Was im Staub alles zu finden ist

Das Theater am Bahnhof zeigt derzeit die Uraufführung STAUB Eine Reise in die unendlichen Weiten der Immobilien von Barbi Markovic. Regie führt Monika Klengel. Ein Stück, welches darauf hinweisen möchte, dass der Endgegner aller Putzkräfte mehr als nur Dreck ist. Fazit: kluge Ansätze, die sich leider nicht immer entfalten können.

Teil 1

Das Geräusch eines Staubsaugers und eine leere Bühne begrüßen das Publikum. Frau Gabi Jankowski  ist Putzfrau, mit einem Faible für Desinfektionsmittel – während sie auf der Bühne wortwörtlich einen Staubsaugerbeutel seziert, um uns später dessen Inhalt zu präsentieren, erzählt sie von ihrer ersten Begegnung mit dem Staub im Hause ihrer Großeltern. Doch die lästigen Partikeln sind nicht nur schlecht, im Gegensatz: Wir alle sind Staub – Sternenstaub. Mithilfe eines Projektors erzählt sie uns die unterschiedlichsten „Staubgeschichten“: Von Baustellenstaub, in dem sich Stress, Schweiß, Schwarzarbeit, Investment und vieles mehr befindet, bis zu Hygienestaub. Staub erzählt. Und deswegen entwickelte Frau Gabi ein Programm, welches durch die Verwendung von Staub ganze Wohnungen und Häuser rekonstruieren kann. Mithilfe dieses Programms und einer VR- Brille entführt sie Immobilienmaklerin Eva Rein in die Räume ihrer Kindheit, ihres Studenten- und Familienlebens.

Teil 2

Nachdem Eva Rein, vollkommen überzeugt davon, das Programm gekauft hat, möchte sie es nun auch einem Kunden schmackhaft machen: Herr Lorenz Mann. Dieser ist bereit in die Staublosigkeit zu übersiedeln – in eine neue, weiße, perfekte Wohnung, ohne ein Staubkörnchen. In eine Wohnung, die nur Sein ist, keine Spuren von jemand anderem aufweist. Bevor jedoch der Mietvertrag mittels Handschlag besiegelt wird, erklärt Eva Rein vor einer Leinwand, die unzählige Fotos aus Wohnungen zeigt, was Herr Lorenz nun alles hinter sich lassen wird: im Staub liegen verstorbene Verwandte, vergossene Tränen, tote Tiere, abgestorbene Hautschuppen und ganz viele Erinnerungen.

Teil 3

Willkommen in der Staublosigkeit! Herr Lorenz trägt eine VR- Brille und bewegt sich direkt vor einer Leinwand, auf der wir nicht nur seine Bewegungen verfolgen können, sondern auch seine jetzige Wohnung sehen. Er lebt in einer Wohnanlage wie aus dem Bilderbuch oder wie sie auf den Websiten der Immobilienmakler angepriesen wird: es scheint immer die Sonne, alles ist weiß, jeder ist glücklich und jung, nichts ist dreckig, alles ist staubfrei. Vor seiner Wohnung spielen Kinder, die Nachbarn regen sich über streunende Katzen auf, niemand kommuniziert miteinander. Doch du bist trotzdem nicht alleine, ganz nach dem Motto: Deine Decke ist der Boden deiner Nachbarn. Sollte man nicht glücklich sein, wenn man in einer Wohnung wie aus dem Katalog lebt? Wenn immer frische Orangen und Rotwein auf dem Tisch stehen? Doch statt Heimat zu finden, verliert Herr Lorenz seine Identität. Wohnt wirklich er hier? Und warum findet man nichts von ihm? Wieso kann er nicht mit der Frau reden, die auf seiner Terrasse sitzt? Und warum liegt am Tisch eine Vogue, obwohl er die nicht liest? Wieso öffnet sich der Kühlschrank nicht? Kurz vor Ablauf seiner Lebenszeit wünscht er sich den Staub zurück. Und sein altes Leben.

Lorenz Kabas als Herr Lorenz Mann spielt eine erheiternde Figur, die nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken anregt. In bequemer Kleidung, nur mit Socken an den Füßen spielt Kabas leichtfüßig dahin und bringt Schwung in das Stück. Trotz Witz kauft man ihm seine Verzweiflung an der staublosen und öden Wohnsituation ab! Mit Gabriela Hiti als Frau Gabi mimt sie eine realistische Putzfrau mit trockenem Humor – gute  Besetzung. Eva Hofer als Eva Rein weist gute und lustige Momente auf, jedoch kann sie nicht ganz als taffe Immobilienmaklerin überzeugen. Die Verwendung der VR- Brille (die man übrigens als Zuschauer ausprobieren kann), gibt dem Stück eine Dynamik und lässt das Publikum direkt in den Inhalt eintauchen. Passend zum Thema werden zwischen den Teilen Staubsaugergeräusche hörbar und die Bühne wird gewischt – großartige Idee. Trotzdem gehen nicht alle Ideen auf, am Ende bleibt eine gewisse Ratlosigkeit zurück.

