Neues in der Neuen Galerie

Foto: Julia Gaisbacher

Der diesjährige Förderungspreis des Landes Steiermark für zeitgenössische bildende Kunst wurde vergeben. Die Preisträgerinnen und Preisträger stellen ihre Installationen in der Neuen Galerie im Universalmuseum Joanneum aus. Jeder Raum erzählt bis 9. Februar 2020 eine eigene Geschichte, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Seit 60 Jahren vergibt das Land Steiermark in Zusammenarbeit mit internationalen Kuratorinnen und Kuratoren diesen Preis. Neben der Ausstellung erhalten die Künstlerinnen und Künstler auch weitere Auszeichnungen: Der „contempus“-Preis wurde von Stefan Stolitzka gestiftet, sowie der Viktor-Fogarassy-Preis der von Familie Harnoncourt-Unverzagt gestiftet wurde. In beiden Fällen handelt es sich um private Sponsoren, die diese Veranstaltung großzügig unterstützen.

Aus ca. 130 Einreichungen wählte Radmila Iva Jankovic, Kuratorin am Museum für zeitgenössische Kunst in Zagreb, heuer sechs Preisträgerinnen und Preisträger aus, die bis Februar 2020 im Joanneumsviertel ausgestellt werden.

 Die Ausstellung präsentiert sechs autonome Installationen, die einen Diskurs kreieren und Geschichten präsentieren. Sowohl die Einzelstücke als auch die Gesamtwerke sind grundverschieden, doch das Große-Ganze bildet eine ansehnliche Einheit. Durch moderne Technologien, Bild- und Filmmaterial werden politische und historische Anregungen und Eindrücke aus ganz persönlichen Blickwinkeln erzählt.

Im vermeintlichen Labor der Künstlerin Lena Violetta Leitner dürfen ein paar glückliche exotische Pflanzen Deutschsprachkurse auf den Levels A1 bis A2 besuchen. Sind ihre Widerstandswerte zu hoch, müssen sie leider aussortiert werden, da die Integration nicht befriedigend stattgefunden hat und kein Integrationspass ausgestellt werden kann. Die Abschiebungen mancher Pflanzen ist leider unumgänglich. Eine Installation zu einem zeitgenössischen Thema, mit viel schwarzen Humor und guter Luft. Mit der berühmt berüchtigten Green-Screen Methode lässt Susanna Flock einen Mann vor einem grünen Blobb sein emotionales Repertoire demonstrieren. Der Film SAUBAUDIA von Lotte Schreiber führt nach Italien und zeigt die politische und historische Entwicklung der italienischen Stadt, die während des Faschismus erbaut wurde. Vom anfänglichen Sumpfgebiet bis hin zur idealen Propagandastadt wird die Geschichte auf die Ebene des philosophischen Diskurses gebracht. Julia Gaisbacher stellt einen Sozialbau in Graz Puntigam dem Megabauprojekt „Bellgrade Waterfront“ gegenüber und fragt sich dabei: „Was bedeutet wohnen und was sind die menschlichen Grundbedürfnisse?“ Mit Mangos und Trachtengewand erzählt Nayari Castillo ihre Migrationsgeschichte und das Digital Disarmament Movement Total Refusal bringt endlich die dekorativen Schaukeln in Videospielen zum Schaukeln. Allerdings schaukeln sie nicht wirklich…

Eine sehenswerte Ausstellung in der Neuen Galerie, die zeitgenössische bildende Kunst auf dem aktuellsten Stand zeigt.

weitere Infos hier: https://www.museum-joanneum.at/neue-galerie-graz/ausstellungen/foerderungspreis

Wo schwingende Beamer auf Mangos treffen

Morgen, am 28. November, wird die diesjährige Ausstellung zum Förderungspreis für zeitgenössische bildende Kunst in der Neuen Galerie Graz eröffnet. Aus 136 Einreichungen wurden die sechs besten gewählt. Als Kuratorin fungiert Radmila Iva Jankovic vom Museum of Contemporary Art in Zagreb. Die Koordination übernahm Günther Holler- Schuster. Mit dabei sind Kunstwerke, die nicht nur Gesellschaftskritik aufgreifen, sondern diese auch (teils) humorvoll darstellen und dabei zum Nachdenken anregen. Ein Einblick.

