Liebesengel, Platanen und die ganz große Wollust

Georg Friedrich Händels Oper Xerxes ist ein Lustspiel voller Liebeswirren und Verwechslungen, bei dem allerdings nicht jede(r) der Beteiligten auf seine Kosten kommt, das Publikum aber amüsiert schmunzelnd den Saal verlässt.

Perserkönig Xerxes erobert gerade Griechenland, als er die Liebe zu Platanen und anderen Frauen als seiner Verlobten Amastris entdeckt. Ausgerechnet Romilda, die Geliebte seines Bruders Arsamenes, ist die Auserwählte. Deren Schwester Atalanta liebt Arsamenes selbst abgöttisch und Xerxes verbannt mit ihrem Zutun seinen eigenen Bruder. Als Arsamenes‘ Diener Elviro, als Frau verkleidet, einen Liebesbrief an Romilda überbringen soll, nimmt das ohnehin schon konfuse Liebeskarussell noch mehr an Fahrt auf.

(c) Karl Forster

Dies ist ein magerer Versuch, einen Teil des komplexen Plots zu erklären, doch um ehrlich zu sein, man muss diese Oper nicht verstehen, um sie zu genießen und Spaß zu haben; denn dieser Sexrex(sic!) und seine Mit- bzw. Gegenspieler haben mit der historischen Xerxesgeschichte nicht viel gemein. Nichts ist wie es scheint, die dichte Handlung wird stets durch vulgäre Gesten, treffende Musikeinlagen oder Bühnenumbauten aufgebrochen; das Spiel und die Wirkung rund um die Reize beider Geschlechter stehen im Mittelpunkt.

Stephanie Houtzeel (Xerxes) singt erstklassig und erinnert mit ihrem Kostüm und ihren komödiantischen Gesten an einen wollüstigen Jack Sparrow. In Dshamilja Kaiser (Arsamenes) hat sie eine ebenbürtige Gegnerin im Mezzosopran. Amastris wurde von Xiaoyi Xu dargestellt, aufgrund einer Erkältung aber leider nicht gesungen – Alice Ferrière ersetzte überzeugend ihre Arien. Tatjana Miyus‘ (Atalanta) spitzer, oft spöttischer Sopran steht Margareta Klobučar’s lieblichem Sopran der Romilda gegenüber. Hagen Matzeit (Elviro) und David McShane (als Heeresführer Ariodates) bringen mit ihren tönenden Bässen neben dem Chor Gleichgewicht in die sopranlastige Oper. Die Kostüme sind opulent und sonnenköniggleich – Schlichtheit steht diesem König ohnehin nicht. Ebenso prächtig ist das im Barockstil gehaltene Bühnenbild mit Dreh- und Verschiebeelementen.

(c) Karl Forster

„Das“ Thema der Oper, die Liebe und ihre unzähligen Facetten sowie die Barockoper selbst werden ausgeschöpft und gleichzeitig lächerlich gemacht. Die Gefühle und Ziele der Protagonisten werden aufs Korn genommen, oftmals auch tragikomisch, was den überspitzten Figuren mehr Tiefe verleiht. Alles, von der Geschichte bis hin zur Musik, ist überladen, fast kitschig und doch stimmig – in ihrem Spott wird diese Oper selbst einzigartig. Und spätestens als nach unzähligen Attentatsversuchen auf Romilda statt ihr ein Liebesengel an den Tod glauben muss, wird klar, dass die Liebe und ihre Wege nicht allzu ernst zu nehmen sind und sich am Ende viele Probleme von selbst lösen. Diese abwechslungsreiche Liebesirrfahrt macht Xerxes an der Oper Graz zu einem kurzweiligen Erlebnis, das einer klassischen Oper in nichts nachsteht.

