Faust, mal anders

Einen Abend der gemischten Gefühle bekam man bei Claudia Bauers Inszenierung von „Faust:: Mein Brustkorb: Mein Helm“ im HAUS EINS des Grazer Schauspielhauses geboten. Zwischen amüsanten Pointen und schockierenden Bildern blieben die Erwartungen des Goethe-Enthusiasten aber unerfüllt.

Goethes Faust ist allgemein als dessen Lebenswerk bekannt, aufgrund der ständigen Aktualität des Kernthemas ist auch der grobe Inhalt weiträumig geläufig. So hat es hierbei jedoch keinen Zweck einen Vergleich zwischen der Originalversion und Werner Schwabs Fassung anzustellen. Hier und da erkennt man Bekanntes; Auerbachs Keller oder den übertrieben schlechten Einfluss Mephistos beispielsweise. Jene Elemente geben Anhalt in der chaotischen Welt Fausts, bei dessen Inszenierung oft der Anhalt fehlt.

So ist es größtenteils schwer, der Handlung zu folgen – auch wenn die grundsätzliche Materie bekannt ist. Dennoch bleibt der Zuschauer versiert, denn die schauspielerische Leistung der Darbietenden ist herausragend. Scheinbar ununterbrochen fließen Blut, Schweiß und Tränen bei Florian Köhler, da er mit Faust einen sichtlich unzufriedenen und psychisch labilen Mann darstellt. Skrupellos wird dieser ständig mit Verlockungen und dem negativen Einfluss durch Mephisto (Benedikt Greiner) belastet. Rot eingefärbt und szenenweise mit einem neuen, kunstvollen Kostüm bekleidet, weicht dieser nicht von Fausts Seite. Jan Hoffmann tritt als Prügelknabe Wagner auf, welcher dem Frust der Hauptfigur zwecklos ausgeliefert ist. Obszöne Szenen bestätigen seine Unterwürfigkeit, zu welcher er regelrecht gezwungen wird. Emotionslos und unbeteiligt gibt sich Henriette Blumenau als Margarethe, deren puppenartiges Erscheinungsbild ihre Rolle passend unterstreicht. Begleitet wird sie von der derben Marthe Schwerdtlein, gespielt von Julia Gräfner, die mit ihrer aussagekräftigen Mimik und ihrer Wandelbarkeit überzeugt. Das Sextett macht Raphael Muff, als dem Faust eindeutig unterlegener Gegner im Streit um die Margarethe, komplett.

Zu sechst verkörpern sie eine zeitgemäße Version von Goethes Hauptwerk. So spielt hier das Element des Videos und der richtigen Kameraführung eine wichtige Rolle, was zu einer modernen und erfrischenden Abwechslung zu klassischen Theaterstücken beiträgt. Auch mit der Sprache wird in Schwabs Variante gespielt. Rhythmische Sprechchöre und komplexe Konstruktionen beweisen Schwabs Eigenart. Im Takt des hörbaren Metrums prägt eine ganz eigene Sprache den Abend.

Mit zeitlich gut gesetzten Abweichungen von den Originaltexten nimmt Claudia Bauer in ihrer Version der Inszenierung das Publikum für sich ein, denn die Souffleuse Rosemarie Brenner wird inmitten des Stücks zu einer eigenständigen Figur. Damit löst die Regisseurin sämtliche Konventionen auf, dem Abend wird ein sympathischer Flair verliehen.
So stehen amüsante Szenen aber auch Momente des allgemeinen Unbehagens direkt nebeneinander; Eine Kombination, die die Aufmerksamkeit des Publikums sichert.

Fazit: Der Goethe-Enthusiast kommt nicht gänzlich auf seine Kosten, man vermisst klassische Züge. Nichtsdestotrotz entpuppt sich das Stück als erfrischende und amüsante Variante, die vom Publikum mit Standing Ovations belohnt wurde.

„Mal anders“ klingt klarerweise breit gefächert. Um  eine Ahnung davon zu bekommen, inwiefern sich dieses Stück von der klassischen Originalversion unterscheidet, klicken Sie hier.

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Wühlen in den Aborten der Menschlichkeit

Mit Werner Schwabs tabulosen Präsidentinnen gastiert eine die Grenzen des Ekels überschreitende, aber beeindruckende Burgtheaterproduktion am Grazer Schauspielhaus.