„Ist euch schon einmal aufgefallen, dass man in Videospielen nicht spielen kann?“ Mit diesem Thema beschäftigt sich Swings don´t Swing vom Künstlerkollektiv Total Refusal (Robin Klengel, Leonhard Müllner, Michael Stumpf), welches heuer den Förderungspreis des Landes Steiermark für zeitgenössische bildende Kunst gewonnen hat. Die Videoinstallation zeigt Versuche während eines Videospiels vorhandene Möglichkeiten wie Spielplätze, die darin vorkommen, zu benützen. Fazit: funktioniert nicht. Während die Rutsche nicht für den eigentlichen Zweck (dem Rutschen) da ist, bewegen sich auch die Schaukeln nicht, sondern befinden sich in einem statischen Zustand. Dann sollen wenigstens die vier Beamer, die die Videos an die Wand projizieren, schaukeln. In  Holzkisten gepackt schwingen sie abwechselnd vor und zurück – und ergeben dabei grandiose Bilder, deren Größe ständig variiert.

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Swings don´t Swing. Foto: Leonhard Müllner

Die ausgezeichneten Kunstwerke sind hauptsächlich (Video-)Installationen, weshalb deren Präsentationen autonome Räume brauchen. So auch I don`t exist yet von Susanna Flock, die mit dem Viktor- Fogarassy- Preis ausgezeichnet wurde. Damit möchte sie auf das Verschwimmen der virtuellen Welt mit der Realität aufmerksam machen. Ein großer, grüner Klops, eigentlich eine Platzhalter- Form von computeranimierten Charakteren, welches in der Filmbranche verwendet wird, spielt den Protagonisten. Die Installation zeigt einerseits die Herausforderung, die aufkommt, wenn Schauspieler mit solch einer Form interagieren müssen (z.b. auf emotionaler Ebene), andererseits wird hinter die Fassade von Fabelwesen in Filmen geschaut. In der virtuellen Welt noch ein Drache, ist es in der realen eben nur ein grüner Klops.

Zurück in die Vergangenheit reist Lotte Schreiber mit ihrer Videoinstallation RAGAZZO di SABAUDIA, Gewinner des „con-tempus“- Preis. Es geht nach Italien, in das Städtchen Sabaudia, welches von Mussolini in einem ehemaligen Sumpfgebiet errichtet wurde und als Landwirtschaftszone diente. Der Film befasst sich nicht nur mit dem Gestern dieser Zone, sondern auch mit ideologischen Denkweisen, allen voran dem Faschismus. Eine Anregung zum (Selber)Denken und zum Verlassen von stereotypen Denkmustern.

Bauzäune, integrierte Pflanzen und Mangos

Immer wieder neu anfangen: Unter diesem Motto stehen die drei Werke von Nayari Castillo, welche damit ein Arbeitsstipendium des Landes Steiermark bekam. Ein Gedicht an der Wand in goldener Schrift, darüber läuft Honig – mit Exilkrankenhaus versucht die Künstlerin den Prozess der Metamorphose zu verdeutlichen, der mit Migration einhergeht. An einer anderen Wand sind unzählige Mangostücke in Plastikbeutel angebracht – es handelt sich um das Werk Fußnoten: Über die Geheimnisse der Mango oder den Sinn des Ortes. Eine Obsession mit einer Frucht, die jedoch mehr als das ist – ein Stück Heimat in der Fremde und in der Fremde eine neue Heimat zu finden.

Ein zweites Arbeitsstipendium ging an Lena Violetta Leitner. In ihrem fiktionalen Forschungszentrum IZMP (Integrationszentrum für Migrierte Pflanzen) werden nicht heimische Pflanzen mit Sprache beschallt, dabei wird ihr Widerstand gemessen. Ein niedriger Widerstand bedeutet einen hohen Integrationsindikator. Und natürlich umgekehrt. Je nach Alter bekommen die exotischen Pflanzen unterschiedliche Sprachniveaus auf Deutsch zu hören – die ältesten dürfen sich zum Beispiel über ein A2- Niveau freuen.

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IZMP. Foto: Lena Violetta Leitner

Im Gegensatz zu den letzten Jahren sollten die Kunstankäufe durch das Land Steiermark heuer nicht geteilt werden, sondern von einer einzigen Person sein – diese ist Julia Gaisbacher. Ihre Installation vereint zwei Länder in einem Raum: Österreich und Serbien. Die eine Hälfte ist einer Siedlung im Grazer Stadtbezirk Puntigam gewidmet. Archivfotos, Fotografien sowie ein Dokumentarfilm erzählen die architektonische Geschichte der Siedlung und die menschliche der Bewohner. Die andere Hälfte beschäftigt sich mit einer Siedlung in Belgrad – mit unterschiedlichen Fotos wird das Gefüge zwischen Mensch, Haus und Bau dargestellt. Zwei Bauzäune in der Mitte des Raumes trennen die Projekte voneinander ab.

