WEST SIDE STORY: Die Oper Graz holt den Musical-Klassiker zurück auf die Bühne

Graz, 31. Mai 2017. Leonard Bernsteins Musical „West Side Story“ feierte in einer mitreißenden Wiederaufnahme eine bejubelte Premiere in der ausverkauften Grazer Oper.

Der Stoff ist bekannt und selbst für die wenigen, die erstmalig in den Genuss des Musical-Klassiker kommen, ist schnell klar, dass Bernstein sich an dem sicheren Konzept der berühmtesten Liebestragödie aller Zeiten bedient hat: Romeo und Julia. Auch in „West Side Story“ tobt ein Bandenkrieg – allerdings zwischen den „Jets“ und den puertorikanischen „Sharks“.

(c) Oper Graz | Der Bandenkrieg zwischen den „Jets“ und „Sharks“ tobt und die Bühne bebt.

Mitten drin schmachten, leiden und glänzen eine hinreißende Sieglinde Feldhofer als Maria und Franz Gürtelschmied als liebestrunkener, verzweifelter Tony. Bereits bei der ersten Begegnung der beiden Protagonisten springt der Funke auf das Publikum über. Doch auch Nazide Aylin als feurige Anita, in der filmischen Version verkörpert von der legendären Rita Morena, gibt als Bernardos Geliebte und Marias Gefährtin ihr gesangliches und schauspielerisches Talent zum Besten.

Für einen Hauch „Lower-Class“-Atmosphäre sorgen eine Drehbühne, eine für die New Yorker-Stadtteile typische Ziegelfassade, die obligatorischen Feuerleitern, ein hoher Maschendrahtzaun sowie kecke Kostüme im New Yorker Streetgang-Look. Fantastisch leicht und konsequent bis zum Schluss funktionieren die mitreißenden Tanzszenen und Gesangseinlagen, die dem vielköpfigen Großensembles einiges abverlangen. In verhältnismäßig kurzer Probezeit galt es zu unterschiedlichen Musikstilen wie Jazz, Populärmusik, opernhaften Momenten und schwungvollen Rhythmen perfekt zu singen, tanzen und schauspielern. Eine Herausforderung, die das Ensemble beeindruckend meisterte.

Das geschulte Ohr mag eventuell beim ebenfalls geforderten Orchester unter der Leitung von Marius Burkert hier und da nicht fließende Taktwechsel vernommen haben. Dies tut aber nichts zur Sache – dem Stück fehlte es keine Sekunde an der nötigen Sogwirkung. Einzig allein die Ästhetik der Liebes- und Vergewaltigungsszene wird bei dem einen oder anderen für Überraschung sorgen.

„West Side Story“ garantiert jedenfalls eine mitreißende Inszenierung, bei der die vielen Elemente und Ebenen erstaunlich gut ineinandergreifen.

Nähere Infos
West Side Story

Norma – zwischen Pflicht und Leidenschaft

Vinzenzo Bellinis Tragedia lirica „Norma“ feierte am Wochenende Premiere an der Grazer Oper. Die Geschichte um die zwiegespaltene Druidin konnte musikalisch begeistern und erzählerisch mitreißen.

Auch ein von den Römern besetztes Gallien ist in der Oper vor Liebes(w)irrungen nicht sicher. Norma liebt Pollione, doch dieser ist Adalgisa verfallen, die wiederum zwischen ihrer Liebe zum römischen Prokonsul und ihrer Pflicht Norma und den Druiden gegenüber hin- und hergerissen ist. Gespickt mit anderen Motiven von Schuld und Ehre ist diese Dreiecksbeziehung die emotionale Triebkraft des Werkes. Das Trio wurde vom Grazer Ensemblemitglied Dshamilja Kaiser und zwei eingeflogenen Sängerkollegen gebildet: Medet Chotabaev als Pollione reiste aus Kasachstan an und die gebürtige Russin Irina Churilova war als Titelheldin zu erleben. Stimmlich durch die Reihen souverän, war es vor allem Dshamilja Kaiser als Adalgisa, die mit dem innigem Kern ihres Mezzo berühren konnte. Die Zerrissenheit der jungen Novizin wurde durch ihr leidenschaftliches, fast ungeduldiges Spiel aus Gesang und Darstellung grandios vermittelt. Irina Churilova sang die Norma zu Beginn zurückhaltend und steigerte ihr Volumen stetig mit der Verzweiflung ihrer Rolle. In der Anbetung an die „Casta Diva“ setzte sie auf Innigkeit beschwor so mit dem Chor der Oper Graz auf schlichte Weise den Zauber dieser unsterblichen Musik. Ein besonderer Genuss waren auch die gemeinsamen Szenen Normas und Adalgisas, in denen die beiden Sängerinnen mit ihren Stimmen feinfühlig aufeinander eingingen.