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Xerxes – „lieblich und angenehm“

„Der Xerxes liebt ein Mädchen, das hat seinen Bruder erwählt…“ Grob zusammengefasst handelt es sich bei jener Oper Georg Friedrich Händels (1738) um eine vielschichtige und kaum zu überblickende Intrigengeschichte, in deren Mittelpunkt der Perserkönig Xerxes steht, der in Liebe (bzw. Begehren) zu der Tochter seines Heerführers Ariodates, Romilda, entbrannt ist. Diese liebt ungünstigerweise Xerxes‘ Bruder Arsamenes, den wiederum Romildas Schwester Atalanta umwirbt. Die ausschweifend und phantasievoll dargebrachte Handlung erzählt von schier endlos werdenden Verwicklungen, die sich erst am Ende scheinbar glücklich auflösen und zugleich in kreativer Art und Weise die Vorgeschichte zur Vermählung Xerxes‘ mit Amastris thematisieren, während die Liebesgeschehnisse um die im Stück zentralen Figuren Romilda und Atalanta durchwegs erfunden sind.

(c) Karl Foster

(c) Karl Foster

Von der historischen Figur des Xerxes musste man sich also, wollte man aufgrund geschichtlicher Vorkenntnisse nicht enttäuscht und erzürnt frühzeitig den Saal verlassen, sehr schnell gedanklich distanzieren, um die Geschichte als eigenständige Produktion mit quasi zufällig gewähltem historischem Kontext genießen zu können. Das realistisch-absurde Intrigenspiel, das man, um den Faden nicht zu verlieren, konzentriert von Anfang bis Ende zu verfolgen hatte, nutzte die geschickt eingesetzte Vermischung antiker und barocker Stilmittel, um sie zu einer modern anmutenden Vorführung zusammenzustückeln.

Auf vielfältige Weise wurden unterschiedliche Möglichkeiten angewandt, immer wieder mehr oder weniger überraschend das Publikum aus der starren und konzentrierten Aufmerksamkeit herauszureißen. Beinahe jedes Mal, wenn man sich in die Schönheit der Texte oder der Musik fallen ließ, geschah eine unerwartete Provokation gegen die Geradlinigkeit der Vorführung: Die humoristische Einbeziehung des Orchesters in die Handlung, das bewusste Reagieren der Darsteller auf das Publikum, absurd anmutende Anachronismen, Sodomie u.v.m.

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(c) Karl Foster

Alles in allem war die Oper also unterhaltsam und kurzweilig, sie schaffte es aber nicht, durchaus pathetische Allgemeinplätze über Liebe und Sehnsucht berührend zu vermitteln, da der parodistische Klamauk durchwegs im Vordergrund stand. Wenn man also jeglichen Sinn für ernsthafte Empfindungen beiseiteließ und das Gemüt für musikalisch anspruchsvolle und darstellerisch amüsante Aspekte öffnete, konnte die Oper auf ganzer Linie überzeugen. Das detailverliebte und schön gestaltete Bühnenbild faszinierte zudem beinahe bei jeder Szene, und die übertriebene Effekthascherei der Aufführung überspannte den Bogen derart, dass man gar nicht mehr anders konnte, als den absonderlich voranschreitenden Liebeleien in ihrer zügellosen Leichtigkeit schmunzelnd und aufmerksam zu folgen. Nur das Mitempfinden war dementsprechend beinahe unmöglich.

Xerxes – ein deftiger Abend mit Händel

Am 29. November feierte die Oper von Georg Friedrich Händel Premiere in Graz und zeigte damit seit langem ein Werk seiner Gattung aus dem Barock. Die Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin und der Deutschen Oper am Rhein bescherte ein nicht ganz jugendfreies Spektakel.