Eine spannende Ausstellung, die zum Schmunzeln, Philosophieren und Hinterfragen animiert und für die unterschiedlichsten Interessen etwas bietet.

Die Ausstellung dauert von 29.11.2019 bis 08.03.2020. Mehr Infos gibt es hier.

 

 

 

 

Warum Krieg?

Der letzte Termin der Veranstaltungsreihe im Rahmen der Ausstellung Die Steiermark und der „Große Krieg“ stellte sich die Frage „Warum Krieg?“.

Im Jahr 1932 luden der Völkerbund und dessen Internationales Institut für geistige Zusammenarbeit Albert Einstein dazu ein, mit einer Person seiner Wahl über ein Thema seiner Wahl zu diskutieren. Der Völkerbund ging aus der Pariser Friedenskonferenz hervor und sollte nach dem Ersten Weltkrieg den globalen Frieden sichern, was ihm, wie wir heute wissen, nicht gelang. Ein Krieg dieses Ausmaßes deutete sich 1932 nur schleichend an, die Vision eines Weltfriedens war noch lebendig.

„Es gäbe genug Geld, genug Arbeit, genug zu essen, wenn wir die Reichtümer der Welt richtig verteilen würden, statt uns zu Sklaven starrer Wirtschaftsdoktrinen oder –traditionen zu machen. Vor allem aber dürfen wir nicht zulassen, daß unsere Gedanken und Bemühungen von konstruktiver Arbeit abgehalten und für die Vorbereitung eines neuen Krieges mißbraucht werden. Ich bin der gleichen Meinung wie der große Amerikaner Benjamin Franklin, der sagte: es hat niemals einen guten Krieg und niemals einen schlechten Frieden gegeben“, so Einstein. Der Physiker, der sich als „militanter Pazifist“ bezeichnete, suchte sich Sigmund Freund als Diskussionspartner aus. Einstein stellte Freud die Frage, ob es einen Weg gäbe, die Menschheit vom Krieg zu befreien, sie wiederstandfähiger gegenüber den „Psychosen des Hasses und des Vernichtens“ zu machen. Interessenskonflikte mit Gewalt zu lösen, sei laut Freud naturgegeben und tief im Menschen verankert. Der Mensch sei durch lediglich zwei Triebe, den Sexualtrieb und den Aggressionstrieb, gekennzeichnet. „Eine sichere Verhütung der Kriege“, sei laut Freud nur dann möglich „wenn sich die Menschen zur Einsetzung einer Zentralgewalt einigen, welcher der Richtspruch in allen Interessenskonflikten übertragen wird“, was für ihn in der Realität aber utopisch und nicht durchführbar erschien.

Der Briefwechsel der beiden war nun die Grundlage für die Veranstaltung „Warum Krieg. Reflexionen über eine grundlegende Frage der Menschheit“ am 28. 06. 2015 im Museum im Palais, 101 Jahre nach dem Attentat von Sarajevo und nur kurze Zeit nach der Amokfahrt in Graz. Nach kurzen einleitenden Worten seitens Herbert Nichols-Schweiger, dem Geschäftsführer der Steirischen Gesellschaft für Kulturpolitik, einem langjährigen Arbeitspartner des Joanneum, startete der Hauptteil. Gerhard Dienes, zuständig u.a. für Auslandskulturprojekte am Joanneum, und der am Schauspielhaus Graz tätige Mime Gerhard Balluch trugen aus dem Briefwechsel zwischen Einstein und Freud vor, präsentierten aber auch Textpassagen von u.a. Bertha von Suttner, Wolfgang Borchert und Karl Kraus, um die Diskussion in einen größeren Kontext einzubetten. Dienes übernahm dabei die erzählerische Funktion, Balluch trug die Textstellen vor. Begleitet wurden die beiden von dem Musiker Peter Kunsek, der die Stimmung der vorgestellten Literatur musikalisch einfing.

Wer sich für den Briefwechsel zwischen Einstein und Freud interessiert – es gibt ein kleines Bändchen mit dem Titel „Warum Krieg? Mit einem Essay von Isaac Asimov“, erschienen bei Diogenes.