STAUB gibt Einblicke in ein blank geputztes Leben und fragt nach dem Sinn hinter dem Wohnen. Es ist eine Kritik an Großbauprojekten der Immobilienbranche und eine Hommage an das individuelle Wohnen, an staubige Zimmer und an Erinnerungen, die gerade erst in solch einer Umgebung entstehen. Daran, dass Lärm keine Belästigung, sondern Leben bedeutet. Ein gut umgesetztes Stück, welches doch einige interessante Momente und Visionen aufweist.

Mehr Informationen und Termine gibt es hier.

 

 

 

Foto: Johannes Gellner

Österreich braucht eine Prima Vulva!

Über Frauenpolitik und Frauen in der Politik denken Juliette Eröd, Johanna Hierzegger, Pia Hierzegger, Gabriela Hiti und Martina Zinner in ihrer Performance „Frauenturnen“ im Grazer Theater im Bahnhof nach.

„Wir können alles werden und müssen es auch“, sagen die fünf Frauen unisono. Sie stehen auf der Skulptur „Mein Jänner 2019 in Österreich“, sind ein Teil von ihr. Sie sind auch ein Teil von Österreich – doch wie schafft man es, sich nicht verdrängen zu lassen aus der Öffentlichkeit, eine Stimme zu finden, sich aber trotzdem nicht vollkommen selbst aufzugeben? Vor allem als Frau, so die Botschaft, ist es schwierig, auf dem schmalen Grat zwischen Ratlosigkeit, Partizipation und Aufopferung zu wandern.

Die performativen Wege, die „Frauenturnen“ zum Ausdruck wählt, sind grandios: Der vibrierende Bauchmuskeltrainer-Gürtel etwa, der um Gabriela Hitis Hüften geschnallt ist.  „Wie kann man nach all der Erfahrung nur so ratlos sein“, fragt sie sich. Wenn die fünf gemeinsam pyjamapartyartig unter der Bühne liegen und vom Zusammenbruch erzählen, während dem keine Hilfe in Sicht war, schmerzt das und rüttelt auf. Die Ängst, die Schlaflosigkeit, die Probleme – der Preis für Frauen?

Foto: Johannes Gellner

Foto: Johannes Gellner

 

Und wie lebt es sich nun als Politikerin? Man ist immer öffentlich. Pia Hierzegger monologisiert über Alltagssituationen, die in der Zeitung landen. Dennoch, Vorteile hat das auch: Als Bundespräsidentin wäre man die „erste Fut im Staat“, die „Prima Vulva“, rappt Martina Zinner, während alle wild auf den Ebenen der Skulptur turnen. Keine Wartezeit beim Gynäkologen!

„Wir dürfen politisches Theater machen“, heißt es einmal. Sie müssen sogar, und zwar für alle Generationen von Frauen (und Männern), die danach kommen. Ein Patentrezept für Teilhabe gibt es nicht. Aber jedes Theaterstück ist ein guter, ein wichtiger Schritt – und dieses im Theater im Bahnhof ganz besonders.

Weitere Infos und Termine – hier lang!

Improvisieren ohne Ende

Improvisation wird großgeschrieben im Theater im Bahnhof. Was normalerweise jeden Montag dargeboten wird, dem wurde nun ein ganzes Festival mit internationalen Gästen gewidmet.

Wer Fan von Impro-Theater ist oder es noch werden möchte, der ist beim TiB-Impro-Cup im Grazer Orpheum goldrichtig. Jeden Tag steht ein – wie könnte es auch sonst sein – neues Programm an, bei dem auch internationale Gäste mitspeilen.

Am Dienstag gingen Láďa Karda aus Tschechien und Jacob Banigan vom TiB-Ensemble auf Reise in den hohen Norden, nach Reykjavik. Die Rahmenbedingungen gibt das Publikum vor, und so kommt es dann, dass sich ein Fischer (Banigan) ohne Lebensgefährtin, dafür aber mit einem riesigen Hund, und ein mäßig erfolgreicher Science-Fiction-Autor (Karda), der sich als Tätowierer über Wasser hält, in einer Warteschlange wiederfinden, um mit einer Troll-Frau Sex zu haben. Das klingt absurd und ist es auch – doch Karda und vor allem Banigan finden eine Weg durch den Impro-Irrgarten, der nicht nur extrem lustig, sondern sogar noch auf komische Art und Weise nachvollziehbar ist.

Im zweiten Teil des Abends wurde es musikalisch und tragisch zugleich: In einer High School nämlich, in der es nicht nur unverstandene Teens und gebrochene Herzen gab, sondern auch ein Curling Team. Das multinationale Ensemble unter der Leitung von Victoria Bang aus Schweden hatte zu jeder Szene auch einen Song und eine improvisierte Choreographie parat. Zwar ging einiges an Gags „lost in translation“, aber dennoch – langweilig wurde das „High School Musical“ nie.

Infos und Programm