Ein glitzerndes Tänzchen mit dem Tod

Schrill, bunt, laut, exzentrisch: so präsentiert sich jedermann (stirbt) von Ferdinand Schmalz im Grazer Schauspielhaus. Regie führt Daniel Foerster. So glitzernd die Kostüme auch sein mögen, das Thema der „alten Mär“ bleibt dasselbe – unsere Vergänglichkeit auf Erden und was wirklich bleibt.

Ein Video macht den Anfang: Die Schauspieler filmen sich auf dem Weg von der Garderobe zur Bühne von HAUS ZWEI und geben den Zusehern dabei eine Einleitung zu Jedermann. Sie sprechen direkt in die Kamera. Diese Videoaufnahmen werden uns den restlichen Abend begleiten, immer wieder filmt sich eine Figur selbst, gibt Einblicke in ihre Gedanken und in ihre Welt – parallel dazu wird die Aufnahme über die Wände der Bühne abgespielt.

Finanzhai und Börsenspekulant Jedermann gibt in seinem Garten ein Fest, aber nicht jeder ist eingeladen. Arm kann vor der Türe bleiben, Reich ist willkommen. Während draußen Streit und Krieg tobt (und man sogar mit Toten rechnet), bleibt Jedermanns‘ Garten Eden gut gefüllt mit allem, was das Herz begehrt und den Cholesterinspiegel steigen lässt – Alkohol und Fleisch im Überfluss. Auf einer blank geputzten, glänzenden Bühne (Mariam Haas und Lydia Huller), die nur einige Metallsessel und -tische sowie einen silbernen Hotdog- Stand, über den in neonfarbenen Lettern „Swallow“ (dt. Schluck) steht, aufweist, geben sich die gute Gesellschaft, Buhlschaft, Tod etc. die Klinke in die Hand. Und sie schlucken alles, was Luxus zu bieten hat. Neben der Bühne glitzern auch die Kostüme  (ebenso Mariam Haas, Lydia Huller) der Darsteller um die Wette – Männer in funkelnden Frauenkleidern, grelle Farben, selbst der Bart Gottes (der übrigens weiblich ist) besteht aus strahlend weißen Perlen. Und die Haare trägt seit kurzem jeder weiß.

Von Anfang an gibt es genug Warnzeichen für Jedermann – er möge sich doch auf die wirklich wahren Werte besinnen und nicht nur nehmen, sondern auch geben. Auch an die anderen denken, nicht nur an sich selbst. Blind vor Geld sieht er nicht, dass bald sein letztes Stündchen schlägt. Der arme Nachbar Gott (großartig dargestellt von Henriette Blumenau), der das Fest durch Betteln unterbricht, scheint ein letzter Ausweg zu sein, um alles gut zu machen- doch statt ihm zu helfen, leert Jedermann eine Flasche Champagner gewaltsam in dessen Rachen und bespritzt ihn mit Senf und Ketchup. Die Uhr tickt immer lauter. Und als er sie endlich hört, ist es zu spät und er muss sich und seine Fehler, seine Gier und seine Tritte an die Armen vor dem Publikum und dem Richter Tod erklären.

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Foto: Lex Karelly

Mit Raphael Muff spielt ein grandioser Jedermann, der trotz aller Ekel auch sympathische Seiten zeigt und in stillen Momenten Empathie erweckt. Humorvoll, großkotzig, elegant, ängstlich, stark – ein Mann, der am Ende des Tages dasselbe fürchtet wie sein „Fußvolk“: alleine gehen zu müssen. Die Buhlschaft Tod wird von Lukas Walcher verkörpert. Im „kleinen, engen Schwarzen“ schleust sich die Figur auf das Fest ein, verführt Jedermann und läutet am Ende seine letzte Stunde ein – all das mit einer unglaublich guten Performance, die nur so von Hinterhalt trieft. Das restliche Ensemble (Fredrik Jan Hofmann, Katrija Lehmann, Nico Link und Evamaria Salcher) wechseln die Rollen ständig – Link unterhaltet als Mutter im Dirndl mit Flechtfrisur, Salcher spielt eine verführerische Ehefrau, die ihren „wirklichen“ Mann vermisst, Hofmann versucht als einer der beiden Vetter Geld zu schnorren und Lehmann brilliert unter anderem als „Geld“. Die gute Gesellschaft wird von allen Schauspielern dargestellt. Eine durch und durch starke Leistung, die während des gesamten Stücks konstant bleibt.

