Wühlen in den Aborten der Menschlichkeit

Mit Werner Schwabs tabulosen Präsidentinnen gastiert eine die Grenzen des Ekels überschreitende, aber beeindruckende Burgtheaterproduktion am Grazer Schauspielhaus.

Sehr präsidentiell residieren Erna, Grete und Mariedl nicht. Zwischen nackten Betonwänden häuft sich heruntergekommener Hausrat, auf der einen Seite der Wohnküche eine Kochzeile (oder das, was einmal eine solche war), auf der anderen Seite eine Toilette, nur zwei Meter vom Tisch entfernt. „Abgefuckt“, wie man heute sagen würde. Diese Beschreibung trifft auch auf das Trio zu, das sich inmitten dieser Erbärmlichkeit eineinhalb Stunden lang mit dem Leben hadert und sonst eigentlich nichts tut. Dass die Inszenierung trotzdem so fesselnd ist, liegt daran, dass Werner Schwab tief im Innersten der Menschen wühlt und all die Abgründigkeit herausholt, die sich dort, hinter der Scheinheiligkeit von Glauben oder anderen Tugenden, die man sich auf die Fahnen des Lebens haften kann, verbirgt.
Verkörpert wird dieser Vorgang von Mariedl (Stefanie Dvorak), der Jüngsten im Bunde, die mit bloßen Händen verstopfte Aborte reinigt und dieses Geschäft als Opfer für Gott versteht. „Die Mariedl macht’s auch ohne“ und ist stolz darauf, ein rothaariges, schmutziges Mädchen mit geschundenen Knien. Dvorak zeigt präzise den kontroversen Charakter: Unablässig eine Puppe bürstend wirkt sie wie ein großes Baby, erzählt in ihrer kindlichen, naiven und gestelzten Sprache aber die grauslichsten Geschichten von ihren Heldentaten in allerlei Klomuscheln.

Stilles Örtchen im Rampenlicht

Der Grazer Radikaldramatiker Werner Schwab mischte Anfang der 90er-Jahre die österreichische Theaterlandschaft auf. Nach langer Ablehnung seitens der Verlage und Spielstätten wurde Die Präsidentinnen 1990 im Wiener Künstlerhaus uraufgeführt. 2014 inszenierte Simone Blattner das Stück am Grazer Schauspielhaus. Nun ist die Inszenierung von David Bösch aus 2015 zu Gast. Hier regieren nicht die großen Gesten, sondern Schwabs entblößende, dynamische Sprache, die rund um die Begriffe „Abort“, „Stuhl“ und „Verkehr“ ein reiches Betätigungsfeld findet, sodass trotz aller Abgründigkeit Wort- und Situationskomik nicht zu kurz kommen.
Das stille Örtchen rückt ins Rampenlicht – so sehr, dass peinliche Berührung seitens des Publikums keine Unmöglichkeit ist. Ja, eine Fäkalienschau sondergleichen spielt sich hier ab. Während Mariedl immer mehr in Ekstase gerät, je weiter sie mit dem Arm in der „menschlichen Jauche“, die Gott schließlich auch erschaffen hat, steckt, ergeht sich auch Erna (Regina Fritsch) gerne in Abhandlungen über Stuhlgang, wobei sie von schlechtem Stuhl auf schlechte Menschen schließt. Überhaupt sind für die biedere Betschwester mit Gehstock, Kniestrumpf, Hauskleid und Pelzhaube von der Mülldeponie alle Menschen schlecht, ganz besonders Grete (Barbara Petritsch), die gealterte, zerzauste Diva, die mit ihrer wilden Jugend für Erna die Verwerflichkeit schlechthin verkörpert, selbst aber nur zu gerne in Erinnerungen an diese Zeit schwelgt und selbige mit Schmuck und Schminke wach hält. Nur der Fleischer Wotila mit seinem günstigen Leberkäse und seiner ausgeprägten Gottesfürchtigkeit kommt bei Erna gut weg.

