Der zwölfjährige Branko (gespielt von Gregor Kohlhofer) steht nach dem Tod seiner Mutter alleine da, denn sein Vater (der beste Geiger Senjs) ist schon lange fortgezogen. Niemand will dem Jungen helfen und sein Hunger wächst und wächst. Nach einem Zwischenfall am Hafenmarkt wird er wegen Diebstahls ins Gefängnis gesteckt und seine Lage scheint hoffnungslos. Doch dann kommt Zora (Amelie Bauer)! Der Rotschopf befreit den armen Buben und nimmt ihn mit zu ihrer Bande auf die Uskokenburg. Die Kinder halten sich mit gestohlenen Essen über Wasser und geraten hin und wieder mit den Gymnasiasten in einen Streit. Deswegen sind sie den Leuten aus Senj ein Dorn im Auge und diese wollen die Truppe loswerden. Im Fischer Gorian finden sie einen Verbündeten, den sie im Kampf gegen die Fischereigesellschaft unterstützen. Zu Schluss hilft er auch seinen jungen Freunden und schafft es, den Leuten aus Senj klarzumachen, dass auch Uskoken eine Chance verdient haben.

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Branko Babitsch (Gregor Kohlhofer) und Der Musiker / Der Bürgermeister (Stefan Heckel) © Lupi Spuma

Das Bühnenbild (von Anja Lichtenegger) ist schlicht, jedoch sehr wandelfähig. Die Stapel aus weißen Holzkisten zeigen wenig, doch im Laufe des Stückes sind sie so viel mehr als nur das. Den Hafen, die Burg und auch das Schiff kann man sich sehr gut vorstellen und am liebsten will man selbst mit den Uskoken von Kiste zu Kiste – von Abenteuer zu Abenteuer springen! Die detailreichen Kostüme tragen mit ihrem Piratenstil fantastisch zum Hafenflair bei. Amelie Bauer beeindruckt während des Liedes der Zora mit ihrer phantastischen Stimme und versetzt dem Publikum gleichzeitig einen Ohrwurm. Besonders die Projektionen regen zusätzlich die Fantasie an, die auch bei den (hervorragend verschleierten) gewaltsamen Szenen die Leerstellen füllt. Die Erzählweise, die Brüche offen legt, ist dem täglichen Als-Ob-Spiel am Spielplatz so nah und ist hier so viel intensiver. Man wird von der Geschichte wie von einer Welle mitgerissen und ist nicht mehr im Theater, sondern bei der Roten Zora.

Da lässt sich nur sagen: Zu Schiff zu Schiff! Das Segel gehisst und zum Next Liberty!

Noch bis 13. Juni 2019 im Next Liberty zu sehen. Tickets: hier.

Foto: Johannes Gellner

Österreich braucht eine Prima Vulva!

Über Frauenpolitik und Frauen in der Politik denken Juliette Eröd, Johanna Hierzegger, Pia Hierzegger, Gabriela Hiti und Martina Zinner in ihrer Performance „Frauenturnen“ im Grazer Theater im Bahnhof nach.

„Wir können alles werden und müssen es auch“, sagen die fünf Frauen unisono. Sie stehen auf der Skulptur „Mein Jänner 2019 in Österreich“, sind ein Teil von ihr. Sie sind auch ein Teil von Österreich – doch wie schafft man es, sich nicht verdrängen zu lassen aus der Öffentlichkeit, eine Stimme zu finden, sich aber trotzdem nicht vollkommen selbst aufzugeben? Vor allem als Frau, so die Botschaft, ist es schwierig, auf dem schmalen Grat zwischen Ratlosigkeit, Partizipation und Aufopferung zu wandern.

Die performativen Wege, die „Frauenturnen“ zum Ausdruck wählt, sind grandios: Der vibrierende Bauchmuskeltrainer-Gürtel etwa, der um Gabriela Hitis Hüften geschnallt ist.  „Wie kann man nach all der Erfahrung nur so ratlos sein“, fragt sie sich. Wenn die fünf gemeinsam pyjamapartyartig unter der Bühne liegen und vom Zusammenbruch erzählen, während dem keine Hilfe in Sicht war, schmerzt das und rüttelt auf. Die Ängst, die Schlaflosigkeit, die Probleme – der Preis für Frauen?

Foto: Johannes Gellner

Foto: Johannes Gellner

 

Und wie lebt es sich nun als Politikerin? Man ist immer öffentlich. Pia Hierzegger monologisiert über Alltagssituationen, die in der Zeitung landen. Dennoch, Vorteile hat das auch: Als Bundespräsidentin wäre man die „erste Fut im Staat“, die „Prima Vulva“, rappt Martina Zinner, während alle wild auf den Ebenen der Skulptur turnen. Keine Wartezeit beim Gynäkologen!

„Wir dürfen politisches Theater machen“, heißt es einmal. Sie müssen sogar, und zwar für alle Generationen von Frauen (und Männern), die danach kommen. Ein Patentrezept für Teilhabe gibt es nicht. Aber jedes Theaterstück ist ein guter, ein wichtiger Schritt – und dieses im Theater im Bahnhof ganz besonders.

Weitere Infos und Termine – hier lang!