Was tust du für Geld?

Höhepunkte bietet das Stück viele – ein rockiges Loblied an das Fleisch (+ Stoffriesenwurst) scheint im ersten Moment witzig zu sein, ist auf den zweiten Blick jedoch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Auch die Rede der Society- Lady „Charity“, die vor lauter Tanzen und Lächeln auf Wohltätigkeitsbällen zu Tode erschöpft ist, ist wahnwitzig, hat aber einen bitteren Beigeschmack. Spenden sammeln und Wein trinken muss ja auch anstrengend sein. Und als Jedermann mit einem grünen Schein wedelt und ins Publikum fragt, wer denn bereit sei gegen Geld seinen Schuh zu lecken, und das tatsächlich jemand tut, weiß man nicht so ganz, ob man lachen oder weinen soll.

jedermann (stirbt) überzeugt durch ein fabelhaftes Ensemble, hervorragende Einfälle und schrille Tanz- sowie Gesangseinlagen, die sich durch das ganze Stück ziehen. Zwischen all dem Funkeln, dem prickelnden Champagner und der Bratwurst schreit das Wesentliche ganz laut: auch an Morgen, an zukünftige Generationen, an unseren Planeten zu denken. So komisch und lustig es auch wirken mag, wenn die Figuren am Ende „We are the world“ von Michael Jackson auf Deutsch singen – die wahren Worte hinter dem Text kann niemand leugnen. Und dass sie besonders in jetzigen Zeiten umgesetzt werden müssen. Ein hervorragendes Stück, welches zum Nachdenken anregt. Chapeau für diese Leistung!

Mehr Informationen zum Stück sowie weitere Termine gibt es hier.

 

 

 

Das alte Märchen in neuem Kleid

Mit großartiger Ensembleleistung bringt das Schauspielhaus Graz „jedermann (stirbt)“ von Ferdinand Schmalz auf die Bühne des Haus Zwei.

Ja darf man denn das: Einen Bühnenklassiker wie „Jedermann“ einfach umschreiben? Ja, das darf man. Und wenn man Ferdinand Schmalz heißt, sollte man das auch. Mit Sprechchören, Glitzerkleidern, furchtbar engen Badehosen und einem Imbisswagen wird die Geschichte des Jedermann derzeit im Haus Zwei des Grazer Schauspielhauses neu erzählt. Ferdinand Schmalz Fassung des Stücks aktualisiert die ursprüngliche Erzählung der Geschichte und übt damit heftige, aber humorgespickte Kritik am Kapitalismus und der Dekadenz.

Zurückgezogen in seinem sicheren Garten feiert der Aktienhai Jedermann (Raphael Muff) mit seiner guten Gesellschaft eine große Party, um sich selbst hochleben zu lassen. Sicherheit geht vor, denn „wer Lustgarten sagt, muss auch Zaun sagen“.  Draußen vor dem Garten toben die Armut und das Leiden. Drinnen streckt der Tod seine kalte Hand nach dem Geschäftsmann aus.

Raphael Muff verkörpert Jedermann so, wie ihn sich Salzburg wünschen sollte: Die zunehmende Angst und Verzweiflung im Angesicht des Todes zeichnet sich in seiner Mimik und Gestik so perfekt ab, dass man mit dem skrupellosen Geschäftsmann fast noch Mitleid bekommt. Auch das übrige Ensemble überzeugt mit starker Leistung. Für besonders viele Lacher sorgt Nico Link, der sowohl als Vetter in enger Badehose, wie auch als Mutter im Dirndl und mit Flechtkranz ein herrliches Bild abgibt und keinen Zweifel an seiner schauspielerischen Wandelbarkeit lässt.

