Le nozze di Figaro

Le nozze di Figaro von Mozart ist die erste der in Zusammenarbeit mit Lorenzo da Ponte entstandenen Opern des sogenannten Da-Ponte-Zyklus. Es folgten Don Giovanni und Cosi fan tutte. Wenngleich die späteren Da-Ponte-Opern sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen, verhält sich die Sache mit dem Figaro doch noch einmal ganz anders, denn diese Oper gilt als die Mozart-Oper schlechthin, die selbst von jenen geliebt wird, die mit Oper ansonsten nicht so viel am Hut haben. Ein nahezu ausverkauftes Opernhaus am vergangenen Mittwoch (obwohl die Premiere bereits vier Monate zurückliegt) gibt dieser Einschätzung recht.

figaro

Tetiana Miyus (Susanna) & Peter Keller (Figaro) – (c) Werner Kmetitsch

Der Figaro an der Grazer Oper überzeugt durch ein gesanglich starkes Ensemble und durch eine schwunghafte Orchesterführung des venezianischen Dirigenten Marco Comin. Auch die Inszenierung von Maximilian von Mayenburg überzeugt in weiten Teilen: Die drehbare Schlosskulisse bietet sowohl auf visueller wie auf intellektueller Ebene reizvolle Eindrücke. Kettensägen oder Klogeräusche (die als Humorbeilagen der an Humor ohnehin nicht armen Figaro-Oper angelegt waren) haben leider aber die ansonsten sehr kohärente Regie gestört.

Alles in allem jedoch bietet Figaros Hochzeit an der Grazer Oper spannende Höhepunkte, die noch einmal (und zwar zum letzten Mal) am 18. März erlebt werden können.

https://www.oper-graz.com/production-details/le-nozze-di-figarodie-hochzeit-des-figaro

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„Candide“ – wie weit kommt ein naiver Held?

Leonard Bernsteins Comica Operetta feierte seine Premiere am Grazer Opernhaus. In einer konzertanten Aufführung durfte das Publikum in den Absurditäten der Geschichte seiner Phantasie freien Lauf lassen.

Maria Happel (c) Oper Graz

Der Inhalt des Werkes nach Voltaire ist kaum nacherzählbar. Aber zum Glück der Hörerschaft war die großartig gewandte Maria Happel zur Stelle, die mit Texten von Loriot amüsant und heiter durch die Wirrungen der Handlung führte. Denn nicht nur das Publikum schien einen Wegweiser zu benötigen, auch der naive Titelheld Candide hätte immer wieder einen Wink in die richtige Richtung gebrauchen können. Seine Liebe zur adeligen Cunegonde führt ihn in so manches ferne Land, und immer wieder weiß er sich mit musikalischen Liebesbekundungen (Ja, man kann den Namen „Cunegonde“ tatsächlich verliebt säuselnd singen) selbst zu ermutigen. Abgesehen von diesen „Love songs“ Candides scheinen Musik wie Texte in ihrer Mischung oft wie verzerrt. Bernstein mischt schon in der Ouvertüre verschiedenste Stile miteinander, wobei dieser erste Eindruck schon einen erstaunlichen Effekt erzielte. Im Laufe des Werkes wurden die Überschneidungen immer abenteuerlicher, kirchliche Kantaten, wechselten sich mit Pop Songs und Koloraturarien ab. Bernstein schien eine neue Form des amerikanischen Musiktheaters anzustreben, die sich mit ihrer „Komplexität einem Schubladendenken verweigert“, erklärte der musikalische Leiter des Abends Marcus Merkel.
Das Grazer Philharmonische Orchester schaffte die Stilsprünge und dehnte die zugänglichen Passagen aus, sodass trotz der wilden Mischung einige Melodien im Ohr hängen blieben. Der Chor und Extrachor der Grazer Oper präsentierte sich wie so oft bestens disponiert. Auch die Sänger konnten durchwegs in den unüblichen Rollen überzeugen. Der angereiste Alexander Kaimbacher als Candide wusste die Art des liebenswerten Helden mühelos zu mimen und passte seine Stimme wunderbar süßlich in seine zahlreichen Solostücke ein. Von Zeit zu Zeit hätte eine Kante der Interpretation vielleicht noch mehr Würze verliehen. Seiner Angebeteten Cunegonde gab Sophia Brommer ihre Stimme, die mit ihren Koloratureinlagen Jubelstürme hervorrief. In den Nebenrollen glänzten Iris Vermillion als charismatische Gesellschafterin mit gutturaler Tiefe und Sieglinde Feldhofer mit ihrem Vogelsopran als Paquette. Repräsentativ für die Ambivalenz des Werkes zeichnete sich die Rolle des Doktor Pangloss (mit Vehemenz gesungen von David McShane): er lehrt von der „besten aller Welten“ und lässt seine Zöglinge Mantras wie „Everything that is, is good!“ wiederholen. Auch wenn dies viele Lacher hervorruft, wohnt der Unterhaltung eine herbe Bitterkeit bei. Irgendwann ist es dann aber auch genug mit den Absurditäten und so blieb David McShane das letzte, ironische Wort: „Any questions?“