Sehr präsidentiell residieren Erna, Grete und Mariedl nicht. Zwischen nackten Betonwänden häuft sich heruntergekommener Hausrat, auf der einen Seite der Wohnküche eine Kochzeile (oder das, was einmal eine solche war), auf der anderen Seite eine Toilette, nur zwei Meter vom Tisch entfernt. „Abgefuckt“, wie man heute sagen würde. Diese Beschreibung trifft auch auf das Trio zu, das sich inmitten dieser Erbärmlichkeit eineinhalb Stunden lang mit dem Leben hadert und sonst eigentlich nichts tut. Dass die Inszenierung trotzdem so fesselnd ist, liegt daran, dass Werner Schwab tief im Innersten der Menschen wühlt und all die Abgründigkeit herausholt, die sich dort, hinter der Scheinheiligkeit von Glauben oder anderen Tugenden, die man sich auf die Fahnen des Lebens haften kann, verbirgt.
Verkörpert wird dieser Vorgang von Mariedl (Stefanie Dvorak), der Jüngsten im Bunde, die mit bloßen Händen verstopfte Aborte reinigt und dieses Geschäft als Opfer für Gott versteht. „Die Mariedl macht’s auch ohne“ und ist stolz darauf, ein rothaariges, schmutziges Mädchen mit geschundenen Knien. Dvorak zeigt präzise den kontroversen Charakter: Unablässig eine Puppe bürstend wirkt sie wie ein großes Baby, erzählt in ihrer kindlichen, naiven und gestelzten Sprache aber die grauslichsten Geschichten von ihren Heldentaten in allerlei Klomuscheln.

Stilles Örtchen im Rampenlicht

Der Grazer Radikaldramatiker Werner Schwab mischte Anfang der 90er-Jahre die österreichische Theaterlandschaft auf. Nach langer Ablehnung seitens der Verlage und Spielstätten wurde Die Präsidentinnen 1990 im Wiener Künstlerhaus uraufgeführt. 2014 inszenierte Simone Blattner das Stück am Grazer Schauspielhaus. Nun ist die Inszenierung von David Bösch aus 2015 zu Gast. Hier regieren nicht die großen Gesten, sondern Schwabs entblößende, dynamische Sprache, die rund um die Begriffe „Abort“, „Stuhl“ und „Verkehr“ ein reiches Betätigungsfeld findet, sodass trotz aller Abgründigkeit Wort- und Situationskomik nicht zu kurz kommen.
Das stille Örtchen rückt ins Rampenlicht – so sehr, dass peinliche Berührung seitens des Publikums keine Unmöglichkeit ist. Ja, eine Fäkalienschau sondergleichen spielt sich hier ab. Während Mariedl immer mehr in Ekstase gerät, je weiter sie mit dem Arm in der „menschlichen Jauche“, die Gott schließlich auch erschaffen hat, steckt, ergeht sich auch Erna (Regina Fritsch) gerne in Abhandlungen über Stuhlgang, wobei sie von schlechtem Stuhl auf schlechte Menschen schließt. Überhaupt sind für die biedere Betschwester mit Gehstock, Kniestrumpf, Hauskleid und Pelzhaube von der Mülldeponie alle Menschen schlecht, ganz besonders Grete (Barbara Petritsch), die gealterte, zerzauste Diva, die mit ihrer wilden Jugend für Erna die Verwerflichkeit schlechthin verkörpert, selbst aber nur zu gerne in Erinnerungen an diese Zeit schwelgt und selbige mit Schmuck und Schminke wach hält. Nur der Fleischer Wotila mit seinem günstigen Leberkäse und seiner ausgeprägten Gottesfürchtigkeit kommt bei Erna gut weg.

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Erna (Regina Fritsch), Mariedl (Stefanie Dvorak) und Grete (Barbara Petritsch) – Foto: Reinhard Werner

