Unterhaltsamer Leichtsinn

Lange nicht gesehen: „Martha“ ist nach beinahe vierzig Jahren zurück an der Oper Graz und mit ihr wallende Kostüme und ein traditionell imposantes Bühnenbild. Die Inszenierung selbst unterhält, wird aber zu keinem abgerundeten Ganzen.

Mit rosa Rüschen, fließenden Stoffen, tief geschnittenen Oberteilen sitzen sie auf langen Canapés vor hohen Fenstern mit Blumenverzierung: die Damen des 18. Jahrhunderts. Es wird gelacht, getrunken, gealbert. Bevor das Lachen verebbt, purzelt ein Affe herein. Das Amüsement ist wiederbelebt. Da kehren Lady Harriet Durham (Kim-Lillian Strebel) und ihre Bedienstete Nancy (schauspielerisch überragend: Anna Brull) von ihrem Ausflug zurück. Denn für die Lady war das Amüsement zur Alltäglichkeit geworden, die Unterhaltung vermodert. Zum Glück wusste Nancy Abhilfe und schlug vor, verkleidet den Gesindemarkt zu besuchen. Ein Heidenspaß – bis sich die beiden für ein Jahr an Lyonel (Ilker Arcayürek) und Plumkett (Peter Kellner) verdingen und diese ihnen Arbeit auftragen. Weiter gekichert wird trotzdem und auch dem Publikum entweichen einige ehrliche Lacher, wenn plötzlich die Männer ihren Mägden, in die sie sich augenblicklich verliebten, das Spinnen lehren müssen. Ernst wird die Lage für die oberflächlichen Frauen nicht, denn schon in der ersten Nacht werden sie vom absurd überzeichneten, plump Harriet umwerbenden Lord Tristan Mickleford (Wilfried Zelinka) gerettet und kehren in das dekadente Schloss zurück, das durch die hervorragende Arbeit der Bühnen- und Kostümbildnerinnen Ulrike Reinhard und Daria Kornysheva vor Lebendigkeit übersprüht. Die visuelle Nähe zum Original aus 1847 brachen Regisseur Peter Lund und Dramaturg Bernd Krispin aber leider bereits mit der ersten Szene, die in der Londoner Nervenheilanstalt Bedlam verortet ist. Die vom Wahnsinn befallenen Insassen werden später zu den Akteuren am Gesindemarkt von Richmond und auch Lyonels spätere Zelle ist Teil der Irrenanstalt. Denn für ihn wurde der Spaß der Damen zum lebensbedrohenden Ernst, als er, nach seinen Mägden suchend, von Lady Harriet verleugnet, inhaftiert und beinahe um den Verstand gebracht wird. Weshalb dem Wahnsinn so viel Platz eingeräumt wird, bleibt offen. Sollte die Verrücktheit zum Koordinatenurspung dieser Inszenierung gemacht werden? Deutlich hervor tritt dieses Konzept aber nicht. So ist die Sozialkritik zum Teil vorhanden, doch inkonsequent und affektiert. Da hätte man sie besser gleich weggelassen und wäre der Grundfunktion des Stückes treu geblieben: das Publikum einen Abend lang unkritisch in der Welt schöner Melodien und spaßiger Figuren schwelgen zu lassen. Trotz dieser nicht geglückten Dramaturgie sei aber allen, die einen unterhaltsamen Opernabend mit gewohnt professioneller Musik und diversen Lachern erleben möchten, „Martha“ in der Oper Graz durchaus empfohlen. Weitere Informationen finden Sie hier.

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Martha © Werner Kmetitsch

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(c) Werner Kmetitsch

Goldschatz wiederentdeckt

Ein Bühnenerlebnis von seltener Intensität und tiefer Berührungskraft ist Regisseur Holger Müller-​Brandes und Dirigent Roland Kluttig an der Oper Graz mit „König Roger“ von Karol Szymanowski gelungen. Das sollte man nicht verpassen – auch, weil die polnische Oper viel zu selten gespielt wird.

Wenn man nach nur eineinhalb Stunden „Król Roger“ die Oper Graz wieder verlässt, scheint momentan nichts stutziger als das Faktum, dass es sich hier, im Jahr 2019, über 90 Jahre nach der Uraufführung, um die zweite (!) österreichische Inszenierung handelt. Ich werde das an dieser Stelle als ein Verbrechen der Kanonisierung bezeichnen. Denn Szymanowskis Oper trägt eine so tiefgehende Tragik, so feine Symbolik und so übermannende Kraft in sich, dass man nur staunen kann.