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Beschwörung der Mondgöttin, (c) Werner Kemtitsch

Medet Chotabaev stand in der Gestaltung des Pollione hinter seinen Sängerkolleginnen. Im Duett mit Adalgisa, als er diese überzeugen will für ihn ihr Amt zu verlassen, bekam seine Stimme mehr Charakter. Mit vielschichtigen dynamischen Kontrasten im Grazer Philharmonischen Orchester gestaltete Dirigent Robin Engelen die sich zuspitzende Leidenschaft dieser Szene besonders eindringlich. Als Normas Vater gab Tigran Martisossian den Oroveso mit mürrischem, aber schnurrendem Bass.
Die brodelnde Unruhe des gallischen Volks wurde durch eine zweckentfremdete Mehrzweckhalle als Bühne verdeutlicht. Eine verblaste Ikonenmalerei auf der Wand, ein rostiger Basketballkorb – überall ist der Verfall spürbar, die lähmende durch die feindliche Besatzung bedingte abwartende Untätigkeit. Die Inszenierung von Florentine Klepper verlor nie den tristen Unterton, auch wenn die rituellen Szenen durch ihr Arrangement eine Spur weit aus der bitteren Realität entführen konnten. Das Konzept der Kostüme, das von Alltags-, Pilger-, Krieger- bis Business-Kleidung reichte, wirkte darin etwas konfus zusammengestellt.

In Summe eine sehr stimmungsvolle Aufführung von Bellinis Meisterstück, um Norma kennenzulernen oder ihr auf neue Weise wieder zu begegnen.

Weitere Informationen zum Werk und weiteren Terminen unter:
http://www.oper-graz.com/production-details/norma

Ausschnitte aus der Premiere von „Norma“ sind am 14.04.2017 um 20:04 auf Radio Steiermark zu hören.

Radikale Verschränkung wirft Fragezeichen auf

Zwei Opernraritäten sind in dieser Saison im Grazer Opernhaus zu erleben. Luigi Dallapiccolas „Der Gefangene“ und der Einakter von Alexander Zemlinskys „Der Zwerg“ zeigen Geschichten mit Tiefgang in einem komplexen Musikgeflecht.

Szene aus Der Zwerg (c) Werner Kemtitsch 2

Für die Neugierigen unter den Opernfans waren die Erwartungen an diese spezielle Produktion groß. An einem Abend in den Genuss gleich zweier selten zu hörender Werke der Musikgeschichte zu kommen, ist unerwartet und spricht für den Mut von Intendantin Nora Schmid. Musikalisch konnte der Abend voll überzeugen, sowohl durch die Auswahl der Stücke als auch durch die vielschichte Interpretation der Musiker. Dirk Kaftan dirigiert das Grazer Philharmonische Orchester mit Sicherheit durch die kontrastreichen Partituren. Zemlinskys Musik ist voll Schmerz und enthält doch auch viele lichtvolle Momente. Seine enttäuschte Liebe zu Alma Schindler fand Einzug in seine Oper, vermutlich sah er sich bis zu einem gewissen Teil selbst in dem missgestalteten, verhöhnten Zwerg der Geschichte. Dem lieblichen Gesang der verwöhnten Prinzessin steht der Zwerg mit heroischen und grotesken Klangfiguren gegenüber.