Frust und Undank

Kontrovers sind auch diese beiden: Erna ist extrem sparsam und religiös, die Verzeihung hochhaltend, gleichzeitig aber hämisch und gewaltbereit. Grete sieht sich selbst gerne als feine Dame, ist in Wahrheit aber doch recht versaut. Gemeinsam haben die beiden auch die Enttäuschung über ihre Kinder, vor allem weil diese sich dem „Verkehr“ verweigern. Keine Enkelkinder weit und breit, aber Grete hat ihre Hündin Lydia sowieso viel lieber. Die kann weder nach Australien abhauen noch sich die Eierstöcke entfernen lassen (Tochter Hannelore sehr wohl).
Wenn das „Leben nicht mehr lebenswert“ ist (Erna), wenn sich alles irgendwie spießt (verstopft) und man ein unglückliches Leben führt, obwohl man sich für einen guten Menschen hält, entpuppen sich auch die schönen Sachen als „Scheißhaufen“ (Mariedl). Viel Frust und Wut stauen sich auf bei Erna und Grete, die sich gegenseitig als „zugenähte Klosterschwester“ und „Hure“ bezeichnen. Auch die größte Nächstenliebe verhindert da keine Handgreiflichkeiten.
Mariedl scheint unterdessen wie ein Sensor für Gewalt und Demütigung, gequält von jedem Ausbruch derselben, stets um Wiederherstellung der Nächstenliebe bemüht, egal wie tief sie dafür in die Klomuschel greifen muss. „Lasst uns den ganzen Lebensschmutz vergessen“, plädiert Erna, und man begibt sich auf eine Art Volksfest. Ein paar Girlanden über der gleichbleibend tristen Szene stehen für diese Belustigung. Was dort geschieht, schildern die Schauspielerinnen bloß mit Worten, aber derartig wirkungsvoll und plastisch, dass es sich genauso gut auf der Bühne zutragen könnte. Mariedl räumt einen Abort nach dem anderen aus, während Erna und Grete sich in Liebesdingen engagieren. Beim Ringen um die Sprecherrolle und Ausschmücken der Geschichten geht es um Selbstbehauptung, um etwas Glanz unter der verstaubten, dreckigen Oberfläche. Nur Mariedl stört den schönen Schein mit ihren ekelerregenden Schilderungen, und erst recht, als sie sich gegen Erna und Grete wendet und ihrem Abscheu freien Lauf lässt. Der Hauch von Würde ist zerstört, die älteren Damen sehen rot und das Grauen nimmt seinen Lauf.

Link zur Veranstaltung: https://www.burgtheater.at/de/spielplan/produktionen/die-praesidentinnen/

 

Die Präsidentinnen

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(c) Lupi Spuma

Das Leben von Erna, Grete und Mariedl könnte aufregender sein. Erna’s und Grete’s Kinder sind längst erwachsen und ausgezogen, nur die Jüngste ist Grete geblieben. Stolz sind sie nicht gerade auf ihre Nachkommen. Erna’s sehnlicher Wunsch nach Enkelkindern will ihr ihr Sohn Hermann partout nicht erfüllen, Grete’s größere Tochter ist nach Australien ausgewandert und lässt nichts von sich hören. Solche Probleme bleiben der kinderlosen Mariedl erspart, deren bisher einzige Beziehung die Beziehung zu Gott war. Aus ihrem trostlosen Dasein kann ihnen nun nur mehr viel Wein heraushelfen. Dieser lässt Erna von einer Reise in den Vatikan zusammen mit ihrem Schwarm, dem Fleischer Wottila, träumen. Die bereits zweimal geschiedene Grete stellt sich ein heißes Stelldichein mit einem Volksmusikanten vor. Und Mariedls größte Sehnsucht ist es, ihrem Hobby, dem Säubern von verstopften Klosetts mit der bloßen Hand, nachzugehen und von der Menge dafür gefeiert zu werden.

20 Jahre nach dem Tod des großen Werner Schwab bringt Simone Blattner dessen erstes Stück, das von Sprachwitz lebt, auf die Bühne des Schauspielhauses, und das gelingt ihr sehr gut.
Einen großen Beitrag für den gelungenen Abend leisten die drei Schauspielerinnen. Birgit Stöger als verbitterte Erna und Steffi Krautz als berufsjugendliche Grete sind beide das ganze Stück hindurch unterhaltsam und überzeugend. Verena Lercher als fromme Mariedl wirkt anfangs ein wenig blass neben ihren Kolleginnen, blüht aber im Laufe des Stücks richtig auf.
Ins Auge sticht auch das Bühnenbild. Die Spielfläche ist eine schräge Ebene aus Holzbrettern, auf der nur wenige Requisiten angebracht sind. Für die Schauspielerinnen muss es unglaublich anstrengend gewesen sein, eineinhalb Stunden auf der Schräge zu spielen. Aber genau das spiegelt das anstrengende Leben der drei Protagonistinnen wieder, weshalb ich das Bühnenbild sehr passend finde.

Wer einen, im wahrsten Sinne des Wortes, schrägen Abend erleben will, kann sich das Stück noch Anfang Februar und Anfang März im Schauspielhaus Graz ansehen.