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Erna (Regina Fritsch), Mariedl (Stefanie Dvorak) und Grete (Barbara Petritsch) – Foto: Reinhard Werner

Frust und Undank

Kontrovers sind auch diese beiden: Erna ist extrem sparsam und religiös, die Verzeihung hochhaltend, gleichzeitig aber hämisch und gewaltbereit. Grete sieht sich selbst gerne als feine Dame, ist in Wahrheit aber doch recht versaut. Gemeinsam haben die beiden auch die Enttäuschung über ihre Kinder, vor allem weil diese sich dem „Verkehr“ verweigern. Keine Enkelkinder weit und breit, aber Grete hat ihre Hündin Lydia sowieso viel lieber. Die kann weder nach Australien abhauen noch sich die Eierstöcke entfernen lassen (Tochter Hannelore sehr wohl).
Wenn das „Leben nicht mehr lebenswert“ ist (Erna), wenn sich alles irgendwie spießt (verstopft) und man ein unglückliches Leben führt, obwohl man sich für einen guten Menschen hält, entpuppen sich auch die schönen Sachen als „Scheißhaufen“ (Mariedl). Viel Frust und Wut stauen sich auf bei Erna und Grete, die sich gegenseitig als „zugenähte Klosterschwester“ und „Hure“ bezeichnen. Auch die größte Nächstenliebe verhindert da keine Handgreiflichkeiten.
Mariedl scheint unterdessen wie ein Sensor für Gewalt und Demütigung, gequält von jedem Ausbruch derselben, stets um Wiederherstellung der Nächstenliebe bemüht, egal wie tief sie dafür in die Klomuschel greifen muss. „Lasst uns den ganzen Lebensschmutz vergessen“, plädiert Erna, und man begibt sich auf eine Art Volksfest. Ein paar Girlanden über der gleichbleibend tristen Szene stehen für diese Belustigung. Was dort geschieht, schildern die Schauspielerinnen bloß mit Worten, aber derartig wirkungsvoll und plastisch, dass es sich genauso gut auf der Bühne zutragen könnte. Mariedl räumt einen Abort nach dem anderen aus, während Erna und Grete sich in Liebesdingen engagieren. Beim Ringen um die Sprecherrolle und Ausschmücken der Geschichten geht es um Selbstbehauptung, um etwas Glanz unter der verstaubten, dreckigen Oberfläche. Nur Mariedl stört den schönen Schein mit ihren ekelerregenden Schilderungen, und erst recht, als sie sich gegen Erna und Grete wendet und ihrem Abscheu freien Lauf lässt. Der Hauch von Würde ist zerstört, die älteren Damen sehen rot und das Grauen nimmt seinen Lauf.

Link zur Veranstaltung: https://www.burgtheater.at/de/spielplan/produktionen/die-praesidentinnen/

 

Die Präsidentinnen

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(c) Lupi Spuma

Das Leben von Erna, Grete und Mariedl könnte aufregender sein. Erna’s und Grete’s Kinder sind längst erwachsen und ausgezogen, nur die Jüngste ist Grete geblieben. Stolz sind sie nicht gerade auf ihre Nachkommen. Erna’s sehnlicher Wunsch nach Enkelkindern will ihr ihr Sohn Hermann partout nicht erfüllen, Grete’s größere Tochter ist nach Australien ausgewandert und lässt nichts von sich hören. Solche Probleme bleiben der kinderlosen Mariedl erspart, deren bisher einzige Beziehung die Beziehung zu Gott war. Aus ihrem trostlosen Dasein kann ihnen nun nur mehr viel Wein heraushelfen. Dieser lässt Erna von einer Reise in den Vatikan zusammen mit ihrem Schwarm, dem Fleischer Wottila, träumen. Die bereits zweimal geschiedene Grete stellt sich ein heißes Stelldichein mit einem Volksmusikanten vor. Und Mariedls größte Sehnsucht ist es, ihrem Hobby, dem Säubern von verstopften Klosetts mit der bloßen Hand, nachzugehen und von der Menge dafür gefeiert zu werden.