„Das Schönste ist scheußlich“

singt Wilfired Zelinka als Don Estoban hämisch, als der Zwerg als Geschenk der Infantin präsentiert wird. Schon beginnt es im Orchestergraben zu quieken und zu hinken, als das unschuldige Wesen, das nichts von seiner Hässlichkeit ahnt, auftritt. In seiner Unwissenheit ist der Zwerg voll Hoffnung auf Liebe und Zuneigung, die von Aleš Briscein mit schmetterndem Tenor verkörpert wird. Das einleuchtende Forte des Beginns ändert sich auch kaum mit der Erkenntnis seiner wahren Beschaffenheit, was die Entwicklung der Figur etwas schlecht nachvollziehen lässt. Tatjana Miyus gibt die 18-jährige Infantin Donna Clara mit wohlklingender, kultivierter Stimme und verliert mit dem wachsenden Aufscheinen ihrer Gehässigkeit überzeugend immer mehr die Beherrschung. Was der Inszenierung inhaltlich missglückt, schafft Aile Asszonyi bravourös mit ihrer musikalischen Gestaltung: einen nachvollziehbaren, spannenden Übergang der beiden Opern. Als Lieblingszofe Ghita in „Der Zwerg“ ist die estnische Sopranistin zuerst noch eher ruppig. Der Hohn der anderen gegenüber dem Zwerg weckt allerdings ihr Mitleid – sie ist die Einzige, die sich nicht über ihn lustig macht. Mit den gesteigerten Gefühlen ändert sich auch die Eindringlichkeit ihrer Stimme, wird weicher und forcierter zugleich. Im „Gefangenen“ ist ihre Verzweiflung noch gesteigert, als sie eine von ihrem Sohn Abschied nehmende Mutter spielt. Mit sprunghaften Dynamikwechseln vermittelt sie die Erschütterung ihrer Rolle voll mitreißender Aktion. Markus Butter als der Protagonist der zweiten Hälfte scheint sich in der (vorgeschriebenen?) Statik seines Agierens etwas eingeschränkt zu fühlen. Selbst als sich der Eingekerkerte frei wähnt, sitzt er lustlos und zurückgelehnt auf seinem Sessel, wodurch das „Ich bin frei!“ sich nicht ganz entfalten kann. Wie auch schon als Kurwenal in dieser Saison ist sein Bariton aber von sonorer, ausdrucksvoller Konstanz.

Szene aus Der Gefangene (c) Werner Kmetitsch

So spannend die Musik der beiden Komponisten der Moderne ist, so ist sie den meisten Hörern doch nicht leicht zugänglich. Die Inszenierung von Paul Esterhazy entscheidet sich diese schwer zu erfassende Wirkung noch zu unterstützen, indem sie die Opern in eine Inszenierung voller Fragezeichen stellt. Wohlgemerkt eine Inszenierung, denn bewusst entschließt sich der österreichische Regisseur und Dramaturg für eine „radikale Verschränkung“ der zwei Werke. Darf man der Reaktion des Premierenpublikums Glauben schenken, scheiden sich an diesem Entschluss die Geister. Eine von grau dominierte Szene wird im „Zwerg“ von Velázquez „Las Meninas“ („Die Hoffräulein“) im Negativ beleuchtet, im „Gefangenen“ ist ein Inquisitor-Portrait nach El Greco, wodurch wohl zwei Charaktere der Opern als Schlüsselfiguren herausgehoben werden sollen. Das sehr statische Bild wird durch befremdliche, rätselhafte Elemente gespickt: so haben alle Hofdamen einen zwanghaften Tick, später sind es (im Gefängnis?) kleine Mädchen, ein stummer Gefangener taucht im „Zwerg“ , ein verängstigter Zwerg im „Gefangenen“ auf. Dazwischen wandern ein Riese und zwei demütige Priester über die Bühne. „Es sind nicht die schlechtesten Theaterabende, an deren Ende keine Ausrufe- sondern ein Fragzeichen steht“, erklärt Esterhazy im Programmheft. Ich möchte ihm im Allgemeinen recht geben, allerdings gilt es für mich zwischen definierten und reflektierten Fragezeichen und solchen ohne jeden Anhalt zu unterscheiden. Ist nämlich letztes der Fall, bleibt man mit einem unbefriedigten Gefühl zurück, das die Sinnhaftigkeit einer Inszenierung hinterfragt.

Weitere Informationen zur Oper unter:
http://www.oper-graz.com/production-details/der-zwerg-der-gefangene

Einen „Trailer“ zu den Opern gibt es unter:
https://www.youtube.com/watch?v=WaSsUZYIblA