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(c) Lex Karelly

 

Videotechnik wird an diesem Abend nicht wahllos eingesetzt. Für gezielt herausgearbeitete Momente wird der bedrängte Jedermann in der Enge des Imbisswagens in Nahaufnahmen gefilmt, wodurch er in die Enge getrieben und verzweifelt wirkt.

„Das alte Märchen in neuer Fassung, das alte Märchen in neuem Kleid“ zu erzählen ist das Ziel des Abends. Das gelingt  Regisseur Daniel Foerster eindeutig, wenn auch die schmalzschen Wortspiele und -kreationen im Vergleich zu etwa „der thermale Widerstand“ und „schlammland gewalt“ leider etwas zu wenig dicht gesät ausfallen. Nichtsdestotrotz überzeugt die Sprachgewandtheit des Autors einmal mehr und macht es spannend und unterhaltsam Jedermann zu begleiten, bis es keinen Ausweg mehr gibt, „nirgends nicht“.

Mit „jedermann (stirbt)“ ist es Ferdinand Schmalz und dem Schauspielhaus Graz gelungen, einen Abend zu schaffen, der zwischen bitteren Lachern und Absurditäten, der Gier und Oberflächlichkeit der Menschheit einen Spiegel vorhält. Selten hat es so viel Spaß gemacht Jedermann beim Sterben zuzusehen.

Alle Infos und Termine: HIER

Die inneren Werte zählen – Die Schöne und das Biest

Bild: Christoph Steiner als das Biest und Simone Leski als Belle © Lex Karelly Photography

In dieser Saison bringt das Next Liberty eine der bekanntesten Liebesgeschichten auf die Bühne und macht Disney damit Konkurrenz. Die Inszenierung des Stückes „Die Schöne und das Biest“ stammt von Natascha Grasser und lässt die französische Erzählung in neuem Glanz und Glitzer erstrahlen.

Nachdem sich Belles Vater (Martin Niederbrunner) im Wald verirrt hat, findet er Unterschlupf im Schloss des Biestes (gespielt von Christoph Steiner). Das Biest, das einst der hübsche Prinz Philipp war, ist dem Mann zunächst postiv gestimmt. Als er jedoch versucht, die Rose zu stehlen, erzürnt das Biest und verlangt die Auslieferung von Belle. Nach einigen holprigen Dinner-Dates schließt die hübsche Belle (Simone Leski) das riesige Fellknäuel ins Herz und ein Happy-End scheint in Sicht.

Zu Weihnachten liegt Belles Vater jedoch krank im Bett und sie muss zu ihm. Bevor sie losgeht, verspricht sie Philipp, wieder zu ihm zurück zu kehren. Nach einiger Zeit zuhause vergisst Belle beinahe ganz auf ihr Versprechen und eilt besorgt zurück zu dem Biest, denn sie fürchtet, dass dieses breits tot ist. Im Schloss trifft sie jedoch nicht mehr auf das Biest, sondern auf Philipp in seiner ursprünglichen Form – den Prinzen.

Der Liebesgeschichte wurde eine niedliche Rahmenhandlung verliehen, in der zwei Feen die Geschichte erzählen. Die Kostüme der Feen sind bunt chaotisch, genau so wie sie selbst. Auch das Kostüm des Biests ist anders als gedacht, denn ein brauner Zottelbär mit goldenem Schnabel macht das Biest zu einer sehr eigenen Gattung Tier. Das Bühnenbild bezaubert durch magische Elemente und besonders die Sandkunstbilder beeindrucken die Zuschauer. Musikalisch vermisst man die bekannten Lieder aus der Disney-Verfilmung sondern bekommt nur das Klagelied einer Fee zu hören.

„Das Schöne und das Biest“ ist ein entzückendes Stück, das die Zuschauer in die französische Welt Belles führt und zeigt, dass die inneren Werte zählen.