20 Jahre nach dem Tod des großen Werner Schwab bringt Simone Blattner dessen erstes Stück, das von Sprachwitz lebt, auf die Bühne des Schauspielhauses, und das gelingt ihr sehr gut.
Einen großen Beitrag für den gelungenen Abend leisten die drei Schauspielerinnen. Birgit Stöger als verbitterte Erna und Steffi Krautz als berufsjugendliche Grete sind beide das ganze Stück hindurch unterhaltsam und überzeugend. Verena Lercher als fromme Mariedl wirkt anfangs ein wenig blass neben ihren Kolleginnen, blüht aber im Laufe des Stücks richtig auf.
Ins Auge sticht auch das Bühnenbild. Die Spielfläche ist eine schräge Ebene aus Holzbrettern, auf der nur wenige Requisiten angebracht sind. Für die Schauspielerinnen muss es unglaublich anstrengend gewesen sein, eineinhalb Stunden auf der Schräge zu spielen. Aber genau das spiegelt das anstrengende Leben der drei Protagonistinnen wieder, weshalb ich das Bühnenbild sehr passend finde.

Wer einen, im wahrsten Sinne des Wortes, schrägen Abend erleben will, kann sich das Stück noch Anfang Februar und Anfang März im Schauspielhaus Graz ansehen.

Wenn das Schauspielhaus zur Regierungsbank wird. Die Präsidentinnen

Es hat ein wenig Recherche verlangt, um zu verstehen, wie Werber Schwab dieses Stück in dieser Form schreiben konnte. Denn nur von seiner Alkoholsucht kann ein solcher Plot unmöglich rühren. Und wenn man sich die Biographie Schwabs ansieht, dann kommt es. Schwere Kindheit, vom Vater verstoßen, bittere Armut, zutiefst religiöse Mutter.

Wenn man von der von Steffi Krautz großartig zelebrierten Grete einmal absieht, so ist dieser zementierte Glaube durchgehend verbunden mit dem offensichtlichen Scheißleben der drei Präsidentinnen. Während die junge Mariedl deutlich darlegt, wie stolz sie darauf ist, dass selbst die vornehmen Menschen sie für die wörtliche Scheißarbeit engagieren, berichtet Erna stolz von ihrer Sparsamkeit und Frömmigkeit. Ein Symbol für Schwabs Mutter? Jedenfalls sind die Parallelen ziemlich auffällig. Vom Mann verlassen, Armut, zutiefst religiös. Gleich dazu hat er sich selbst ins Stück geschrieben als Ernas rebellischen und alkoholkranken Sohn.

Verena Lercher, Birgit Stöger, Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Verena Lercher, Birgit Stöger, Steffi Krautz (c) Lupi Spuma

Schwab setzt in Erna ein starkes Zeichen gegenüber der Kirchenhörigkeit. Ihre Sehnsüchte sieht sie im Zusammenleben mit dem frommen, aus Polen stammenden, Fleischer Karl Wottila, dessen Leberkäse der billigste sei weshalb dann auch alle Menschen zu ihm kommen. Da muss man wohl nicht mal mehr die Eingangsszene, das Anschauen der heiligen Messe aus dem Petersdom in Rom unter Papst Johannes Paul II großartig erwähnen um diesen Vergleich aufzuziehen: Hauptsache billig, dann kommen die Menschen schon von alleine. Gilt bei Schwab ebenso für Leberkäse wie für den Glauben.

Was ist der Sinn des Lebens und wie kommen wir dahin ist das zentrale Thema des Stückes. Die Sehnsüchte der ach so frommen Präsidentinnen, die nach dem Alkoholkonsum offenbart werden zeigen zumindest, dass Schwabs Vorstellung von diesem Sinn wohl nicht durch harte Arbeit, Anpassung und Kirchenhörigkeit erreicht werden wird.

Die Aufführung ist amüsant sofern man sich nicht von der Sprache Schwabs stören lässt und gut zu verfolgen, auch wenn die Sinnfrage erst einmal unbeantwortet bleibt, warum einzelne Szenen jetzt so geschrieben sind, wie sie eben geschrieben sind.

Bleibt die Quintessenz:

Der Herrgott is a Schnellkochtopf
da wirst du ganz schnell weich
er kocht dir deinen schweren Kopf
und tröstet deine Leich

Drei weitere Aufführungstermine stehen noch auf dem Programm. Weitere Informationen auf den Seiten des Schauspielhauses.