Weitere Informationen zur Aufführung unter:
https://www.oper-graz.com/production-details/candide

It’s Ragtime!

Eine Koproduktion des Staatstheaters Braunschweig und Kassel bringt das Musical „Ragtime“ an die Oper Graz. Die Premiere – zugleich österreichische Erstaufführung – unter der Leitung von Philipp Kochheim war ein fulminanter Auftakt.

Die Geschichte des Musicals „Ragtime“ ist so bewegend wie gefinkelt: Beleuchtet wird das Schicksal einiger Protagonisten, die aus unterschiedlichen sozialen Gruppen (Upper-Class, Afro-Amerikaner und osteuropäische Einwanderer) stammen und auf eigene Weise den „American Dream“ verfolgen – sei es als Streben nach einer harmonischen Familienidylle, nach gesellschaftlicher Akzeptanz oder nach Reichtum und Wohlstand. Zusätzlich werden einige historische Persönlichkeiten der damaligen Zeit (etwa Henry Ford oder J. P. Morgan) gekonnt in die Geschichte eingebunden.

Ragtime 1Ragtime (c) Werner Kmetitsch

Das Musical geht auf den von E. L. Doctorow im Jahre 1975 geschriebenen (und später zu einem oscarnominierten Spielfilm adaptierten) gleichnamigen Roman zurück, der ganz brilliant die sozialen bzw politischen Um- und Missstände im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts thematisiert (gutbürgerlicher Wohlstand vs starke Immigration, zunehmender Rassismus und Radikalisierung). Diese „zerissene“ Gesellschaft spiegelt sich im Titel „Ragtime“ selbst wieder. Der Ursprung dieses Begriffs liegt in der Bezeichnung „ragged time“ („zerissene Zeit“), was wiederum auf das typische Charakteristikum dieses Musikstils – die Synkope – verweist. Leider ist von diesem und auch jenen anderen mitreißenden Rythmen, die gerade für die musikalische Epoche der frühen 1900er Jahre kennzeichnend sind, im Musicalstück überraschend wenig zu hören. So bleibt „Ragtime“ in musikalischer Hinsicht überwiegend dem herkömmlichen Musicalgenre treu.

Dennoch erweisen sich die Lieder als stimmige Melodien, die von beschwingten Tanzeinlagen, einem dynamischen Bühnenbild und großen Emotionen ummantelt werden. Von den beiden Stimmgewalten Dionne Wudu (Sarah) und Monika Staszak (Mutter) über Randy Diamond (in seiner ungeheim berührenden Interpretation des Tateh) bis hin zum äußerst charismatischen Alvin Le-Bass (als Coalhouse) und den zahlreichen hervorrangenden Nebenrollen konnte das brilliante Ensemble durchgehend überzeugen. Ein großes Lob geht auch an die detailtreuen und zeitgemäßen Kostüme.

Ragtime 2Ragtime (c) Werner Kmetitsch

„Ragtime“ wird trotz seiner großen Erfolge generell eher selten gespielt – eigentlich schade, denn es ist nicht nur ein inhaltlich und inszenatorisch gelungenes Meisterstück, sondern es zeigt gerade starke Parallelen zu den Umständen und Geschehnissen unserer Zeit. Ein Musicalabend, der gleichermaßen für Unterhaltung sorgt und zum Nachdenken anregt.

Nähere Informationen zum Stück und zu den nächsten Vorstellungen hier.