Stephanie Houtzeel (Xerxes) und Chor der Oper Graz ; (c) Karl Foster

Stephanie Houtzeel (Xerxes) und Chor der Oper Graz (c) Karl Foster

Als „sensationell sinnlos“ bezeichnet der musikalische Leiter der Produktion Konrad Junghänel den Inhalt der Xerxes, sodass es ohnehin nicht notwendig ist, den Inhalt und seine Charaktere zu verstehen. Zugegeben, nachvollziehbar sind die Handlungen in den gut drei Stunden nicht, aber der Inszenierung gelingt es, sie allemal unterhaltsam zu präsentieren. Schon der Beginn mit dem herrlich barocken Bühnenbild aus gemaltem Kitsch und der berühmtesten Arie des Werkes eröffnet das Werk für jeden einzelnen:

Never was a shade
of any plant
dearer and more lovely,
or more sweet

Die Liebe zu einer Platane zeigt die sanfte Seite des König Xerxes’ , die im Laufe des Stückes (leider) nicht wieder zum Vorschein kommt. Um das barocke Werk dem Publikum nahe zu bringen, wird die Handlung bis ins Extreme überspitzt. Vor allem deftige Witze kommen dabei nicht zu kurz, was zum einen vielen große Heiterkeit veschafft, zum anderen die wahren Liebhaber der Barockoper so manchen Nerv kostet.

Musikalisch erlebte man an diesem Abend so manch Ungewohntes. Das Grazer Philharmonische Orchester war um einige zeitgetreue Instrumente aufgestockt und präsentierte damit ein neues altes Klangbild. Interessant war auch die Tatsache, dass der Orchestergraben angehoben war und die sich abwechselnden Stimmen bei den ruhigeren Ariosi und Duetten somit deutlich hervorhoben. Die Orchesterführung schien nicht alle Geschmäcker zu treffen, was an den gemischten Reaktionen des Publikums deutlich zu erkennen war. Dies zu beurteilen, sei aber den Fachleuten überlassen.

Stephanie Houtzeel (Xerxes), Margareta Klobučar (Romilda), Dshamilja Kaiser (Arsamenes) ; (c) Karl Foster

Stephanie Houtzeel (Xerxes), Margareta Klobučar (Romilda), Dshamilja Kaiser (Arsamenes) (c) Karl Foster

Der Abend war ein großer für die Soprane der Grazer Oper. Allen voran überzeugte Stephanie Houtzeel in der Titelrolle als lüsterner König von Persien. Mit Gebärde und Auftreten einem gewissen Piraten sehr ähnelnd, karikierte sie die kindlichen Stimmungswandel des von Liebesverirrungen geplagten Königs. Gesanglich lag ihr sowohl das sinnliche „Ombra ma fui“ wie auch die große Furienarie vor der großen Versöhnung der Liebenden. Hier hatte das Publikum sogar die Gelegenheit, die Sängerin hautnah zu erleben, da der Spielraum bis in die ersten Zuschauerreihen erweitert wurde. Auch die anderen Frauen, Dshamilja Kaiser (als Bruder Arsamenes) und das Schwesternpaar Atalanta und Romilda, gesungen von Tatjana Miyus und Margareta Klobucar glänzten in ihren Rollendebuts. Bei den tieferen Stimmen fielen Altistin Xiaoyi Xu und der Bariton Hagen Matzeit mit ihren beeindruckenden Stimmumfängen auf. Letzterer schien in der Rolle als lustiger Diener Elviro etwas zu sehr aufzugehen, ist ein norddeutscher Dialekt in einer vorchristlichen Oper doch eher unpassend.

Die ganze Aufmachung der Oper überzeugt in Summe durch ihre Liebe zum Detail. Die klassischen Kostüme und das drehende, gehende, stehende Bühnenbild schaffen den perfekten Rahmen für das absurde Geschehen. Viele kleine Anspielungen des Librettos werden aufgegriffen und überbrücken die musikalisch kargen Passagen, so wird aus der „Frau wie ein Gewitter“ tatsächlich eine Frau im Gewitter. Trotz aller Übertreibungen driftet es nie ins Lächerliche ab, da jeder Akteur seine Rolle mit solcher Überzeugung vermittelt. Die Stimmung war dementsprechend heiter, der Applaus verdient großzügig.

Weitere Informationen und Termine der Oper unter:
http://www.oper-graz.com/stueck.php?id=20892