Dem vorhandenen Material wird man in Graz noch dazu mehr als gerecht. Die Philharmoniker schmettern mit Kraft und gleichermaßen Kontrolle die Musik zwischen Moderne und Spätromantik aus dem Orchestergraben. Durch Dirigent Roland Kluttig entsteht ein von vorne bis hinten durchgängiges Klangkonzept, changierend zwischen Dunkelheit, Ekstase und Zärtlichkeit, das nicht zuletzt den Sänger*innen eine wunderbare Grundlage bietet.

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Der lettische Einspringer Valdis Jansons findet sich als König Roger stimmlich gut zurecht, trägt aber in Sachen Schauspiel oftmals ein wenig zu dick auf. Anders seine Kolleg*innen: Aurelia Florian als Roxane verzaubert mit ihrem vollen, dramatischen Sopran, Andrzej Lampert als Hirte passt nicht nur stimmlich perfekt in die Inszenierung, Manuel von Senden als Berater Endrisi komplettiert das Bild mit ruhigen Ratschlägen.

Großartig wird „König Roger“ aber vor allem durch den starken Chor und die Singschul‘, allesamt monoton in schwarzen, geraden Anzügen und Kutten gekleidet. Wenn sie zu Beginn langsam über den Hügel auf der schrägen Bühne kriechen und schließlich zum ersten Mal singen – ein Gänsehaut-Moment. Das Ballett, als einziges bunt kostümiert in einer sonst von dunkeln Tönen und Goldelementen geprägten Welt, spiegelt die Innenwelt der Charaktere, mal zuckend, mal sich wälzend, mal in der Luft, mal am Boden. Hier ist etwas Großes gelungen.

Details und Termine hier.

König Roger – Zwischen Wahnsinn und Glauben

BILD: Kay Stiefermann (Roger II.), Andrzej Lampert (Der Hirte) © Werner Kmetitsch

Am Valentinstag feierte die polnische Oper „König Roger“ von Karol Szymanowski in der Grazer Oper Premiere und verbreitete bei den Gästen Gänsehaut auf ganzer Strecke. Ein Stück, das durch musikalische Vielfalt, inhaltliche Tiefe und ein skurriles Bühnenbild die Zuschauer fesselt und beeindruckt. 

Normannenkönig Roger II., Herrscher des mittelalterlichen Siziliens, trifft auf einen jungen Hirten, der die Existenz eines neuen Gottes predigt. Die Gemahlin des Königs ist von dem Jüngling entzückt und folgt diesem ganz zum Missfallen des Königs. Ein Kampf zwischen bisherigem Glauben und der Prophezeiung des Hirten beginnt. Ein sehr spirituelles Stück, das auch die allgegenwärtige Diskussion um das Bedürfnis der Menschen nach Religion aufgreift.

Das Bühnenbild ist schlicht und dennoch beeindruckend. Der Boden ist rückwärts angehoben und bildet im hinteren Bühnenbereich einen Hügel. Inmitten dieser Schräge befindet sich eine goldene Quelle mit Wasser, die ein Taufbecken symbolisiert. Während der Vorstellung erhebt sich der Mittelteil der Bühne und ein beeindruckendes Bild wird den Zuschauern geboten: König Roger sitzend im Taufbecken, umrahmt von Gold und Blut.

Die Kostüme sind ebenfalls schlicht und verbinden Modernes mit zeitloser Eleganz. Schwarze Blazer treffen auf leicht fallende Kleider in Pastell. Die Tänzer verkörpern Chaos und Ekstase durch ihre abnormen Verrenkungen, sodass die Zuschauer nicht ihren Blick von ihnen wenden können.

Musikalisch ist das Stück ein wahres Meisterwerk, das durch seine Vielfalt in Gesang und Musik beeindruckt. Der A-capella-Chor verbreitet Gänsehaut und das Orchester verblüfft durch seine Intensität und Raffinesse.

Ein beeindruckendes Stück, das auf jeden Fall sehenswert ist.

Tickets unter: Oper.at